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Die Geschmäcker der Menschen sind zum Glück verschieden. Es wäre langweilig. Doch jetzt wünsche ich meinen momentanen Musikgeschmack der ganzen Welt.

Normalerweise liebe ich deutschsprachige Musik: Chanson, Soul und so etwas. Doch im Moment würde ich sogar diese Musik hassen. Ja, hassen würde ich sie. Jetzt stehe ich auf eine ganz bestimmte, eine sensationell liebliche Musik: absolute Stille! Ein lautloses, hohes, dreigestrichenes C. Meinetwegen eines mit elf Strichen, Hauptsache es ist lautlos! Ich möchte schlafen. Ich bin müde, der Tag war lang, es gab viel zu tun. Morgen wird wieder ein anstrengender Tag. Ich muss einen, meinen Anteil am Bruttosozialprodukt schaffen.

Schlafen ist eigentlich Zeitverschwendung. Was könnte man nicht alles tun, wenn man nicht andauernd müde sein würde. An diesem Kreislauf lässt sich nichts ändern. Bestimmt wäre die Menschheit schon in der Ursteinzeit ausgestorben, wenn alle nur geschäftig durch die Gegend gehetzt wären. Schlafen dient der Regeneration der Energien, der inneren und der äußeren, sowie der Menschheit. Schlafen ist wohltuend! Wer schläft, sündigt nicht. Ohne den Schlaf hätten wir, grob gerechnet, ein Drittel mehr Sünden. Sind das alles schlimme Sünden? Ist Schlafen nicht manchmal ein sehr wacher Zustand?

In meinem Bett ist es kuschelig warm. Genau richtig, um gut durch die Nacht zu kommen, morgen früh ausgeschlafen in den Tag zu starten. Na gut, erst einmal wird eine Runde lang ausgiebig gegähnt. Dieses Ritual muss sein. Sonst bekomme ich die Kurve in den Tag nicht. Aber dann! Spätestens zum Feierabend bin ich hellwach.

Jetzt brauche ich Ruhe. Es ist spät. Viel fehlt nicht, bis die Geisterstunde ihre Opfer sucht. Schnell die Augen schließen und schlafen! Die Augen schließen, das ist kein Problem. Aber schlafen – wie soll das gehen, wenn in der Wohnung über mir gefeiert wird. Die Bässe der Musikanlage donnern durch die Zimmerdecke. Die Musik wird am gegenüberliegenden Haus direkt durch das Fenster in meine Wohnung gespiegelt. Ich schließe das Fenster. Die Musik wird deutlich leiser, die Bässe durch die Zimmerdecke erscheinen doppelt so laut. Ein skurriles Orchester rhythmischer Donnerschläge beschallt mein Schlafzimmer.

Soll ich mit dem Besen an die Decke klopfen? So kenne ich das noch aus den Übertragungen vom Ohnsorg-Theater. Damals, vor vierzig Jahren, hat Heidi Kabel gerne mal bei ihren Nachbarn geklopft. Das ist heute nicht die Lösung. Das Klopfen hören die bei dem Krach garantiert nicht. Und wenn doch, dann fühlen sie sich vielleicht belustigt, machen sich einen Spaß daraus, zurück zu klopfen. Und die Decke ist auch nur aus Gips. Das habe ich neulich beim Anschrauben der Deckenlampe feststellen müssen. Zuerst kommt Gipskarton, dann zwei Zentimeter abgestandene Luft und schließlich der Beton, akustisch betrachtet ein Hauch von Beton, eher Pergamentpapier-Beton, löchriges Pergament. Da drüber liegt gleich der Fußbodenbelag. Die Trittschalldämmung war vor über vierzig Jahren, als dieses Haus gebaut wurde, noch nicht erfunden.

Sicher gibt es da oben leckere Dinge zu essen. Ich glaube, zwischen den Bässen das Knallen von Sektkorken gehört zu haben. Lachen und Kichern füllen die Zwischenräume der einzelnen Drums. Es scheinen viele Gäste gekommen zu sein. Bestimmt sind das mehr Leute, als in diese kleine Wohnung überhaupt hinein passen. Sicher wechseln sie sich beim Atmen am offenen Fenster ab. Gibt es schon Opfer, die sich nicht zum Fenster durchdrängeln konnten? Ja, die scheint es zu geben. Das Martinshorn eines Rettungswagens dringt durch das geschlossene Fenster. Gleich biegt er in meine Straße ein. Nein, er fährt vorbei. Auch der abendliche Rettungshubschrauber lässt uns links, besser gesagt hier unten liegen und düst zur nahe gelegenen Uniklinik. Vielleicht muss er ja erst ausladen, bevor er hierher kommt und einen Notarzt abseilt.

Soll ich hochgehen und klingeln? Da lachen die sich scheckig, wenn ich barfuß, leicht bekleidet und flehend vor der Wohnungstür stehe. Bestimmt laden die mich ein, mitzufeiern. Das wird ein Gaudi! Nein Freunde, nicht mit mir! Anziehen ist mir zu aufwendig. Sollen sich doch die anderen Nachbarn zum Affen machen. Ich bleibe in meinem Bett liegen und leide vor mich hin.

Ich nehme mir vor, nicht auf das Dröhnen zu achten. Ich will einschlafen. Ich denke mich in den Schlaf:
„Schlafen, schlafen, schlafen, … schlafen!“ Nein, das funktioniert nicht. Denken macht munter. Ich gähne zur Abwechslung kräftig. Das hilft bestimmt. Mist, ich habe zu sehr gegähnt. Beinahe hätte ich … Also renne ich erst einmal aufs Klo.

Natürlich stolpere ich in der Dunkelheit und verschlafen, wie ich bin, über einen Stuhl. Den hatte ich nicht unter den Tisch geschoben. Mit Wucht knallt mein rechter Fuß an ein Stuhlbein. Ist der kleine Zeh gebrochen, gar abgebrochen? Vielleicht ist er nur verstaucht, hoffe ich. Aber jetzt wird es dringend. Erst nachdem der innere Überdruck abgelassen ist, kümmere ich mich um die Kollateralschäden. Warum muss ich auch immer so kurz vor dem Schlafengehen noch eine Riesenportion Tee in mich hineinschütten! Werde ich denn niemals klug! Es war jedenfalls nicht der erste Unfall auf diesem Weg. Neulich hatte irgend so ein Obertrottel seine Aktentasche im Korridor mitten in der Einflugschneise zum Klo platziert!

Als ich endlich im Bett liege, höre ich es wieder, dieses rhythmische Dröhnen. Unter Druck und Schmerzen war es wie weggeblasen. Oder hatten die da oben aus Mitleid mit mir eine Pause eingelegt? Schön, wenn man so mitfühlende Nachbarn hat!

In meinem Bett ist es gemütlich, bis auf die Dauerbeschallung. Ich grübele, wie lange solch eine Feier andauert. Das sind scheinbar alles junge Leute, vielleicht sogar welche von dieser studentischen Sorte. Die haben noch echtes Durchhaltevermögen, zumindest beim Feiern. Hoffentlich machen sie die Nacht nicht durch. An Büroschlaf ist morgen für mich nicht zu denken. Ich bin schließlich kein Beamter!

Mir wird warm, regelrecht heiß. Der Schweiß rinnt bereits. Also reiße ich das Fenster wieder auf. Der zusätzliche Lärm dringt an meine Ohren. Duft frischgebackener Pizza kriecht in meine Nase. Sind das Barbaren? Die schrecken vor nichts zurück! Ich bin verzweifelt. So wach, wie ich mich jetzt fühle, war ich nicht einmal am letzten Sonntag nach dem zweiten Frühstück. Soll ich auch aufstehen und meine eigene Disco starten? Nein, danach ist mir nicht zumute. Ich schalte aber das Licht ein, das kleine natürlich. Noch einen Unfall würde ich weder physisch noch mental überstehen. Ich sitze auf meinem Bett und lege erst einmal eine Gedenkminute für meinen verletzten Zeh ein. Musste es denn ausgerechnet den ganz kleinen, diesen süßen, hilflosen Zeh erwischen! Der große Onkel ist bestimmt nicht so empfindlich, kann mehr ab und jammert nicht gleich bei jeder Kleinigkeit herum. Nein, eine Kleinigkeit ist dieses verdammte Stuhlbein wirklich nicht. Es ist aus ganz hartem Holz geschreinert. Sicher stammt das Holz vom Eisenbaum aus Afrika. Warum müssen die auch solch läppische Stühle immer aus dem kostbarsten Holz des Urwalds fertigen. Bestimmt musste für meinen Stuhl ein ganzer Regenwald samt Elefanten, Gorillas und Klapperschlangen sterben. Gibt es in Afrika überhaupt Klapperschlangen? Egal, die sind dort jetzt ausgestorben und das nur wegen dieses einen verdammten Stuhlbeins, dass mir im Wege stand.

Langsam erhebe ich mich. Ich gehe an dieses eine Schrankfach. Dieses eine Schrankfach, dieses genau in bequemer Griffhöhe liegende Schrankfach, dieses magische Schrankfach ist ein ganz besonderes Schrankfach. Ich öffne es und peile die Lage. Es sieht schlecht aus. Man könnte sagen, es ist hoffnungslos. Leere gähnt mir ins Antlitz. Das letzte klitzekleine Stückchen Schokolade habe ich vor dem Schlafengehen aufgefuttert. Nicht einmal das Schokoladenpapier mit ein paar lieblichen Krümeln ist zu finden. Weshalb bin ich in entscheidenden Momenten solch ein ordentlicher Mensch, der alles wegräumt, wenn es nicht mehr benötigt wird! Normalerweise gehört Ordnungssinn nicht zu meinen Stärken.

Ich gehe in die Küche. Dabei fällt mir auf, dass ich genau im Takt der Musik meiner Obermieter laufe. Aber das ist mir im Moment gleichgültig. Oder feiere ich in Gedanken bereits mit? Ich öffne meinen Kühlschrank, möchte mit einer Scheibe Schnittkäse meinen Frust dämpfen. Ausgerechnet vorgestern habe ich mir ein ganzes Stück Käse gekauft. Sonst greife ich doch immer zu der geschnittenen Variante. Ich schneide mir eine ordentliche Scheibe ab und beiße hinein. Ich bin plötzlich so stolz auf mich. Ich muss mich jetzt nicht völlig hilflos dem Diktat der Käsescheibenschneideindustrie unterwerfen. Ich bin ein Kämpfer für das Gute in der Welt! Nein, ich bin von dem Lärm, vom nicht Schlafenkönnen schon ziemlich durcheinander. Wenn das so weitergeht …

„Durst!“, denke ich. Und wenn ich „Durst!“ denke, dann habe ich Durst. Den letzten Schluck Kräutertee habe ich vor ein paar Minuten unter großen Schmerzen im Zeh entsorgt. Also muss ich Leitungswasser trinken. Der Einfachheit halber beuge ich mich über das Spülbecken und halte die Hand so unter den Wasserhahn, dass ich das Wasser in meinen Mund leiten kann. Solch eine Wasserrinne kannten schon die alten Römer. Ganz Rom haben sie so versorgt. Nicht mit der Hand, mit einer kilometerlangen Rinne, über hohe kolossale Viadukte, durch Berge hindurch, groß wie ein Koloss bis in die Stadt zum Kolosseum.

Gier ist etwas Furchtbares. Das beweist sich auch in diesem Moment. Mein Gehirn ist so geschwächt, dass es neben dem Durst nichts mehr denken, meine Handlungen kaum steuern kann. Der Wasserhahn ist viel zu weit geöffnet, meine Hand kann den Wasserstrahl, der meinen Mund erreichen soll, nicht vernünftig steuern. Da habe ich den Schlamassel! Mein ganzes Nachtgewand ist nass, klatschenass. Ich stehe wie dieser berühmte begossene Pudel in meiner Küche. Soll ich bellen? Mir ist zum Heulen zumute. Was kann ich tun? Mein Denkorgan muss sich erst einmal an die neue, völlig unerwartete Situation gewöhnen. Schließlich wird mir kalt und ich lasse alle Hüllen fallen, einfach so und hier in der Küche. Wärmer wird mir dadurch auch nicht. Das wäre auch paradox. Je weniger man anhat, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einem davon warm wird. Das begreife sogar ich in dieser verrückten Situation. Also gehe ich ins Bad und trockne mich ab. Da fällt mir mein Bett, mein warmes Bett ein! Nichts wie hin, natürlich ganz vorsichtig und auf den Takt achtend.

Was kann ich jetzt tun? Schlafen wäre sinnvoll. Das ist eine Möglichkeit, die unmöglich ist. Lesen ginge, mein Buch liegt … Es liegt auf dem Teppich. Ich muss es vorhin in der Hektik des Aufstehens heruntergeworfen haben. Das Lesezeichen, die abgerissene Ecke einer Zeitung, liegt daneben. Nein, Aufheben und Seite zum Weiterlesen suchen, ist zu anstrengend. Das kann ich morgen erledigen. Es ist unwahrscheinlich, dass ich versehentlich drauftrete. Nachts schläft man – wenn man schläft. Ich liege und leide. Wie spät ist es eigentlich? Kurz vor eins ist es und die feiern immer noch mit Volldampf!

Die Fernbedienung vom Fernseher liegt ganz scheu und traurig auf ihrem angestammten Platz. Eigentlich wartet sie auf morgen früh. Aber jetzt könnte ich …

Das Nachtprogramm in meinem Fernseher ist furchtbar. Egal welchen Sender ich wähle, entweder ich habe diese Dokumentation bereits mehrmals gesehen, es läuft ein blutrünstiger Krimi, eine Talkshow, bei der alle durcheinander reden oder eine Liebesschnulze. In dieser Sorte problembeladener Liebesschnulzen bin ich neulich beim Durchzappen des Vorabendprogramms gelandet. Ich wundere mich heute noch, dass nichts zurückgeblieben ist. Wo bleibt der Triebwagen, der stoisch durch die katalanische Pampas kurvt? Oder ist es noch nicht spät genug? Nach einer halben Stunde gebe ich entnervt auf.

Es herrscht Ruhe.

„Ruhe?“ Wo kommt die denn so plötzlich und lautkreischend her. Ich höre unrhythmisches Poltern und identifiziere es als den Abgang der Gäste meines Obermieters. Fix schalte ich das Licht aus. Schnell schlafen! Schlagartig bin ich hundemüde. Sekunden trennen mich vom Schlaf.

Denkste!

N.B.: Immer wenn man denkt, das Schlimmste überstanden zu haben, liefert Murphy Nachschub. Ob ich in dieser Nacht noch zum Schlafen komme? Maik, Isolde und deren Freundin, die Oma aus dem dritten Stock, Timo, die für einen Pornodreh reife Unterhaltung am Zaun vor meinem Schlafzimmer, ein geklautes Fahrradventil, großer Druck und schließlich die städtische Müllabfuhr tun ihr Bestes, mich am Schlafen zu hindern.