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Es ist inzwischen ein paar Jährchen her. Ich erinnere mich immer noch gerne daran. Doch als ich damals in diesem Stau stand, war viel Wut in mir.

Am Freitagabend möchten viele heimfahren. Auf die dicken Laster wartet ein gemütlicher Firmenparkplatz. Ihre Fahrer lechzen schon auf das Bierchen am Abend. Sie ahnen nicht, dass heute eine Menge Bier für sie eine große Rolle spielen wird. Allerdings bekommen sie keinen einzigen Tropfen davon ab. Die Dienstreisenden, Monteure, Vertreter und Wochenendpendler suchen hektisch jede noch so kleine Lücke, um eine zehntel Millisekunde früher am Ende des nächsten Elefantenrennens abbremsen zu können. Alle sind irgendwie gereizt. Das merkt man ständig. Zum Glück dringt das Fluchen und Schimpfen nicht von Auto zu Auto. Stubenrein sind die Worte selten. Das hektische Leuchten vieler Bremslichter zeigt Unkonzentriertheit nach einer anstrengenden Arbeitswoche. Zum Glück konnten sie gerade noch rechtzeitig und innerhalb des viel zu kurzen Abstands zum Vordermann bremsen. Viele haben noch eine weite Strecke vor sich. Ein buntes Gemisch von Kennzeichen bahnt sich den Weg.

Eines haben alle gemeinsam. Sie freuen sich auf zu Hause, einen gemütlichen Abend bei der Familie, ein schönes Wochenende. Das Wetter ist vielversprechend. Sie können es kaum erwarten, endlich am Ziel anzukommen.

Ich hatte in Nürnberg zu tun. Nürnberg ist eine wunderschöne Stadt. Ich fahre gerne dorthin. Es gibt ein paar Punkte, die ich immer wieder besuche, die quasi mein Pflichtprogramm sind. Der Blick von der Burg über die Stadt gehört dazu.

Unterhalb der Burg hatte ich mal ein lustiges Erlebnis. Ich, als eingefleischter Thüringer – muss es nicht eingebratwursteter Thüringer heißen? – fand auf der Speisekarte in einer Gaststätte unterhalb der Burg ein Gericht mit einem Dutzend Bratwürsten. Ein ganzes Dutzend dieser Leckereien – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Mein Gesichtsausdruck muss ungefähr so ausgesehen haben, wie auf dem Bild in diesem erst kürzlich veröffentlichtem Artikel. Ein Dutzend Bratwürste, das war für mich, einem guten Esser, einfach unvorstellbar. Aber die Franken sind ein ganz besonderes Volk. Deren Bratwürste sehen aus, wie geröstete Regenwürmer, nur nicht so lang und krumm. Davon, von den Bratwürsten, nicht den Regenwürmern, schafft man locker ein Dutzend. Wem das zu wenig vorkommt, dem offeriert man gleich 18 dieser Wunderdinger auf einmal. Und da haben dann noch Salzkartoffeln, Soße und ein leckeres Salätchen Platz! Das Grünzeug sieht aus, als ob es gestern schon einmal auf einem Teller lag. Diese Geschichte möchte ich jetzt nicht weiter ausführen. Darüber habe ich in anderem Zusammenhang bereits berichtet.

Es ist also Freitag und ich mache mich auf den Weg von Nürnberg gen Norden. Ruckzuck bin ich auf der Autobahn. Nach ein paar Autobahndreiecken und -kreuzen reihe ich mich in den Tross der Reisenden auf der A9 ein. Es läuft gut. Der Verkehrsfunk meldet Staus, aber nicht auf meiner Route. So muss es sein! In Gedanken umarme ich schon meine holde Holde.

Dann kommt Bad Berneck, noch in Franken liegend. Auffälligkeiten sind nicht zu bemerken. Da sollte ich hellhörig werden! Aber bei Hundertzwanzig im Kolonnenverkehr muss man sich auf andere Dinge konzentrieren. Alle werden langsamer, es staut sich, geht langsam weiter. Das passiert selbst auf der unschuldigsten Autobahn. Immer wieder ein kurzer Stopp!

Was nun passiert, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Daran werde ich mich selbst in meinem überübernächsten Leben, wenn ich mich vielleicht als Regenwurm unter der Autobahn hindurch baggere, noch erinnern. Riesige Laster, solche 40-Tonner mit Anhänger, fahren plötzlich, mitten auf freier Strecke von der Autobahn herunter. Sie holpern über einen frisch geeggten Acker, um auf der vielleicht hundert Meter entfernt verlaufenden Straße 11. Ordnung weiter zu fahren. Die Laster schwanken auf dem Feld wie die Kogge eines Piratenkapitäns bei Sturm. Ich befürchte, gleich Augenzeuge eines Umfalls zu werden. Und es ist eine ganze Schlange dieser Riesendinger, die von der Autobahn abfährt. Der Acker sieht schon aus, als wenn die Rote Armee mit ihren T34 gerade ein Geländespiel veranstaltet hätte. Aber die Rote Armee in Deutschland, das ist natürlich längst nicht mehr denkbar.

Was soll man davon halten? Sind die Brummifahrer plötzlich alle durchgeknallt? Haben die gesoffen, gekifft oder haben die ein Rad ab? Ich weiß es nicht, zumindest ist das in diesem Augenblick so. Lange dauert diese Verwunderung nicht. Des Rätsels Lösung wird etwa zwanzig Minuten später im Verkehrsfunk durchgesagt. In Moment halte ich die einfach nur für verrückt. Und hinterher kutschieren, über den Acker, durch die immer tiefer werdenden Furchen, mit einen gewöhnlichen, erst vor sechs Wochen frisch geschrubbten PKW? Das geht natürlich nicht.

Wie das so ein einem Stau ist. Es geht immer mal wieder ein paar Meter vorwärts. Die Fahrzeuge müssen sich erst einmal zusammenruckeln. Dann ist endgültig Sense. Dann stehen wir. Die Ersten steigen aus, vertreten sich die lahmgewordenen Beine, plaudern mit der Blondine aus dem Porsche auf der Nachbarspur. Dann kommt auch schon die Warnung vom Bayerischen Rundfunk. Ich erwähne diesen Sender jetzt, damit die Schuldigen genannt werden. Die hätten eine halbe Stunde früher einfach mal Bescheid sagen können. Dann wäre ich an der Abfahrt Bad Berneck von der A9 runter gefahren und hätte mir die schöne fränkische Landschaft im Zuckeltempo auf der Umgehungsstraße angeschaut.

„A7 – zwischen Bad Berneck und Marktschorgast – Vollsperrung wegen eines LKW-Unfalls. PKW-Fahrer werden gebeten in Bad Berneck abzufahren und die U777 zu benutzen! …“

Na prima! Da bin ich längst vorbei. Das kann jetzt dauern! Aber auf einer dreispurigen Autobahn mit Standspur, da müsste doch eigentlich eine kleine Gasse frei sein? Denke ich mir, fragen sich alle, hofft die Menschheit. Jetzt weiß ich auch, weshalb die Brummis diese verrückten Sperenzien auf dem Acker veranstaltet haben. Die wussten Bescheid, ahnten das, was nun folgen noch wird. Die haben irgendwelche Funkgeräte, mit denen sie zum Allwissenden Kontakt halten.

Neben mir auf der rechten Spur stehen die LKWs Schlange. Die hatten wohl kein Funkgerät oder Schiss vor dem holprigen Acker. Zwischendurch ein paar PKW. Hier ist eine Leitplanke an der Seite, ein Entweichen also unmöglich. Direkt hinter mir parkt ein Jeep mit Pferdeanhänger. Ansonsten sind es überwiegend PKW aller Größen und Farben. Zwischendurch ein paar Kleintransporter.


Der zweite Teil der Geschichte erscheint etwa in zwei Wochen hier in diesem Blog.

Dann geht es um durstige Pferde, Dixiklos auf der Autobahn, Bandscheiben, „Hose runter“, eine versehentlich gelöste Handbremse und Breaking News auf der Autobahn!