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Frankfurt von oben

Frankfurt von oben

Kürzlich habe ich mich in die Luft erhoben, rund 150 Meter über die Stadt Frankfurt. Flügel sind mir nicht gewachsen, es war ein Fahrstuhl, der mich so hochbrachte.

Der Fahrstuhlführer – Traumberuf jedes Teenagers – erklärte, dass 18 Normpersonen in die Kabine hinein dürfen. Die Norm sieht ein Durchschnittsgewicht von 75 kg und eine Standfläche von 0,15 m² vor. Eine echt kuschelige Norm ist das also. Allerdings berücksichtigt sie nicht, dass auf der Strecke von 31 Etagen auch noch genügend Sauerstoffmoleküle an Bord sein müssen. Von den ausgeschiedenen Düften der Fahrgäste möchte ich jetzt nicht reden. Nicht jedes Parfüm, nicht jeder Schweißtropfen der letzten Woche geht als Ersatz für Sauerstoff durch. Nach acht Leutchen hat er die Tür dicht gemacht. Da war ich wirklich froh!

Die Dame, welche links neben mir im Aufzug stand, lag innerhalb der DIN-Norm für Fahrstühle, hatte sogar noch Ressourcen abzugeben. Trotzdem bin ich froh, dass es nicht zum FKG, dem Fahrstuhl-Kuschel-Gau gekommen ist. Ihren großzügig bemessenen Ausschnitt zierte eine Kette mit einem Anhänger in Form eines „§“! Da verzichtet man freiwillig auf tiefere Einsichten. Mit solch einer möchte man keine Bekanntschaft machen. Dann lieber mit der fülligen Wuchtbrumme neben den Lulatsch gegenüber. Die zählte für Drei, hatte aber so eine nette Märchentantenstimme und schwärmte vom Buffet der letztjährigen Veranstaltung.

Ich glaube, es gibt noch Potenzial für Nacharbeiten an dieser DIN-Norm.

Frankfurt von oben

Frankfurt von oben

Von oben sieht Frankfurt faszinierend aus. Schön? Wenn man den Blick schweifen lässt, ist es eine schöne Stadt. Entferntere Stadtteile, Sachsenhausen beispielsweise, leuchten in Grün. Betonklötze stören überall die Ästhetik, in der Ferne etwas weniger. Die historischen, die etwas älteren Gebäude verschwinden im satten Grün.

Das Zentrum selbst erscheint zusammengestückelt. Da passt nichts zum anderen, alles kommt wie totales Flickwerk vor. Jeder Quadratmillimeter ist bebaut oder asphaltiert. Man spürt, hier zählt Rendite, nicht Schönheit. Wichtig ist der Moment, weder Vergangenheit noch Zukunft, nur Gegenwart.

Schaut man, direkt am Fenster stehend, steil nach unten, spürt man den Turm schwanken, so etwa drei bis fünf Meter gleichzeitig in jede Richtung. Der wackelt natürlich nicht, ist solide gebaut. Der Eindruck entstand durch meine Gleitsichtbrille, als ich den Kopf neigte. Ich sollte öfter mal herkommen, dann gewöhnen sich die Augen daran. Auch an den etwas unaufgeräumten Anblick vieler Dächer.

Die Menschen, dort unten:
„Ach, sind die niedlich! Solch ein süßer Krabbelkäfer war ich bis vor Kurzen auch. Jetzt bin ich riesengroß!“. Interessant war, zu beobachten, wie der Fahrer eines Transporters versuchte, einzuparken. Der hat sich echt doof angestellt. Gleich entstand ein kleiner Stau. Wäre mein Arm länger, hätte ich ihm geholfen. Nicht einmal die Fenster kann man hier öffnen. Er ist ein paar Meter weitergefahren, hat sich in die zweite Reihe gestellt und die Rechtsabbiegespur blockiert. Macht nichts, zwei Taxis stehen dort auch und entladen ihre Fracht in aller Ruhe. Chaos ist die Regel.

So ist Frankfurt.

Mistwetter

Mistwetter

Der Blick über den Bahnhof ist interessant. Ich erinnere mich an die Modellbahnanlage meiner Kindheit. Die war im Maßstab H0. Das hier ist höchstens N, also noch kleiner. Lütte Schlangenzüge schleichen über die Gleise.
„Jeden Moment verreckt dieser ICE!“, denke ich immer wieder, „Kann deutsche Spitzentechnik nicht schneller fahren? Ist Schritttempo eines Tausendfüßers, eines altersschwachen Tausendfüßers mit Rollator, unserer Zeit angemessen?“. So kommt es mir von hier oben vor.

Ich bin zu Fuß hierhergekommen, von Sachsenhausen aus, den Main entlang, dann durch die Häuserschluchten. Die Hochhäuser blickten verächtlich auf mich herab. Nahmen sie mich überhaupt wahr? Eine Ameise mit Regenschirm, wenige Millimeter groß, auf dem Bürgersteig kriechend?
„Hey, ich bin eins siebzig! Wenn ich wütend bin, wiege ich fünf Zentner!“. Das interessiert gerade Niemanden.

Hier kommt nicht jeder so einfach hinein. Es gibt eine Security, die das Haus bewacht. Nein, so schlimm, wie in dem modernen Museum, ist es nicht. Dann düse ich hoch in die einunddreißigste Etage. Das geht fix. Der Lift ist gut geschmiert, fährt fast ruckelfrei, startet steil nach oben, wie ein Airbus A 380. Nur, dass diese fliegenden Brummer in der Höhe nicht einfach stehenbleiben.

„Was für ein Ausblick!“

Der Silberturm in Frankfurt wurde 1975 – 1978 gebaut. Seinerzeit war er mit 166 Metern Europas höchstes Gebäude. Es hat 32 Stockwerke mit einer Geschoßfläche von jeweils 1900 m². Das reicht für 2000 Leute auf knapp 50.000 m² Mietfläche. Rein rechnerisch ist das sehr großzügig bemessen. Hauptmieter ist die Deutsche Bahn AG mit ihrer Tochter DB Systel GmbH, welche die Fahrkartenautomaten, die Software für die Züge und die Verspätungssoftware herstellt. Die Programme für den Lokführerstreik stammt allerdings von der GdL. Bis vor etlichen Jahren residierte hier die Dresdner Bank. Die gibt es nicht mehr.

Oben im 31. Stock ist ein Konferenzsaal. Alles ist modern, praktisch, nüchtern ausgestattet. Kein Kunstwerk lenkt die Besucher ab. Sattes bürograu beherrscht die Räume. Da fühlt sich der Angestellte von heute gleich heimisch.

Früher wurde hier oben Wasser gespeichert. Das hatte zwei Aufgaben. Erstens konnten die Beschäftigten hier baden und zweitens wurde der Turm damit geflutet, wenn es brannte. Von Letzterem war nicht die Rede.

Ich stelle mir vor, wie es ausschaut, wenn der Vorstandsvorsitzende nach Luft japsend im Sog des Ablassventils klemmt und von unten geröstet wird.

Adele, sein Vorzimmerterrier, reißt sich Kostümjacke und Rüschenbluse vom Leib, schnippst die Pumps von den Füßen, springt hinterher und versucht verzweifelt, ihn zu retten. Die zweite Charge der Geschäftsführung hat sich längst mit einem kühnen Sprung in Sicherheit gebracht. Der Rest der Belegschaft vertraut der Frankfurter Feuerwehr, genießt das Spektakel und hofft, dass der Sog stärker wird. Dieser Drachen …

„War meine Entscheidung, die Boni der Abteilungsleiter nur zu verdreifachen, ein Fehler?“, schießt dem zum Korken verkommenen Chef durch den Kopf. Zu Lautäußerungen, zu einem Hilferuf reicht es nicht. Er beginnt zu frieren und bereut spontan, diese hypermoderne, furchtbar energiesparende Wasserheizung angeschafft zu haben.
„Die hat noch nie funktioniert!“. Er resigniert vollends, als er den Chef vom Betriebsrat grinsend am Beckenrand stehen sieht.

Ein saugendes „Flutsch!“ und vom entsetzten Ruf
„Oh, mein Dutt!“, begleitetes Gelächter füllen den Raum.

Da kann ich einmal aus einem Hochhaus über die Stadt blicken! Und ausgerechnet an diesem Tag lässt Petrus alle Schleusen öffnen. Ist das die Rache für diese saugenden Gedanken, die mir kamen, als der Gastgeber die Historie des Bauwerks vorstellte?

N.B.: Normalerweise poste ich keine Handyfotos. Doch außergewöhnliche Ereignisse erfordern flexibles Handeln. Adele war mir Vorbild.