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Er hat pünktlich begonnen. Das ist kein Zeichen echter Professionalität. So etwas macht man nicht. Ein echter Profi lässt seine Jünger erst einmal warten. Je teurer die Eintrittskarte ist, desto mehr Zeit benötigen die Künstler um sich in Form zu bringen, mit einem gemütlichen Prosecco mindestens.

Er kam als erster auf die Bühne, gefolgt von seinen Musikern. Auch so etwas macht man nicht. Klar, das Publikum hat freudig applaudiert. Doch ein echter Künstler kommt erst drei bis zehn Minuten nach seinen Angestellten hervorgekrochen und geniest den Applaus. Der gilt jetzt ausschließlich ihm.

„Hallo Mannheim!“, ach wie einfallsreich das klingt. Aber die Leute haben wie verrückt applaudiert. Das hat Mut gemacht, ihm. Dann schnallte er sich die Gitarre um und begann gleich zu singen. Profis stimmen an dieser Stelle erst noch einmal ihr Gerät. Feintuning nennt man das.

Die Veranstalter im Mannheimer Capitol hatten vorgesorgt. Alle Scheinwerfer waren auf die Bühne gerichtet. Er hatte also keine Chance, sein Publikum zu sehen. Krampfhaft hielt er die Hand über die Augen, versuchte das grelle Licht abzudecken. Es hat nichts genützt, den halb vollen Saal sah er nicht. Besser so, er wäre vielleicht wieder gegangen. Ein echter Künstler, einer mit Künstlermanieren, einer mit so richtigen Künstlerallüren, so ein eingebildeter Künstlerfatzke hätte das getan. Nein, ein eingebildeter Fatzke ist er nicht. Er ist eher der sympathische, der Kumpeltyp, also kein echter Künstler. Schade, dass so viele Plätze frei blieben. Er hat sich nichts anmerken lassen.

Ich kam mir etwas jung vor. Zumindest im Vergleich zu vielen der Besucher des Konzerts. Ich lag unterm Altersdurchschnitt. So etwas macht Mut, mir. Dabei bin ich vom selben guten Jahrgang, wie der Künstler.

Reden kann er, das ist seine Profession, das hat er oft und vor Millionen Fernsehzuschauern getan. Er tat es auch auf der Bühne und das gefiel, war amüsant und passte gut zu seiner Musik. Der Kontakt zum Publikum kam schnell zustande. Ist er etwa doch ein echter Künstler, ein verkappter? Nein, das kann nicht sein. Die echten, die großen, die Fatzkes, die sagen nur „Hey!“ und „Geil, ey!“ und „Hallo Mannheim!“ und „Ich freue mich ja so!“ und solchen nichtssagenden Kram. Obwohl, als ich das letzte Mal im Capitol war, das war Anfang des Jahres, da stand und saß eine echte Künstlerin auf der Bühne. Die hat auch sehr angenehm geplaudert, als sie ihre Ukulele in die Hand nahm oder am Klavier saß.

Ein echter Künstler ist er nicht. Ein echter Künstler nimmt seinen Fashion-Berater mit auf die Tour. Zerbeulte Jeans, ein braunes Hemd, ein schlichtes Sakko, das er schnell ablegte, sind keine Hingucker. Die gerade erwähne Künstlerin war von ganz anderem Kaliber. Na gut, Anna Depenbusch ist ein paar viele Jährchen jünger. Und sie ist eine Frau, eine hübsche noch dazu und eine mit Geschmack. Und ich bin ein Mann. Die Musik von Anna Depenbusch gefällt mir auch, wenn ich mir die Augen zuhalte! Mit offenen Augen macht es deutlich mehr Spaß! Bei dem unechten Künstler, der jetzt auf der Bühne stand, wäre das mit dem Augenzuhalten oder hinschauen piep egal gewesen. Seine Musik war gut, in dunklen wie an hellen Tagen, wirklich.

Und dann ist sein Hemd so langsam, nach und nach, aus der Hose herausgerutscht. Es war offensichtlich ein wenig zu kurz. Was macht der Mann von heute in solch einer Situation? Er steckt den heraushängenden Zipfel, ich meine den Hemdzipfel, ganz unauffällig wieder in die Hose rein. Er hat eine bessere Idee, er zerrt das Hemd ganz heraus und präsentiert für den Teil einer Sekunde seinen nackigen Bauch. Muss das sein? Er ist kein Mops, figurmäßig, wirklich nicht. Er sieht ansehnlich aus, figurmäßig. Aber seinen Bauch möchte man nicht sehen müssen. Außerdem haben wir November. Da wäre ein warmes Unterhemd angebracht. Bestimmt liegt er nun mit tropfender Nase und Halsschmerzen im Bett.

Er sang ein Lied nach dem anderen, zwischendurch wurde geplaudert, über dies und das. Zuerst sprach er verdächtig oft von seinem Therapeuten. Hat er ein Problem? Man sieht ihm das jedenfalls nicht an. Dann erzählte er aus seiner Jugend. Das zog sich durchs ganze Konzert. Hat er ein Problem mit meinem, ich meine mit seinem Alter? Das muss er nun wirklich nicht. Auch viele seiner Songs behandelten Erlebnisse früherer Jahre. Gibt es heute keine Themen für ihn? Das kann nicht sein. Er saß doch jahrelang an erster Informationsfront, hat mit den Größen der Zeit getalkt. Ex-Bundeskanzler, Größen aus Politik, Sport, Kultur und Kunst, Skandalnudeln und Sternchen gaben sich an seinem Tisch die Klinke in die Hand. Natürlich hatte sein Tisch keine Klinke, höchstens das Fernsehstudio, in dem er saß. Das hatte auch eine gute Klimaanlage. Die war nötig, weil der Quarzer der Nation, ein gewisser Helmut S., mehrfach bei ihm Gast war.

Irgendwann dachte ich, er würde die obligatorische Pause vergessen. Ein echter Künstler tut so etwas nicht. Aber nach einer geschlagenen Stunde hat er dann die Pause angekündigt. Eine Viertelstunde hat er sich, seinen Mannen und uns, dem Publikum genehmigt. Es wurden dann gut zwanzig Minuten bis er wieder so unprofessionell, wie beim Beginn des Konzerts auf der Bühne erschien. Wie kann man als Künstler solche Chancen ungenutzt lassen? Die Massen, also die halben Massen, der Saal war ja nur halb gefüllt, hätten vor Freude ihn endlich wiederzusehen gegrölt. Nein, er kam mit seinen Musikern wie dazumal die Olsenbande auf die Bühne getrabt. Eine ganze Stunde hat er dann noch gesungen. Das macht kein echter Künstler! Nach fünfundvierzig Minuten ist Sense!

Solche Konzerte haben immer etwas Masochistisches. Ich besuche gerne gute Konzerte von sogenannten Singer-Songwritern, von Liedersängern, Chansonsingern oder wie man die auch immer nennen mag. Aber einen Fehler machen die alle, die echten und unechten Künstler. Und das ist dann der Moment, an dem ich mich ärgere, gekommen zu sein, aber nur ganz kurz.

Irgendwann wollen die Künstler Stimmung ins Publikum bringen. Die ist zwar längst angekommen, aber sie meinen, noch etwas nachhelfen zu müssen. Oder haben sie Angst, dass die Leute wegen ihrer lahmen Szeance einschlafen könnten? Sie singen jetzt ein Lied, das einen total primitiven, tausendmal zu wiederholenden Refrain hat. Der Verstärker wird extra etwas aufgedreht. Einen Refrain, den jeder Dussel schon nach zehn- bis zwanzigmaligem Vorsingen kapiert hat. Nun stellen sie sich breitbeinig auf die Bühne, ganz nah an den Rand, sodass man befürchten muss, sie würden gleich ins Publikum stürzen und klatschen über dem Kopf ekstatisch in die Hände und gestikulieren wild herum. Das soll heißen,
„Nun erhebt endlich mal eure fetten Ärsche, singt und klatscht mit! Was meint ihr, wieso ich mich hier oben so quäle! Jetzt feiern wir Hopsasa und Trallala und Fasching und Karneval in einem. Singt, klatscht, grölt, schunkelt oder knutscht, was das Zeug hält! Ich will Äktschen sehen!“

„Kumpel! Ich habe Eintritt bezahlt und nicht mal wenig! Damit du dir ein ordentliches Hemd leisten und morgen früh Nugatcreme auf dein verdammtes Brötchen schmieren kannst! Also tu was fürs Geld, für meine sauer erarbeiteten Moneten! Ich bin gekommen, um mich unterhalten zu lassen. Ich mach mich doch nicht zum Affen für Dich! Es sei denn, die Gage stimmt.“ Also bleibe ich sitzen. Wenn ich gemein wäre, würde ich mitsingen. Aber ich fürchte, Prügel von den Sitznachbarn zu bekommen. Klatschen? Ja, aber gemächlich und schon gar nicht im Takt. Das würde mich als musikalisches Naturtalent enttarnen. Das möchte ich auf keinen Fall!

Auffällig waren die etwas ungeschickten, abgehackten, vorpubertären Bewegungen des Künstlers. Na gut, es war seine erste Tournee, da fehlt noch die Routine. Bei der zweiten Tournee wirkt es dann wie ein pubertärer Balztanz und bei der dritten passt es dann. Irgendwie hat er mich an Michael Jackson erinnert. Der hat sich immer in den Schritt gefasst und was gesucht. Er, mein Künstler, fasste sich andauernd zwanzig Zentimeter höher an den Bauch. Das sah auch nicht besser aus. Und ob der Bauchnabel noch an der angestammten Stelle wohnt, ist doch einigermaßen egal, zumindest wenn er nicht gerade an die Nasenspitze umgezogen ist. Das hätte man gesehen. Bei Jackson war es etwas anderes. Ein Umzug hätte an einen Zoobesuch, Abteilung Regenwürmer, Nasenbär oder Elefanten erinnert.

Er hob dauernd das linke Bein. Musste er mal? Das hätte vorher erledigen können. Im Capitol gibt es Toiletten, das hatte ich gesehen. Das Beinheben hat mich an die zwei Hunde erinnert. Ich meine die zwei Einzigen, die ich persönlich ein wenig kenne. Allerdings sind das Mädels, also Hunde-Mädchen. Heben die auch das Bein, wenn sie müssen? Ich meine natürlich, wenn sie Pinkeln. Wenn sie Müssen und nicht pinkeln können, dann kneifen sie sicher die Beine zusammen. Das kennt man von den langen Schlangen vor den chronisch überfüllten Örtchen für die Mädels. Ich meine jetzt nicht die Schuhläden dieser Welt.

Mit Hunden kenne ich mich jedenfalls nicht so aus. Im Biologieunterricht scheine ich an dieser Stelle nicht aufgepasst zu haben. Das tat ich da öfter mal nicht. Wozu braucht man Biologie? Da gibt es nichts zu erfinden, das macht die Evolution ohne uns. Zumindest war das damals so, als die Genmanipulation noch nicht erfunden worden war. Und wenn es nichts zu erfinden gibt, ist Bio unnützes Wissen. Also habe ich nicht aufgepasst. Wenn sie gelehrt hätten, wie man Nudeln, Buletten und Pfannkuchen anbaut oder welche Bäume essbar sind, dann hätte ich dieses Wissen für schlechte Zeiten aufgesogen.

Kürzlich kam im MDR (Mitteldeutscher Rundfunk) eine Serie unter dem Namen ‚Make Love‘. Da wurde diskutiert, welchen Einfluss der Konsum von Pornos auf das Sexualleben hat. Das Pärchen, das sie begleitet haben, hatte diesbezügliche Erfahrungen. Immer wieder sind sie bei Ihren eigenen Spielchen in eine Position gerutscht, die sie aus den Schmuddelfilmen kannten, sagten sie. Aber auch ohne diese Filme hätte sie ein Besuch im örtlichen Zoo möglicherweise zu derselben Stellung animiert. Sie fanden das schön, was doch die Hauptsache ist! Ihr heimlicher Wunsch nach Abwechslung hat nichts genützt. Die eingebrannten Muster aus dem Zoo waren stärker. Die Fernseh-Sexologin hatte echt zu tun, die beiden auf den Weg der Sextugend zu führen.

Warum habe ich das jetzt erzählt? Er, der Künstler, der auf der Bühne stand, hat auch zu viel geguckt. Ob es Pornos waren, weiß ich nicht. Jedenfalls hat er sich was bei ‚Tokyo Hotel‘ abgeschaut, vor fünf Jahren als die mal bei ‚Wetten dass!!!‘ zu Besuch waren und die Mädels, die kleinen, der Reihe nach abklappten. Das hat er, der heutige Künstler, sich vielleicht auch gewünscht. Aber die alten Schachteln im Saal waren nicht von der ekstatisch kolabierenden Sorte. Er hat sich alles bei den Auftritten dieser Bübchen abgeschaut. Nur hatten diese Bengels mehr Zeit zum Üben, mussten nicht dauernd irgendwelche Talkrunden moderieren, konnten sich auf die Bühnenshow konzentrieren. Mussten höchstens ohnmächtige Teenies wiederbeleben. Mund-zu-Mund-Beatmung war eine ihrer Spezialitäten. Oder hat er in seiner Jugend zu viele Beatles- oder Stones-Konzerte besucht? In einem Lied besang er gar seinen Drang, der fünfte Beatle zu sein. Jedenfalls konnte er sich längst nicht so souverän bewegen wie andere Künstler seines Alters. Abkupfern will auch gelernt sein!

Es war ein gutes Konzert, das er abgeliefert hat. Singen kann der Kerl, das hätte ich von dieser Labertasche nicht gedacht. Seine Texte sind wirklich gut. Und die Stimmung im Saal war prächtig. Seine Band, ein Gitarrist, ein Schlagzeuger, ein Bassist und ein Klavier-, Akkordeon-, Trompete- und Sonstwasspieler hat einen guten Job gemacht. Vor allem waren die Lautstärke der Musik und seines Gesangs gut aufeinander und aufs Publikum abgestimmt. Die installierten Lautsprecher hätten deutlich mehr hergegeben. Mussten sie wirklich nicht.

Ich habe keinen Cent meines Tickets bereut.

Beinahe hätte ich vergessen, den Namen des Sängers zu erwähnen. Aber den hat jeder Leser sicher längst erraten. Reinhold Beckmann hat gesungen.

 

N.B.: Nachts um elf, auf der Heimfahrt, macht das Fahren auf den Autobahnen rund um Frankfurt Spaß! Das ist einfach unglaublich! Ruckzuck und gut gelaunt lief ich in den heimatlichen Hafen ein.