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Dieser Job erinnert an die Alpen. Oder den Himalaja. Die Berge auf dem Schreibtisch von Alois wachsen und wachsen. Von Erosion ist wenig zu spüren. Wenn der Alte Mal wieder ein Machtwort spricht, das kommt in letzter Zeit häufiger vor, brechen einige Gipfel weg. Meistens sind es schon bejahrte Akten, Unterlagen, die schon ewig warten.

Es gibt ein Geheimnis, eines, das Alois mit niemandem teilt. Es heißt ‚Zeit‘. Einmal im Monat macht er Tabula rasa, räumt auf, wirft Altes weg. Das hat sich von selbst erledigt.
„Habe ich nicht erhalten!“, „Ist wohl auf dem Dienstweg abhandengekommen!“ oder „Weiß ich nicht!“, sind die gängigen Ausreden, wenn doch mal etwas vermisst wird. Meistens geht die Frist dann von vorne los. Manches dreht drei Runden, bevor Alois es mit verkniffenem Gesicht erledigt.

Gertrude Müssigbrodt kennt den Trick. Sie liebt Listen. Da notiert sie alles, was der Chef anfordert, alles, was von Alois erwartet wird. Und ein Exemplar ihrer Zusammenstellung sendet sie im Wochenabstand an Alois Ströverig. Wenn eine Nachricht mit dem Betreff „Überfällig!!!“ kommt, dann weiß Alois, dass die Luft brennt. Dann macht er Überstunden bis nach den Abendnachrichten, bringt die fertiggestellten Unterlagen am nächsten Morgen persönlich zum Chef, sagt:
„Hab ich noch schnell erledigt!“ Der Alte gibt sie seiner Sekretärin zur Kontrolle und schließlich landen sie wieder bei Alois.
„Lesen sie sich erst mal die Ausschreibung durch, bevor sie dem Chef solche Pamphlets hinlegen“, sagt sie am Telefon und Alois trabt auf der Stelle in ihr Büro, um die Akten wieder abzuholen. Die Müssigbrodt bringt nichts vorbei. Da muss er selbst antanzen und das ist vor allem eines, nämlich peinlich.

Alois und die Müssigbrodt, das ist wie Frühling und Herbst, wie Ostern und Weihnachten, wie Sonnenschein und Schneesturm gleichzeitig. Dummerweise zieht Alois immer die Niete. Die Zwei sind wie Hund und Katz, können sich nicht ausstehen. Eigentlich ist dieser Abteilungsleiter der Chefsekretärin relativ gleichgültig, solange er macht, was er soll. Das ist das, was sie will, was der Chef anordnet. Alois dagegen sieht rot, wie ein wilder Stier in der Arena, sobald ihr Name, ihre Aura, ihr Anruf, ihre Nachricht seinen Horizont überschreitet.

Heute musste er wieder bei ihr antanzen. Den Stapel Akten gab sie ihm mit einem Kopfnicken zurück. Das
„Der Chef braucht es vorgestern!“, klingt schlimmer als hätte sie den tatsächlichen Fälligkeitstermin genannt, obwohl der mehrere Wochen alt ist. Immer dann, wenn es ihm am Allerwenigsten passt, rennt er zur Müssigbrodt! Die hat dafür ein Näschen! Und nun brütet Alois über den Unterlagen.

Eigentlich wollte Alois heute mal ein Stündchen früher nach Hause. Nun sitzt er schon zwei Stunden länger und versucht die Angebote zu überarbeiten. Es ist kaum noch jemand im Büro, sodass er alle Nachfragen bei seinen Mitarbeitern auf den morgigen Tag verschieben muss. Morgen ist es eigentlich zu spät. Diese Ausschreibung liegt auch erst ein paar Wochen hier herum. Sie war von dem Stapel regelrecht verschluckt worden.

Wenn die Müssigbrodt tatsächlich mal an seinem Büro vorbeikommt, sagt sie nicht
„Guten Morgen, Herr Ströverig!“. Sie verzieht das Gesicht und stöhnt in seine Richtung
„Aufräumen täte mal Not!“ oder „Finden sie sich in dieser Unordnung noch zurecht?“ oder „Ich geh mal weiter, hier stirbt jede Kreativität!“. Die Steigerung ist ihr unüberhörbares Hüsteln. Natürlich könnte er die Bürotür schließen. Das macht jedoch niemand und der Spott der Kollegen wäre ihm sicher.
„Weichei!“, käme als harmlose Bezeichnung für ihn herüber.

Das Telefon klingelt:
„Wer will denn jetzt noch was von mir!“. Es ist schon kurz nach fünf. Alois lässt den Quälgeist fünfmal klingeln. Dann nimmt er den Hörer ab. Aus den Augenwinkeln erkennt er am Display, dass seine Madam, wie er sie hier immer nennt, anruft. Ihm schwant Schlimmes.
„Wo bleibst du? Du hattest versprochen, um fünf zu Hause zu sein! Wir wollen ins Einkaufszentrum fahren, wegen des Geburtstagsgeschenks für Oma und dann können wir auch mal nach einem neuen Tisch fürs Wohnzimmer gucken!“. Vom Wohnzimmertisch war gestern Abend noch nicht die Rede. Das ist jetzt typisch für Madam!
„Ja, Liebling, ich komme gleich. In fünf, spätestens zehn Minuten fahre ich los.“. Alois legt auf. Er beschließt, noch ein Weilchen zu arbeiten. Der Aktenstapel muss schmelzen. Auf der Ringstraße ist sowieso täglich Stau. Der taugt bestimmt als Ausrede.

Alois atmet durch, gießt sich den Rest aus der Thermoskanne in die Kaffeetasse, schaut in die Akte und grübelt. Schon wieder klingelt sein Telefon.
„Komm mal rüber Alois! Ich habe da ein neues Projekt, über das wir sprechen müssen. Der Termin drängt allerdings. Vielleicht kannst du dir das ja heute noch anschauen.“, sagt der Alte.
„Ja, ich bin gleich da.“

Wenn der Chef ruft, gibt es keine Alternativen. Alois sucht einen Schreibblock. Der Kugelschreiber liegt auf dem Schreibtisch unter einem Stapel Papiere. Als er ihn endlich in der Hand hält, schon fast den Raum verlassen hat, kehrt er um. Ihm ist eingefallen, dass die Miene leer ist, er kramt in seinem Schreibtischfach, fahndet nach einem anderen Kugelschreiber. Da klingelt das Telefon erneut.

Die Müssigbrodt ruft an. Genau, wie der Chef stellt sie sich nicht vor, redet einfach los, kaum dass Alois den Hörer abgenommen hat:
„Wo bleibt die Beurteilung der Praktikantin? Die will sich bewerben und wartet drauf. Termin war vor 6 Wochen! Gestern wollten Sie endlich liefern, hoch und heilig versprochen! Bitte, ich mach mich doch lächerlich, wenn ich ihr immer sagen muss, dass sie noch ein wenig Geduld braucht. In fünf Minuten geh ich. Vorher will ich sie in die Unterschriftenmappe für den Chef legen, dann kann er die morgen früh schnell unterschreiben.“
„Ja, die Beurteilung kommt gleich, habe sie vorhin fertiggemacht.“. Die Müssigbrodt hat längst aufgelegt. Alois kramt die Zettel auf dem Schreibtisch durch.
„Wo ist das Ding nur?“, beschwert er sich. Schließlich beschließt er, die Datei noch einmal auszudrucken. Er sucht sie im Computer. Das ist bei seiner Ordnung genauso aussichtslos, wie die Suche auf dem Schreibtisch. Nein, jetzt nicht, der Chef wartet.

Das Handy klingelt. Manne ruft an:
„Wo bleibst du? Beeil dich, wir wollten doch zum Fußballspiel, heute ist Mittwoch! Ich dachte, du bist längst zu Hause, aber deine Madam sagt, du hängst noch in der Firma rum! Was ist das eigentlich für ein komischer Laden? Ich denke du bist Abteilungsleiter! Beeil dich! Am besten, du kreuzt direkt bei mir auf. Deine Alte brabbelte irgendwas von Einkaufen.“
„Ja, ja, Manne! Ich komme gleich. Mache mich in fünf Minuten auf den Weg. Du, ich muss auflegen, muss noch mal fix zum Chef.“ Wieder sucht Alois die Unterlagen.

Da klingelt das Handy ein zweites Mal.
„Was will denn Manne jetzt noch?“ Doch es ist seine Tochter, die ihn anruft.
„Papa! Fährst du mich zur Ballettstunde? Ich steh schon hier unten, im Foyer deiner Arbeit. Du hast es mir gestern versprochen! Beeil dich, bin spät dran! Um Halbsechs geht es los!“
„Ja, Schatz, gleich! Bin in fünf Minuten bei dir.“, entgegnet Alois. Früher haben die Mädchen Puppen gekämmt. Heute funktioniert nichts ohne väterlichen Taxiservice: Ballettstunde, Malkurs und alle zwei Wochen zum Reitunterricht. Wenigstens ist ihr Bruder pflegeleicht, geht auf den Fußballplatz um die Ecke. Alois findet solch ein alberne Gehopse in rosaroten Kleidchen abscheulich. Er grübelt, wie dieses Dress heißt, kommt nicht auf dessen Bezeichnung und ärgert sich gleich noch mehr. Da fällt ihm ein, dass der Chef wartet.
„Ich kann ja hinterher noch einmal ins Büro fahren.“, beschließt er.

Während er über die Freizeitbeschäftigung der Tochter nachdenkt, klingelt sein Telefon:
„Bestimmt der Chef!“, denkt Alois und nimmt schnell ab. Es kommt schlimmer. Es ist die Lehrerin von Sohnemann:
„Herr Ströverig! Ihr Sohn hat in dieser Woche dreimal die Hausaufgaben vergessen und das Sportzeug fehlte ebenfalls. Und das Lesebuch. In sein Biologieheft hat er nackte Frauen gemalt. Nackte Frauen! Der Junge ist Dreizehn! Kommen sie doch bitte heute um Viertel nach sechs in meine Sprechstunde! Wir müssen unbedingt darüber sprechen! Bitte seien sie pünktlich. Um sieben kommt die Mutti von Christin. Sie wissen, dass wir mit der auch so unsere Sorgen haben.“
„Ja, ich komme gleich! Das duldet keinen Aufschub! Mache mich in fünf Minuten auf den Weg!“

„Jetzt reicht es! Ich blicke nicht mehr durch, was ich alles tun muss!“

Schon wieder klingelt das Handy.
„Nein, im Moment geht es nicht!“, beschließt er. Doch dann sieht er, dass die Mutter anruft:

* * *

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Zwischen Alltagswahn und Fankurve

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.

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Wie geht die Geschichte nun weiter? Was erledigt Alois als Erstes? Oder gibt es eine Katastrophe? Bin gespannt, was die Leser erwarten:

Abstimmung: Wie geht es weiter?

Wie es mit Alois dann weitergeht, gibt es demnächst hier im Blog zu lesen.

N.B.: Dominik Leitner veranstaltet ein Blogprojekt unter dem Titel *.txt. Alle 3 Wochen gibt er ein Wort vor, dass die Teilnehmer zu einem Text verarbeiten sollen. Das fünfte Wort ist ‘gleich’. Und dieses Werk ist mein Beitrag in diesem Projekt.