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Es gibt drei Arten von Sport.

Der Sport im Fernsehen langweilt eher. Was ist daran Besonderes, wenn irgendwelche Enthusiasten total verschwitzt durch die Gegend rennen, paddeln, fahren, fliegen oder schwimmen? Manche laufen gar wie die Verrückten einem Ball hinterher oder hauen sich zielgenau auf die Nase! Sogar die Zuschauer geraten in Schweißausbrüche.

Öfter Mal begegnen mir unterwegs sportliche Mitmenschen. Diese ringen mir nur wenig Bewunderung ab. Eher ist es der Ansatz eines schlechten Gewissens. Das regt sich, wenn ich feststelle, dass meine Kondition verbesserungswürdig ist.

Und dann gibt es noch meinen Sport. Das ist nicht irgendwelcher Sport, das ist Höchstleistungssport. Das ist Sport für echte Kerle, allerdings in der deutlich abgespeckten Variante. Schließlich möchte ich gesund bleiben und noch lange leben.

Neulich war ich mit meinem Fahrrad unterwegs. Es ist ein älteres Modell, das Fahrrad. Es hat nur fünf Vorwärtsgänge. Einen Rückwärtsgang sucht man vergebens. Ich fahre ja auch immer nur vorwärts. Neuerdings gibt es sogar ein funktionierendes Rücklicht an diesem Gefährt. Das ist wichtig, weil ich auch abends unterwegs bin. Schließlich soll mich keiner dieser wilden Jogger von hinten umrennen.

Mein Weg führt mich einmal um die Altstadt von Frankfurt herum. Früher stand hier die Stadtmauer, heute nennt sich dieser grüne Gürtel einfach ‚Wallanlagen‘.

Los geht es natürlich in Sachsenhausen, dann über den Holbeinsteg. Den dilettantisch spielenden Akkordeonisten lasse ich rechts liegen, besser gesagt sitzen. Vorbei geht es am Märchenbrunnen, dann noch um eine Baustelle drum herum und schon radle ich auf den Wallanlagen. Die Alte Oper lasse ich diesmal links liegen, besser gesagt stehen.

Am Ufer eines Teiches grüßt mich ein Fischreiher. Stoisch wartet er darauf, dass sein Abendbrot vorbei geschwommen kommt. Die Biester leben tatsächlich im Schlaraffenland, mitten in Frankfurt! Unsereiner rennt jeden Tag ins Büro und muss schindern bis zum Umfallen. Oh, ist diese Welt ungerecht!

Auf dem Weg sind Spaziergänger, Jogger und Radler unterwegs. Am Spielplatz herrscht noch ein großes Gewühl. Lange sollten die Lütten hier nicht mehr spielen! Das Sandmännchen steht in den Startlöchern.

Ab und zu treffe ich auf eines der zahlreichen Denkmale. Goethe, Schiller, Beethoven, Lessing, Schopenhauer sind die Bekanntesten. Öfter muss ich eine Straße überqueren. Erstaunlich: Heute scheinen sich fast alle an die Verkehrsregeln zu halten und erst bei Grün auf die gegenüberliegende Seite zu hetzen. Na, wenn das so ist, dann bin auch ich mal ein Vorbild für die Menschheit.

An der nächsten Ampel stehe ich in der zweiten Reihe. Der Übergang ist zu schmal für die vielen Leute. Was ist das? Eine Joggerin kann die Zeit, besser gesagt, das Grün nicht abwarten. Sie spurtet einfach los. Na, das war knapp – den Mopedfahrer hatte sie wohl etwas unterschätzt! Es dauert mal wieder eine Ewigkeit, bis die Ampel endlich auf Grün schaltet. Ich setze mich in Bewegung. Auf halber Strecke, als ich noch mitten auf der Straße bin, errötet sie schamhaft. Hat sie mich, den Supersportler, etwa wahrgenommen? Das ist eine schlaue Ampel.

Heldenhaft schalte ich in den vierten Gang. Nach ein paar hundert Metern hole ich die Rotsünderin wieder ein. Mir entkommt niemand!

Schon wieder stehe ich an einer roten Ampel. Ich halte mich am Stiel der Ampel fest, die Pedale stehen so, dass ich mit Vollgas starten kann. Ich bin ein echter Powerradler! Da ist sie wieder. Sie steht neben mir. Ein Schnaufen bemerke ich nicht. Entweder sie unterdrückt es gekonnt oder sie hat sich nicht ordentlich angestrengt. Ja, die jungen Leute heutzutage! Sie hält sich ebenfalls an der Ampel fest. Mit der anderen Hand zieht sie ihren Fuß hoch, dehnt die gestressten Sehnen. Vielleicht ist sie doch eine Semiprofessionelle und keucht deswegen nicht? Ich sage es ja immer wieder, man sollte das mit dem Sport nicht übertreiben.

Schon wieder rennt sie los. Die Ampel denkt noch gar nicht daran, den Weg freizugeben. Bestimmt hat sie mächtig gefroren und ist deshalb losgerannt. Sie trägt ja nur ein dünnes Sportdress, kurzes T-Shirt und buntes Flatterhöschen. Sie sollte sich lieber Urgroßmutters wollene Schlüppa drunter ziehen. Das sieht zwar nicht schön aus, ist bestimmt schön warm und trägt zur Belustigung bei. Egoismus ist Trend unserer Zeit. Wir müssen dagegen ankämpfen. Also Frauen, sucht mal das Gespräch mit der lieben Uroma. Vielleicht schenkt sie euch ein wärmendes Utensil. Wir wollen doch lachen! So wie sie hier herumrennt, hat sie morgen bestimmt eine mächtige Erkältung. Oktoberabende sind schon recht kühl. Und einen Muskelkater fängt sie sich bestimmt obendrein noch ein! Sollte sich lieber, wenn sie es eilig hat, ein Rad nehmen, eines mit fünf Gängen und Rücklicht wenigstens. Ich sag‘s ja immer wieder:

„Treibe Sport oder du bleibst gesund!“

Kurze Zeit später erwische ich sie wieder. Ich überhole sie mit stolzgeschwellter Brust.

„Mädel! Ich gehöre ja auch nicht zu den Hungerhaken dieser Welt. Aber so langsam, wie du, bin ich nicht unterwegs!“ Nein, dick ist sie nicht. Model wäre jedoch kein Beruf für sie. Da müsste sie noch ein paar Lichtjahre weit rennen, auf etliche Annehmlichkeiten dieser Welt verzichten und vier bis elf Pfund runterkriegen. Ich sage nur ‚Schnitzel‘, ‚Spaghetti mit Sahnesoße‘ und ‚Schokolade‘.

„Nee, bleib, wie du bist, sieht besser aus als diese Klappergestelle mit Designerkleid! Und genieß auch mal eine Portion Pommes mit Schoki!“. Am Literaturhaus flitzt sie wieder über die Straße, lässt mich einfach so an der Ampel zurück. Ein Benehmen hat die heutige Jugend!

Heute hat Murphy wieder einen guten Job gemacht. An jeder Ampel hat er den Rotschalter rechtzeitig, bevor ich ankomme, erwischt. So ein gemeiner Kerl ist das. Die Rennlady schert sich weder um rote Ampeln, noch um Murphy. Das kann ich verstehen. Den kann ich auch nicht leiden, das ist bestimmt auch kein sonderlich attraktiver Mann, Sportler schon gar nicht!

Ich biege nach links ab. Drehe noch die Runde über die Weseler Werft, die Honsel- und Osthafenbrücke. Auf der südlichen Mainseite geht es schließlich heimwärts. Diese verrückte Sportlerin hat aufgegeben, wollte den Vergleich mit mir nicht weiterführen. Auf meiner Strecke hätte sie schlechte Karten gehabt. Ampeln gibt es am Mainufer nicht.

Gegen einen Supersportler, wie mich, hat kaum jemand eine Chance! Entweder ich bin schneller oder ich kann ihn am Horizont nicht mehr erkennen.