Schlagwörter

, , ,

Selbst Züge, die mit 300 Klamotten durch die Landschaft brettern, können Verspätung haben. Wenn sie kurz vor dem Ziel, die Aura dieses stählernen Phallus ist längst zu spüren, auf freier Strecke stehen, trauert man um jede der träge rinnenden Urlaubssekunden.

Der Zugbegleiter, früher lapidar Schaffner genannt, labert irgendetwas in einer fremden Sprache. Es scheint etwas Größeres zu sein, zumindest gemessen an der Länge seiner Ausführungen. Dass er Französisch spricht, liegt nahe. Endlich erklärt er in akzentuiertem Deutsch, schließlich startete der Express in Frankfurt am Main, dass ein technischer Fehler, eine kaputte Weiche, die Weiterfahrt verzögert, auf unbestimmte Zeit verzögert. Man fühlt sich heimisch. Was nützt es, mit Höchstgeschwindigkeit gefahren zu sein, wenn man trotzdem eine geschlagene Stunde zu spät ankommt? Jede Minute des Urlaubs ist kostbar, besonders in einer Stadt, wie Paris!

Beim Aussteigen grüßt eine junge Frau. Ich grüße zurück. Ich weiß im ersten Augenblick vor Schreck nicht, was ich sagen soll. Alle reden hier ausländisch und ich werde auf Deutsch gegrüßt. Deutsch ist hierzulande fremdländisch. Im Moment überfordert mich alles. Kenne ich die Dame überhaupt? Irgendwo habe ich sie mal gesehen. Ja, es war in Frankfurt, sie wohnt seit wenigen Monaten in der Nachbarwohnung. Ist das ein Zufall!

Das Gewusel auf dem Bahnsteig des Pariser Hauptbahnhofs ist gewaltig, besonders weil mehrere Züge fast gleichzeitig eintreffen. So etwas nennt man Planung. Regeln scheint es nicht zu geben. Jeder läuft, wie es ihm in den Sinn kommt. Es entsteht ein Schleichen, ein Schubsen, eine träge fließende Masse, in welche immer wieder Strudel in die entgegengesetzte Richtung eindringen. Alle zehn Meter duftet es anders. Hier reiht sich ein Bistro ans andere. Meine Wurststullen haben mich so gesättigt, dass ich lustlos weitertreibe. Na gut, ein Pott Kaffee wäre nicht schlecht. Aber mehr zieht es mich in Richtung meines Hotels. Dort angekommen, werden neue Prioritäten gesetzt. Jetzt brauche ich ein Taxi! Der Zettel mit der Anschrift steckt in meiner linken Jackentasche. Wenn ich nur wüsste, wohin ich gehen muss. Dann würde ich versuchen in die Wellen der Dahinziehenden einzutauchen und mich treiben lassen. Aber ich rutsche immer an den trägen Rand, habe dadurch Gelegenheit, mich umzuschauen. Übergroße Wegweiser zeigen in irgendwelche Richtungen. Wenigstens die Piktogramme sind verständlich, die meisten jedenfalls. Sie erscheinen jedoch ungewohnt.

Große Plakatwände, flackernde Bildschirme, kaugummiverzierte Fußbodenbilder ziehen die Blicke auf sich. Trotzdem ich es nicht verstehe, Werbung scheint auch hier beliebt zu sein. Sogar die Bilder sind Französisch. Nur die Reklame für Schokoladencreme ist international, weltweit verständlich. Bestimmt lieben selbst halbblinde Pinguine und lebertranverwöhnte Eskimos diese braune Paste.

Ich folge den Schildern, die zur Taxihaltestelle weisen. Ein tristes Grau empfängt mich. Zum Glück ist es nicht direkt kalt und Regen scheint auch nicht zu drohen. Aber der Wind …

Ein Taxistand gleicht einem Taxistand, weltweit. Doch dieser hat eine Besonderheit, mit der Reisende kaum rechnen, eine die ihnen höchst unwillkommen ist. Es sind nicht die vielen Fahrzeuge in der ungewohnten Farbe, die Menge fremder Laute, eine undeutsch, diszipliniert wartende Schlange von Fahrgästen. Hier geht nichts, reinweg gar nichts, es fährt kein einziges Taxi. Es wird mal wieder gestreikt. Das ist wie zu Hause, nur dass hierzulande nicht die Lokführer, die Piloten oder Kindergärtnerinnen sondern zur Abwechslung mal die Taxifahrer ihre Arbeit niederlegen. Sie stehen in einer weitläufigen Traube, versperren die Ausfahrt, palavern unüberhörbar und halten mehrere große Schilder hoch. Was darauf steht, ist nur zu ahnen. Bestimmt fordern sie höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit, Nachtzuschlag und Steuererleichterungen. Dass es ein Streik ist, erfahre ich durch einen sprachkundigen Fahrgast, einen verhinderten, sächsischen Fahrgast.

Gibt es in Paris eine Straßen-, eine S- oder U-Bahn? Was nützt mir dieser Blechturm, wenn ich mit meinem Koffer hier versauere? Geht das so weiter, ist der Urlaub vorbei und ich kenne lediglich eine Taxihaltestelle. Ist ein Taxistand, von dem kein einziges Taxi abfährt, eigentlich ein Taxistand? Hat die EU das nicht irgendwie geregelt? Dürfen Taxifahrer überhaupt streiken? Hier ist außer einem grenzenlosen Menschengetümmel, abgestellten Taxis, einer grölenden Masse von Droschkenkutschern und dem Lärm einer großen Straße, nichts zu sehen und zu hören.

Mein Stadtplan ist veraltet. Seine beste Zeit hatte er vor zehn Jahren oder sind es bereits fünfzehn? In meiner Not habe ich ihn kürzlich auf dem Flohmarkt am Mainufer unter einem Stapel älterer Bücher hervorgeklaubt. Ohne Straßenkarte nach Paris zu fahren, erschien mir etwas gewagt. Umso mehr war ich erleichtert, dieses Exemplar in letzter Minute für einen Euro erworben zu haben. Trotzdem dauert es jetzt eine halbe Ewigkeit, bis ich auf dem Plan die Rue de la Chanson entdecke. Diese Rue ist nicht weit von hier. Aber sie scheint bestimmt einen, vielleicht auch gar zwei Kilometer lang zu sein. Haus Nummer elf deutet darauf hin, dass mein Ziel am Anfang der Straße liegt. Doch wo sind Anfang und Ende? Ist der Anfang das Ende oder das Ende der Anfang?

* * *

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Zwischen Alltagswahn und Fankurve

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.

 

N.B.: Der Text entstand bei einem Schreibworkshop. Ich hatte das Thema „Paris“ gezogen. „Puh!“, ich war doch noch nie in Paris.