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Hallgrímskirkja

Hallgrímskirkja

Ein Islandtief kommt selten allein

Wer nach Island kommt, sollte sich auf dieses typische Wetter einstellen. Egal, ob es Sommer oder Winter ist. Es ist immer sehr extrem, hat von allem etwas zu bieten. Nur eines gibt es auf Island nicht: Hitzewellen.

Eine Besonderheit hat das Wetter auf Island. Es ändert sich sehr schnell. Die Isländer sagen:

„Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten.“

Da ist etwas Wahres dran. Aber nach weiteren fünf Minuten, manchmal sind es auch zehn Minütchen, ist das Wetter schon wieder anders.

Bei meiner letzten Reise hatte ich fast alle denkbaren Wettererscheinungen. Richtiges Mistwetter in Form von Schneesturm, Regen, Wind und schönes Wetter mit blauem, strahlendem Himmel, sowie jede denkbare Mischform. Beliebt ist waagerechter Regen. Immerhin hatte der isländische Wettergott dann Erbarmen, wenn es etwas zu besichtigen galt. Wäre ich eine Woche später gereist, würde ich jetzt als Schneemann durch die Weltgeschichte spazieren und hätte wahrscheinlich nicht so viel erlebt.

Nach Island kommt man entweder von Dänemark aus mit der Fähre. Einschließlich Zwischenstopp auf den Färöer Inseln schafft man die Strecke in zwei Tagen und kommt in Seydisfjordur nahe der Stadt Egilstadir im Gebiet der Ostfjorde an. Eine halbe Runde herum um Island, die südliche Route ist ein wenig kürzer, und man ist in der Hauptstadt Reykjavik. Die Strecke ist angenehm zu fahren und sehenswert – wenn das Wetter mitspielt. Die Alternative zur Schiffsüberfahrt ist der Flug.

Mitte Februar sitze ich im Flieger nach Keflavik. Etwa auf Höhe von Þingvellir, dem alten isländischem Parlamentsplatz, reißt die Wolkendecke auf und ein wunderschönes Winterpanorama des Hochlands lässt die Vorfreude auf Kommendes Luftsprünge vollführen. Die Landung ist dann Routine, sowohl für den Piloten als auch für mich. Schließlich ist dies mein dritter Besuch auf dieser Insel. Zwischen dem Blick auf das sonnenstrahlende Hochland und der Landung liegen wenige Fünfminuten-Abschnitte. Ein leichter Schneesturm entwickelt sich gerade zu einer lästigen Wetterkapriole.

Auf der Busfahrt nach Reykjavik kommt Freude auf. Nicht beim Busfahrer, der routiniert und vorsichtig fährt, aufpassen muss, nicht von der Straße geweht zu werden. Die zulässigen 90 km/h auf dieser Schnellstraße sind heute eher ein Witz. Links und rechts der Straße liegen große Lavafelder. Links kommen zwischen den Schneeflocken immer wieder die Buchten des Atlantiks zum Vorschein. Ich jubiliere:

„Angekommen!“

Das ist Island, eine Insel aus Eis, Wasser, Klamotten, Moos, Licht und Feuer. Der Ausbruch des Bárðarbunga liegt in den letzten Zügen. Inzwischen kommt aus der Vulkanspalte Holuhraun keine Lava mehr heraus. 85 Quadratkilometer von der glühenden Pampe reichen ja auch erst einmal! Aber das weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch hoffe ich insgeheim, dass eine klitzekleine Aschewolke meinen Rückflug ein wenig verzögert. Unter dem Bárðarbunga schlummern 100 bis 200 Kubikkilometer Lava und warten … Einige Geologen warnen bereits. Der Bárðarbunga liegt unter Europas größtem Gletscher, dem Vatnajökull. Wenn dieser Vulkan ausbricht, dann wird es lustig! Nach dem Ausbruch ist jedenfalls vor dem Ausbruch. Außerdem sind einige andere Vulkane überfällig. Die Hekla wäre etwa 2010 an der Reihe gewesen. Wer weiß, was sich da so zusammenbraut! Für Isländer sind Vulkanausbrüche Alltag. Sie sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.

Das Hotel liegt fünf Gehminuten hinter der Hallgrímskirkja, dieser bekannten Kirche in Basaltarchitektur. Die Lage ist einfach ideal! Kurze Zeit später befinden wir uns auf dem Weg in die Stadt. Wenn man bei Schneegestöber losläuft müsste man bei Sonnenschein, abends eben bei Mondschein, an der Kirche ankommen, zumindest theoretisch. Ab jetzt ist jede Sekunde kostbar! Jeder Augenblick muss genutzt werden. Ich bin auf Island! Das Wetter ist ziemlich schnurzpiepe!

Reykjavik ist keine Hauptstadt im üblichen Sinn. Sie ist anders, ganz anders, wie alles in diesem Land. Auch wenn Zweidrittel aller Isländer im Großraum Reykjavik leben, ist die Stadt recht überschaubar. Aber genau das macht sie so angenehm. Es gibt sehr viele kleine Läden, nette Gaststätten und viel zu sehen. Bei guter Sicht schaut man bis zum Snæfellsjökull, einem Gletschervulkan, der jener nördlich von Reykjavik liegenden Halbinsel Snæfellsnes ihren Namen gab. Dort ist übrigens der Einstieg zu J. Vernes Mittelpunkt der Erde! Die Regierungsgebäude, wie Parlament und Sitz des Ministerpräsidenten sind ansehnlich, aber eher unspektakulär. Weder Zaun noch Security sind erkennbar. Haben die den keine Angst, geklaut zu werden?

Woran erkennt man einen Isländer? An seiner Sprache, wenn man auflöst, dass es sich um isländisch handelt. Ansonsten sind mir keine Besonderheiten aufgefallen. Den typischen Islandpullover tragen auch viele Besucher. Nett und hilfsbereit sind sie. Das gibt es anderswo auch. Viele Isländer gibt es sowieso nicht. 330.000 sollen es sein. Das stelle man sich vor: Ein Land, mit so wenigen Einwohnern, das richtig funktioniert. Man muss ja noch die Kinder, Omis und Opis abziehen. Was dann übrig bleibt, muss alle notwendigen Jobs erledigen: Knastologe und Polizist, Friedhofsgärtner und Hebamme, Verkäufer und Lehrerin, Museumsdirektor, Landwirt, Hotelier, Busfahrer und Fremdenführer, Regierungschef und Oppositionsführer, Politesse und Politesserich, Krankenschwester und Kranführer, Kneipenbesitzer und Künstler, … Mir ist völlig schleierhaft, wie Island existieren kann. Na gut, da ist vieles unkomplizierter, von der EU wollen die Isländer nichts wissen. Das gibt einen Sympathiepunkt extra.

Island ist reich. Na gut, 2008 gab es einen mächtigen Bankencrash. Die 4 großen Banken sind zusammengebrochen. Deren Chefs üben seit Kurzem den Beruf eines Knastologen aus. Aber inzwischen hat sich Island deutlich erholt, Schulden rechtzeitig beglichen. Trotzdem ist das Leben teuer. Sehr vieles muss eingeführt werden. Und ein Wechselkurs von 150 ISK zu 1 Euro ist auch für uns keine Kleinigkeit.

Island ist reich. Dort leben mehr Schafe als Einwohner. Über einhunderttausend Islandpferde gibt es. Sage nie: Islandpony! Auch Kühe werden gehalten. Aus der Milch macht man Skyr, ein joghurtähnliches Milchprodukt, auf das die Touris mächtig abfahren. Energie haben sie im Überfluss. Mit Thermalenergie aus der Tiefe wird geheizt und Strom erzeugt. Wasserkraft gibt es ausreichend. Kohle- und Kernkraftwerke: Fehlanzeige – brauchen die nicht! Notfalls wird ein Vulkan angezapft! Ja, das machen die Isländer. Der Vulkan Eldfell auf den Westmännerinseln, der zuletzt 1973 ausbrach, wird noch heute zur Warmwassererzeugung genutzt! Bis alles im Vulkaninnern abgekühlt ist, dauert es eine kleine Ewigkeit.

Faszinierend ist auch die Tatsache, dass viele Gehsteige in Reykjavik eine Fußbodenheizung haben. Das war bei unserer Stippvisite praktisch, denn das Schneegestöber dauerte noch an, hielt sich einfach nicht an die Fünfminutenregel!

Island ist ein Land der Künste. Unglaublich viele Skulpturen stehen im ganzen Land herum. In der Hauptstadt gibt es viele kleine Galerien und Museen. Auf ein Museum werden alle Touris ganz besonders hingewiesen. Das Penismuseum stellt jetzt sogar ein menschliches Organ aus. Ich war noch nicht in diesem Museum. Aber bei den obligatorischen Stippvisiten in den örtlichen Keramikabteilungen habe ich mal gepeilt, wie so etwas aussieht. Diese hier, im Norden, lag leider nicht auf meiner Strecke. Wozu braucht man solch ein Museum? Island ist eben anders!

Die Verpflegung in Island ist fantastisch bis abenteuerlich. Dazu später mehr. Am ersten Abend war ein Italiener unser Ziel. Es musste schnell gehen. Erstens hing der Magen bereits auf Höhe, besser gesagt auf Tiefe der Kniekehle. Zweitens kann man beim Italiener nichts falsch machen, selbst dann, wenn man die Landessprache nicht beherrscht. Und drittens sollte es schnell gehen. Am nächsten Morgen mussten wir früh raus, der eigentliche Start der Tour stand auf dem Programm.

Reykjavik zur Einstimmung war eine gute Idee!