Schlagwörter

, , , ,

Schlimm, wenn Mitarbeiter den Chef mobben. Alois ist ein Mann, ein echter Kerl. Der schlägt zurück, wehrt alle Angriffe ab, wie den Ball beim Pingpong – gnadenlos! Wie hält man überhaupt beim Tischtennis die Kelle?

Alois erscheint mit einer halben Stunde Verspätung. Pünktlichkeit wäre für ihn, für seine Stellung, unangemessen. Man soll ihn vermissen, sorgenvoll
„Wo bleibt er denn?“, fragen und denken „Hat er schon wieder so viel zu tun? Der wird sich noch einmal totschindern!“

Doch auf dem alljährlichen Sommerfest seiner Firma denkt niemand an Alois. Im Gegenteil, es ist die schönste halbe Stunde des Abends. Die Kolleginnen legen keinen Wert auf solch einen arroganten Macho, den Herren ist dieser launische Angeber suspekt und die Chefetage nimmt ihn sowieso nicht ernst. Also schenkt ihm keine Menschenseele Aufmerksamkeit, als er endlich eintrifft. Alle stehen an runden Tischen, haben einen gut beladenen Teller vor sich, kauen, plaudern und lachen zwischendurch und trinken hin und wieder einen Schluck von dem köstlichen Wein. Der Alte hat ihn spendiert, aus den Tiefen seines Kellers hervorgezaubert. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung.

„Na gut!“, denkt Alois ein wenig eingeschnappt, „Dann gehe ich erst einmal an das Buffet.“. Das ist kein schlechter Gedanke, denn der Duft warmen Essens, wundervoller Köstlichkeiten erfüllt den kleinen parkartigen Platz hinter dem Bürogebäude. Auf einem Grill liegen Unmengen an Gebrutzeltem. Für jeden ist etwas dabei, nicht einmal eiserne Vegetarier würden verhungern.

„Ach, der Herr Ströverig ist auch schon da! Der Chef meinte schon, sie wollen ihre Mitarbeiter alleine lassen. Na ja, die Frau Krüger hat sie gut vertreten.“. Alois ist sauer. Muss diese Schnepfe die Erste sein, die ihm über den Weg läuft, die ihn anquatscht. Die Müssigbrodt, ausgerechnet die, die ist die Letzte, mit der er heute Abend sprechen möchte.
„Hatte zu tun“, gibt er wortkarg zurück.
„Ja, das verstehe ich. Das Angebot für die ‚Müller AG‘ ist seit vierzehn Tagen überfällig. Schön, dann können wir das ja morgen endlich rausschicken, wenn es der Chef unterschreibt. Hoffentlich kommt es überhaupt noch in die nähere Auswahl!“. Das ist genau das, was Alois nun wirklich nicht hören möchte. Dieses Angebot verdrängt er nämlich seit Wochen, nimmt sich täglich vor, es in Angriff zu nehmen. Unangenehme Arbeiten schiebt er gerne mal auf die lange Bank oder delegiert sie. Letzteres geht in diesem Fall leider nicht. Und, dass der Chef eines seiner Angebote beim ersten Anlauf unterschrieben hätte, …

„Nun greifen sie endlich zu! Wer so viel arbeitet wie sie, darf am Buffet auch kräftig zulangen!“ Das ist genau das, was Alois vorhat. Doch die Einladung dieser Dame ist überflüssig, würde auf den Appetit schlagen, wäre Alois nicht so hungrig. Großzügig schaufelt er von den Köstlichkeiten auf seinen Teller, schielt zwischendurch zum Tablett mit den Desserts. Salat nimmt er nur, weil man das so macht, er sonst womöglich als verfressen gelten würde. Dann greift er noch zu einem Glas mit Weißwein und sucht einen Platz.

„Kommen sie zu uns!“, lädt die Chefsekretärin, Frau Müssigbrodt Alois ein. Alois wundert sich mächtig, ausgerechnet von ihr eingeladen zu werden. Aber freie Plätze scheinen knapp zu sein. Er hat keine andere Wahl und hier rückt man für ihn ein wenig zusammen.

„Irgendetwas ist faul!“, denkt Alois. Er will erst einmal abwarten. Die Müssigbrodt steht mit seiner Vertreterin, Frau Krüger, einer jungen Kollegin aus dem Einkauf und dem Lehrling an einem Tisch. Innerlich verdreht Alois die Augen.
„Das sind ja gute Aussichten“, stöhnt er und beginnt zu spachteln. Er überlegt, wie er es hinbekommen könnte, zum Cheftisch zu wechseln. Aber der ist voll belegt. Und einfach hier wegzugehen, wäre nicht nur peinlich, sondern auch sehr unhöflich. Alois beschließt, erst einmal seinen Hunger zu stillen, alles andere wird sich ergeben.

Frau Müssigbrodt schaut ihm die ganze Zeit beim Essen zu. Alois fühlt sich unsicher. Er denkt, er macht irgendetwas falsch. Hat er sich doch zu viel von dem Braten aufgetan? Hätte er stattdessen mehr Salat nehmen sollen? Oder hat er sich schon bi den ersten Bissen bekleckert?

Alois ist sicher, dass sie genau diesen Moment, genau den, als er ein großes Stück Fleisch in den Mund schiebt, abgewartet hat.
„Haben sie ihrem Azubi schon gratuliert?“
Alois kann es gerade noch abwenden, sich zu verschlucken. Aber der Kaugummi, den er im Mund an die Seite geschoben hatte, ist futsch, verschluckt. Es gibt Schlimmeres, das weiß er aus Erfahrung. Heute hat er Ersatz eingesteckt. Nun ist er froh, durch den mehr als gefüllten Mund, Zeit gewonnen zu haben.

Krampfhaft grübelt er, wozu er dem Azubi gratulieren könnte. Er kaut bewusst langsam. ‚Geburtstag‘ scheint für ihn schließlich die Lösung zu sein.
„Allerdings, …, der hat doch neulich erst … Also Geburtstag ist es nicht. Das steht fest. Was bleibt da noch? Hochzeit, wenigstens Verlobung? Der Kerl ist jung, Azubi eben. Wie alt ist so ein Auszubildender eigentlich? Führerschein, nee, den hat er, …“. Alois ist ratlos und versucht unverfänglich loszulegen. Seine Gnadenfrist ist vorüber. Er schluckt den letzten Rest hinunter. Jetzt erwartet man etwas von ihm.

„Nein, ich bin heute noch nicht dazu gekommen. Tut mir leid! Sie wissen ja, wie viel im Moment los ist. Also lieber Manuel!“ Alois holt tief Luft. „Ganz herzliche Glückwünsche von mir. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Vor allem!“, Alois redet ihn plötzlich mit Sie an, schließlich ist er dessen Chef und macht eine bedeutungsvolle Kunstpause, „Vor allem wünsche ich ihnen einen erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung. Ich bin mir fast sicher, dass sie dann auch übernommen werden. Mich würde das riesig freuen. Sie wissen ja, dass wir Fachleute in unserer Abteilung dringend brauchen.“. Ein dicker Felsen fällt Alois vom Herzen. Er ist stolz, dass er das so gut hinbekommen hat. Eigentlich ist so etwas für ihn kein Problem. Die Müssigbrodt wird sich ärgern. Er überlegt, ob er dem Lehrling die Hand reichen soll, lässt es dann bleiben. Der ist schließlich der Azubi und er braucht noch Steigerungsmöglichkeiten. Außerdem hätte die Krüger ihn ja mal vorwarnen können, dass heute irgendein Jubiläum ansteht!

„Wissen sie eigentlich, wozu sie gerade gratuliert haben?“, fragt Frau Müssigbrodt mit schnippischem Unterton. Die anderen grinsen, bis auf Manuel. Der hat einen furchtbar roten Kopf, ihm scheint es peinlich zu sein. Zum Glück hat sich Alois schnell noch etwas in den Mund geschoben. Er ahnt, dass diese Dame wie ein gefräßiger Greifvogel, wie ein Geier über ihm kreist und nur darauf wartet, sich auf ihn stürzen zu können. Vorsichtshalber macht er ein Gesicht, das alle Optionen offenlässt.

„Ich will es ihnen verraten. Sie konnten ja gestern bei der kleinen Feier, na ja, es war mehr ein Stehempfang vom Chef persönlich, nicht mit dabei sein. Ist ja wichtig, dass das Auto wegen der Bremsen in die Werkstatt muss. Manuel hat am gestrigen Tag das Ergebnis der letzten theoretischen Prüfung erfahren. Das war erste Sahne! Und der Chef hat ihm einen Arbeitsvertrag zu Unterschrift hingelegt. Ja, ab August ist Manuel unser neuer Mitarbeiter, Fachkraft meine ich natürlich. Der Kollege Rabenstein freut sich über die Verstärkung in seinem Team! Und eine Prämie hat er auch bekommen, bei solch einem grandiosen Abschuss!“. Wow, das hat gesessen. Die Blamage wegen der verschusselten Gratulation wäre ja gerade noch verkraftbar. Alois weiß, dass er eigentlich jeden Geburtstag seiner Kollegen verpennt. Aber dass dieser Azubi in Kürze in der Nachbarabteilung arbeitet, ist ein regelrechter Schock für ihn. Er fragt sich schon lange, weshalb die so wachsen. Drei Neue wurden da in den letzten Monaten eingestellt. Und nun auch noch der Lehrling. Bei ihm passiert dagegen nichts. Höchstens, dass Marianne in Kürze in Rente geht. Na gut, auf die verzichtet er gerne. Die hängt doch andauernd mit der Müssigbrodt zusammen.

„Du hättest mir ja mal einen Tipp geben können, Claudia“, sagt er vorwurfsvoll zu seiner Vertreterin.
„Ich war heute dreimal bei Dir. Das hast du wohl schon vergessen. Zumindest versuchte ich, ein paar Dinge mit Dir zu besprechen. Du warst aber so beschäftigt, …“. Da hat sie recht. Er hat sie immer abblitzen lassen, wollte seine Ruhe haben.
„Ich musste zwei Details für die ‚Müller AG‘ klären. Du weißt, wie dringend das war.“
„Ja, komm gleich morgen früh zu mir, sagen wir kurz nach zehn, muss vorher noch zum Zahnklempner – Jahresinspektion.“
„Täte Ihrem Auto auch mal gut!“, wirft die Müssigbrodt lachend ein.
„Zahnklempner?“, Alois tut so, als sei er begriffsstutzig, meint das lenkt jetzt vom Thema ab. Er ist ein Meister darin, Gesprächen eine Wendung zu geben.
„Egal, Hauptsache Jahresinspektion!“, ergänzt die Chefsekretärin, „Lassen sie sich Zeit beim Zahnarzt. Sie müssen nicht hetzen. Zumindest nicht wegen des Müller-Angebots. Der Chef hat es kurz vor Feierabend unterschrieben, ich habe es gleich hin gefaxt.“

„Blöde Ziege!“, denkt Alois. Erst lästert sie, weil das Angebot noch auf seinem Schreibtisch lungert, dann ist es längst raus. Überhaupt, wie konnte Claudia, die ist schließlich nur seine Vertreterin, keine dreißig, eigentlich ein völlig unerfahrenes Ding, das Angebot fertigstellen? Die hat doch keinen Funken Ahnung!

Alois ärgert sich. Er ärgert sich über alle, über Claudia, die ihm wenigstens einen Zettel hätte rüberschieben können, über den Rabenstein, den Azubi und diese Müssigbrodt sowieso. Die ist die Strippenzieherin, die weiß alles, die fädelt alles ein und immer gegen ihn! Stets heimlich und dann hat sie die große Klappe. Nur ihre Freundinnen wissen Bescheid, jederzeit!

* * *

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Zwischen Alltagswahn und Fankurve

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.

 

NB: Das ist mein Beitrag zu einem Projekt des Blogs www.westendstorie.com. Dort werden die zehn Worte

frigide, Schattenspiele, Greifvogel, Krokus, grotesk, Strippenzieher,
Tango, Email, liebevoll, Rilke

vorgegeben. Daraus soll nun eine Geschichte geschrieben werden. Die Vorgabe ist, etwa 30 Minuten lang zu schreiben. Das müsse reichen, diese zehn Wörter zu verwurschteln. Ich habe ein klitzeklein wenig länger gesessen.