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Neulich, im Schreibrausch, mitten in diesem berühmten Café Jasmin in Frankfurt Fechenheim haben wir uns bekifft. Nicht mit Haschisch, Heroin, Meth oder solchen weichen Drogen, nein mit den bunten Zetteln von Yvonne, einem geschenkten Ü-Ei und einem Gläschen Sekt als Brandbeschleuniger. Gebrannt haben wir wie verrückt, gebrannt aufs Schreiben. Nicht einmal der legendäre Frankfurter Feuerwehrmann, Meddi Müller, hätte uns löschen können. Wie wir ihn kennen, hätte er unseren Brand zusätzlich angefacht, dieser feurige Schreibteufel.

Yvonnes Facebookgruppe und Schreibworkshop ‚Kreativ schreiben – mit mir und meinen Zetteln‘, mir ist das zu lang, ich kann mir diesen knapp 500-seitigen Roman einfach nicht einprägen, ich nenne es ‚Yvonnes Zettelwirtschaft‘, lädt donnerstäglich in genanntes Café zum Schreiben ein. Die Schreibaufgaben zaubert sie aus dem Hut oder einer urnenartigen Vase, die eigentlich ein Teelichtbehälter sein soll. Dann warten wir, dass uns ein Licht aufgeht und schreiben wie die Bekloppten, eigentlich mehr, wie süchtige Hobbyautoren.

‚Schreibrausch‘ heißt unser Thema. Nach dem ersten Schlückchen Sekt, oder war es schon der zweite, dritte, …, notiert jeder einen Satz in seinem Block. Die Sätze werden getauscht. Ich bekomme – von der Meisterin persönlich – dieses Exemplar von Satz:

Schon wieder einer dieser Fehler in der Matrix.

Man sieht, sie schreibt üblicherweise Fantasy, was mir total, aber so was von total am … Nein, das sagt man nicht! Zumindest nicht, wenn man von Mama und Papa eine so gute Erziehung abbekommen hat, wie dazumal Klein-Rainer.

Mein Gehirn rasselte augenblicklich. Und wenn es rasselt, ist das schon mal ein gutes Zeichen! Heraus kommt die Erkenntnis,

„Dieser Satz hat Potenzial!“

Also nichts wie ran an den Speck!

Jetzt geht es Schlag auf Schlag, ungefähr so, wie bei der Bahn, wenn die pünktlich ist. Eigentlich läuft alles noch präziser, atomuhrgesteuert via Zeitmesser in Yvonnes Smartphone.

Alle fünf Minuten, nicht nach 4:59 oder gar erst nach 5:01 Minuten, ziehen wir abwechselnd einen Zettel aus Yvonnes schier unendlichem Zettelvorrat, ihrer Lostrommel. Das steht auf ausgelosten Zetteln drauf:

  • Das Einhorn, das ein Zweihorn sein möchte
  • New York
  • Schneewittchen
  • Ein tanzender Tannenbaum
  • Eine einsame Insel
  • Der Papagei von Onkel Waldemar
  • Fahrstuhl
  • Wetter machen
  • Ein sprechendes, historisches Warzenschwein
  • Norwegen

Dies muss nun irgendwie in die Geschichte reingewurschtelt werden. Ist das nicht verrückt!

In Kurzform sieht die Geschichte dann so aus:

Ein trauriges Einhorn trifft in New York auf Schneewittchen. Das Einhorn möchte ein ganz normales Zweihorn sein, deshalb weint es andauernd. Schneewittchen tröstet das traurige Einhorn. Dabei verlieben sie sich ineinander und küssen sich leidenschaftlich unter einem tanzenden Tannenbaum. Damit lösen sie das jahrhundertealte Rätsel der Menschheit, ‚Wie küsst man ein Einhorn?‘. Sie verreisen auf eine einsame Insel, treffen dort Onkel Waldemar mit seinem Papagei. Auf der Insel steht nicht einmal eine Palme, so einsam ist es dort. Schließlich, nach der siebenundneunzigsten Inselumrundung entdecken sie, natürlich rein zufällig, ein fettes Hochhaus. Sie fahren mit dem Fahrstuhl hoch auf die Aussichtsplattform. Dort treffen sie Petrus. Sie bitten ihn Wetter zu machen, Winterwetter so kalt, dass der Ozean zufriert und sie auf Schlittschuhen heimfahren können. Petrus probiert und probiert, bis er im siebenten Versuch ein gewaltiges Islandtief hervorzaubert. Das verscheucht ein hartnäckiges Azorenhoch und lässt alles, bis auf die lieblichen Gefühle zwischen Schneewittchen und ihrem Einhorn einfrieren. Ein sprechendes, historisches Warzenschwein, das sich in Norwegen versteckt hielt und dem grausigen Frost entkam, bietet sich den Beiden als Mitreitgelegenheit an. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann …

Ich habe geschrieben, wie ein Besengter. Meine Schreibhand schlief mir andauernd ein. Ich hatte kein Erbarmen mit mir. Acht Seiten habe ich vollgekritzelt, acht Seiten A4! Es ist wie ein kreatives Gemetzel. Die Gedanken werden reihenweise, im Dutzend, manchmal gleich schockweise aufgespießt und auf Papier gedroschen. Es ist also ein Riesenspaß!

Und wir lachen lauthals, als wir uns dann die Geschichten gegenseitig vorlesen.

Autoren hocken monatelang in ihrer einsamen Kammer und schreiben und schreiben und … Oh, ist das dröge! So geht das gängige Vorurteil! Nein, Schreiben ist eine wahnsinnig spannende, lustige, berauschende, wundervolle Angelegenheit. Besonders, wenn man immer wieder diese wundervollen Menschen trifft, die Schreiblehrlinge aus Yvonnes Gruppe, die Autoren von ARS Autoren RheinMain Stammtisch, die Gastgeberinnen im Café Jasmin, nette Zuhörer und Mitschreiber.

Und meine Geschichte, was ist mit der? Die ist längst eingetippt, hat die erste spontane Überarbeitung hinter sich und reift in meinem Schreibstudio. Irgendwann, nach der finalen Durchsicht, wird sie geerntet und der verehrten Zuhörer- und Leserschaft irgendwie und irgendwo präsentiert.