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Museen sind ängstlich, Kunstmuseen ganz besonders. Es könnte ja ein Bösewicht kommen und die Ausstellungsstücke klauen. Solche Bösewichte verhalten sich immer auffällig unauffällig. Trotzdem werden sie schnell erkannt – oft, manchmal, ab und zu oder auch nicht.

Neulich war ich in einem sehr modernen Museum. Auch die Kunstwerke sind modern. Zumindest wird dies behauptet. Ich glaube dies auch. Die Urmenschen oder mittelalterlichen Künstler haben eher Kunstwerke geschaffen, die weniger erklärungsbedürftig sind.

Es ist ein ganz besonderes Museum. Jedem, der sich unauffällig verhält, die Kunstwerke anschaut, vielleicht sogar die Beschreibung liest oder näher als zehn Meter herangeht, ist höchstverdächtig. Jeder wird observiert. Dazu gibt es Heerscharen uniformierter, griesgrämig blickender Wachleute. Die verfolgen jeden Besucher durch alle Räume. Und wehe, irgendjemand ist unauffällig auffällig oder gar auffällig unauffällig! Dann schlagen sie zu – gnadenlos. Das Schlimmste, was man tun kann, was ihren Argwohn fast ins Unermessliche steigert, ist, sie anzusprechen. Alleine die Frage nach dem Klo …
„Was will der auf dem Klo? Hat der etwas zu verbergen? Hat der ein Kunstwerk, vielleicht sogar die Sixtinische Madonna, geklaut? Oder plant der einen genialen Schachzug und will das Museum von hinten, mitten durchs Klo ausrauben? Was treibt der dort? Was hat der eigentlich in der Hand? Der muss doch nie und nimmer nur Pinkeln, das ist doch bloß ein Vorwand – so wie der schon aussieht!“

Dabei wohnt diese Madonna an der Elbe und nicht am Main. Man hört in der Stille des Museums regelrecht, wie die Gehirngänge dieser wachenden Bestien alle denkbaren Einbruchszenarien durchspielen. Ein Anruf bei der Zentrale, beim Chef, genügt und die Vermutung wird zur Gewissheit. Dank der fehlenden Videoüberwachung ist das Klo der Ort, welcher für Missetaten regelrecht prädestiniert ist. Die Gauner tun doch nur so, als ob sie mal müssen müssen!
„Zweiminuten dreizehnkommaviersieben war der auf dem Klo. … Aha, die Hände hat der sich auch gewaschen. … Gott sei Dank gibt es dort kein Papier zum Händeabtrocknen. Nun wischt er sich seine Flossen an der Hose trocken. Höchstverdächtig, höchst-ver-däch-tig! Der will nur keine Fettflecke auf dem Diebesgut hinterlassen. … Wo bleibt denn das SEK?“

Jetzt telefonieren sie hektisch mit der NSA. Vielleicht wird das Klo ja doch irgendwie überwacht. Vielleicht haben diese Amis, denen ist ja alles zuzutrauen, die Stromleitungen für die sensorgesteuerte Spülung angezapft? Vielleicht wird das Spiegelbild über dem Waschbecken live nach Washington in den „situation room“ des Weißen Hauses übertragen, wo Obama die Welt bewacht.

Ich hatte mir an der Kasse eine Fotogenehmigung geben lassen. Dazu muss man einen Wisch unterschreiben und sich verpflichten, die Bilder nur zu rein privaten Zwecken anzufertigen und vor allem nicht zu veröffentlichen. Selbst die Präsentation auf einer rein privaten, nicht kommerziellen Webseite ist tabu. Ich habe auf diesem Formular den falschen Namen angegeben. Ich habe mich „Friederike Kujau-Beltracchi“, genannt. Jetzt ärgern die sich aber und fürchten, dass ein Spross dieser beiden Kunstfälscherdynastien ihrem Museum einen Besuch abgestattet hat!

Wer fotografieren möchte, bekommt ein Etikett auf den Ar…, nein auf die Brille geklebt. Mit Mühe kann ich das abwenden und klebe mir das Schild auf mein Hemd, direkt über dem Herzen. Eigentlich wohnt da jemand anderes. Aber man muss der Kunst Opfer bringen! Damit ich nicht so gebrandmarkt daher laufe, ziehe ich meine Jacke drüber. Gleich bei meinem ersten Foto, es ist nur ein Handyfoto, springt eine Aufseherin wie eine Furie auf mich zu.
„Haben sie überhaupt eine Fotoerlaubnis?“. Vor Schreck werde ich gleich drei Zentimeter kleiner. Drei Zentimeter, das ist viel, da bleibt kaum etwas übrig, wenn man die verbliebenen 168 total zittrigen Zentimeter vernachlässigt. Ich schaute zu ihr hoch und zeigte mein Brustbapperl vor.
„Das müssen sie aber gut sichtbar tragen! Sonst wissen wir ja nicht, ob sie fotografieren dürfen!“. Ihre Worte lassen keinen Widerspruch zu. Ich fühle mich wie ein ertappter Einbrecher. Schnell klebe ich das Schild gut sichtbar auf meine Jacke. Dann gehe ich weiter. Aber diese Dame registriert jede Regung von mir. Die NSA ist nichts gegen diese Aufpasserin. An jeder Tür gibt sie ihren Kolleginnen deutliche Zeichen. Ein Augenaufschlag in meine Richtung genügt und alle wissen Bescheid.

Das Museum ist ziemlich groß. Man kann sich leicht verlaufen. Das ist bestimmt ein Teil der Sicherheitsmaßnahmen. Wenn sich der Dieb mit seiner Beute verläuft, setzt er sich völlig verzweifelt, heulend in eine Ecke und wartet auf sein Schicksal in Form dieser furchterregenden Dame. Der möchte man selbst ohne Beute nicht ein zweites Mal begegnen. Ich frage mich immer, wie die sich vermehren. Die will doch keiner! Wahrscheinlich treiben die es nur mit Ihresgleichen. Mit der Zeit entsteht totale Inzucht und die Schreckensmerkmale verstärken sich noch. Die Weibchen liegen auf Lauer und jagen den Männchen die Opfer in ihre grauenhaften Fänge.

Neulich wollte ein Ganove eines dieser wundervollen Kunstwerke klauen. Der hat sich dann im Museum verlaufen. Die ganze Nacht über ist er mit seinem Schatz durch die Säle geirrt. Er war so gestresst, dass er sich die vielen anderen Kunstwerke nicht einmal angeschaut hat. Zum Schluss, der Sonne graute schon, dass es ein furchtbarer Tag werden könne, sank er ermattet nieder. So sitzt er heute noch. Als abschreckendes Beispiel wird er als Kunstwerk präsentiert. Inzwischen ist er verhungert und verdurstet. Er sitzt völlig vertrocknet hinter einer Wand. Niemand weiß, was er in seinen letzten Minuten getrieben hat. Hat er geweint, hat er ein letztes Mal an seine liebe Frau gedacht, für die er das Kunstwerk abgehängt hat? Hat er … Man weiß es nicht. Man sieht nur seine Beine. Was war die letzte Regung seiner Hände? Ist das Kunstwerk unversehrt?

Man hat diesen Herrn dort einfach sitzen lassen. Der Raum wurde später mit einer Glasscheibe versiegelt. Jedermann kann den Täter dieser Freveltat, der gleichzeitig auch deren Opfer ist, bewundern, bestaunen, bemitleiden, be … Nicht einmal sein Name ist bekannt. Man hat ihn Herr N. Schmitt getauft. Da ist die Wahrscheinlichkeit, den richtigen Namen erwischt zu haben, am größten. So einfach wird aus einem ganz schweren Verbrechen ein echtes Kunstobjekt.

Ich habe diesen Herrn in seiner misslichen Lage fotografiert. Aber dieses Foto darf ich hier nicht zeigen. Wer es unbedingt anschauen möchte, kann mal hier schauen oder den gefährlichen Museumsmonstern einen persönlichen Besuch abstatten. Gregor Schneider heißt der Künstler, besser gesagt der Vater von Herrn Schmitt.

In Gedenken an diesen armen Dieb besucht eine junge Frau dieses Museum. Sie selbst fühlt sich als lebendes Kunstwerk. Sie nennt sich Frau Müller, Frau Antonia Müller. Sie setzt sich hinter eine leider etwas milchige, noch dazu schlecht geputzte Glasscheibe und liest in einem Buch. Das Buch heißt „Die Moritaten der Norbert S.“. Nebenbei hört sie Musik von ihrem Smartphone. „Schmittchen Schleicher“ läuft gerade. In ihrer Handtasche, da ganz, ganz weit unten, direkt unter der angefangenen Packung Papiertaschentücher, neben der überlagerten Rolle Drops, befindet sich eine etwas fettige Papiertüte mit einem angebissenen Cheeseburger. Den hat sie sich aus dem nahegelegenen Schnellrestaurant mitgebracht. In der Museumsgaststätte gibt es nur überteuerte Dreisternekochmenüs. Davon wird nicht einmal die bescheidene Frau Antonia Müller satt. Ein Becher mit Cola steht neben ihr. Sie hat ihn heimlich ins Museum geschmuggelt. Man soll ja immer mal etwas trinken! Leider bewegt sie sich etwas heftig. Dabei verschüttet sie den letzten Rest, es waren immerhin zweieinhalb kleine Tröpfchen, auf dem Museumsperser. Das ist ihr egal. Das ist im Eintrittspreis mit drin. Zwölf Euro sind für eine junge Angestellte heftig. Hier laufen sowieso genügend gelangweilte Servicekräfte herum. Die freuen sich bestimmt, wenn sie mal eine vernünftige Aufgabe bekommen. Leider bedenkt Frau Antonia Müller nicht, dass man in diesem Museum nicht auf dem Teppich sitzen und lesen darf. Um ihren Angriff auf die vermeintliche Terroristin zu verschleiern und einen Überraschungseffekt zu provozieren, schalten die Wachmannschaften einfach das Licht aus. Es werden kurzfristig an die zweihundert Kräfte aus allen Frankfurter Museen zusammengezogen. Im Moment des Zugriffs landet das Security-SEK mitten in der Colapfütze. Das ist wirklich eine Spitzenleistung. Die haben gut gezielt! Frau Antonia Müller ist inzwischen in Richtung des Ausgangs gekrabbelt. Sie ärgert sich, weil sie nicht mehr lesen kann. Nun sitzt vor dem Museum auf den Treppenstufen. Drin ist lautes Geschrei zu hören. Die einen lamentieren wegen ihrer nassen Uniform. Die nächsten rennen gegen irgendein Kunstwerk, stoßen sich die Birne und lösen einen Großalarm aus. Der Frankfurter Flughafen wird sofort geschlossen. Die Mittelschefs versuchen, den Oberschefs die Lage zu erklären, derweil sie die Unterschefs als „unfähiges Pack“ beschimpfen. Die Unterschefs verordnen ihren Unterunterschefs samt dem einzigen Nichtschef eine vierzehntägige Sonderübung „Wie erwische ich einen Täter“. Die Oberschefs fühlen sich als Helden der Nation, die wie immer Herr der Lage sind. Den zufällig vorbeigekommenen Pressevertretern wird der Pressereferent zum Fraß vorgeworfen. Der erklärt kurzerhand die RAF als schuldig und macht den Pofalla. Er erklärt den kapitalen Kunstraub dank heldenhaften Einsatzes der Sicherheitskräfte für gescheitert.

Frau Antonia Müller ist trotz des Verlustes des fastleeren Getränkebechers mit ihrer Kunstaktion zufrieden.

Im zweiten Teil der Geschichte geht es dann um Blitze, eine totale Unordnung, Judith, einen Typen, dem ich nur mein Hinterteil zeige, die Schamhaarproblematik und „Freibonbon für alle“. Bis dahin ist ein wenig Geduld nötig.