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Bequemlichkeit rächt sich. Und Letztens wollte ich mal besonders schlau sein.

Mein feierabendliches Ziel ist die Bergerstraße in Frankfurt. Das heißt, ich muss einmal quer durch die Stadt fahren. Nichts einfacher als das, sagte ich mir und studiere die Webseite des regionalen Nahverkehrsbetriebs.

Zwei Verbindungen kommen dabei für mich infrage. Einmal kann ich per Straßenbahn direkt an mein Ziel fahren. Alternativ könnte ich die U-Bahn mit einmal Umsteigen nehmen. Tariflich gibt es keinen Unterschied. Und die Fußwege zur jeweiligen Haltestelle sind wirklich überschaubar.

Was macht der clevere Mann von heute in solch einem Fall? Er entscheidet sich spontan – Wahnsinn, wie spontan ich sein kann – für die bequemere Variante ohne Umsteigen. Das ist mein Fehler. Den bemerke ich aber erst, als es zu spät ist.

Es geht gut und völlig unverdächtig los. Passendes Fahrgeld klimpert in meiner Hosentasche. Wider Erwarten funktioniert der Fahrkartenautomat auf Anhieb. Da kenne ich andere Automaten. Und pünktlich ist die Bahn auch noch, die zwei Minuten über der Zeit rechne ich in meiner grenzenlosen Großzügigkeit mal nicht als Verspätung. Ich sitze in der Zwölf und döse vor mich hin. Mein Handy lasse ich unberührt, der Strom ist kurz vor knapp und ich weiß ja nicht, ob ich es heute Abend noch einmal benötigen werde. War das schon eine Vorahnung auf das, was mich gleich als Schicksalsschlag ereilen wird? Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass es ein Wink vom allwissenden Gott der Reisenden, auch ÖPNV genannt, war.

Ich sitze noch keine Viertelstunde in der Bahn der Linie 12, da kommt die Durchsage:

„Diese Bahn fährt jetzt als Linie 18 weiter. Reisende mit Ziel …“, er spricht ziemlich unverständlich mit ausländisch geprägtem Akzent, „… benutzen bitte den Schienenersatzverkehr.“

Was ist denn ein Schienenersatzverkehr? Ich könnte jetzt wahrscheinlich einen Straßenbahnersatzbus gebrauchen. Nach Verkehr ich mir gerade weniger zumute. Und Ersatzschienen, die sind bestimmt mächtig gewaltig lang und dick, unhandlich und schwer!

Es gibt keinen Hinweis darauf, wo der Schienenersatzverkehr abfährt, einfach nur diese banale, schlecht verständliche Durchsage. Weshalb gibt es an meiner Abfahrtshaltestelle eigentlich keinen Hinweis auf diesen Schienenersatzverkehr? Dann wäre ich doch zur U-Bahnstation gelaufen und hätte mir diese Schienenersatzstrapaze gespart. Zum Glück gibt es nette Frankfurter, die mir den Weg zum Bus zeigen, mich regelrecht an die Hand nehmen und hinführen.

Dort stehen mehrere Busse. An allen steht ‚SEV – Schienenersatzverkehr‘ dran. Welcher ist für mich der Richtige? Hier stehen zwei Männer, schwatzend, wie zwei alte Waschweiber. Es sind die Busfahrer. Sie beantworten meine Frage und ich bin genauso schlau wie vorher. Das Problem ist nicht ihr starker Akzent. Inhaltlich bestand ihre Antwort aus nichts. Es war nur blauer Dunst, völlig korrekter Dunst. Aber auf die Frankfurter ist Verlass. Langsam beginne ich, sie zu lieben. Eine junge Frau, ohne ausländischem Akzent, mit ausländischem, genauer gesagt asiatischem Gesicht, beantwortet meine Frage nicht nur fachfraulich, sondern ausgesprochen freundlich. Sie lacht sogar, was ich mit einem dankbaren Nicken beantworte. Lachen geht jetzt nicht. Sie hat keinen Fotoapparat in der Hand. Ich muss an dieser Stelle dieses weit verbreitete Klischee öffentlich begraben. Ruhe sanft!

Die Fahrt geht weiter. Allerdings ist das Wort ‚Fahrt‘ an dieser Stelle nicht wörtlich zu nehmen. Genau derselbe Grund, weshalb die Zwölf gerade zur Achtzehn mutierte, hindert den Schienenersatzverkehr am Fahren. Auf der Baustelle wird Asphalt zwischen die neuverlegten Straßenbahnschienen gekippt und plattgewalzt. Normalerweise freue ich mich, so große Maschinen zu beobachten, normalerweise. Heute ist nichts normal. Oder ist das normal in dieser Frankfurter Gegend? Durch die Baustelle entsteht auf der danebenliegenden Straße ein Bilderbuchstau, einer fürs Lehrbuch. Zuerst verengt sich die Fahrbahn von zwei auf eine Spur und das unmittelbar vor einer ampelgeregelten Kreuzung!

Hinter dieser Kreuzung steht schließlich ein Paketdienst mit wild flackernden Warnblinkern auf der Straße. Er steht nur halb auf der Straße. Halb steht er auf einem Behindertenparkplatz. Aber so wie er steht, behindert er den gesamten Verkehr. Er tut zwar so, als beeile er sich, aber die Zeit, einem hupenden Autofahrer den Vogel zu zeigen, nimmt er sich. Nur kleine Kleinwagen passen, ganz vorsichtig fahrend, an ihm vorbei. Der erste etwas größere Wagen blockiert nun alles. Nein, der blockiert nichts. Es ist der Paketdienst, der blockiert. Ich sage jetzt nicht, dass es DHL ist, der hier den Verkehr aufhält. Ich hasse DHL. Das hat auch noch andere Gründe, das hängt mit unternehmerischer Intelligenz zusammen. Das ist jetzt nicht mein Thema. Ich sage das nicht, weil ein solcher Hinweis wettbewerbsschädigend ausgelegt werden könnte. Die anderen Paketdienste sind mir genauso zuwider. Wenigstens passt noch ein Mopedfahrer an ihm vorbei. Sollte ich mir ein Moped kaufen? Nein, das ist zu gefährlich. Das bemerke ich, als ihn der Paketetransportierer hundert Meter weiter überholt. Der fährt wie ein Irrer, hängt meinen Bus locker ab. Dass der Mopedfahrer noch lebt, zumindest diesen einen Überholvorgang überlebt hat, verdankt er nur seinen großartigen artistischen Fähigkeiten. Vielleicht gehört er ja zu Flick-Flac, die gastieren gerade in Frankfurt. Es ist knapp, seitenabstandstechnisch. Mein Bus zuckelt nun gemütlich hinter dem Moped her. Es liegt nicht an meiner Breite. Der Bus ist viel zu breit und passt nicht vorbei. Stautechnisch ist der Mopedfahrer jetzt wieder im Vorteil und mogelt sich an dem Paketauto vorbei.

Irgendwie, wie ist mir jetzt noch völlig unklar, erreicht der Bus die nächste, die übernächste Station. Was jetzt kommt, kenne ich. Fachleute nennen es Déjà-vu. Es ist eine unverständliche Durchsage, eine mit ausländischem Akzent und die freundliche Unterstützung zweier Frankfurter. Gleich hinter der nächsten Ecke ist eine Straßenbahnstation. Dort soll ich auf die Zwölf warten – auf die Zwölf? Die haben mich doch erst vor zwanzig Minuten hinausexpediert. Wie kommt eine Zwölf jetzt hierher? Okay, bei ‚Enterprise‘ gab es so etwas ja auch schon mal. Die haben also die Zwölf hierher gebeamt. Mit Fahrgästen an Bord, wäre sie zum Beamen vielleicht zu schwer gewesen. Die haben bestimmt nur den billigsten Beamer besorgt, einen, der gerade mal eine Straßenbahn beamen kann.

Während ich auf die Zwölf warte, überlege ich, ob ich nicht lieber umkehren sollte. Schließlich muss ich ja in der Nacht wieder heim. Und ob die Frankfurter Verkehrsbetriebe diese Orgie aus Ersatzbus und Beambahn nachts auf die Reihe bekommen, da bin ich mir nicht sicher. Ich muss morgen früh pünktlich im Büro sein. Doch dann erinnere ich mich an die unterirdische Alternativverbindung. Ich bin wieder frohen Mutes.

Es dauert nicht mehr lange und meine Zielstation wird angezeigt – geschafft. Bevor ich aussteige kann ich meine Ortskenntnisse ausspielen. Eine Fahrgästin fragt mich, ob die Bahn auch an der Eissporthalle hält. Klar macht sie das, wenn nicht noch ein Schienenersatzverkehr ansteht. Ich verrate nicht, dass nicht nur meine Station, sondern auch die zwei nächsten angezeigt werden. Sie bewundert mich jetzt bestimmt.

Mein Ziel ist eine Veranstaltung der ‚Lesebühne des Glücks‘.

Als ich nach längerer Suche den Ort des Geschehens betrete – Wahnsinn: Eintritt frei, ja, so etwas gibt es tatsächlich – brauche ich dringend eine Erfrischung. Man bietet mir ein Bier an, ein Pilsner, so wie ich es mag.

„Polnisches Bier!“ sagt der junge Mann am Tresen und ich verziehe das Gesicht. Gleichzeitig ärgere ich mich über meine Vorurteile:
„Nur deutsches Bier ist gut. Und was aus Polen kommt, kann gar nichts taugen!“ Da sieht man mal, wie so etwas in einem drinsteckt. Man versichert mir, dass dieses Bier gut schmeckt, es noch nie Klagen gab. Auch ich hatte wirklich keinen Grund zum Klagen. Das Bier versöhnt mich mit Polen. Zum Glück haben die das nicht mitbekommen, die Polen, und konnten gar nicht erst sauer auf mich sein.

Heute gibt es einen ‚diary slam‘. Mutige lesen aus ihren Tagebüchern vor. Es sind nicht alles Tagebücher. Wer hat schon Tagebuch geschrieben und offenbart das Geschriebene Jahre, gar Jahrzehnte später öffentlich? Es ist eine schöne Veranstaltung. Ich lache viel. Das ist gesund! Eine junge Frau, die aus ihren Aufzeichnungen zur Grundschulzeit vorliest, gewinnt. Auch die anderen Vorträge gefallen mir. Und nun überlege ich, ob ich nicht beim nächsten ‚diary slam‘ auch etwas vortrage. Ideen, etwas zu schreiben, kommen mir spontan. Echte Tagebücher sind nicht vorgeschrieben. Es sollte wenigstens etwas tagebuchähnliches, etwas Persönliches sein. Mal sehen, was sich da machen lässt. Nur zwei Fragen bleiben offen. Wird es den Frankfurter Verkehrsbetrieben gelingen, mich zum nächsten ‚diary slam‘ zu bringen? Woher nehme ich den erforderlichen Mut, ich werde sehr viel davon benötigen?

An die Dramatik meiner Erlebnisse bei der Hinfahrt reicht der ‚diary slam‘ natürlich nicht heran. Da ist er chancenlos. Das wahre Leben ist nicht zu übertreffen! Die ganze Zeit über denke ich sorgenvoll an die Rückfahrt.

Die Sorgen sind unbegründet. Der Fahrkartenautomat an der U-Bahnstation funktioniert, die Bahn kommt Sekunden später, das Umsteigen am Willy-Brandt-Platz geht schnell und reibungslos. Ganz kess nehme ich am Schweizer Platz die Treppe, lasse die erste Rolltreppe rechts, die zweite links liegen und gelange nach 71 + 40 = 111 Stufen wieder ans Licht der Nacht. Noch ein paar hundert Meter laufen und ich erreiche mein Heim.

Na dann: Gute Nacht!