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Von einer sitzenden Beschäftigung, einem elektrischen Schreibtisch, Ingwertee, Glühwein und Keksen, einer genialen Erfindung und Ahorntapete

Das unbestellte Werbeblatt flattert pünktlich kurz vor dem Wochenende ins Haus. Darauf ist noch Verlass! Genauer gesagt, es liegt neben dem Briefkasten und ich nehme es mit.

Wo liest man diesen Kram am besten? Am Schreibtisch, auf der Couch liegend, am Esstisch sitzend?

‚Sitzend‘ ist richtig. Irgendwie muss man die Zeit ja rumkriegen. Kaum schlage ich das Käseblatt auf, da flattert es erneut. Das ist kein Aftersausen, das sind die lose beigelegten Werbeprospekte. Also genau genommen so etwas wie Flatulenz, nur in einem anderen Aggregatzustand. Solche Prospekte lege ich normalerweise sofort beiseite. Doch es handelt sich um Möbelwerbung. Da schaue ich – ausnahmsweise – mal hinein. Natürlich nur, um die Zeit totzuschlagen. Selbst Ulli H. kennt dieses Totschlagproblem mittlerweile in seinem Wohnheim. Obwohl der ja jetzt Ausgang bekommt.

Ich suche gerade neue Möbel. Eine Ersatzinvestition für eine in die Jahre gekommene Liege und etwas für meinen Rücken beim Geschichtenschreiben. Etwas, was meinem Rücken guttut, wenn ich stundenlang schreibe. Beim Lesen des Prospekts sitze ich zwar auch, schreibe aber nicht. Ich suche also einen Schreibtisch, der mit seiner Aufgabe wächst. Lautet die Anforderung „Ich möchte im Stehen texten.“, dann soll er groß sein, höhenmäßig betrachtet. Sagen wir mal Einmeterzehn. Und wenn ich gemütlich auf meinem Stuhl sitzen möchte, weil ich vielleicht gerade eine anheimelnde Story schreibe, dann hat er sich klein zu machen, auf stattliche siebzig Zentimeter Zwergenhöhe. Und er muss noch weitere besondere Eigenschaften haben. Er soll stabil und bezahlbar sein und nicht in einem schlichten Bürograu daherkommen. So etwas ist eigentlich im ganzen Universum und viele Meilen darüber hinaus unbekannt.

Genau in dem Moment als ich, … nein, das erläutere ich nicht weiter. Das hier ist ein niveauvoller Blog. Ich blättere im Prospekt des Möbelladens. Dieser Möbelladen ärgert sich jetzt wahrscheinlich, weil er befürchtet, die Rolle könne zu Ende sein. Nein das ist sie nicht. Und ich mag keine Streifen von bunter Druckerschwärze an mir. Selbst dann, wenn ich die Maserung nicht sehen kann, höchstens im Spiegel. Aber dabei muss man sich den Rücken verdrehen, was höchst ungesund ist, zumindest ab einem bestimmten Alter. Wer schaut sich diese Stelle schon im Spiegel an? Also muss die Reinigung, selbst wenn keine Streifen von Druckerschwärze zu befürchten sind, im Blindflug, ohne Verrenkung und Spiegel, aber gründlich, erfolgen. Zirkusartisten haben andere Möglichkeiten. Die könnten den Reinigungsstatus eigenäugig und ohne Hilfsmittel beurteilen.
„Männa!“, quakt eine unsichtbare Fee total erschrocken im Nebenraum. Wieso? Das sind doch elementare Probleme der Menschheit!

Zurück zum Möbelladen. Seine Befürchtungen sind unbegründet. Ich habe sogar etliche Ersatzrollen, da wird jedes Faxgerät neidisch. Dann ärgert sich der Möbelladen ein Loch in den Bauch, weil ich diesen gigantischen Möbelladen einfach nur ‚Möbelladen‘ tituliere. Aber ist er, nur weil er sich gigantisch nennt, etwa kein Möbelladen?

Also dieser Möbelladen, ich verwende dieses Wort bewusst noch einmal, bietet in seinem Möbelladenprospekt genau den Schreibtisch an, den ich suche! Stabil, elektrisch, hölzern und bezahlbar soll er bekanntlich sein und ist er prospektmäßig betrachtet auch. Also nichts, wie hin. Doch im Moment habe ich anderes zu tun. Eine Investition, die nicht unmittelbar der Lebenserhaltung dient, also nicht Schokolade heißt, will gut überlegt sein. Und wenn ich jetzt, genau jetzt, losrenne, dann würde ich mich prompt der Länge nach hinlegen, mir mein Köpfchen gar am harten Waschbecken stoßen. Schließlich hängt die Hose ziemlich tief auf Höhe der Kniekehlen.

Als das mit dem Kleidungsstück gerichtet ist, meine Pfötchen nach Seife duften, brühe ich mir erst einmal eine große Kanne Ingwertee. Ingwertee nehme ich wegen meiner zarten Stimme, die im Spätherbst gelitten hat.

Dann genieße ich ein Wochenende samt seiner Sonnenstrahlen. Den typischen Montagsstress im Büro überlebe ich auch noch. Doch jetzt geht es sofort los.

Ich muss sowieso in Richtung dieses Möbelladens fahren. Ich hatte mir eine Konzertkarte fürs Capitol in Mannheim besorgt. Und dieser Möbelladen liegt auf halber Strecke. Um genau zu sein, es ist die deutlich kleinere Hälfte der Route, so etwa ein Viertel des Weges.

Noch ist November. In exakt einem Monat kommt er, der Weihnachtsmann. Entsprechend ist der Möbelladen dekoriert. Soll ich mir hier einen Weihnachtsbaum kaufen, soll ich mir einen Glühwein hinter die Binde kippen? Ich bin mit dem Auto unterwegs. Da gilt für mich die Nullpromillegrenze! Oder dampft dieses gigantische Gesöff schon so lange im Kessel, vielleicht seit der letzten Saison, dass aller Fusel raus ist? Außerdem mag ich keinen überteuerten Glühwein aus dem Automaten in schlecht gespülten Bechern.

Zuerst muss ich im Käufergewühl erkunden, wo die Schreibtischabteilung für elektrische, bezahlbare, holzfarbige, stabile Schreibtische wohnt. Nach reiflicher Überlegung entscheide ich mich spontan für die Büromöbelabteilung im dritten Obergeschoss. Wo ist die Rolltreppe? Ich finde nur den Fahrstuhl. Na meinetwegen, dann nehme ich diesen Großraumlift.

Der Lift kommt bereits nach drei Minuten. Oder sind es vier? Jedenfalls ist er proppenvoll. Ein Kleinkind im Wagen trägt zur Unterhaltung bei. Es wirft ständig die Kekse, die ihm seine große Schwester in die Hand drückt, mit Schmackes auf den Boden. Da sieht es sowieso schon lecker aus. Wer weiß, wer hier sein Wasser nicht halten konnte! Ein Rotweinfleck neben dem anderen, abgewechselt von Kekskrümeln und zerbrochenem Tand für den Weihnachtsbaum schmücken den Boden. Mutter ist die Kekssauerei egal. Ich hasse solche Keksverschwendung. Das ist ja schlimmer als bei Krümelmonsters zu Hause unterm Sofa! Ich bin gerade hungrig.

Dreimal suche ich einem Möbelladenmitarbeiter, um mir den Weg zu meinem Schreibtisch erklären zu lassen. Die sind mit dem Stadtplan dieses Möbelladens überhaupt nicht vertraut. Ich laufe recht ziellos und im Zickzackkurs zwischen den Möbeln herum. Vielleicht sollte man mal Navis für Möbelläden erfinden. Nein, das geht nicht mehr, ich habe sie gerade erfunden. Suche nur noch jemanden, der die Dinger konstruiert, herstellt, vertreibt und mir die Möpse überweist. Die Idee ist bestimmt goldwert!

Dann endlich stehe ich vor ihm, dem Schreibtisch aller Begierden. Er sieht hölzern aus. Ahorn soll es wohl sein, echte draufgeklebte Ahorntapete. Meinen Rütteltest besteht er, scheint stabil zu sein. Den Preis kenne ich aus dem Prospekt. Hier ist der anderthalbfache Kaufpreis angeschrieben. Bestimmt wurde vergessen, den Sonderpreis dran zu pinnen. Und die Elektrik, auf die es mir so ankommt, funktioniert auch nicht. Die Spannung steigt.

 

N.B.: Ja, die Spannung steigt fast bis ins Unermessliche. Mit Geduld und Spucke, erfährt der geduldige Leser demnächst, wie die Geschichte weitergeht.

Die Fortsetzung handelt von Kleingedrucktem, einem roten Telefon, einer Kriegserklärung, zwei schweren Tussis, Boxspringbetten und der Schwiegertöchterproblematik.