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Überraschend Fünflinge, dabei hatte Jenny auf Magenverstimmung getippt. Wo kommen die Kuckuckskinder her, wer hat sie heimlich ins Nest gelegt? Welche Rolle spielt die gewesene Ex von ihrem Ex?

Jenny ist verwirrt. Dass ihr das passieren musste! Dabei ist es nicht einmal ihr selbst passiert. Sie hat nichts getan, außer … Trotzdem freut sie sich: ein Fünfer!

Jenny ist blond. Das ärgert sie. Sie möchte eher wie Schneewittchen aussehen. Lange, schwarze Locken sind ihr Traum. Die Natur hat sie zur Blondine gemacht. Irgendwelche Gene aus der langen Geschichte ihrer Familie haben durchgeschlagen. Eine Tante, mütterlicherseits, war angeblich etwas blond oder war es eine Großtante? Oder sollte die Mutter … Ist sie ein Kuckuckskind? Vater kann sie nicht fragen.

„Zum Kuckuck!“

* * *

Jenny hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Das ständige Telefonieren im Call Center schlaucht. Die Norm ist hoch. Pro Anruf hat sie drei Minuten und bei jedem zweiten ist ein Vertragsabschluss fällig. Klappt das nicht, erhält sie weniger Geld. Es gibt sowieso viel zu wenig. Mindestlohn ist eine gute Erfindung. Aber wen interessiert das hier? Da dichtet sie dem Angebot ein paar Vorzüge hinzu, verspricht, dass man den Vertrag jederzeit kündigen kann, dass es bei sofortigem Abschluss einen Rabatt oder einen Bonus gibt. Sie steht unter Druck und reicht diesen weiter. Jenny weiß, dass so etwas nicht in Ordnung ist, dass sie das – zumindest offiziell – nicht darf. Aber den Tipp gab ihr eine Kollegin, die alleine für zwei Kinder sorgen muss.

Nachts träumt Jenny, dass sich ein aufgebrachter Kunde mit dem Messer in der Hand an ihr Bett schleicht. Oder er stürmt mit einem Knüppel auf sie zu. Eine Demonstration mit brennenden Polizeiautos gab es in Jennys Schlafzimmer auch schon. Und explodierende Autos, Raketen und Monster, die alles niederwalzten. Zum Schluss kommt stets dieser Mann mit dem Messer. Es ist am Ende immer derselbe Wahn, der mit dem riesigen, kraftprotzenden Kerl. In dem Moment, wenn er auf sie zuspringt, sie erledigen will, wird sie wach. Schweißtriefend sitzt sie im Bett und schüttelt sich. Sie fürchtet, dieser Traum könne Wirklichkeit werden. Dann erhebt sie sich und rennt aufs Klo. Anschließend spült sie das Gesicht mit kaltem Wasser ab. Wenn es besonders schlimm ist, stellt sie sich unter die Dusche. Sie dreht den Kaltwasserhahn langsam immer weiter auf, solange, bis sie fluchend herausspringt und ihr Handtuch sucht. Natürlich ist das Bad klatschnass gespritzt. Aber das trocknet wieder. Wenigstens kann sie jetzt einschlafen. Sie friert so, dass sie nicht mehr an diesen vermaledeiten Traum denken muss.

Vor gut einem Jahr hat sich Jenny einen Hund angeschafft, einen der auf sie aufpasst, wenn sie schläft. Es ist kein kleiner Vierbeiner, eher ein mittelgroßer, ein schönes, fast ganz weißes Tier, mit schwarzen Strümpfen und einem dunklen Ohr. Jenny hat ihn von einer Frau, die bei ihrem Freund auszog und nun bei den Eltern lebt. Die mögen keinen Hund in der Wohnung. Als die Schwierigkeiten mit dem Gehorsam unerträglich wurden, hat sie sich bei der Hundeschule angemeldet. Inzwischen ist Ricky folgsam, fasst zu lieb. Jenny sehnt sich nach Liebe, sei es von einem Hund. Ihr Freund hat sie verlassen, konnte es nicht ertragen, dass sie dauernd unter diesen Albträumen litt. Oder hatte sie zu wenig Zeit für ihn?

Vor Kurzem lernte sie einen kennen, war mit ihm zusammen. Sie haben geknutscht. Martins Ex erwischte sie prompt. Hat sie es darauf angelegt? Jedenfalls hat die höllische Angst vor Hunden und ist gleich wieder weg. Nun hat er mächtig Zoff mit ihr. Die Zeit wird das richten, da sind sie sich sicher. Klare Verhältnisse sind wünschenswert, aber Martins Versprechen erfordern Geduld, viel Geduld und Mahnungen.

Heute macht Jenny Überstunden. Das kommt in letzter Zeit öfter vor. Der Chef hat einen Großauftrag an Land gezogen. Für alle Abschlüsse gibt es einen Extrabonus. Der ist winzig, doch es läppert sich zusammen. Jenny ist für jeden zusätzlichen Cent dankbar. Ihr kleiner Grüner, der eigentlich ein kleiner Rostbrauner ist, muss zum TÜV. Und das kostet. Die Bremsen, die Lenkung, die Radaufhängung, das Reifenprofil, … Jenny grübelt, ob nicht ein neuer Wagen günstiger käme. Natürlich ein neuer Gebrauchter, einer mit weniger als hundertfünfzigtausend Kilometern auf der Uhr. Egal, wie sie sich entscheidet, es wird ein teurer Spaß.

Jetzt sitzt sie in der schallisolierten Kabine, starrt auf den Monitor, der ihr alle Fragen vorgibt und für jede denkbare Antwort des Kunden eine passende Reaktion bereithält. Die Kopfhörer drücken auf die Ohren. So geht es seit vielen Stunden. Die Stimme wird krächzend, die Konzentration lässt nach und die Teetasse ist längst leer. Noch fünf Telefonate, dann ist für heute Schluss!

Schnell fährt Jenny zum Discounter. Sie benötigt noch ein paar Kleinigkeiten fürs Abendbrot. Der Kühlschrank war schon am Morgen leer. Knäckebrot, ihre Notverpflegung für solche Fälle, sättigt wenig, vor allem, wenn es pur hinunter gewürgt wird.
„Das staubt zweimal – Na und!“, denkt sie, „Ricky futtert auch häufig Trockenfutter und das mag sie gerne.“. Schnell fährt sie zu Martin, ihren Hund abholen. Martin hat heute frei, besser gesagt, er feiert krank. Es geht ihm gut, so gut, dass er Schwierigkeiten hatte, seinem Hausarzt eine glaubhafte Geschichte zu kredenzen. Gerade einmal zwei Tage bekommt er Auszeit. Wenigstens kümmert er sich um den Hund. Jenny kann sorgenfrei arbeiten. Alles andere ist ihr egal.

„Wieso nennt man das „Krankfeiern“?“, überlegt sie. Sie begrüßt ihren Vierbeiner, der schwanzwedelnd auf sie zukommt. Martins Begrüßung ist etwas verhaltener. Was ist los? Da bemerkt Jenny, dass seine Ex anwesend ist. Jennys Feierabendstimmung bekommt einen Knacks.
„Hatte Besuch vom Chef. Der meinte, ich wäre kerngesund und sollte lieber arbeiten kommen. Anderenfalls würde er mich rausschmeißen. Nun hat sich Annelie um Ricky gekümmert. Ich glaube, die beiden haben sich etwas angefreundet.“. Jenny staunt: Neulich hatte sie doch solche Angst vor dem Tier. Wohl ist Jenny bei dem Gedanken nicht, dass Martins Exfreundin plötzlich ihre Liebe zu Hunden entdeckt hat. Außerdem hatte Martin versprochen, endgültig mit ihr Schluss zu machen.

Jenny fährt mit Ricky heim. Heute ist Jenny nicht mehr nach Grundsatzdiskussionen zumute. Schnell noch Abendbrotessen, eine Runde, eine kleine Runde, eine Pinkelrunde mit Ricky drehen und dann ab ins Bett. Morgen ist die Nacht wieder früh zu Ende. Ach ja, sie nimmt sich vor, die Oma anzurufen, wegen Ricky. Da muss sie zwar einen halbstündigen Umweg einplanen, aber noch einen Tag möchte sie ihre haarige Freundin dieser komischen Zicke nicht anvertrauen.

* * *

Irgendetwas ist in letzter Zeit anders mit Ricky. Sie ist kräftig geworden und deutlich ruhiger.
„Sollte ich ihr etwas weniger zu futtern geben, damit sie nicht vollends verfettet?“, fragt sich Jenny. Das würde ihr leidtun. Sie genießt es doch so, wie sich Ricky über jeden Happen freut.

* * *

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Zwischen Alltagswahn und Fankurve

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.

 

N.B.: Das ist mein Beitrag zur Aktion von cluewriting