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Glückskekse

Glückskekse

Wenn das alte Jahr zu Grabe getragen wird, ein neues Jahr beginnt, wünscht man sich Glück. Eigentlich wünscht man sich das immer. Irgendwann, zu geeigneten Anlässen, muss das extra betont werden.

Im Büro klingt das dann so:

„Alles Gute!“

„Frohes neues Jahr!“

„Gesundes Neues Jahr!“

„Alles Gute im neuen Jahr!“

Ständig muss ich überlegen, ob ich schon oder ob ich noch nicht. Mir geht das mächtig auf den Keks.

„Gesundes neues!“

„Frohes neues Jahr und viel Gesundheit!“

„Gutes …!“

„Gesundes neues …! Ach wir hatten uns ja schon! Na, doppelt hält besser!“

So geht das etwa bis Mitte Januar, etwa 374 Mal. Dann gibt es diese nichtsagenden Wünsche nur noch ganz vereinzelt von den rückkehrenden Langzeiturlaubern.

Das dauernde Gewünsche geht mir absolut auf den Keks. Ja, es gibt einige Leute im Büro, die mit denen ich täglich zu tun habe, denen ich ehrlichen Herzen und gerne Gutes wünsche. Aber im Großen und Ganzen ist das doch nur ein oberflächlicher Formalismus.

Kekse, sogenannte Glückskekse, gab es bei mir in den ganz jungen Tagen des neuen Jahres. Diese Glückskekse sind eine ganz clevere Geschäftsidee. Man backt geschmacklosen Teig, steckt Zettel mit sinnlosen Sprüchen hinein, verpackt das ordentlich, schreibt ‚Glück‘ drauf und verscherbelt alles für gutes Geld. Glück braucht jeder. Und wenn es gar käuflich ist, nimmt man gleich eine Doppelportion! Das ist ein so sicheres Geschäft wie Anwalt oder Bestatter! Hebammen werden auch immer wieder benötigt, aber die müssen für jedes Kind fast noch Geld mitbringen.

Wir sitzen in glücklicher Runde. Jeder nimmt einen Glückskeks aus dem bunten Karton. ‚Knack‘, macht es und der Keks gibt den Glückszettel frei. ‚Knack, knack, …‘, macht es im Mund und der Keks wird mit der Spucke zu einen betonartigen Masse verknetet. ‚Würg‘ und weg ist er. Schnell einen Schluck Kaffee hinterher trinken.
„Mist, die Tasse ist leer! Die Kanne auch!“, schimpfe ich in Gedanken.

Dann muss jeder den gefundenen Spruch vorlesen und sich die neunmalgescheiten Kommentare anhören. Ich glaube, die sind wichtiger als die Sprüche selbst. Tragen sie doch sehr zur allgemeinen Unterhaltung bei.

Ich peile schon einmal, was ich für einen Spruch gezogen habe:

Altes bekommt eine Bedeutung,
wenn man es mit den Augen der
Liebe betrachtet.

Ich schiele sicherheitshalber mal zu meiner Holden hinüber. Die sitzt am anderen Ende des Tisches. Und wir sind schon etliche Jährchen miteinander verbandelt, also nicht mehr ganz so taufrisch, wie das junge Gemüse hier am Tisch. Die Stimmung ist gut! Das Spiel nimmt seinen Lauf.

Jetzt bin ich dran, diesen Wahnsinnsspruch vorzulesen. Da fällt mir ein, ich weiß ja gar nicht, wie ich meinen Spruch betonen muss, damit er nicht – schwuppdiwupp – in die falsche Kehle rutscht! Ich bin ratlos. Alle warten gespannt auf meinen Einsatz. Also Augen zu und durch! Sicherheitshalber öffne ich das linke Auge ein wenig, um lesen zu können und das rechte, um meine Holde anzuvisieren. Holt sie schon tief Luft? Noch habe ich kein Wort gesagt. Ein Alternativspruch fällt mir gerade auch nicht ein – Mist! Also lese ich.

Bevor mir das erste, das gefährlichste aller Wörter über die Lippen kommt, stutze ich. Der Spruch klingt ja viel harmloser, als ich dachte! Ich hatte beim ersten Lesen etwas falsch gemacht. Ein mittleres Erdbeben erschüttert die Stadt. Es sind diese riesigen Klamotten, die mir vom Herzen fallen!

Alles bekommt eine Bedeutung,
wenn man es mit den Augen der
Liebe betrachtet.

Glück gehabt! Etwas anderes habe ich von diesen Glückskeksen eigentlich auch nicht erwartet.