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Wenn etwas schief geht, dann geht es so richtig daneben. Roman scheint vom Glück endgültig verlassen worden zu sein. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Es lief doch so gut, ging nur aufwärts. Er war erfolgreich. Na gut, dass mit diesem Kunden und der Versicherung und die Sache in der Firma. Das konnte er wirklich nicht vorhersehen. Und muss Anita auch solch ein Theater machen!

Autos sind Romans Leidenschaft. Nein, nicht die, mit dem Stern. Die sind sein Traum, vielleicht sein Ziel für die nächsten fünf Jahre. Auch diese fernöstliche Firma baut gute und große Wagen. Für die Großen ist er zuständig, da ist er der Spitzenmann im Verkauf.

Am liebsten hat er Firmenkunden. Kunden, die gleich eine ganze Fahrzeugflotte für den Vorstand ordern. Da lohnt sich das Geschäft wirklich, für den Kunden, seine Firma und ihn. Ständig kommt sein Chef, legt die Hand auf seine Schulter und sagt zu ihm, natürlich so, dass es die andern Verkäufer nicht mitbekommen:

„Kümmere Dich mal. Mach denen einen guten Preis, dann läuft das schon.“. So etwas spornt Roman gewaltig an.

Anita scheint für Roman ein Glücksgriff zu sein. Solch eine Wahnsinnsfrau findet man nicht alle Tage. Ihr letzter gemeinsamer Skiurlaub in den österreichischen Alpen war einfach klasse. Nur wenige Frauen können bei der Abfahrt mit ihm mithalten. Anita wäre ihm fast davongefahren, fast. Die anderen haben ihn wegen dieser Frau fast neidisch angeschaut. Und wie sie kochen kann! Mit ihr alt werden, ist eine gute Vorstellung.

Anita mag seinen Wagen, sein großes, schneeweißes Cabrio, das alle nur bewundernd anhimmeln. Sie genießt die Fahrten bei Sonnenschein über die Landstraßen. Nur zu schnell darf Roman nie fahren. Eigentlich schade, der Wagen hat doch so viele Pferde unter seiner Haube.

Manchmal glaubt Roman, sie wäre zu gebildet für ihn. Mitten in der Arbeit an ihrer Promotion steckt sie. Er selbst hat lediglich den Beruf eines Kaufmanns für Marketingkommunikation gelernt. Doch verkaufen kann er gut. Da ist er scheinbar ein Naturtalent. Das liegt an seinen Gelaber. Wenn er in Fahrt ist, kann man ihn einfach nicht unterbrechen.

„Außer, der Kunde sagt ‚Ja!‘ und unterschreibt.“. Anita meint, sogar der Papst würde sich von ihm Kondome andrehen lassen, wenigstens, um ihn wieder loszuwerden. Und selbst den Beduinen in der Sahara würde er Schlittschuhe verkaufen. Die wären noch stolz auf diesen Deal! Jedenfalls ist er heute ein erfolgreicher Autoverkäufer.

Seit einem Dreivierteljahr ist alles anders.

Zuerst war da die Sache mit seiner Reise nach Mallorca. Die Versicherung, mit der seine Firma zusammenarbeitet, lud ihn überraschend ein. Er hatte die Verkaufsziele für Autoversicherungen zum dritten Mal in Folge übererfüllt. Es war eine Art Belohnung.

Eine viertägige Weiterbildung im Autoversicherungsrecht sollte das sein, auf Mallorca. Der Flug war natürlich erster Klasse. Tatsächlich waren fast nur Aalen am Strand und zwei wunderschöne Ausflüge angesagt. Abends hatten sie eine fröhliche Zeit an der Bar. Die wenigen Stunden Seminar waren nur ein Alibi. Genau wie die Urkunde, die er mit heimgenommen hat.

Wer hat Anita eigentlich gesteckt, was dort gelaufen ist? Außerdem war die Reise schon vor über einem Monat. Sie hat geweint und kein einziges Wort gesagt. Nur ein zerknitterter Zettel lag auf dem Tisch.

„Viel Spaß mit Ulla!“, hatte sie groß draufgeschrieben und sich im Gästezimmer eingeschlossen. Sein Klopfen half nicht. Wahrscheinlich lag sie auf der Gästecouch und hat sich das Kissen auf den Kopf gepresst. So wie damals, als die Dame vom Tennisverein nach der Weihnachtsfeier bei ihm anrief und dummerweise Anita den Hörer abnahm. Klar, dass sie sauer war, damals und heute. Aber er kann wirklich nichts dafür. Diese Ulla stand direkt neben ihm an der Bar und hatte es darauf angelegt, ihn zu verführen. Nach dem dritten Cocktail ist es ihr schließlich auch gelungen.

„Oh Mann, hat die eine Oberweite! Und dieser Ausschnitt …! Da muss ein Mann einfach schwach werden!“, hatte er sich gedacht. Er war sich sicher, dass dieses amouröse Abenteuer, weitab von zu Hause, kein Problem ist. Er hatte sich wohl verrechnet. Hat er Feinde?

Am nächsten Abend kommt er ein wenig später heim. Ein Kunde hatte ihn aufgehalten. Anita ist nicht da, das ist nichts Besonderes, kommt öfter mal vor. Im Schlafzimmer stellt er fest, dass einige Dinge, die Sachen von Anita fehlen. Aufgeregt flitzt er durch die Wohnung. Nichts erinnert mehr an Anita. Selbst im Wäschekorb, der heute früh noch fast überquoll, ist nur seine Schmutzwäsche.

„Sie ist ausgezogen!“, stellt er fest, „Einfach so.“

Am nächsten Abend steht er bei ihr mit einem dicken Rosenstrauß und seinem unschuldigsten Entschuldigungslächeln vor der Tür. Anita macht sogar nach einiger Zeit auf und nimmt den Strauß wortlos entgegen. Da fällt ihm ein riesiger Stein, einer von der besonders großen Sorte, vom Herzen. Er nimmt sich vor, künftig bei Seitensprüngen noch vorsichtiger zu sein. Doch dann geht Anita, mit so einem schrecklichen Grinsen im Gesicht, einem Grinsen, das nur verletzte Frauen aufsetzen können, schnurstracks um die Hausecke zum Müllcontainer. Sie wirft die Blumen wütend hinein, lässt den Deckel des Müllcontainers so richtig nieder krachen und knallt Roman anschließend die Tür vor der Nase zu.

Da ist guter Rat teuer. Was soll er seinen Kumpels sagen, wenn sie in der nächsten Woche zu seiner Geburtstagsfete kommen? Wer kümmert sich um das Essen? Er kann doch nicht beim Pizzadienst anrufen und für mindestens fünfzehn Leute Pizza bestellen: dreimal Hawaii, dreimal Margherita, dreimal mit Thunfisch, einmal mit extra viel Champis, zweimal Calzone und für die Frauen fünf Pizza vegetarisch! Ach ja, zweimal sollte er mit Meeresfrüchten bestellen, sicherheitshalber. Und dreimal, viermal Vierjahreszeiten, für Überraschungsgäste. Er wird zum Gespött der ganzen Clique!

Drei Wochen später ist die Steuerfahndung in der Firma. Niemand kann sich einen Reim darauf machen, was die suchen. Etliche Computer und kistenweise Akten nehmen sie mit. Wie soll man da vernünftig arbeiten? Weitere zwei Wochen später wird er mitten in einem Kundengespräch zum Chef gerufen.

„Wichtig!“, sagt die Sekretärin mit so einem komischen Gesichtsausdruck und schaut gleich weg. Normalerweise himmelt die ihn regelrecht an. Fünf Minuten später ist er gefeuert.

Roman grübelt, was ihm vorgeworfen wird. Er kann sich keinen Reim darauf machen. Er war der beste Verkäufer. So viele Wagen wie er hat niemand verkauft. Sein Umsatz war fast doppelt so hoch, wie der vom Juniorchef!

Erst einmal gönnt er sich einen Tag Ruhe. Erst einmal ausschlafen, abschalten und durchatmen. Dann will er noch einmal zu seinem Chef gehen und mit ihm reden. So einfach lässt er sich nicht rauswerfen! Aber der Chef ist für ihn nicht mehr zu sprechen. Er soll die Papiere für den Dienstwagen umgehend zurückgeben, sonst … Die Sekretärin ist nicht mehr nett zu ihm. Einen Kaffee bietet sie ihm erst recht nicht an. Sie sagt nur, er sollte besser wieder gehen. Wenn der Chef aus seinem Büro kommt und ihn hier erblickt …

Roman grübelt. Er grübelt und findet keine Lösung für dieses Rätsel. Wenigstens hat er noch sein schneeweißes Cabrio. Auf den silbergrauen Dienstwagen verzichtet er gerne. Nun ist im Hof wenigstens wieder etwas mehr Platz. Die Nachbarin von nebenan, diese alte Schnepfe, die muss sich nicht mehr aufregen, dass sie mit ihrem rostgrauen Punto keinen Platz findet.

Zwei Tage später nimmt er sich vor, mal beim Arbeitsamt vorstellig zu werden.
Er kriecht heute extra früh aus den Federn. Gerade steht er unter der Dusche, da klingelt jemand Sturm an der Wohnungstür. Er will verärgert sein

„Moment bitte!“ in Richtung der Wohnungstür schleudern. Da hört er

„Polizei! Öffnen Sie die Tür! Sofort!“. Roman befürchtet, sie schlagen die Tür ein und macht schnell auf, wassertriefend und splitternackt, wie er ist. Mehrere Beamte drängen in die Wohnung. Die neugierige Nachbarin, diese alte Schnepfe, hat die Tür einen spaltweit offen und grinst ihn an. Wenigstens hat die ihren Morgenmantel an. Eine Polizistin hält ihm einen Durchsuchungsbescheid unter die Nase. Roman vergisst, seinen Zustand. Entsetzt liest er das Wort ‚Durchsuchungsbeschluss‘ und darunter seinen Namen und die Adresse seiner Wohnung.

„Ziehen Sie sich mal etwas an!“, sagt sie und belehrt ihn umständlich über seine Rechte. Sie ist eine junge Beamtin.

„Verdammt, weshalb gehen die schönsten Weiber zu den Bullen!“. Während er ihren blonden Zopf, der unter ihrer Dienstmütze schwingt, aus dem Augenwinkel bewundert, merkt er, dass er schnell etwas überziehen sollte. Er ist ein junger Mann, das wird ihm jetzt knallhart bewusst. Die Wäsche aus dem Schrank klauben, dauert ihm zu lange. Schnell zieht er den Schlafanzug, der im Badezimmer auf der Erde liegt, über, wenigstens die Hose.

„Nein, einen Rechtsanwalt, welchen Rechtsanwalt auch, brauche ich nicht!“ Er hat sich doch nichts zuschulden kommen lassen. Währenddessen kramen die anderen Beamten sein Arbeitszimmer durch. Seine Ordner, in die er alle Unterlagen immer fein säuberlich und ordentlich einheftet, wandern, einer nach dem anderen, in graubraune Umzugskartons. Er hat gar nicht mitbekommen, wann sie die hereingeschleppt haben.

Endlich hat er sich vollständig angezogen. Jetzt ist an Zähneputzen und Frühstücken natürlich nicht zu denken. Der Appetit ist ihm auch mächtig vergangen. Kaum eine halbe Stunde dauert die ganze Aktion. Während die Beamten die Kisten heraustragen, wird er gebeten mitzukommen. Nein, verhaftet sei er nicht, aber es gäbe noch eine Menge zu besprechen. Er könne sich natürlich weigern, aber … Und seine Papiere soll er unbedingt mitnehmen. Als sie gehen, klopft die Nachbarin, diese alte Schnepfe, ihren Türvorleger aus und schaut ihm fragend oder ist es eher triumphierend, nach.

Am späten Nachmittag darf er wieder nach Hause gehen. Einen Rechtsanwalt hat er nun auch. Der sagt ihm, dass es ein Fehler war, der Vernehmerin über die Angelegenheiten so freizügig Auskunft zu geben.

Jedenfalls weiß Roman nun, was er falsch gemacht hatte. Die für seine Beziehung mit Anita verhängnisvolle Reise war dabei das allerkleinste Problem.

Das weiße Cabrio hat er auch nicht mehr. Das wurde beschlagnahmt. Die Papiere hat man ihm einfach abgenommen. Dummerweise hatte er den Autoschlüssel am Bund. Morgen muss er den Zweitschlüssel samt Fahrzeugbrief vorbeibringen. Zwei Beamte sind wohl gleich losgefahren, seinen Wagen sicherzustellen.

Damit hatte Roman nicht gerechnet. Anita ruft ihn an. Zum ersten Mal seit Wochen telefoniert er nicht mit seinem Handy. Er wollte den Festnetzanschluss, diese unnötige Geldverschwendung, längst kündigen. Nun ist er froh, es immer wieder aufgeschoben zu haben. Ausgerechnet jetzt, da er so in der Klemme steckt, da er sich seit zwei Tagen richtig mies fühlt, ruft sie an. Er reißt sich zusammen und will sich bei ihr entschuldigen. Er schöpft Hoffnung, dass sich wenigstens das Problem mit Anita beheben lässt. Etwas Trost von ihr, würde ihm sehr guttun!

„Ja, das war blöd von mir! Entschuldige Schatz. Die hat mich regelrecht eingewickelt und ich hatte schon ein paar Glas Schampus inne und zwei oder drei Cocktails. War nicht mehr zurechnun…“. Weiter kommt er mit seinen Worten nicht. Anita unterbricht ihn.

„Halt die Klappe! Dein Gesülze interessiert mich nicht. Meinetwegen kannst du mit dieser Ulla dreimal am Tag herummachen oder zehnmal. Erzähl lieber, was mit dir los ist!“, giftet ihn seine Ex an. Roman begreift nicht, was sie meinen könnte.

„Nichts ist mit mir los. Mir geht es gut. Na ja, außer, dass mit uns nicht alles so ist, wie ich es mir wünsche!“

„Papperlapapp! Rede kein Blech! Was ist los! Aber verkauf mir kein Auto! Deine Romane interessieren mich nicht! Fakten, will ich!“. Das war Klartext. Wenn jemand auf seinen Vornamen anspielt, sieht er normalerweise rot. Jetzt reißt sich Roman zusammen. Erst einmal sagt er nichts. Und Anita weiß, was es bedeutet, wenn Roman mehr als zehn Sekunden lang nichts sagt.

„Ich hatte heute ein Date mit einem netten Polizisten, direkt im Polizeipräsidium.“, nimmt Anita den Gesprächsfaden wieder auf.

* * *

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Zwischen Alltagswahn und Fankurve

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.

 

N.B.: Dominik Leitner veranstaltet ein Blogprojekt unter dem Titel *.txt. Alle 3 Wochen gibt er ein Wort vor, dass die Teilnehmer zu einem Text verarbeiten sollen. Das dritte Wort ist ‘abgrundtief’. Und dieses Werk ist mein Beitrag in diesem Projekt.

Die ursprüngliche Text ist deutlich länger. Für den Blogartikel habe ich ihn stark gekürzt. Schade, denn da gibt es einige nette Stellen drin, die leider dem Rotstift zum Opfer fielen. Vielleicht veröffentliche ich die vollständige Version des Textes bei Gelegenheit in einer Anthologie. Vorher wird er noch überarbeitet, denn jetzt sollte es recht schnell gehen. So ein Text muss schließlich reifen.