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Was heute ist, kann morgen anders sein. Beharren wir zu lange, fegt uns ein Sturm davon. Die Welt lebt von Veränderungen. Neues kommt von Altem, ist Altes in neuen Kleidern oder bricht das Alte.

Es ist kein Schwitzen mehr. Es ist einfach nur Regenwasser, das an Fabian herunterrinnt. Laufen ist nicht seine Welt. Sportlich ist er nur, wenn er zum Bus rennt. Und dann läuft das Wasser in Strömen. Trotz des Spurts, trotz der tagelangen Hitze, friert er. Der Umschwung käm plötzlich und unerwartet.

Fabian ist froh, die Bushaltestelle erreicht zu haben. Triefend setzt er sich ins Wartehäuschen. Der abnehmende Gewittersturm treibt letzte dicke Tropfen in die hinterste Ecke des Glaskastens. Fabian schnauft.

Noch vor einer Stunde saß er gemütlich mit Friederike im Eiscafé neben dem Schwimmbad. Die Hitze war unerträglich. Er fühlte sich wie ein Spiegelei in der Pfanne. Der Sonnenschirm bot kaum Schutz. Die Luft glühte regelrecht. Selbst flüchtigste Gedanken verursachten Schweißausbrüche. Sie saßen da und schwiegen. Sie saßen und löffelten ihr Eis aus großen Bechern, genossen die kurze innere Erfrischung. Immer, wenn Fabian aufschaute, blickte Friederike in die Ferne, sah lustlos irgendwo hin. Die Hitze war unerträglich.

Fabian weiß nicht mehr, wie es geschehen konnte. Jedenfalls kam es, wie aus dem Nichts heraus. Der Streit zwischen ihnen war wie ein plötzliches Sommergewitter. Erst war ein harmloser Disput, hatte einen nichtigen Grund. Gab es überhaupt einen? Ein Streit, wie er alle Tage vorkommen kann. Einer, der sich rasch wieder auflöst. Doch heute war es anders. Die Meinungsverschiedenheit schaukelte sich hoch, schnell und unerwartet. Nein, angeschrien haben sie sich nicht.
„Die Leute ..!“, hat Friederike mehrmals gesagt, als Fabians Stimme lauter wurde. Dabei hat sie sich immer umgeschaut, so, als wenn sie den anderen gegenüber andeuten wollte:
„Der ist es, ich kann nichts dafür, der kann sich einfach nicht benehmen!“. Ein Wort gab das Nächste. Plötzlich ist Friederike wütend und wortlos aufgesprungen und gegangen. Irgendetwas hatte sich über Wochen zwischen ihnen unausgesprochen angestaut. Nun entlud es sich in einem Gewitter, keinem reinigenden Gewitter. Fabian weiß nicht, worum es ging:
„Da fragst du noch!“, hatte Friederike ihm an den Kopf geknallt. Hatte sie Tränen in den Augen? Nein, es war nur Wut, ist sich Fabian sicher. Doch ihm ist zum Heulen zumute.

Weg war sie. Fabian konnte nicht hinterher laufen. Sie war so schnell um die Ecke und er musste schließlich noch die Eisbecher bezahlen. Einer muss es tun. Und der Eisbecher, auch wenn das Eis inzwischen längst geschmolzen war, wollte vertilgt werden.

Fabian war wütend. Er war traurig und konnte Friederike überhaupt nicht verstehen. Er grübelte und fand keine Erklärung.
„Warum musste sie gehen?“, fragt er sich immer wieder. So etwas wie Wut auf Friederike wuchs in ihm.

Ein kühler Hauch gleitet um ihn herum. Während er ein wenig erleichtert durchatmet, bemerkt er, dass eine dunkle Gewitterwolke über ihm steht. Der Lufthauch wird zum Gewittersturm. Es geht schnell. Dicke Tropfen klatschen auf die Erde. Die Serviererin kämpft mit dem Sonnenschirm. Am Nebentisch klirren Gläser, als sie vom Tisch kippen und auf dem Boden zerspringen. Gäste flüchten in den Innenraum. Es gießt in Strömen. Blitz und Donner erscheinen gleichzeitig.
„Na, das passt ja perfekt.“, ist der Kommentar von Fabian. Er läuft los. Abwarten, kommt für ihn nicht infrage. Er braucht Ablenkung. Der hastige Marsch durch das Unwetter ist eine Gelegenheit. Der Weg zur Bushaltestelle ist nicht weit. Trotzdem schnauft er mächtig.

Fabian sitzt im Wartehäuschen. Ewig kann es nicht dauern, bis der nächste Bus kommt. Hoffentlich ist es die richtige Linie. Länger warten, dazu hat er keine Lust. Er fühlt sich schlecht, das kalte Eis drückt im Bauch, der Streit geht ihm nicht aus dem Kopf, er friert und ist bis auf die Haut durchgeweicht. Er möchte nach Hause, warm duschen, ausruhen, später vielleicht Friederike anrufen.

Fabian blickt sich um. Da sitzt noch eine junge Frau, an der anderen Längsseite des Wartehäuschens. Er hat sie gar nicht bemerkt. Fabian nickt ihr, der Leidensgenossin, zu. Kummer verbindet. Er möchte sagen:
„Scheißwetter …!“. Er sagt nichts, merkt, dass sie ihn zu übersehen scheint, Abstand signalisiert. Unauffällig, fast schüchtern schaut er die Frau an:
„Die passt hinter den Tresen beim Bäcker. Oder beim Fleischer!“, ist sein Fazit. Na gut, das ist übertrieben und er relativiert diese Gedanken. Sie sieht gut aus, hat ein hübsches Gesicht, rund, eine kleine Nase, fast eine Stupsnase. Die langen, dunklen Haare sind zum Pferdeschwanz zusammengebunden, wegen der Nässe sicherlich. Sie könnte seine Traumfrau sein, die Traumfrau in dick, in mitteldick, wie er. Fabian nennt es „kräftig“ und schiebt es auf die Gene.
„Schließlich bin ich nicht dick!“. Während er das denkt, fühlt er sich beobachtet. Er lässt es sich nicht anmerken, es ist ihm sogar ein wenig peinlich.

Fabian ist längst zu Atem gekommen, ruhig geworden. Rennen war nie seine Stärke. Laufend schaut er auf die Armbanduhr. Er ist ungeduldig. Er blickt sich um.

* * *

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Zwischen Alltagswahn und Fankurve

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.