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Es war ihm egal, was Andere über ihn denken. Mochten sie ihn für verrückt, für einen Lebenskünstler gehalten haben, einen der niemals erwachsen wird. Er hat es gerne getan. Es war ein Abenteuer und hat ihn jung gehalten. Es befriedigte seine unendliche Neugier auf Menschen. Und er hat davon leben können.

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Es war eine dieser Moden, die über den Atlantik geschwappt sind. Das war typisch fürs letzte Jahrhundert. Weit früher war es anders. Da fuhren viele Menschen über den großen Teich. Alle, die hier nichts werden konnten, alle, die das Abenteuer suchten, alle, die die unendlichen Möglichkeiten nutzen wollten, welche die neue Welt vermeintlich bieten würde. Sie kratzten die letzten Groschen zusammen und begaben sich auf eine lange Reise. Sie wussten nicht, wie diese Reise enden wird. Weit weg wollten sie, buchten die Reise ohne Rückfahrkarte. Das war allemal besser, als hier Hunger zu leiden. Dort drüben, auf der anderen Seite des Atlantiks, wurden Tellerwäscher und Millionäre gesucht, von der einen Sorte mehr als von der anderen.

Heute kommen die neuesten Trends aus der entgegengesetzten Richtung. Sie machen Stopp in London, Madrid, Barcelona. Dann geht es über Paris und Wien, bis sie bei uns schon ein wenig abgenutzt angeschwemmt werden.

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Fast jeden Tag stellte er sich vor das große Kaufhaus. Bewusst entschied er, nicht auf dem großen Platz zu stehen, wo die vielen Touristen entlang laufen. Er wollte einzigartig, ganz besonders sein, nicht durchschnittlich. Er wählte das moderne Kaufhaus, genau den Bereich am großen Eingang, wo sie alle vorbeikommen. Zuerst erwartungsvoll, zielstrebig, oft eilig. Da übersahen sie ihn meistens. Doch er konnte warten, hatte Geduld. Dann kamen sie zufrieden und glücklich, mehr schlendernd als hastend heraus, an ihm vorbei und freuten sich mit ihm.

Ein alter Bierkasten war anfangs sein wackeliges Podest. Ein Tuch hat er drübergelegt. Vorne hatte Sieglinde, seine Frau, sein Zeichen draufgestickt. Sieglinde steckte es auch regelmäßig in die Waschmaschine. Sie achtete immer darauf, dass er ordentlich auftritt, war seine beste Kritikerin.

Auf den Kasten stellte er sich drauf. Aber das genügte ihm natürlich nicht. Das Gesicht hat er sich weiß getüncht, Augen, Nase und Mund leuchtend rot angemalt. Die Augenbrauen waren ihm besonders wichtig. Schwarz und in weitem Bogen rahmten sie die Augen ein, so dass sie nicht übersehen werden konnten. Sie waren der optische Mittelpunkt. Sein knallbuntes Kostüm fiel schon von weitem auf.

Jeden schaute er an, jeden blickte tief in die Augen. Den Mund verzog er. Mal schien er zu lachen und im selben Augenblick ganz traurig zu schauen. Eine kleine Bitte war immer in seinem Blick, besonders dann, wenn die großen Augen unter den Brauen nach unten schwenkten. Und da stand seine Schale. Bewusst hatte er sich für ein Metallgefäß entschieden, eines, das glänzt, eines, in dem das Geld richtig klimpert. Oft klingelte es nicht, aber es reichte aus. Er konnte gut leben, keine großen Sprünge machen, wie man so sagt, aber er hatte sein Auskommen.

Es ärgerte ihn, wenn sie wegschauten, regungslos vorbeigingen. Sie sollten doch zu ihm blicken! Wenn er wenigstens ein kleines, ein ganz kleines Lächeln, mehr geahnt als erkannt hatte, war seine Freude groß. Das hat ihn angesteckt. Seine Mimik, seine Gesten, seine Haltung, alles an ihm spielte dieses Spiel.

Die Kinder trieben manchmal ihre Späße mit ihm. Das störte ihn nicht. Gerne hat er mitgespielt. Und es dauerte nicht lange, da waren sie Freunde, die Kinder vom Kietz und er, der Clown.

Heute steht dort ein junger Mann, vielleicht zwanzig Jahre alt, vielleicht Student, dem sein Stipendium nicht ausreicht. Einer der sich vielleicht eine Reise nach Barcelona ersparen möchte? Möglicherweise ist er der Enkel vom großen Clown am Kaufhaus. Auch er steht bescheiden, lachend, weinend, bittend und tröstend vor der großen Eingangstür. Mimik, Gestik, der Blick, die Haltung, alles ist wie früher.

Zuerst dachte ich, es wäre ein Verrückter, ein Spinner, einer der gescheitert ist, ein primitiver Quatschmacher, wie er so oft vor dem Schnellrestaurant zu finden ist. Einer der sich für Pfennige zum Clown macht. Oder zum Affen? Nein! Er macht sich nicht zum Clown, er ist ein Clown, einer, der ganz pfiffig ist, einer der Freude bereitet, verschenkt, selbst welche sucht und findet. Ich sollte ihm einen Euro spendieren! Sein Lachen ist es wert. Und er hat Tausende davon, verschenkt sie mit offenen Armen! Da ist ein Euro wirklich nicht zuviel.

In seinem „Danke!“ schwingt ein unbekannter Akzent. Sein Lachen ist rein. Lachen kennt keinen Akzent. Irgendwer erzählte mir, er sei Ungar. Ja, da sollte ich auch mal wieder hinfahren!