Schlagwörter

, , , ,

Viele Worte um nichts? Reden um den heißen Brei herum? Einmal Scrabble und zurück? Schnell Mal drei Kreuzworträtsel, ein Rebus und zwei Silbenrätsel lösen. Nein, das war es wirklich nicht!

Los ging es vor Jahrzehnten. Kaum konnte ich mein süßes Näschen, damals war es noch ein besonders süßes Näschen, über die Tischplatte recken, entwickelte sich bei mir eine Leidenschaft. Ich liebte es, wenn Mama, Papa oder die lieben Großeltern etwas vorlasen. Dies taten sie gerne und oft. So manches Mal fielen dem Kleinen am Abend beim Geschichtenhören die Äuglein zu. Das war beabsichtigt, wie ich heute weiß. Manches war allerdings grenzwertig, für die schwachen Kindernerven eine Strapaze. Musste der böse Wolf ausgerechnet die sechs Geißlein und das liebe Rotkäppchen verschlingen! Der Rhabarber aus dem Garten von Schneewittchens böser Stiefmutter hätte es doch auch getan! Und das Bauchaufschneiden, Wackersteine Reinlegen und Zunähen fand ich ebenfalls furchtbar, selbst beim bitterbösen Wolf. Warum wurde er nicht in den Bielefelder Zoo strafversetzt? Die heutigen Kinder sind da deutlich abgehärteter. T. Schweigers Arsch beim Tatort ist für sie Lachnummer und Schlaftablette in einem.

Das mit dem Näschen hat sich verwachsen, die Leidenschaft blieb. Und heute lese ich selbst vor – leidenschaftlich gerne.

* * *

Massen strömten zum Café Jasmin in Frankfurt-Fechenheim. Das ist verständlich, denn dieses Café ist berühmt und berüchtigt. Berühmt wegen der regelmäßig stattfindenden Lesungen und kleinen Konzerte, berüchtigt wegen der Leckereien, die es dort gibt. Ich habe Letztere ausgiebig getestet. Kalorien waren nicht zu entdecken, nur beste Zutaten. Meinen Bauch möchte ich an dieser Stelle nicht erwähnen. Der kann doch nicht von diesem wundervollen Flammkuchen stammen? Wo kommt der überhaupt her, der Bauch? Ich esse doch fast nichts!

Das Café war voll, krachend voll, selbst Stehplätze waren knapp. Es versprach, ein schöner Abend zu werden. Meine Fangemeinde war versammelt, nicht nur meine. Die Akteure hatten ihre persönlichen Betreuer dabei. Meine Chefin sagte „Wird schon!“, was so viel heißt, wie „Bleib ruhig, Junge!“. Mein Puls senkte sich daraufhin um sagenhafte 0,27 Schläge pro Minute.

Dann ging es los. Ein paar nette Worte stimmten die Gäste auf das Ereignis ein. Die Autoren des ARS Autoren RheinMain Stammtischs hatten zu einer Gemeinschaftslesung geladen, so wie schon ein paar Wochen zuvor.

Patrick Hemling

Patrick Hemling

Damit es nicht so trocken losgeht, hat der Gitarrist Patrick Hemling erst einmal für Stimmung gesorgt. Das erwies sich als gute Idee, nicht nur wegen der tollen Akkorde, sondern auch zum Glätten meiner etwas aufgeregt hopsenden Stimmungskurve.

Yvonne Pioch begann. Es war ein steiniger Weg. Nicht, der Weg von Yvonne, sondern der ihres ersten Protagonisten. Denn der ist ein bunter Stein, heißt Keith, wie dieser Richards, wird auch Kies genannt und ist inzwischen sogar als Kolumnist der Literaturzeitschrift „Die Schreibmaschine“ tätig.

Anschließend las sie aus ihrem Fantasy-Roman „Altraterra“. Ich bin ja eigentlich kein Anhänger von Fantasy-Literatur, aber inzwischen habe ich einige Passagen aus dieser Geschichte gehört und werde immer neugieriger. Man sagt ja, dass sich der Mensch alle sieben Jahre völlig erneuert. Wenn ich mein Alter nun durch sieben teile, ergibt sich, dass ich erst in 5 Jahren wieder dran. Da hat Yvonne noch viele Chancen, mich zur Fantasy-Lektüre zu bekehren. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe, das ist die von Yvonne. Ich werde mich nicht widersetzen. In einem halben Jahrzehnt habe ich bestimmt alle drei Teile ihres Werks gelesen und bin ihr glühendster Fan. Ansätze spüre ich bereits in den Innereien zucken. Zurzeit arbeitet sie wie wild am zweiten Part. Die Begeisterung der Zuhörer hat ihr sicher gutgetan, sie zum Schreiben ermuntert. Das war ein Klasse Auftakt der Lesungen.

Mitten im Fanblock

Mitten im Fanblock

Dann trat Ruhe ein. Allerdings nicht in meinem Innern. Da pochte irgendetwas wie verrückt. Aber der Mann von heute lässt sich nichts anmerken. Yvonne stellte mich vor und versprach, dass die Damen nun die Chance hätten, ein wenig zu Männerverstehern zu werden. Diese Chance wollte sich niemand entgehen lassen! Ob wirklich eine glaubte, dass es gelingen könne? Ich bin skeptisch. Jedenfalls las ich dann aus der Geschichte „Weg im Sturm – Eine Frankfurter Liebesgeschichte“, die aus meinem Büchlein „Lieblich bis zartbitter“ stammt. Der Protagonist, er heißt Robert, hat Liebeskummer und läuft am Main entlang, grübelt, denkt und leidet. So, wie nur Männer leiden können. Ja, die Welt ist rätselhaft, Frauen besonders! Männer haben es schwer.

Bei der Lesung

Bei der Lesung

Um die Dramatik zu erhöhen, hatte ich mit der Küche verabredet, dass genau dann, wenn ich sage „… hierher hatte es ihn noch nie verschlagen.“, ein Glas lautstark auf den Küchenfliesen zerschlägt. Der Einsatz meiner Helfer kam auf die hundertstel Sekunde genau! Vielen Dank! Bei der nächsten Lesung werde ich zusätzlich ein Gewitter engagieren, das einsetzt, wenn mein Held am Kreisverkehr vor der Osthafenbrücke ankommt. Ich kann ja die Hausherrin nicht bitten, sekundengenau und versehentlich ein Glas Granatapfelschorle über die Gäste zu schütten, nur weil der Knilch in der Geschichte im Regen steht!

Lieblich bis zartbitter - Cover

Lieblich bis zartbitter – Cover

Leider war meine Lesezeit nach etwa 20 Minuten um und die Zuhörer konnten nicht erfahren, was nun aus der Liebe von Robert und seiner Isabell wird. Aber für besonders neugierige gibt es ja dieses Buch. Aus Anlass dieses besonderen Anlasses gab es dazu etwas Zartbitteres, wahlweise auch in der Vollmilchausführung und einen Gutschein. Mutige können damit eine kleine Rolle für sich in einer meiner nächsten Kurzgeschichten bestellen. Sie dürfen sich aussuchen, ob sie Schurke, Liebhaber, Prinz oder Hausfreund, lieb, schusselig, frech oder magersüchtig sein möchten, wann diese Geschichte spielt, ob sie Schmuck, Handschellen oder eine goldene Uhr tragen möchten, eine Ohrfeige, einen Kuss oder etwas Erotisches erleben möchten. Zwei ausgefüllte Gutscheine habe ich mit Heim genommen, mehrere Gäste wollen zu Hause in aller Ruhe überlegen, mit welchen Eigenschaften sie mich herausfordern werden. Au backe! Nun muss ich mir etwas ausdenken!

Es ist ein schönes Gefühl, wenn man ‚es überstanden‘ hat. Ich war zufrieden, denn ich sah zufriedene, lachende Gesichter, hörte Applaus. Irgendwie hat das Autorendasein etwas Theatralisches. Sind das Laminat in Jasmins Café, die Bretter, die die Welt bedeuten?

Interessenten  erhalten mein Buch:  „Lieblich bis zartbitter“ (auch als eBook erhältlich) bei Amazon, Thalia und anderen. Hier ist das Inhaltsverzeichnis: Inhaltsverzeichnis

Weiter ging es!

Jetzt las Robert Maier aus seinem Buch „Punkfurt“ (kein Schreibfehler!). Es spielt in den Achtzigern, beschreibt literarisch die Auseinandersetzungen um die Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Das waren vielleicht Zeiten damals! So lange ist das noch nicht her. Zum Glück waren keine Kinder anwesend! Robert hatte eine ganz heiße Szene ausgesucht! Sah ich da plötzlich rote Wangen bei meinen Fans, schauten sie verschämt …, upps! Die sind doch alle schon erwachsen! Die verkraften das – müssen sie! Auch Roberts Fanblock heizte die Stimmung an. Ich befürchtete, die Nachbarn des Cafés könnten sich wegen des tosenden Beifalls gestört fühlen. Ach, die hätten ja hierher kommen können. Auf irgendwelchen Schößen war bestimmt noch ein Plätzchen frei, wenigstens ein klitzekleines!

Musiker Patrick Hemling

Musiker Patrick Hemling

Nun kam wieder Musik. Das war gut so. Denn die Liebesproblematiken meines Helden und des Protagonisten von Robert, der nun echt in der Klemme saß, mit Handschellen irgendwo angebunden hockte, mussten irgendwie verdaut werden. Keith und Anne, das Mädchen aus Altraterra, sind nicht solche problembeladenen Figuren, noch nicht, aber Potenzial gibt es reichlich. Der Keith soll ja neuerdings eine Freundin haben! Ich weiß es aus allerbester Quelle. Ob die miteinander steinen? Pst! Nicht weitersagen!

Sicherheitshalber nenne ich an dieser Stelle den Namen des Musikers noch einmal: Patrick Hemling. Auch der hat Potenzial! Bestimmt wird der berühmt, verdient hat er das! Fans hat er längst!

Endlich! Endlich durften auch die Gäste schnattern, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Es war Pause und es gab viel zu erzählen. Mein Fanblock schien begeistert zu sein. Ja, dieser Flammkuchen mit Literatur, ersatzweise leckere Torte sind etwas anderes als im Büro vor dem Computer auf einem modernen Drehstuhl zu klemmen. Und meine Freunde aus dem fotografischen Milieu freuten sich über die Abwechslung. Endlich wurde mal nicht über Pixel, Belichtungszeit, Blende und Tiefenschärfe gefachsimpelt. Die Bücher der Autoren waren umlagert.

Nun kam der kulinarische Teil der Veranstaltung. Ich meine nicht die gastronomische Versorgung, die funktionierte seit Stunden bestens. Annette Kretzschmar las aus einem ihrer Bücher zum Thema Kräuter und Kräutergarten. Leckere Rezeptvorschläge, alles unendlich gesund, nette Geschichten und gute Gartentipps gab es dazu. Sie führt uns in ihren „Genussgarten“.

Ich erinnerte mich an einen Besuch im Gartenbaumuseum zu Erfurt. Da gab es so leckere Brote mit dem Gemähten der Wiese davor. Ich hätte damals nicht einen Cent darauf gesetzt, dass ich so etwas Gesundes überlebe. Ich lebe noch, habe sogar Gammelhai auf Island gefuttert. Und nun kam Annette mit ihrem Kräutergarten. Wenn wir jetzt nicht alle mindestens Hundertzwanzig werden! Quatsch mit Soße! Das war wirklich lehrreich, hat großen Appetit gemacht und uns gut unterhalten. Es ist Frühling, da hat dieses Thema wunderbar gepasst! Ich schätze, bei vielen Besuchern war am Wochenende Kräutersammeln oder selbst anbauen angesagt! Der Topf mit dem Duftveilchen „Rebecca“, den Annette rumgehen lies, duftete wie der leckere Wahnsinn. Hinterher sah der Busch mächtig angeknabbert aus.

Als letzte im Bunde der ARS-Autoren trat Katja Faßhauer ins Rampenlicht der Veranstaltung. Sie las aus ihrem Text „Der neununddreißigste Brief“. Die 38 Briefe davor unterschlug sie einfach, genau wie es dieser verrückte Professor in ihrem Text tat. Der 39. war der letzte, inhaltsschwerste und sicher auch spannendste Brief. Komisch, wie manche Leute von ihren Nachbarn gesehen, beobachtet und verehrt werden. Wie in der Nachbarschaft eines Mietshauses Erinnerungen und Gefühle hochkommen. Katja hat das meisterhaft in Worte gefasst und sehr emotional vorgetragen. Während sie las, schweiften meine Gedanken immer wieder ab. Ich kannte den Text bereits und lies es einfach geschehen. Es ist unglaublich, wie breit das Spektrum der Autoren, ihre Themen, die Schreib- und Lesetechnik gefächert sind. Katja, der Lyrikerin unter den Geschichtenerzählerinnen, gelingt es hervorragend, Stimmungen und Gefühle zu formen. Dagegen empfinde ich meinen Erzählstiel eher als geradlinig, rustikal. Dazwischen, links und rechts davon, drüber und drunter gibt es Tausende andere Erzählweisen. Ach ist es schön, dass wir alle so verschieden sind!

Wenn dieser Brief, wie geplant noch in diesem Jahr, in einer Anthologie erscheint, muss ich unbedingt …! Ich kenne schon eine weitere Interessentin.

Wie die Zeit vergeht! Ja, so ein Freitagabend, wenn er so schön ist, vergeht besonders schnell. Dabei wollte ich jeden Moment einzeln herauspicken und genießen.

Fachsimpeln mit Robert Maier (re)

Fachsimpeln mit Robert Maier (re)

Zum Abschluss spielte wieder der großartige Patrick Hemling auf seiner Gitarre. Abschluss? Nein, der Abend endete noch mit vielen Gesprächen. Schön, wenn man mit netten Menschen, mit vielen schönen Worten, mit guter Musik, leckerem Essen eine Woche ausklingen lassen kann.

Vielen Dank!

 

Hinweis:

Die Fotoaufnahmen während der Lesung wurden von Gerd Taron gemacht.