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Die Welt mit den Augen eines Sofas sehen
(Übung bei einem Schreib-Workshop)

„Über zwanzig Jahre habe ich gedient – zuverlässig, wie sie es von mir erwarteten. Nie murrte ich, immer war ich mucksmäuschenstill. Was ich in dieser Zeit alles erlebte! Jans Eltern hatten gerade erst geheiratet, waren frisch verliebt. Ohje, da ging die Post ab! Und die vielen Gäste, die ständig zu Besuch kamen! Dann wurde es ruhiger. Jan wurde geboren. Na der hatte ein Organ! Lange Zeit stand ich im Wohnzimmer. Nun verbringe ich meine Zeit bei Jan. Bei ihm wird es nicht langweilig! Ruhe gibt es fast nie. Er ist längst erwachsen, bringt immer neue Mädels mit heim. Hat einen guten Geschmack, der Junge, müsste nur beständiger werden. Aber die Tina, mit der hält er es nun schon eine Weile aus. Oder sie mit ihm? Ach, es waren schöne Jahre! Na gut, in der letzten Zeit habe ich so manches Mal gestöhnt, wenn Jan mit seiner Tina auf mir saß. Wenn sie wenigstens nur gesessen hätten! Wenn sie nur Bundesliga oder den Tatort geschaut hätten. Nein, das war es nicht, was mich fertiggemacht hat.“

Nun steht es hier am Straßenrand, das alte Sofa. Es hat wesentlich bessere Zeiten erlebt. Der hellbraune Stoff ist fleckig, abgesessen. Der Rotwein, den Jan neulich über die Lehne gekippt hat, als er mit Tina feierte, seinen 18. Geburtstag, den haben sie nicht einmal aufgewischt. Und das, was die Beiden dann trieben, als die Gäste endlich gegangen waren, hat es nicht mehr ausgehalten. Ihr Spielchen hat auch ihm Spaß gemacht, doch es hat ihm den Rest gegeben. Das laute Krachen war sein Schmerzensschrei. Jan und Tina hat das nicht gestört. Sie haben kurz innegehalten.
„Was war das denn?“
„Das Sofa. Es ist wirklich schon altersschwach. Aber du …“. Mehr hat das Kanapee nicht mitbekommen. Es tat ihm alles so weh und es war traurig, furchtbar traurig. Die rechte Lehne ist abgeknickt. Das Holz ist gesplittert. Mit müh und Not hält sich das Sofa aufrecht, schwankt gefährlich. So etwas schmerzt fürchterlich.

„Bitte, Jan, Tina, nicht so stürmisch!“

Das Sofa sollte ja sowieso längst und überhaupt …

„Jetzt stehe ich hier. Nein, nicht ich bin es. Es sind meine Einzelteile.“ Die Sitzfläche lehnt an diesem schmiedeeisernen Zaun, die Lehne mit dem Rotweinfleck unmittelbar davor und die beiden Seitenteile wurden einfach daneben geworfen. Niemand interessiert sich dafür, nicht einmal die Ramschhändler, die bei jeder Sperrmüllaktion durch die Straßen schweifen.

„Sie mögen mich nicht mehr. Sogar die zwei inzwischen ziemlich ramponierten Sessel, mit denen sie mich damals in diesem Möbelhaus, das längst abgewickelt wurde, kauften, liegen hier auf der Straße. Was haben wir nur verbrochen? Warum ist das Schicksal so grausam mit uns? Meine Lage ist hoffnungslos, wie die eines lecken Schiffes mitten im Atlantik.“

Jetzt beginnt es, sogar noch zu regnen. Es ist dieses Nieseln, das in alle noch so kleinen Ritzen kriecht. Ein Nieseln, das so schnell nicht aufhört, das eine lange Nacht braucht, um dem Morgen zu weichen. Eines, nach dem sich die Natur so sehnt, das auch damals, den Baum, aus dessen Stamm die Bretter für das Sofa gesägt wurden, kräftig wachsen ließ.

„So viel Nässe hat mein Bezug noch nie abbekommen. Nicht einmal dazumal, als Jan gewickelt wurde. Genau in dem Moment, als das vollgeschissene Tuch unter ihm weggezogen wurde, hat er losgepinkelt, in hohem Bogen. Vaters kalte Hand an Jans Bäuchlein, hat den Impuls gegeben. Ich nahm es mit Fassung. Jan war doch so ein süßes Kerlchen! Alle waren stolz auf ihn! Und ich erst einmal!“

Unsäglicher Lärm tönt durch die Straße. Männer mit orangefarbenen Overalls nähern sich.

„Jetzt geht es mir an den Kragen! Warum lässt man mich nicht wenigstens noch ein paar Jahre im dunklen Abstellraum ruhen, meinen Lebensabend genießen? Vielleicht hätte man mich reparieren können, zwei kräftige Schrauben hätten mir noch mindestens zwei Jahre Leben geschenkt. Und ich hätte Jan in der neuen Studentenwohnung gedient, treu und still. Gerne hätte er auf mir mit seiner Tina herumturnen können. Ich hätte es mit Fassung getragen. Ach, die Tina, dieses hübsche Mädchen. Ja, der Jan hat wirklich einen guten Geschmack. Die passen zusammen!“

Unter lautem Krachen zerquetschen die Eisenbacken der Presse die alten Möbel und nehmen sie mit auf die allerletzte Reise zur Müllverbrennungsanlage.

„Hättet ihr mich doch in Ruhe verrotten lassen! Aus mir wäre ein wunderbarer Kompost geworden.“ sind seine letzten Gedanken.