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Der Supermarkt meines Vertrauens müsste jetzt eigentlich ‚Supermarkt des leichtfertig verspielten Vertrauens‘ heißen. Er hat mal wieder etwas getan, was mich für längere Zeit in die Fänge anderer Märkte treibt. Da wäre dieser liederliche Discounter. Der ist in seinem Design eigentlich immer und weltweit konstant, jedenfalls so einigermaßen. Der andere große Supermarkt in meiner Nähe hat neulich zwar dasselbe getan, aber nun werde ich wohl reumütig zu ihm zurückkehren. Von irgendwelchem Kram muss man ja leben. Und die Brötchen bei Amazon bestellen, ist wirklich nicht die Lösung!

Erst einmal stehe ich mittendrin, mittendrin in dem Schlamassel. Dieser Supermarkt ist die Hölle. Wo finde ich die Butter? Dort, wo kürzlich noch das Butterregal stand, gibt es heute Marmelade und Honig. Und Schnittkäse suche ich auch noch. Der lag nicht weit entfernt von der Butter, ist mit ihr wahrscheinlich gemeinsam umgezogen. Aber dort, wo früher Marmelade zu finden war, lungern heute Kaffee und Tee herum. Nur Joghurt und Sahne dümpeln an bekanntem Ort herum.

Ich irre wie ein Blinder durch den Laden. Meine Stimmung ist dort angekommen, wo sie heute früh schon einmal war, als ich total verschlafen ins Büro trabte. Eigentlich bin ich jetzt munter und zu Großtaten aufgelegt, welche die Menschheit endlich ein gutes Stück voran bringen. Aber Pustekuchen, jetzt ist aller Elan im A…, also ich meine im Eimer, in einem mit Loch unten drin, einem, den man aus diesem Kinderlied, „Wenn der Topf aber nun ein Loch hat, …“, kennt.

Ist die Situation wenigstens noch ein klein wenig zu retten? Die Welt bringe ich heute, bestimmt auch in den nächsten drei Tagen, sicher nicht voran. Butter, Schnittkäse, eine nicht angegammelte, rote Paprikaschote, eine Zettelbox mit bunten Notizzetteln und Brot habe ich in heldenhaftem Kampf, unter Aufbieten sämtlicher eigentlich schon vermisst gemeldeter Kräfte gefunden. Überleben werde ich den Tag, voraussichtlich.

Ich stelle mich an die Schlange der Kasse. Natürlich ist nur eine Schlange geöffnet. Dafür ist sie umso länger. Früher, ganz früher, also in Zeiten, in denen das Wort ‚Kundendienst‘ noch existierte, kam an dieser Stelle eine Lautsprecheransage
„Herr Schulze“, manchmal hieß der Herr Schulze auch ‚Frau Müller‘, „bitte an Kasse drei“. Dann rannten, nein nicht Herr Müller oder Frau Schulze, sondern dreiunddreißig Kunden samt ihrer Einkaufswagen an Kasse drei und versuchten einen vorderen Platz zu ergattern. Das gab immer ein schönes Gezänk! Einmal habe ich sogar erlebt, dass sich Fräulein Schulze-Müller kühn und keck an Kasse eins setzte und auf Kunden gierte. Das hat vielleicht Spaß gemacht, zuzuschauen, zumindest dem unbeteiligten Beobachter. Beinahe wäre eine wilde Klopperei entstanden. Nein, den Kassierer, Herrn Lehmann, wollten die keinen Plauz mit der Ketchupflasche auf die Rübe geben. Der hätte es zwar verdient, hat seine fehlerhafte Durchsage doch dieses Chaos ausgelöst. Die wollten sich gegenseitig an den Kragen! Jetzt warte ich auf den Tag, an dem Herr Lehmann an Kasse zwei durchsagt,
„Frau Schabulsky bitte an Kasse zwei!“, das bringt die Kunden total durcheinander. Die Hälfte sprintet an Kasse drei, die andere an Kasse eins. Der Mittelwert stimmt. Und beim Geschäftsschluss, wenn Kasse zwei geschlossen wird, müssen die entweder in Supermarkt übernachten oder ganz schnell ihren Kram wieder in die Regale räumen. Kasse zwei hat längst Feierabend.

Während ich über die innenpolitische Lage in diesem Supermarkt sinniere, kommt eine Durchsage. Noch während der Knilch an der Kasse Luft holt, checke ich die Lage. Welche Kasse könnte geöffnet werden? Ich stelle mich in Startposition, Blickrichtung Kasse drei. Fehlstart! Eine übereifrige Kundin steht schon an Kasse drei.
„Disqualifikation! Strafrunde!“, blöke ich in Gedanken.

„Herr Obermichel – Storno!“, schallt es aus dem Lautsprecher. Als sich die hektisch ausgescherte Kundin wieder in die Schlange einreihen will, gibt es einen heftigen Disput. Da fallen Worte, die habe ich in den vielen Jahren meines Lebens noch nie gehört. Und das liegt nicht an der Sprache, es ist eindeutig Deutsch, mit leicht hessischem Einschlag. Am liebsten würde ich den drei Minderjährigen in der Reihe vor mir die Ohren zuhalten. Ich habe mit meinen Eigenen zu tun. Mehr als zwei zuzuhalten, übersteigt in diesem Moment meine Kapazitäten.

Bereits nach drei Minuten rennt ein Oberheini frech grinsend und schlüsselbundschwingend zu Kasse zwei.
„Gleich geht es weiter!“, hoffe ich. Und es geht vorwärts, wenn auch sehr langsam.

Jetzt trennt mich nur noch eine Kundin vom Transportband an der Kasse. Gelangweilt schaue ich in die Gegend.
„Die Klimaanlage funktioniert hier auch nicht.“, stelle ich fest.
„Gibt es überhaupt funktionierende Klimaanlagen?“. Entweder sie klimatisieren zu viel, zu wenig oder sie sind kaputt. Ich versuche, möglichst flach zu atmen. Die Düfte, die vom Gemüseregal herüber wehen, klingen wenig verlockend an den Duftsensoren meines Näschens. Oder ist es die vor mir stehende Kundin? Es ist ein Gemisch aus Düften vieler Quellen, steht fest.

Vor der Kasse steht ein Regal mit Süßigkeiten. Man muss sich bücken, um dranzukommen. Es ist ein Regal für Zwerge, falls die hier einkaufen wollen. Sonst müssten hier überall Leitern im Weg herum stehen. Selbst Eier gibt es hier, besonders schöne Eier sogar. Jedes einzeln verpackt in buntes Silberpapier. Was für ein Aufwand! Was für eine Verschwendung wertvoller Ressourcen! Kann man buntes Silberpapier, das aus Aluminium gewalzt wurde, eigentlich als Silberpapier bezeichnen? Ist das erlaubt? Das hat die EU bestimmt irgendwie geregelt. Sie hat auch festgelegt, dass auf Eiern das Haltbarkeitsdatum und die Haltungsbedingungen zu stehen haben. Hier steht nichts drauf, nur bunte Bildchen sind zu sehen. Ich würde doch niemals Eier aus Legebatterien kaufen. Meine Eier sollen glücklich aufgewachsen sein, quadratkilometergroße Laufflächen für jedes Einzelne, sonnenbeschienen und mit feinstem englischen Rasen ausgestattet, erwarte ich. Dann wäre ich sogar bereit, mehr als zehn Cent pro Ei zu berappen!

Diese bunten Eier oder sind es Ostereier, klappern sogar. Ich mache immer den Klappertest.
„Klappern“, sagt ein bekanntes Sprichwort, „gehört zum Handwerk und das hat goldenen Boden, weder britischen Rasen, noch Einstreu aus Stroh.“.
„Die sind bestimmt überlagert!“, denke ich. Und dann sind die auch noch höllisch teuer. Neunundsiebzig Cent wollen die pro Stück haben, pro Stück, nicht für ein Dutzend, pro Stück!
„Irgendetwas Besonderes muss doch daran sein!“. Ich lege drei Exemplare aufs Band.
„Nur mal zum Probieren!“, beschließe ich, „Wenn die schlecht sind, bringe ich sie zurück!“. Also gibt es heute Spiegelei zum Abendbrot. Nach diesem harten Tag habe ich mir das redlich verdient!

Kaum kullern die drei Eier auf dem Band zwischen der Paprikaschote und der Butter herum, kommt eine Durchsage
„Herr Schlötelbeck – Kasse drei!“.
„Oh Mann, die Durchsage ist doch längst überfällig! Schade, jetzt kann ich das Hauen und Stechen um den besten Platz in der Schlange an Kasse drei nicht genießen! Das gibt Punktabzug für diesen Laden!“. Dabei habe ich total vergessen, dass dieser Supermarkt punktemäßig bei mir längst in den Miesen ist. Wenigstens ist das Ende der Schlange für mich absehbar. Die Kundin vor mir bezahlt mit Karte. Sie glotzt mich etwas blöde an, so als wolle sie sagen
„Guck weg, ich gebe jetzt meine Geheimzahl ein. Die geht dich gar nichts an!“. Einmal abgesehen davon, dass ich von der nicht geduzt werden möchte, nicht einmal in meinen Gedanken, weiß ich jetzt, woher der Wind weht. Während sie mich anschaut, ich sage bewusst nicht ‚dümmlich anschaut‘, weht ein kräftiger Wind durch ihre Zahnlücke. Der Wind riecht, stinkt arg nach Zigarettenqualm. Ich erinnere mich, wie sie etwa ein halbes Dutzend Schachteln aus den Zigarettenaustomaten oberhalb des Laufbands auf ihren Einkaufskram bugsierte.

Ich warte auf dieses freundlich-monoton-abgegriffene
„Guten Tag!“, der Kassendame. Dann folgt der obligatorische Blick in den schräg gestellten Spiegel an der Decke verbunden mit dem Gesichtsausdruck, der sagt,
„Klauen lohnt nicht!“.

Ich will ja nicht ungerecht sein. Diese Dame ist eine der Fixen, Freundlichen in diesem Markt. Da gibt es eine andere, die kriegt ihre Beißerchen überhaupt nicht auseinander und stellt den Weltrekord in ‚grimmig schauen‘, stolz zur Schau. Alleine die ist der Grund dafür, dass ich mir diese Rekordebuch niemals kaufen werde.

„Es geht los!“, denke ich. Tatsächlich nimmt die Dame Anlauf, möchte mir gerade ihr freundliches
„Guten Tag!“, entgegenschmettern, doch stattdessen kommt ein
„Moment bitte, die Rolle ist alle!“. Das klingt genauso furchtbar wie die entsprechende Feststellung auf dem stillen Örtchen. Doch sie hat Übung und mit wenigen Handgriffen ist die Ersatzrolle montiert. Sie ist eine Fachfrau, durch und durch! Manch einer wäre neidisch, wie viele Ersatzrollen die Dame bereitliegen hat.

Jetzt kommt nur noch Routine. Die ist nicht erwähnenswert. Endlich trabe ich nach Hause, brauche dringend eine freundliche Umgebung, Ruhe und einen Ingwertee zur Entspannung. Vielleicht habe ich sogar noch genügend Reserven, mir ein leckeres Abendbrot zu bereiten.

* * *

Manchmal nimmt das Leben Wendungen, mit denen man wirklich nicht rechnen kann!

Nachdem ich die ersten Tassen meines Lieblingstees geleert habe, mache ich mich ans Werk. Allerdings fühle ich mehrere Dinge in mir aufsteigen. Es ist der Druck, den mehrere Tassen Tee erzeugen, es ist Hunger, ein riesen Apparat von Hunger und ein Fünkchen Kraft, das gerade noch zum Abendbrotbereiten reichen könnte. Und Hoffnung auf ein gutes Ende der Geschichte.

Manchmal birgt das Leben Überraschungen, mit denen man wirklich nicht rechnen kann!

Als ich das erste Ei von seiner bunten Verpackung befreie, stutze ich.
„Das ist doch kein Ei!“, denke ich und rieche daran.
„Das ist Schokolade! Das ist süße Billigschokolade“, denke ich allerdings schon ein wenig frohlockend. Schließlich kann man Schokolade roh essen, muss sie nicht erst, wie Spiegeleier brutzeln. Ich schaue mir das Schokoladenei genau an.
„Da ist eine Naht. Dort ist es zusammengetackert worden. Geht es da auch auseinander?“, frage ich mich nicht ohne Sorgen. Denn mein Ei klappert verdächtig,
„Es enthält bestimmt etliche Teile, eingeschrumpeltes, total vertrocknetes Eigelb!“. Vorsichtig knacke ich das Schokoladenei. Wie erwartet bricht es genau an der Naht und wie man es bei einem echten Ei erwartet, kommt das Eigelb zutage. Allerdings ist das Eigelb in meinem Fall aus gelber Plastik.

„Wo ist meine Schokolade abgeblieben?“, frage ich mich höchstbesorgt, „Hat die jemand weggefuttert?“. Ich bin alleine. Hier scheint es ein Gespenst zu geben, ein schokoladenfressendes Gespenst, das Schokoladenspuren an meine Mundwinkel pinselt.
„Es will den Verdacht von sich selbst ablenken! So ein gemeines Biest!“. Als Nächstes versuche ich, das Eigelb zu knacken. Erst will es nicht, es scheint sich zu weigern.
„Nicht mit mir!“, sage ich und da macht es ‚knacks‘ und ein paar Zettel und ein Irgendwas kullern auf meinen Tisch.
„Aha, das ist die Bedienungsanleitung für mein Ei!“. ‚Kinder unter 3 Jahren, …‘, lese ich. Das war mal, vor langer Zeit. Ich lese weiter und fühle mich plötzlich beobachtet.
„Das Gespenst“, denke ich, „Also doch!“. Mir ist klar, Gespenster sieht man nicht, kann sie nicht sehen. Im Ernstfall entfleuchen sie einfach durch die nächste Wand.

„Wer bist du denn?“, frage ich das Teil auf meinem Tisch. Es glotz mich an. Ja, es glotzt!
„Ich bin das Gespenst von Canterbarg. Guten Tag auch.“, spricht es mich an, „Was guckst du so komisch?“. Dass ich etwas komisch gucke, ist sicher nicht verwunderlich. Denn wer hat schon ein sprechendes Gespenst auf seinem Tisch, mitten im Wohnzimmer, liegen. Jetzt ist mir auch klar, wer diese Schandtat, das Wegfuttern der Schokolade, zu verantworten hat!
„Tach, hat es wenigstens geschmeckt?“, frage ich dieses Plastikmonster grimmig dreinschauend und nicht mehr so richtig an das Material glaubend. Woraus bestehen Gespenster eigentlich? Plastik kann es nicht sein. Bestimmt ist es Zaubermaterie!
„Ging so!“, entgegnet es.
„Du willst also das Gespenst von Canterville sein, so so! Was sagt denn dein wilder Oskar dazu?“, ich lasse erst einmal meine Bildung heraushängen.
„Du irrst. Ich bin das Gespenst von Canterbarg. Das von Canterville ist ein entfernter Vetter von mir. So weit entfernt, dass man die Ecken, um die wir miteinander verwandt sind, gar nicht mehr zählen kann.“.
„Aha, du bist also so etwas wie sein Urururenkel!“.
„Quatsch mit Soße! Ich bin knappe dreihundert Jahre älter als dieser Kerl aus England. Das schmeckt man sogar an der Schokolade! Außerdem stamme ich aus Ferropolis.“.
„Ferropolis? Dieser Friedhof für Riesenbagger ist dein zu Hause? Gibt es das schon so lange?“.
„Nein natürlich nicht dieses Ferropolis mit den Riesenbaggern. Ich nenne mein zu Hause nur so. Meine eigentliche Heimat heißt so ähnlich.“.
„Ach so. Ich merke schon, du bist ein kleiner Spinner.“.
„Na wenigstens schreibe ich keine Geschichten!“. Damit hat es mich erwischt, an einer empfindlichen Stelle.

Zur Strafe ignoriere ich es und öffne die anderen beiden Eier. Diesmal passe ich genau auf, dass mir dieser Kerl die Schokolade nicht mopst. Im zweiten Ei sind – was für eine Überraschung – Zettel und ein Gespenst. Das gleicht dem Ersten wie ein Ei dem anderen. Ich lege es sicherheitshalber etwas abseits.

Das zweite Gespenst hat einen ziemlich verschlafenen Blick. Erst öffnet es das linke Auge, nur einen Spalt weit, so als komme es direkt aus den tiefsten Träumen hervor und muss sich orientieren. Dann passiert nichts. Plötzlich schüttelt es sich mächtig und eine dicke Staubwolke steht in meinem Zimmer. Die Stubenfliege bekommt Flugverbot. Als die Sicht wieder klar ist, die Fliege wieder fliegt, steht das Gespenst aufrecht vor mir.
„Danke! Du hast mich gerettet. Dein Staubsauger wird es schon richten.“, sagt es und verweist auf die dicke Staubschicht, die alles bedeckt.
„Ich komme geradewegs aus …“, weiter kann es nicht sprechen. Offensichtlich ist noch eine dicke Portion Staub in seiner Nase und kitzelt ihn. Prompt muss es niesen, nicht einmal, zweimal oder dreimal. Nein Siebenundsiebzigmal verteilt es seinen Naseninhalt in meinem Zimmer, nicht ohne den Staub erneut aufzuwirbeln. Es ist ein merkwürdiger Geselle!

Das dritte Ei enthält wieder Zettel und tausend, oder sind es gar dreitausend, verschiedene Einzelteile. Ich bin überrascht, denn ich hatte schon an ein drittes Gespenst geglaubt. Geschlagene zweidreiviertel Minuten benötige ich, daraus ein Viech, ein gefährliches Viech zusammenzusetzen. Es ähnelt einem Hund, dem Hund von Baskerville.
„Na das kann ja lustig werden!“, denke ich besorgt, „Zwei Gespenster und ein Kampfhund. Mein Wohnzimmer entwickelt sich zur Arena“, ich bin gespannt, wie es sich weiter geht.

Ich habe jetzt mehrere Optionen. Entweder ich sperre die drei Monster einzeln weg. Gespenster gehen gerne durch Wände. Was nützt das? Oder ich bringe den Kram wieder zurück in den Supermarkt. Allerdings ist die Schokolade bereits aufgefuttert. Sicher würden mir die Gespenster klammheimlich auf dem Heimweg folgen. Und dieses Hundetier ist unberechenbar. Ebenso scheidet aus, den ganzen Kram in die Mülltonne zu entsorgen. Das würden die womöglich übel nehmen. Und dann? Was wird aus mir?

Ich habe eine geniale Idee! Ich sperre alle drei zusammen in eine Schachtel und warte ab, was passiert. Ich glaube nicht, dass die sich miteinander vertragen werden. Zwei Gespenster sowieso nicht. Und der Hund von Baskerville beißt denen in den Hintern, mindestens. Dann schreien die oder heulen, wie kleine Gespensterkinder, die sich mit dem Hammer auf den Daumen gedroschen haben. Schnell hole ich ein passendes Teil aus dem Schrank und stopfe Gespenst eins und zwei sowie den gefährlichen Hund hinein. Dann rühre ich dreimal um, schließe den Deckel und schüttele das Ganze sehr gründlich.

Aus irgendeinem verrückten Grund, der sich mir allerdings nicht erschließen will, denke ich an Bibi Blocksberg. Liegt die auch manchmal in solchen bunten Eiern? Jedenfalls rufe ich

„Enemene Hühnerscheiße,
enemene Hundedreck!
Schnell Gespenster aus dem Ei
und Hundetier weit, weit weg!
Hex hex!“

Die LEDs in meiner Deckenlampe flackern plötzlich.
„Stromschwankungen, das kommt vor!“, denke ich im ersten Augenblick. Allerdings befürchte ich, dass der etwas verunglückte Reim die Kraftwerke der Umgebung lahmlegen könne.

Meine Zettelschachtel

Meine Zettelschachtel

Plötzlich ist Ruhe im Karton. Es ist kaum noch etwas zu hören.
„Es raschelt nur noch – höchst verdächtig!“. Mit allergrößter Vorsicht lüfte ich den Deckel ein wenig. Ich schaue hinein.
„Was ist das? Da liegen nur noch drei Zettel drin!“, stelle ich verwundert fest.

Es sind drei Zettel von Yvonne. Sie veranstaltet jede Woche einen Schreibworkshop im Café Jasmin in Frankfurt-Fechenheim. ‚Schreibworkshop – Mit Yvonne und ihren Zetteln‘ nennt sich die Veranstaltung. Neulich habe ich Yvonne auf dem Rückweg im Auto mitgenommen. Wir wohnen im selben Stadtteil von Frankfurt. Und da sind aus Yvonnes Handtasche zwei Zettel geflohen. Aber in der Schachtel flattern doch drei Zettel herum! Haben die … Geht das bei Zetteln etwa auch? Wie funktioniert das? Zum Glück bin ich nicht neugierig!

Ja, das mit den Frauenhandtaschen ist schon so eine Sache. Sie sind riesengroß, innen vor allem. Und dunkel ist es da drin auch. Eine Innenbeleuchtung wäre bestimmt eine sinnvolle Erfindung.
„Also Erfinder, ran an den Speck!“. Oder sollten sich lieber Erfinderinnen des Falls annehmen? Die haben gleich eine Armada von Versuchsobjekten griffbereit. Vielleicht finden sie beim Erfinden ja auch irgendetwas ganz Wichtiges, dass sie seit Jahren in der Handtasche vermisst haben.

Wer weiß schon, was da alles drin ist, in so einer Handtasche. Ein Mann kann das niemals verstehen. Was frau braucht, liegt garantiert unten. Und oben macht sich der Kram selbstständig. Das typische Handtaschen-Paradoxon. Die zwei Zettel lagen neben dem Beifahrersitz in meinem Auto. Und nun beamten sie sich in diese Dose. Das liegt gestimmt an dieser Handtasche. Oder an meinem genialen ‚Hex hex‘.

Was steht auf den Zetteln drauf?

Die Zettellei

Die Zettellei

Tannengrün: Das Gespenst von Canterbarg

Mondnachtblau: Das Überraschungs-Ei

Schlüpferrosa: Eyjafjallajökull

Sie sind eigentlich für Workshopteilnehmer bestimmt. ‚Schreibe eine Geschichte, in der diese Dinge auftreten‘, lautet die Aufgabe. Darf ich die nun als erfüllt abhaken?