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Heute geht es um eine große Plastikflasche, einen Tsunami, noch einmal um zwei Dixiklos auf der Autobahn, einen Rettungswagen, der nicht vorbei kommt, Geisterfahrer im Stau, Wecker im Polizeiauto, ganz viel Bier und betrunkene Retter!

Es ist inzwischen ein paar Jährchen her. Ich erinnere mich immer noch gerne daran. Doch als ich damals in diesem Stau stand, war viel Wut in mir.

So geht die Geschichte weiter:

Ich kehre schnell wieder um, als ich die Situation begriffen habe. Ich möchte die Damen nicht weiter stören. Es hat den Anschein, dass sich dort eine Schlange bildet. Die Damen der nächsten fünf Staukilometer möchten offensichtlich alle dieses wundervolle, erlösende Angebot wahrnehmen! Es ist wie im echten Leben. Vor jedem Damenklo bildet sich umgehend eine Schlange, die Herrenklos haben freie Kapazitäten.

Als ich wende, spricht mich ein Herr an. Er ist offensichtlich der Fahrer des Lasters, der neben dem Behelfsklo steht.

„Bleimse mal hier. Die Damen sind beschäftigt“, will er mich daran hindern, näher zu treten. Das ist nicht nötig, denn ich habe die Situation ja gerade aufgelöst. Dann erzählt er mir eine nette Geschichte.

Als er vorhin vom Acker zurückkam, schauten ihn die Damen aus dem Auto neben ihm total neidisch und mit leicht verkrampftem Blick an. Da hat er ihnen erst seine große Plastikflasche, die er für solche Notfälle immer parat hat, angeboten.

„Die ist ordentlich ausgespült“, sagt er. Wegen einer Pinkelpause, fährt er nämlich nicht extra auf eine Raststätte. Die acht Stunden Fahrtzeit, die er zur Verfügung hat, sind einfach zu kostbar. Er erledigt alles beim Fahren. Wie das ist, wenn er Bauchgrummeln verspürt, so richtig heftige Bauchschmerzen meine ich, hat er nicht erwähnt. So wie der aussieht, hat es dafür aber auch eine Lösung an Bord. Vielleicht ist dafür diese OBU – on board unit – zuständig (Witz von mir!)? Jedenfalls konnten die Damen noch lachen, als er ihnen die Flasche angeboten hat. Sein zweiter Vorschlag war der, wie sie ihn jetzt praktizieren. Vor zwei Stunden haben sie ihn noch ausgelacht und dankend abgelehnt.

„Da hat’s noch nicht genügend gedrückt!“ Er hatte natürlich angeboten, dass er seinen Logenplatz, da oben in seinem Lastercockpit, verlässt, wenn sie sich zwischen die Autos hocken.

„Alles nur eine Frage der Zeit“, meint er. Nach zwei Stunden haben sie es nicht mehr ausgehalten. Mit total verkniffenen Augen haben sie an seiner Tür geklopft, ihn geweckt und gebeten auszusteigen.

„Zwei Stunden, das ist eine echte Spitzenzeit! Das langt fürs Buch der Rekorde!“ ergänzt er. „Hoffentlich sind die Gullis hier nicht verstopft, sonst gibt’s auf der A9 ‘nen Tsunami!“ Schlimmstenfalls wird es auf dem Acker versickern, denke ich.

Vor Jahren hatte er schon einmal solch eine Situation. Das war irgendwo im Sauer- oder Siegerland. Da stand direkt vor ihm ein Transporter mit acht Dixiklos drauf. Der sollte die zu einer Baustelle bringen. Als es bei den Frauen gar nicht mehr ging, hat er einfach zwei Klos abgeladen und mitten in die Rettungsgasse gestellt. Zwei oder drei starke Männer können diese blauen Dinger durchaus bewältigen.

„Da kamen die alle angerannt! Beinahe hätten die sich gekloppt, so dringend war es bei manchen. Aber die konnten kaum noch laufen, mussten die Beine zusammenkneifen, damit es nicht kommt.“ Ich habe den Eindruck, dass er solch einer Prügelei beizuwohnen, nicht abgeneigt war und die Situation genossen hat.

„Ausgerechnet, als beide Kabinen besetzt waren, kam ein Notfallwagen mit Blaulicht angesaust. Stundenlang war Ruhe. Ausgerechnet jetzt wollte einer durch. Hat er eben Pech gehabt, musste warten, bis die fertig waren und wir die Rettungsgasse geräumt hatten. Die ganze Zeit lief seine Sirene. Die Damen in den Kabinen hatten die totale Panik. Wir haben überlegt, ob wir die Klos samt Besatzung zur Seite schieben. Dann wären die aber bestimmt vom Sitz geknallt und gestorben. Die Rettungsfahrer haben sich köstlich amüsiert, als sie sahen, wie die Beiden da hektisch herausgetorkelt kamen. Beinahe hätte die eine auch noch ihre Hose verloren und wäre fast hingeknallt. Zum Glück war der Notarzt nicht weit.“ Mit einem Grinsen, das Bände spricht, ergänzt er schelmisch, „Eine hatte sich vor Schreck auf die Hose gepinkelt – Alles Amateure! Die sollten das mal auf der Autobahn bei Hundert und mit drei Meter Abstand zum Vordermann üben. Bei mir geht kein einziges Tröpfchen daneben!“ In diesem Moment zweifle ich an seinen anatomischen Fachkenntnissen.

Das Schöne an dieser Unterhaltung ist, dass wieder ein Viertelstündchen vergeht, ohne dass ich dreiunddreißigmal ungeduldig auf meine Uhr schauen muss.

Ich sitze wieder in meinem Auto. Zum Glück hatte ich mir vor der Abfahrt noch eine große Flasche Mineralwasser eingepackt. Allerdings ist der Weg über den Acker inzwischen mit Vorsicht zu genießen. Hunger ist auch kein liebenswerter Geselle. Um den zu betäuben, versuche ich erneut zu schlafen. Hier tut sich ja nichts. Nicht einmal der Verkehrsfunk bringt Abwechslung. Immer nur dieselbe Leier:

„A7 zwischen Bad Berneck und Marktschorgast – Vollsperrung wegen eines LKW-Unfalls. PKW-Fahrer werden gebeten in Bad Berneck abzufahren und die U777 zu benutzen! …“

Die könnten doch mal einen Geisterfahrer schicken? Das wäre eine spannende Abwechslung, denke ich. Ja, nach drei Stunden in der Vollsperrung braucht man sich nicht zu wundern, wenn solche bekloppten Gedanken geboren werden.

Es wird langsam dunkel. Das Schlafen ist mehr ein unruhiges Dösen. Sämtliche Hoffnungen, noch in diesem Leben aus der misslichen Lage heraus zu kommen, sind längst gestorben. Alle ergeben sich ihrem grausamen Schicksal. Wenigstens muss ich nicht alleine dahinscheiden.

„Ist hier überhaupt genügend Platz für so viele Kreuze?“, überlege ich verzweifelt. Ach wie gut geht es diesen wilden Truckpiloten, die über den Sturzacker geflohen sind. Die liegen längst in den Armen ihrer Liebsten. Und ich …

„Achtung! Achtung! Hier spricht die Polizei! Liebe Autofahrer, bitte aufwachen. Die Fahrt geht in wenigen Minuten weiter!“

Im ersten Moment glaube ich an einen bösen Traum. War ich richtig tief eingeschlafen? Doch dann kapiere ich, was sich abspielt. Das ist echt! Das ist pure Realität! Die Polizei – dein Freund und Retter! Und „Liebe Autofahrer!“ haben sie gesagt, „Liebe Autofahrer!“. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Ich bin von einem Augenblick auf den nächsten Lidschlag hellwach. Mein Leben hat wieder einen Sinn!

Auf der Gegenfahrbahn fährt ein Polizeiauto mit Blaulicht ganz langsam unseren Stau entlang und weckt mit seiner Lautsprecheranlage die Schlafenden. Inzwischen ist es dunkel, kurz vor elf am späten Abend.

Hektik entsteht. Alle müssen hurtig ihr Nachtlager wieder abbauen, die Fahrtposition auf den Sitzen einnehmen. Ob das Versprechen, dass es in wenigen Minuten weiter geht, gehalten wird? Bestimmt meinen die, in ein bis zwei Stunden mutiert die Vollsperrung in ein zähes ‚Stopp and Go‘!

Ich denke noch einmal an das Behelfsklo hundert Meter weiter hinten. Sind alle Bedürftigen in der Zwischenzeit drangekommen? Schaffen es die Wagen auf der überfluteten Fahrbahn, anzufahren?

Keine zehn Minuten später erkennt man, dass es vorne weiter geht. Schnell den Motor anlassen und einen Moment später geht die Fahrt los. Es ist so, als wenn nichts gewesen wäre. Mit zügigen hundert, dann sogar hundertzwanzig Klamotten geht es gen Heimat.

Ursache für den Stau war ein gekenterter Bierlaster. Der musste aufgerichtet werden. Das kostbare Bier wurde von den Rettungsmannschaften mit Trinkhalmen von der Straße gesaugt. Dann lagen die brezelbreit auf den Asphalt und mussten ihren Rausch ausschlafen. Anders kann ich mir wirklich nicht erklären, weshalb die Autobahn über fünf Stunden lang total gesperrt war.

Gibt es noch eine Steigerung?

Ich klemmte mal anderthalb Stunden lang kurz vor der Abfahrt nach Hause, in Sichtweite meines Ziels, in schlappen fünf Kilometer Entfernung, die hätte ich bequem zu Fuß gehen können, in einem Stau fest. Wenn wenigstens die nahe Abfahrt frei gewesen wäre! Ich hätte einen Psychologen gebrauchen können! So etwas macht wirklich fix und fertig.


Teil 1 dieser Geschichte

Teil 2 dieser Geschichte