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Von Kleingedrucktem, einem roten Telefon, einer Kriegserklärung, zwei schweren Tussis, Boxspringbetten und der Schwiegertöchterproblematik

Auf der Suche nach meinem neuen Schreibtisch durchstreife ich den Möbelladen. Endlich finde ich ihn, den elektrischen Schreibtisch aus dem Prospekt. Ich stehe davor und begutachte ihn kritisch.

Da fühle ich ihn im Rücken, den stechenden Blick eines Möbelladenverkäufers. Nein es ist kein Möbelladenverkäufer, es ist ein Möbelverkäufer, ein junger Mann, schätzungsweise halb so alt wie ich, ein wenig mehr vielleicht, also etwa knapp dreißig.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt der mich. So etwas fragen alle Verkäufer, egal ob man einen Schreibtisch, eine Hose, eine Klobrille, Radiergummi oder ein Paar Schuhe sucht. Woher soll ich wissen, ob er mir behilflich sein kann? Aber ich gebe ihm eine Chance und zeige ihm meinen Möbelladenprosekt. Daraufhin führt er mich an seinen Arbeitsplatz. Der hat keinen integrierten Lift. Dort schaut er angespannt in den Möbelladenprospekt, so als sehe er ihn zum ersten Mal. Er blättert ihn mehrmals von vorn nach hinten und von hinten nach vorn durch. Bin ich im falschen Möbelladen? Nein, es sind der richtige Möbelladen und Möbelladenprospekt!
„Der ist nicht mehr gültig.“, meint er. Frohlockend verweise ich ihn auf Seite eins, ganz oben. Dort steht, das Blatt ist für November 2014 zuständig. Und heute ist schließlich erst der 24. November. Das alles beeindruckt ihn nicht, er sucht weiter und findet letztendlich auf der Rückseite einen klitzekleinen Hinweis. Die Angebote sind nur bis zum 22. November gültig.

Erstens ist dieser Hinweis so klein, dass man mindestens drei Brillen braucht, um ihn zu entdecken und eine vierte, um ihn lesen zu können. Mit den zwei Brillen, der einen auf der Nase und der anderen unter meinem Hintern hatte ich ihn am letzten Freitag jedenfalls nicht entdeckt.

Der Möbelverkäufer schaut mich an. Ich schaue wie ein armer beim Abschreiben ertappter Zweitklässer zurück. Er schaut mich immer noch an und ich verweise ihn noch einmal darauf, dass es sich um den Novemberprospekt handelt, der erst am 21. November verteilt worden war und dass dieser einschränkende Zusatz viel zu klein ist. Der ist so mickrig, dass man schon von arglistiger Täuschung sprechen könne. Ich will gerade, in einem Nebensatz, die Verbraucherzentrale erwähnen, da greift er zum Telefon. Es ist ein rotes Telefon.
„Auweia!“, denke ich, „Der fasst meine Bemerkungen als Kriegserklärung auf.“
„Ich rufe mal den Chef an!“. Also tatsächlich Krieg. Was nun? In meinem Alter ist Kriegspielen nicht mehr gesund. Deshalb würde ich nicht einmal als Reservist zur Bundeswehr einberufen werden.

Ich warte. Ich warte ab.

Einem roten Telefon traue ich eigentlich zu, dass es schneller funktioniert. Wenn Obamas rotes Telefon auch so langsam ist, steht Wladi plötzlich im Situation Room, dirigiert seine Flottille und Obama flucht oben im Global Office noch immer auf diese Scheißtechnik. In unserer heutigen Zeit sind rote Telefone mit Spiralkabel sowieso out. Wenn ich mir das genau durch den Kopf gehen lasse, glaube ich, haben die hier gegen mich bestimmt keine Chance. Wer mit solch altmodischen Fernsprechern telefoniert, dem laufe ich doch in Nullkommanichts davon! Ich schaffe die letzten hundertfünfzig Meter bis zur Straßenbahn schließlich in unter drei Minuten! Und vor dem Laden steht mein Auto. Das hat über hundert PS und einen halb vollen Tank. Damit komme ich bis Mannheim und zurück!

Der Möbelverkäufer erklärt seinem Chef das Problem. Dann schweigt er und hört zu, was der Boss sagt. Er schweigt weiter. Es sieht aus, als formuliere der Chef gerade die Kriegserklärung.
„Ja, …, ja, …, machen wir, … heute mit allen Kunden, die sich für dieses Angebot interessieren, … ja, so machen wir das.“ Wie viele Kriege wollen die denn gleichzeitig führen? Für mich ist einer mehr als genug!

„Also!“, sagt der Möbelverkäufer und macht eine bedeutungsvolle Pause. Bei einer Kriegserklärung kann man schon mal eine bedeutungsvolle Pause einlegen. Außer, wenn es ein Blitzkrieg werden soll. Doch danach sieht es im Moment nicht aus.
„Sie bekommen den Schreibtisch heute noch für den Angebotspreis. Aber!“ und wieder macht er eine Pause, „die Lieferung dauert etwa sechs Wochen.“ Kein Krieg, dafür Verzögerungstaktik – Na, meinetwegen. Bei mir herrscht ja schließlich kein Notstand.
„Allerdings ich brauche einen Schreibtisch, der elektrisch hoch und runter fährt!“, wende ich noch ein.
„Ja, selbstverständlich. Das Beratungsmuster ist letzte Woche kaputt gegangen. Da haben sich zwei fette Tussis draufgesetzt, sind Fahrstuhl gefahren und schossen ein Dutzend Selfies. Müssen ‘se mal in Facebook schauen!“. Er sagt wirklich ‚Tussis‘, das stammt nicht von mir! Aber das Bild, welches die zwei Amazonen geboten haben, hätte ich mir gerne angeschaut. Auf jeden Fall spricht dieser Hinweis für die Stabilität des Schreibtisches. Dass die Elektrik den Geist aufgegeben hat, ist verständlich. Zwei fette Tussiärsche gleichzeitig stemmen, das schafft auf Dauer keine Maschine.