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Über Pfingsten war ich auf der Burg Fürsteneck. Dort ist es schön, da herrscht eine wundervolle, entspannte und offene Atmosphäre. Ich kann ausspannen, meinen Hobbys nachgehen, viele nette Menschen treffen und werde bestens versorgt. Diesmal wollte ich malen. Normalerweise ist Fotografieren meine Passion. Aber mangels Fotokurs hatte ich mich zum Malen angemeldet. Malen ist meine heimliche Leidenschaft. Ich hatte immerhin vor gut sechsundzwanzig Jahren schon mal einen Vhs-Kurs belegt.

Auf Burg Fürsteneck treffe ich meinen Kumpel Hugo. Hugo ist nicht irgendwer. Hugo ist ein Burggespenst. Mit Hugo habe ich schon viel erlebt. Der Kerl ist ein echt agiles Gespenst, trotz der gut fünfhundert Jährchen, die er auf dem Buckel trägt. Immer ist er zu Späßen und Schabernack jeder Couleur aufgelegt. Ich mag ihn sehr.

Am Freitag vor Pfingsten, unmittelbar vor meiner Abfahrt, bekam ich eine Mail von ihm. Das ist ungewöhnlich. Eine Mail hat er noch nie geschickt. Er hat ein Facebook-Profil. Aber mit dem Schreiben hat er es nicht so.

Hugo ist ein modernes Gespenst.

* * *

Von:        Hugo

Betreff:   Pupskarpfen und Gesangsdohlen

An:          Rainer

Lieber Rainer,

ich habe mich gefreut, Dich endlich wieder auf der Burg zu treffen. Klar, ein paar Überraschungen für Dich hatte ich mir längst überlegt. Es soll auf der Burg für Dich doch nicht langweilig werden, hi hi!

Mail von Hugo

Mail von Hugo

Leider werden wir uns diesmal nicht begegnen. Ich bin dienstlich, sozusagen in geheimer Mission unterwegs. Außerdem verlege ich meinen Wohn- und Dienstsitz auf eine andere Burg. Bin noch auf der Suche nach einer gespensterfreien Burg. Ja, da staunst du: Auch Burggespenster fürchten sich vor Gespenstern. Allerdings ist der Grund ein anderer, als bei euch Menschen. Ich möchte einfach meine Ruhe haben, in meinen philosophischen Gedanken nicht andauernd durch das Klappern von Ketten gestört werden. Außerdem darf man euch Sterbliche nicht überfordern. Zwei konkurrierende Gespenster auf einer Burg, das haltet ihr doch nicht aus! Ihr habt ja schon Probleme mit zwei Lockführergewerkschaften. Ein Gespenst alleine setzt viele von euch in einen hysterischen Schockzustand. Ich bekam sogar schon einmal ein gespenstisch, schlechtes Gewissen. Dabei hatte ich nur ein klein wenig gespenstert.

Ja, der Umzug muss sein! Diese Burg ist als Gespensterburg nicht mehr tragbar! Du wirst es selbst sehen, wenn Du auf den Burghof fährst. Diese Banausen haben mitten auf den Burghof, genau an die Stelle, an der dazumal mein Kopf unter den Lachen und Kreischen der Burgbewohner und Bauern der Umgebung in diesen dreckigen Weidenkorb fiel, ein riesiges Aquarium hingestellt. Ich sage mal, grob geschätzt, 30 Ellen lang an jeder Seite. Ihr würdet sagen, „Quadratisch, praktisch, hässlich!“.

Sag mal Rainer, gibt es heute keine gescheiten Bauherren mehr? Zu meiner Zeit hätte sich kein Baumeister getraut, eine fast zweitausend Jahre alte Burg zu verschandeln! Ja, gut zweitausend Jahre ist sie alt, die Burg Fürsteneck. Aber das wissen die Historiker noch nicht. Früher hieß die freilich anders, ist siebenmal abgebrannt, abgebrannt worden, zerstört, zerfallen und wurde immer wieder aufgebaut. In dreihundert Jahren vielleicht, bei der nächsten Sanierung der Kellergewölbe wird man die Beweise, die Knochen der Urhessen samt ihrer steinernen Baupläne finden, wird man die ganze europäische Geschichte neu schreiben. Ich hab‘s schon immer gesagt, aber auf mich hört ja keiner!

Ihr redet dauernd von Feng Shui. Das Aquarium passt doch gar nicht, ist weder Feng noch Shui, nur Pfui! Das empfängt böse Winde von allen Seiten. In der dunklen Ecke hinter dem Speisenwärmer, da verwirbeln die sich und der Milchreis wird spontan sauer!

Ich bin gespannt, wann sie das Wasser einfüllen, was für Fischlein da schwimmen sollen. Pupskarpfen wären geeignet. Die würden eine stinkige Blasenepidemie erzeugen. Niemand könnte es auf der Burg aushalten. Du kennst Pupskarpfen nicht? Das sind irgendwelche Fische, völlig egal, welche Sorte. Die füttere ich mit meinem gespenstischen Spezialfutter, einen pampigen, matschsahneverzierten Nachtisch aus der Burgküche zum Beispiel. Na du wirst das Zeug sehen. Am Samstag vor Pfingsten steht so etwas, noch ohne mein Spezialgewürz, auf den Mittagstischen. Trotzdem, lass die Finger oder den Löffel davon! Höre auf meinen Rat. Ich weiß, Du hörst immer auf mich. Diese Pampe versaut den leckeren Nachgeschmack vom Mittagessen.

Zu meiner Zeit, wäre wegen solch einer architektonischen Schandtat ein Kopf gerollt und der des Auftraggebers obendrein, selbst, wenn es die hübsche Rübe des langhaarigen Burgfräuleins gewesen wäre! Die hätten wir nicht in unsere heilige Gespenstergilde aufgenommen! Wir nehmen nur Mörder und Schwerverbrecher, nicht solche … Ach, mir fehlen die Worte.

Übrigens: Jetzt weißt Du auch, weshalb die Preise auf der Burg angezogen haben. Glas ist höllisch teuer! Und die Wasserpreise musst Du ja auch mit einrechnen. Hätten sie das Dach gespart, wären die Wasserkosten nicht so ins Gewicht gefallen. Vielleicht plant man wenigstens, Fische einzusetzen, die viel pinkeln.

Ich habe schon mal ganz oben angefragt. Aber Petrus will keinen Tornado auf den Burghof schicken, nicht einmal eine kleine Windhose. Er meint, die Kollateralschäden wären zu groß. Mir sind die inzwischen fast egal, ich ziehe ja um.

Dann war ich unten, da ganz unten. Dieser Herr wollte gleich einen Vulkan unter dem Burgberg ausbrechen lassen. Er hat sofort die Öfen angefeuert.

„Ein zehnter Vulkankrater steht dem hessischen Kegelspiel sicher gut zu Gesicht.“. Ich konnte ihn gerade noch von seinem Vorhaben abhalten.

„Wenn du das machst,“, habe ich gesagt, „dann lege ich ein Wasserrohr von der Hünfelder Feuerwehr direkt zu dir ins Kohlelager hinunter. Dann kannst du aus deiner nassen Kohle Eiswürfel formen, Schokowürfel!“. Da hat er nichts mehr gesagt. Aber ich war auch nicht weiter. Er gab mir einen Tipp:

„Hämmerchen!“. Das war alles, war er sagte. Na so etwas Primitives kommt nicht infrage. Ich bin ein Gespenst, kein Kleinkrimineller.

Ich habe einen Plan.

Sylvester beim „Dinner for all“ werde ich zuschlagen. Du kommst ja nicht mehr zu dieser Veranstaltung, eine kluge Entscheidung. Es ist gemein! Sie haben den Fotokurs durch einen Nachtigallen-Trällerverein ersetzt. Da sind auf der Burg jetzt echte Kunstbanausen am Werke. Nicht nur das wahnsinnige Trommeln, das Quietschkommoden-Orchester und diese hektischen Impros rauben die Ruhe. Bin gespannt, was man sich in ein paar Jahren als Ersatz für die Malwerkstatt einfallen lässt. Die ist viel zu künstlerisch und mächtig ruhig. „Comedians for you“, vielleicht oder „Holzschuhtanz für Senioren“? Jetzt kommen erst einmal diese Amseln und geben mir den Rest. Du wirst das zu Pfingsten erleben. Die „Female Affairs“ treten im großen Burgsaal auf. Ein Stündchen lang, ist das ganz nett anzuhören. Aber die ganze Zeit zwischen Weihnachten und Sylvester? Und so viele Weibsleute! Nein, das ist zu viel! Zum Dinner schicken diese Affären ihre blonde Hupfdohle, einen Gesangskurs zu leiten.

Na, der werde ich mein Geheimmittel verabreichen. Ausnahmsweise werde ich nochmals zur Burg kommen und die Lady ein wenig gespenstisch unterhalten. Die wird vor Angst lebenslänglich unterm Bett pennen, selbst wenn ihr Liebster kommt. Dann stoßen sie sich Kopf und Steiß – Strafe muss sein! Und beim Abschlusskonzert werde ich Türen und Fenster aufreißen, sodass jedes Tönchen auf den Burghof dringt. Dann kitzele ich die Gesangsdohlen an den Fußsohlen. Sie werden so laut, so hoch singen, dass dieses Aquarium platzt, in tausend mal tausend Splitter zerbirst.

Pst! Nicht verraten, es ist mein Geheimplan!

Ich hoffe, du überstehst das Pfingstmalen auch ohne mich. Es wird schwer, ich weiß das, aber die Pflicht ruft! Du hast Verständnis für mich! Ich wünsche Dir, trotz Aquarium – schau einfach nicht hin – eine schöne Zeit auf der, auf meiner Burg. Bald ist es nicht mehr meine Burg, … sorry, ich musste gerade heulen, die Fulda führt jetzt Hochwasser.

P.S.: Eine Burg ohne Gespenster ist dem Verfall preisgegeben. Schau sie dir noch einmal gut an. In fünfhundert Jahren findet man kaum noch die Grundmauern davon. Es ist zum Jammern …

Ganz liebe Grüße

Dein Kumpel Hugo, das Burggespenst

* * *

Da war ich platt. Die Burg ohne Hugo – das geht doch gar nicht! Das muss ein Witz sein.

Nein, es ist kein Witz. Weder das Aquarium, noch die Abwesenheit von Hugo sind ein Witz. Ich bin entsetzt!

Ein Architekt hat sich verwirklicht und eine Burg zerstört.

Burg in Grün

Burg in Grün

Ich konnte mich nach dem Schock nicht auf das Malen konzentrieren. Gerademal giftgrüne Strichmännchen habe ich fertig bekommen.

Als ich am Samstag den Nachtisch auf dem

Werkstattausstellung

Werkstattausstellung

Mittagstisch sah, erinnerte ich mich an Hugos Plan. Ich verzichtete spontan aufs Kompott und schöpfte Hoffnung. Prompt ging es mir besser und es entstanden sogar ganz hübsche Bildchen, wie der Blick auf meine Arbeiten während der abschließenden Werkstattausstellung zeigt.

Mail an Hugo

Mail an Hugo

Zu Hause setzte ich mich gleich an mein Notebook und habe Hugo eine Antwort auf seine Nachricht geschickt.

Hugo! Wo bist du?