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Von einem Singsang, einem Techtelmechtel, Obsttorte und Magerquark, Laufenten, einer Weichenstörung und Langsamfahrstrecke, einem Glasschaden, Strichmännchen, Schuhen, dem Kölner Dom und einem gemeingefährlichen Kollegen

Der Frühling ändert alles. Es ist nicht so, dass sich Lucie im Winterschlaf befunden hätte und nun aufgewacht wäre. Nein, sie war immer hellwach.

Plötzlich, so als würde sie ein Blitz treffen, lässt ihr Freund sie sitzen. Ohne ein Wort zu sagen, ist er ausgezogen. Er hinterlässt keine Nachricht. Weder auf Anrufe, noch auf Mails, auf nichts reagiert er. Ruft sie ihn an, legt er sofort auf, falls er den Anruf doch einmal annimmt, versehentlich sicher.

Es ist ein schwerer Gang. Doch es muss sein. Sie möchte Klarheit. Wenigstens Klarheit, ein Zurück scheint ihr unwahrscheinlich, fast unmöglich. Die letzten Tage waren furchtbar. Immer hat sie gegrübelt, konnte keinen klaren Gedanken fassen, hat kaum geschlafen, fühlte sich einfach nur schlecht, so richtig mies. Lucie steht vor seiner Tür, atmet tief durch und klingelt. Sie lässt sich von seiner Mutter nicht abwimmeln. Nie hätte sie geglaubt, dass sie wie ein Vertreter den Fuß in die Tür stellen könnte. Es gibt kein Rückwärts. Sie will sie es wissen, jetzt. Schließlich steht er ihr gegenüber. Statt wenigstens „Hallo!“ zu sagen, knallt er ihr einen Satz an den Kopf und die Tür ins Schloss. Sie war wieder so klein, ganz klein, weicht zurück.

„Praktikantenküsse schmecken besser, Praktikantenküsse schmecken gut.“, trällert er in einer misslungenen Mischung aus Bariton und Bass. Sein Gesichtsausdruck ist nicht besser, als dieser Gesang. Wie zwei Fremde stehen sie sich gegenüber. Dann ist sie allein im dunklen Treppenhaus.

„Wo ist nur dieser verdammte Lichtschalter? Früher leuchteten die!“, stöhnt Lucie. Eine Mischung aus Verzweiflung, Ahnung und vielen unbeantworteten Fragen überkommt sie. Es ist also endgültig aus. Das steht fest. Erst Tage später erfährt sie von ihrer Freundin Annegret, dass dieser Singsang eine Anspielung auf einen uralten Werbeslogan ist. Wenigstens weiß sie nun Bescheid. Sie ärgert sich mächtig. Irgendjemand muss gepetzt haben. Dabei ist es nun schon über ein halbes Jahr her, dass sie mit Manuel auf dem Sommerfest der Firma geknutscht hat. An diese Zärtlichkeit erinnert sie sich gerne.

„Schade, dass Manuels Praktikum zu Ende ist. Ich sollte ihn mal wieder anrufen. Hat er nicht demnächst Geburtstag?“, überlegt Lucie.

Aber, wer war es? Wer hat sie verraten? Und was bezweckt er? Oder sie? War es die Schulze-Mitterlich, die Chefsekretärin? Nein, das kann Lucie sich nicht vorstellen. Die hätte mehr zu verlieren. Mit der kommt Lucie seitdem so einigermaßen klar. Kollegiale Freundschaft sieht anders aus, aber sie respektieren sich, gehen freundlich miteinander um.

Und dieser Mr. York? Das ist unwahrscheinlich. Was für ein Interesse hätte der auch? Und außerdem war er es, der mit der Chefsekretärin ein Techtelmechtel im Druckerraum hatte. Der wird garantiert die Klappe halten. Bleiben noch knapp zwei Dutzend Kolleginnen und Kollegen. Wer ist so gemein?

Es ist Montagfrüh und Lucie betritt fast die Erste das Büro. Kaum ist ihr PC gestartet, poppt eine Nachricht ihres Kalenders auf.

„Ach ja!“, denkt sie, „Übermorgen fahre ich mit Mäxchen nach Köln. Schön! Zwei Tage Köln, das klingt gut.“. Sie freut sich. Sie hofft, durch Abwechslung vom Alltag auf andere Gedanken zu kommen. Hoffentlich klebt Mr. York nicht so an ihr. Der kommt auch nach Köln, fährt mit dem Auto. Lucie und Mäxchen nehmen den Zug. Mit diesem Mr. York, sie überlegt einen Moment lang, wie der richtig heißt, möchte sie den Abend in Köln nicht verbringen. Lucie fällt ein, dass sie die Rückfahrkarte noch ausdrucken muss. Für die Hinfahrt hat Mäxchen die Fahrkarte, da fahren sie gemeinsam. Aber Mäxchen fährt anschließend weiter zur Niederlassung in Düsseldorf.

In der Frühstückspause sitzen sie in der Küche zusammen. Eine Kollegin hatte Geburtstag. Zur Feier des Tages hat sie eine Obsttorte mitgebracht und kurz vorher noch Schlagsahne geschlagen. Es ist eine lustige Runde. Der Chef ist mal wieder unterwegs, das hebt die Stimmung. Einige kauen erst an ihren mitgebrachten Wurstbroten. Lucie knabbert an den Stücken eines Kohlrabis. Es riecht auf einmal etwas scharf. Als mehrere Kolleginnen fast gleichzeitig hörbar einatmen, sagt Frau Schulze-Mitterlich

„Ihr seid ja nur neidisch! Ich habe gestern in meinem Garten eine große Ladung Schnittlauch geerntet und mir ein Schälchen Schnittlauchbutter bereitet. Lecker!“

„Selberessen macht dick!“, entgegnet Olaf. Der hat es nötig! Aus dem kann man Zwei machen, die nicht an Untergewicht leiden.

„Ausgerechnet du musst das sagen!“, raunt die Gruppe.

„Ich spendiere dir morgen eine Portion Magerquark mit viel Schnittlauch!“, verspricht die Chefsekretärin und Olaf verzieht das Gesicht.

„Hast wohl eine Großproduktion aufgezogen?“

„Ja, das könnte man sagen. Mein Mann nennt mich seine „Schnittlauchqueen“. Das Zeug wächst bei mir wie Unkraut.“

„In meinem Garten machen die Schnecken alles nieder. Die sind resistent gegen alle Arten von Schneckengift. Ich glaube das sind echte Kampfschnecken. Mein Salat sieht aus, wie das pure Elend!“. Eine Kollegin, die auf dem Land ein Häuschen hat, empfiehlt Laufenten, die kann man hinterher sogar noch essen. Aber auf schneckengemästete Bratente hat niemand Appetit. Olaf hält sich sicherheitshalber zurück.

„Und du verwechselst das Schnittlauchbeet nicht mit dem Rasen vor der Terrasse?“

„Nein, da besteht keine Gefahr! Also, denkt dran: Morgen ist Schnittlauchtag! Olaf, du lässt bitte dein Stullenpaket zu Hause! Ich bringe alles Nötige mit!“

„Och! Hackt doch nicht immer auf meinen Kilos herum. Ich kann doch nichts dafür, dass ich etwas kräftiger gebaut bin. Habe es vom Vater geerbt, es sind die Chromosomen! Verteilt lieber mal die Torte!“.

Zwei Tage später sitzen Lucie und Mäxchen im Zug nach Köln. Der Zug fährt so schnell, dass er nur gut eine Stunde für die Strecke benötigt. Aber die Abfahrt verzögert sich um knapp eine halbe Stunde. Eine Weichenstörung wäre die Ursache der Verzögerung, wird durchgesagt.

„Na prima, den ganzen Gewinn an Reisezeit machen sie durch die Weichen kaputt. Die sind einfach nicht hart genug!“, schimpft Lucie. Aber wenigstens haben sie jetzt ein Gesprächsthema und schweigen sich nicht mehr an, obwohl sie noch müde sind.

Die planmäßige Zwischenstation bleibt nicht der einzige Halt. Außerplanmäßig warten sie weitere zwanzig Minuten wegen einer Langsamfahrstelle auf freier Strecke vor einer Baustelle.

„Auf freier Strecke stehen, ist aber kein Langsamfahren.“, mokiert Lucie. Mit einer Stunde Verspätung kommen sie schließlich in Köln an. Per Taxi fahren sie weiter. Das Seminar hat bereits begonnen. Sie haben kaum etwas versäumt. Die Teilnehmer stellen sich gerade erst gegenseitig vor.

„Wo ist Mr. York?“, flüstert Lucie Mäxchen ins Ohr. Der zuckt mit den Achseln und gähnt. Lucie blättert in den Unterlagen und überlegt, ob sie hier etwas lernen könnte. Wenigstens stehen ein paar kleine Getränkeflaschen auf dem Tisch. Und die erste Kaffeepause ist in fünfzehn Minuten.

„Warum öffnet niemand das Fenster?“, denkt sie, „Die Luft ist dick, wie Sirup!“. Sie steht auf und versucht frische Luft einzulassen. Aber wegen dieser modernen Klimaanlage lassen sich die Fenster nicht öffnen. Jemand versucht am Wandpanel die Anlage umzuprogrammieren. Der Erfolg ist bescheiden. Man erwägt, den Hausservice anzurufen. Der hat Sprechzeiten und ist gerade nicht erreichbar. Es gibt eine Notrufnummer. Ist das ein Notfall?

In der Mittagspause steht Mr. York plötzlich an ihren Stehtisch.

„Habt ihr noch ein Plätzchen für mich und mein Süppchen?“, fragt er. Bevor er berichten kann, weshalb er erst jetzt eintrifft, muss er etwas essen. Ein einziges Wort erklärt alles:

„Hunger!“. Er scheint nicht einmal gefrühstückt zu haben. Doch dann erzählt er:

„Ja, ich bin etwas spät losgefahren. Das ist kein Problem, dann fahre ich eben schneller. Bei gut Zweihundert hat mich dann die Radkappe eines alten Fiat erwischt, voll auf die Motorhaube, dann gegen die Frontscheibe und anschließend noch auf den nächsten hinter mir. Der hat dann den Fiat touchiert. War alles nur Blechschaden – zum Glück.“

„Und Glasschaden?“, fragt Lucie.

„Ja, meine Frontscheibe ist hin. Und an diesem Italiener gibt es nichts, was nicht verbogen oder gesplittert ist. Außer der Fahrer, bei dem ist die Birne hin!“

„Kopfverletzung?“

„Ja, ziemliche Macke! Der ist heulend um seine Rostlaube herumgehüpft.“

„Und wie bist du jetzt hierhergekommen?“

„Mietwagen, ich kann doch nicht laufen! Es war ein komisches Gefühl, an der Spitze eines fünf Kilometer langen Staus zu stehen, kann ich euch sagen!“

„Warum rast du auch so!“, wirft Lucie ein.

„Darauf habe ich gewartet. Hatte längst damit gerechnet, dass du so etwas sagst. Wäre ich einen Hauch schneller gefahren, dann hätte es mich auch nicht erwischt. Aber auf diese Möglichkeit kommt eine Frau natürlich nicht.“, entgegnet er etwas gereizt.

„Vielleicht ist das genetisch bedingt, liegt schon in den Chromosomen?“, sagt Lucie lachend. Sie wundert sich, dass es bei dieser Geschwindigkeit nur Beulen im Blech gegeben hat. Bestimmt übertreibt der wieder mächtig. Das ist doch typisch für diesen Mr. York!

„Fährt sein Benz überhaupt so schnell?“

Nach dem Mittagessen sind alle erst einmal müde. Die Luft im Raum ist abgestanden. Lucie kann sich nicht konzentrieren. Zur Abwechslung rennt sie zweimal aufs Klo. Nur Mr. York steht unter Volldampf.

„Klar, der muss sich hier in Szene setzen. Hier kennt ihn noch keiner, diesen Supermann. Solange der spricht, kann ich mich ausruhen.“, denkt Lucie. Sie malt Strichmännchen auf ihren Schreibblock. Darin hat sie Übung, ist ein richtig künstlerisches Talent. Lucie rechnet nicht mit der Gemeinheit dieses Kerls.

„… Du gibst mir doch Recht Lucie!“, bekommt sie gerade noch mit. Ihr verstörtes

„Ja.“, reicht ihm allerdings nicht. Sie hasst dieses Miststück und ergänzt:

„Ich war gerade etwas unkonzentriert. Sag bitte noch einmal, was du wissen möchtest.“. Er winkt nur verächtlich ab. Lucie ist sauer.

„Na warte, wenn du das nächste Mal einer das Höschen ausziehst, verrate ich das allen!“, denkt sie und weiß natürlich, dass der sich garantiert nicht ein zweites Mal erwischen lässt.

* * *

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Zwischen Alltagswahn und Fankurve

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.

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Das ist eine Geschichte zur Aktion von Westendstorie. Mit diesen zehn Wörtern sollte eine Geschichte geschrieben werden:

Kalender, Rückfahrkarte, Schnittlauch, Chromosomen, Schneckengift, Radkappe, Gefahr, Zärtlichkeit, Elend, Gewinn

Der vorliegende Text ist eine neue Folge der Geschichte Gratwanderung.