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„Der Kollege Ströverig!“, hallt es durch den Besprechungsraum wie auf Bahnsteig 7 bei der Ansage der Einfahrt des verspäteten Express aus Kopenhagen. Die Anwesenden blicken Alois wie erstarrt an, „Schön, dass Sie auch da sind!“. Gertrude Müssigbrodt, die Chefsekretärin, hat einen mehr als ironischen Unterton an sich. Kein „Guten Morgen!“, kommt, als Alois die versammelten Kollegen etwas kleinlaut begrüßt und die Tür hinter ihm lautstark zuschlägt.
„Entschuldigung“

Er hat nicht den Eindruck, dass man auf ihn gewartet hätte. Die Besprechung ist in vollem Gange, seit knapp zwanzig Minuten. Alois nimmt den freien Platz neben der Müssigbrodt, ausgerechnet neben der. Sein Stammplatz bei derartigen Meetings ist besetzt, eine unbekannte junge Frau sitzt dort.
„Abwarten!“, denkt Alois. Er möchte nicht noch einmal von dieser unangenehmen Person zur Ordnung gerufen werden. Bestimmt hat sie die Neue gerade vorgestellt.

* * *

Dass es so weit kommt, hat Alois sich in den schlimmsten Träumen nicht ausgemalt. Das ganze Wochenende über freut er sich auf Montag, endlich wieder in sein verhasstes Büro zurückkehren zu können, endlich wieder in den Dunstbereich dieser Müssigbrodt zu gelangen.

Es ist Freitagnachmittag. Das Wochenende, eines mit viel Sonnenschein, eines, was man sich häufig wünscht und selten bekommt, eines, das vorher länger erscheint, als es schließlich ist, liegt vor ihnen. Alois trinkt mit Madam, wie er seine Frau insgeheim nennt, den obligatorischen Wochenendkaffee. Das ist eine Tradition, die von den beiden seit Jahren gepflegt wird. Alois liest, wie immer, die Tageszeitung und Madam strickt an irgendeinem Teil.
„Da hat sie wenigstens eine Beschäftigung.“, denkt Alois.

Gerade ist Alois beim Horoskop angekommen. Er ist sicher, dass die Vorhersagen für ihn diesmal in Erfüllung gehen, so wie meistens. Sonst wären sie nicht so allgemein, nichtssagend, dann läse sie niemand. Das mit der heißen Liebe wird ignoriert, er hat ja seine Madam. Aber Familienidylle und Erfolg im Beruf findet er in Ordnung. Genau in diesem Moment klingelt es an der Wohnungstür. Es ist kein Klingeln, es ist eher das Sturmläuten einer Schiffglocke kurz vor dem Untergang. So ähnlich empfindet Alois auch das, was nun auf ihn zukommt.

„Elvira, schön, dass du uns …“. Weiter kommt Angelika Ströverig nicht. Da fliegt ihr die Schwester entgegen und bricht in ein herzzerreißendes Heulen aus. Alois ahnt Schlimmes. Vor allem, als die elfjährigen Zwillinge Tobias und Vincenz hinter seiner Schwägerin auftauchen und sich gleich auf die Suche nach Max, dem Sohn von Alois machen. Natürlich reißen sie als erstes die Tür von Tinas Zimmer auf, was ein mörderisches Geschrei zur Folge hat. Dann sind sie im Reich von Max verschwunden.

Alois beschließt, Elvira zu begrüßen. Die hängt immer noch am Hals seiner Frau und jammert. Irgendetwas ist in ihrer Familie passiert. Wenn Alois das richtig mitbekommen hat, ist Elviras Mann beim Fremdgehen erwischt worden. Oder war es Elvira selbst und ihr Gatte hat sie rausgeschmissen? So genau lässt sich das nicht sagen.
„Egal!“, denkt Alois, „Die beiden haben sowieso nicht zueinander gepasst. Walther ist einfach zu gut für die.“

Es dauert knapp eine halbe Stunde, bis sich die Szene etwas beruhigt. Dafür wird das Geschrei im Zimmer von Max lauter. Wenigstens beschließen die drei Jungs, nach draußen Fußballspielen zu gehen. Alois atmet durch.

Doch dann bekommt er einen Schock. Elvira hat sich für das ganze Wochenende bei ihnen einquartiert.
„Nein! Zu diesem Mistkerl kehre ich nicht zurück, niemals!“, steht für sie fest. Das klingt nach mehr als zwei Tage.

Alois weiß nicht mehr, wie er den Samstag und Sonntag mit diesen zwei Frauen und vier Kindern überlebt hat. Nur an eines erinnert er sich genau. Er hatte gerade den Holzkohlegrill angefeuert und wollte die Steaks drauflegen, da spürt er am hintersten Zahn seines linken Unterkiefers so etwas wie Schmerz. Es war ein leichtes, unterschwelliges Leiden, das eher an ein Drücken, ein Ziehen von innen erinnert.
„Das kommt von dem Stress hier!“, steht für Alois fest, „Typisch für psychische Überlastung. Irgendwie muss sich so etwas bemerkbar machen.“ Alois nimmt das nicht ernst, es wird schon vergehen, spätestens, wenn die Bagage wieder verschwunden ist.
„Hoffentlich verschwinden die bald!“

Und dann ist da noch der Vorfall am Sonntagnachmittag. Alois ist mit seinem Kumpel Manne im Gartenlokal des Schrebergartenvereins zum Kegeln verabredet. Es soll ein kleiner Lichtblick in dem trüben Wochenende werden, hofft Alois. Bevor er zum Kegeln geht, erntet er in seinem Schrebergarten noch ein Körbchen mit Erdbeeren. Er lässt die Früchte wirklich nur fünf Minuten aus den Augen. Als er wieder im Gartenhäuschen auftaucht, ist der Korb leer. Die Zwillinge haben alle Erdbeeren, die für eine Bowle für Alois Kegelfreunde bestimmt waren, verdrückt. Wenigstens findet Alois noch zwei Büchsen mit anderen Früchten im Vorratsschrank. Im Vergleich zu einer Erdbeerbowle, ist das Alternativgetränk eher der Fiat 500 unter den Ferraris.

Schon in der ersten Runde knallt sich Alois die Kegelkugel mit Schwung auf den linken großen Onkel. Manchmal stellt er sich wirklich ungeschickt an. Natürlich gibt er das nicht zu und erklärt, zu welch grandiosem Wurf er ausgeholt hatte. Nur die Kugel scheint irgendwie nicht in Ordnung zu sein und seinen Plan nicht verstanden zu haben. Er hört die Engelein singen und befürchtet das Schlimmste. Ihm ist zum Heulen zumute.
Er ist ein Mann, der schluckt so etwas runter.
„Schließlich heiße ich nicht Elvira!“

Nach einer halben Stunde steht dann fest, dass der Zehennagel nicht einmal blau unterlaufen sein wird. Die Kugel scheint den Schuh nur leicht gestreift zu haben. Das Mitleid der Vereinskollegen tut ihm gut. Alois ist ein Held.

Am frühen Sonntagabend geht es aus dem Garten wieder heim. Alois überlegt, ob er mit seinem gestoßenen Zeh und drei oder waren es vier Gläser Bowle, noch fahren darf.
„Der Alkohol verteilt sich!“, beschließt er. Nur Tina setzt sich zu ihm ins Auto. Angelika und die Jungs sitzen bei Elvira mit im Wagen. Tina sagt:
„Mit diesen blöden Kerlen will ich nichts zu tun haben. Die sind total unreif, machen nur Dummheiten und legen ein Benehmen wie Verbrecher an den Tag.“

Alois muss noch fix tanken. Beim Bezahlen vertippt es sich bei der Eingabe der Geheimzahl. Er ist heute etwas gestresst. Auch der nächste Versuch geht schief. Ärgerlich überlegt er. Bei zwei Ziffern des Codes ist er sich nicht sicher.
„Erst die Neun und dann die Sieben? Oder ist es umgekehrt? Und wo gehört die Drei hin?“ Einmal kann er es noch wagen.
„Nun konzentrier dich!“ Diesen Ratschlag hätte Tina lieber nicht geben sollen. Denn jetzt ist Alois total verunsichert. Zwangsläufig geht auch der dritte Versuch schief und die Karte ist gesperrt. Der Angestellte schaut etwas fragend, so als hätte Alois die Geldkarte geklaut.
„Haben sie Bargeld?“
„Nein. Ich fahre schnell heim und hole welches. Sie kennen ja das Kennzeichen des Wagens oder soll ich ein Pfand hierlassen? Brille, Ausweis? Oder meine Tochter bleibt hier!“
„Du spinnst wohl. Erst vermasselst du die Geheimzahl und dann gibst du mich als Pfand! Das kommt überhaupt nicht infrage! Ruf doch Mutti an, dass sie dich auslöst. Zur Not habe ich noch einen Fahrschein für die Straßenbahn.“

Alois ruft seine Frau an. Es ist ein ewiges Hin und Her. Schließlich kommt sie nach über einer halben Stunde mit Elvira angefahren und bezahlt den Sprit. Der Spott von Elvira ist beißend.
„Typisch Mann!“, ist das Harmloseste. Angelika hält sich zurück, möchte ihren Göttergatten nicht noch mehr erzürnen. Aber sie hat ja die Schwester, welche wirklich ihr Bestes gibt.

Den ganzen Abend spricht Alois kein einziges Wort mehr. Als er ins Bett gehen möchte, verzögert sich auch das.
„Du lässt Elvira und mich doch noch schnell vor dir ins Bad rein!“ Dieses „schnell“ ist eines von der ganz langsamen Sorte. Es ist so gemächlich, dass Alois erst nach Mitternacht im Bett liegt und vor Wut natürlich ewig nicht einschlafen kann.

Am Montagmorgen spricht Alois ein Machtwort und schmeißt Elvira mit ihren zwei unerzogenen Gören gegen den Protest seiner Frau wieder aus der Wohnung heraus. Jedes einzelne Wort betonend sagt, nein posaunt er mit seinem tiefsten Bass
„Wenn ich heute Abend nach Hause komme, dann möchte ich meine Ruhe haben. Sucht euch eine andere Bleibe. Bei mir nicht!“. Mit einer heftigen Reaktion seiner Frau Angelika hatte er gerechnet. Aber diese überrascht ihn doch:
„Du kannst ja ausziehen, wenn es dir hier nicht gefällt! Vielleicht ziehst du zu Walther? Ihr könnt ja eine Alte-Herren-WG aufmachen“. Und dann brauchte er noch eine halbe Stunde, seine Frau und ihre Schwester wenigstens einigermaßen zu beruhigen.

Schließlich geht Alois. Er ist sowieso schon zu spät dran. Der Termin, den er im Kalender sieht, scheint ihm nicht so bedeutend. Wichtiger ist, dass die Frauen das Rudel Kinder irgendwie in die Schule bugsieren und dann selbst ins Büro kommen.

Gnädigerweise überlässt er Angelika das Auto und nimmt die Straßenbahn. Zumindest ist das sein Plan. Irgendein Unfall blockiert die Schienen, so dass auf absehbare Zeit keine Tram fährt. Alois geht heim und holt das Fahrrad aus dem Keller.
„Nur nicht noch einmal hoch in die Wohnung. Keifende Weiber habe ich heute mehr als genug erlebt!“. Als er an der Straßenbahnhaltestelle vorbei radelt, kommt gerade die Bahn. Und keine drei Minuten später, beginnt es zu nieseln.

Die Woche fängt gut an.

Nass, missgelaunt und verspätet betritt Alois sein Büro. Er bräuchte jetzt einen starken Kaffee, besser gleich zwei und gefrühstückt hat er auch noch nicht. Der Zahn schmerzt mehr denn je. Sollte er lieber zum Zahnarzt gehen? Alois beschließt, im Laufe des Vormittags bei seiner Zahnärztin anzurufen. Bei Notfällen ist die ja immer recht flexibel. Er weiß, dass die Müssigbrodt für Acht zu einer außerordentlichen Projektbesprechung geladen hat. Es ist gleich Halbneun.
„Was die schon wieder hat! Die soll sich lieber um ihren eigenen Kram kümmern!“

* * *

Alois nimmt Platz und gießt sich als allererstes eine Tasse Kaffee ein. Es ist der übliche Bürokaffee, den man möglichst nicht auf leeren Magen in sich hineinschütten sollte. Es scheint hier nichts Besonderes los zu sein. Die Schockstarre, in der sich alle befanden, als die Müssigbrodt Alois begrüßte, hat nicht lange angehalten. Ein Kollege labert irgendetwas aus dem Projektplan, nichts, was Alois unbekannt wäre. Worum geht es denn überhaupt? Durch Alois Kopf schießen tausend Gedanken. Alles läuft darauf hinaus, dass er hofft, heute Abend endlich seinen gewohnten Familienfrieden wieder zu finden.

Im Unterbewussten bekommt er mit, dass es um irgendwelche Probleme mit diesem Projekt geht. Na gut, das ist seit ein paar Wochen überfällig. Aber nur, weil zwei der Mitarbeiterinnen ausgefallen sind, weil er wichtige Zuarbeiten nicht bekommen hat. Bei der einen ist das Kind krank geworden und die andere muss ausgerechnet jetzt schwanger sein. Und dann gab es noch diese beiden kurzfristigen Änderungswünsche des Auftraggebers. Plötzlich heißt es, die würden schon im Auftrag stehen. Das müsste er schließlich wissen. Und die fehlenden Zuarbeiten interessieren niemanden, dafür sei er doch zuständig.

„Kollege Ströverig! Statt der Frau Beyer-Rehfeld ständig in den Ausschnitt zu starren, erklären …“

Alois ist sauer. Er ist sowieso schon sauer. Aber, wenn die Müssigbrodt so anfängt, verliert er schnell die Beherrschung.
„Erstens, liebe Frau Kollegin, starre ich hier niemanden in den Ausschnitt, weder dieser Frau Meyer-Sehfeld, noch ihnen. Und zweitens, wer ist diese Frau Meier-Wie-auch-Immer überhaupt?“

„Erstens, lieber Herr Kollege, möchte ich ihnen auch nicht raten, mir ins Dekolleté zu gaffen. Und zweitens ist Frau Dr. Beyer-Rehfeld die Vertreterin des Auftraggebers. Genauer gesagt die neue Projektleiterin, die seit zwei Wochen vergeblich versucht, einen Termin bei Ihnen zu bekommen. … Ja, ich weiß, sie sind furchtbar beschäftigt, so immens, dass drei Ihrer Projekte kurz vor dem Zusammenbruch liegen, aber wir hätten trotzdem gerne mal gewusst …“. So geht die Beratung etwa zwei Stunden lang weiter. Dreimal ist Alois rausgerannt und hat irgendwelche Unterlagen gesucht, zwei davon sogar gefunden. Zum Schluss steht fest, dass eigentlich noch nichts erledigt wurde und dass Alois sechs Wochen Galgenfrist hat, das Projekt abzuschließen. Ursprünglich waren vier Monate geplant. Ohne Konventionalstrafe wird er seinen Kopf diesmal nicht aus der Schlinge ziehen.
„Wenn der Chef aus dem Urlaub kommt, will er Fakten sehen! Denken sie daran! Und vergessen sie nicht die anderen überfälligen Projekte!“

Alois ist fix und fertig, als er aus der Beratung kommt. Er beschließt. Erst einmal ein ernstes Wörtchen mit Kollegin Krüger, seiner Vertreterin zu sprechen. Schließlich hat sie die Ist-Analyse nicht abgeliefert. Und ohne Ist-Analyse geht schon mal gar nichts. Doch Frau Krüger ist seit heute im Urlaub. Den hatte sie auf Alois Bitte hin bereits zweimal verlegt, aber nun ist sie weg, macht endlich zwei Wochen Ferien. Alois ruft sie dennoch zu Hause an und hofft, sie noch zu erwischen. Es klappt auf Anhieb. Doch die Antwort seiner Kollegin ist eher ein Schock als weiterhelfend.
„Ich habe sie schon mindestens fünfmal gebeten, mir die Projektunterlagen zu geben. Aber die liegen gut verschlossen in ihrem Schreibtisch.“ Stimmt, erst am letzten Mittwoch hatte sie die Unterlagen angemahnt. Ein Griff ins mittlere Fach des Schreibtischs reicht und schon liegt die Akte auf dem Tisch.
„Dann verschieben sie gefälligst Ihren Urlaub!“, brüllt Alois ins Telefon, „Dieses Projekt ist wichtiger als ihr Urlaub!“. Sonst verliert er seine Fassung nicht so schnell. Aber heute herrscht Ausnahmezustand. Frau Müller hat längst aufgelegt. Alois Versuche, sie noch einmal an den Apparat zu bekommen, wenigstens um sich zu entschuldigen, misslingen.

Hunger! Alois hat Hunger und dieser Hunger ist fast so schlimm wie seine Zahnschmerzen. Er beschließt, mal fix zum Bäcker an der Ecke zu flitzen.
„Wohin so eilig?“, hört er Frau Müssigbrodt rufen, als er an ihrem Büro vorbeirennt. Er muss da immer vorbei, wenn er die Abteilung verlässt und die Müssigbrodt bekommt garantiert alles mit.
„Nur mal fix zum Bäcker! Ich habe noch nicht gefrühstückt.“ Bevor die Sekretärin etwas erwidern kann, ist er zur Tür hinaus. Als Alois mit hängender Zunge vor dem Bäcker steht, muss er feststellen, dass der genau ab heute Betriebsferien hat. Alois hastet weiter. Aber der Imbiss in der übernächsten Querstraße macht montags erst am Nachmittag auf. Zum Supermarkt ist es zu weit. Der nächste Termin drängt bereits.

„Wenn sie nicht so schnell gerannt wären, hätte ich ihnen sagen können, dass der Bäcker Urlaub hat“. Mit diesen Worten wird er von Frau Müssigbrodt begrüßt, als er wieder an ihrer Bürotür vorbeikommt, „In der Küche steht ein Rührkuchen. Kollegin Schmidt hat ihn mitgebracht, ist übrig geblieben bei der Geburtstagsfeier ihres Mannes. Schneiden Sie sich ruhig ein dickes Stück ab. Der Tag ist noch lang.“
„Vielen Dank!“, erwidert Alois. Die letzte Bemerkung hätte sie sich allerdings schenken können. So schlau ist er auch. Der Rührkuchen ist wirklich köstlich und rettet ihn über den Tag.

Notgedrungen beschließt Alois, auf die Ist-Analyse zu verzichten. Er hat deswegen zwar ein schlechtes Gewissen und schließt nicht aus, dass es schiefgehen könnte. Doch er kennt diesen Laden, ist schon zweimal dort gewesen. Gleich nach der mittäglichen Besprechung will er mit der Planung für dieses vermaledeite Projekt beginnen. Lange überlegt er, wem er die Aufgabe aufs Auge drücken kann. Die eine Kollegin hat Telefondienst für die Kunden, die steht dafür nicht zur Verfügung. Die andere wäre geeignet – ja das ist eine gute Idee. Doch dann bleibt ihr Projekt liegen. Geht auch nicht. Es gibt noch drei weitere Kollegen, aber die sind alle fest verplant. Da ist nichts zu machen. Also, beschließt Alois, muss er sich selbst drum kümmern. Das ist sowieso das Beste!

Jetzt aber los, zwei Herren warten im Besprechungsraum. Lange dauert das zum Glück nicht. Als Alois in seinem Büro zurück ist, ruft er erst einmal bei der Zahnärztin an. Mehr als eine Bandansage, dass sie in dieser Woche zu einer Weiterbildung ist, bekommt er nicht zu hören. Zwei Vertretungsärzte werden für dringende Fälle empfohlen. Einer kommt sowieso nicht infrage, der hat Alois damals so ruppig behandelt. Der andere hat erst wieder morgen Sprechstunde.
„Solch ein Leben möchte ich auch mal haben.“ Im Internet findet Alois zwei weitere Zahnärzte in der Nähe. Aber auch hier hat er kein Glück. Wenigstens kann er bei dem einen am späten Nachmittag noch mal anrufen. Über Mittag haben die geschlossen.

„Hier sieht es ja aus, wie auf dem Schlachtfeld!“, sagt Frau Müssigbrodt, als sie an Alois‘ Büro vorbeikommt. Alois hat alle Projektunterlagen auf Tischen und dem Fußboden ausgebreitet. Er vermittelt den Eindruck, als ob hier gearbeitet wird. Kaum ist die Müssigbrodt vorbei, kehrt sie um und schaut noch einmal in sein Zimmer. Sie stutzt.
„Ist etwas mit Ihnen? Ist Ihnen nicht gut? Sie, … sie sehen so merkwürdig aus.“
„Ach nichts, sind nur der Stress und die Hitze.“, entgegnet Alois.

Zwei Stunden später geht Alois an den Erste Hilfe Kasten in der Teeküche. Er sucht Schmerztabletten, findet aber keine. Schließlich überwindet er sich und fragt die Kollegin Müssigbrodt, ob die welche hätte. Die hat sonst doch immer alles.
„Aha, Zahnschmerzen.“, sagt sie und kramt in ihrer Handtasche, „Nehmen sie eine hiervon. Das Beste wäre, sie rufen mal bei einem Zahnarzt an.“ So schlau ist er selber, aber wenigstens hören diese verdammten Schmerzen gleich auf.

Langsam, ganz langsam kommt Alois mit der Arbeit vorwärts. Gerade will er notieren, was er noch an Unterlagen und Informationen vom Auftraggeber benötigt, da stürzt sein Computer ab. Irgendwelche Schwierigkeiten mit einem Programmupdate hat der nicht verkraftet. Das kam doch noch nie vor! Ist das vielleicht ein Virus? Im selben Moment melden sich die Zahnschmerzen wieder. Noch ist er nur ein leichtes Drücken. Alois hat wohl zu viel mit seiner Zunge an diesem dämlichen Zahn gespielt. Ihm ist klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann er die nächste Schmerztablette benötigt.

Alois beschließt, zwei wichtige Telefonate zu führen. Das mit dem IT-Menschen müsste schnell gehen, anschließend kann er sich um einen Zahnarzttermin kümmern. Doch der Kollege von der IT braucht seine Zeit, kapiert erst nicht, dass Alois gerade keine Mail mit der Problembeschreibung schicken kann. Dann lässt der nicht locker und stellt eine Frage nach der anderen. Bis Alois der Kragen platzt.
„Bringen sie den Computer in Ordnung. Das ist ihr Job. Wie sie das hinbekommen, ist mir wurscht. Ich muss meinen Job machen und der ist dringend. Ich habe jetzt keine Zeit, mit Ihnen herum zu palavern.“ Alois legt auf.

Einen Zahnarzttermin bringt er auch nicht zustande. Eine geschlagene halbe Stunde telefoniert er alle Zahnärzte ab. Niemand hat Zeit für seinen Zahn. Resigniert gibt Alois auf und beschließt, die Müssigbrodt noch einmal um eine Tablette zu bitten. Vorher ruft er bei der IT an.
„Ich habe Ihnen doch gerade eine Mail geschickt!“, entgegnet diesmal ein anderer Kollege von der Hotline. Die Antwort von Alois ist eher unsachlich und nicht von dem sonst üblichen Umgangston in dieser Firma geprägt. Mit einem Ultimatum
„Wenn der Computer nicht in zehn Minuten läuft, dann …“
„Schicken sie eine Mail mit der Problembeschreibung. Sonst können wir hier nichts in unsere Fehlerdatenbank eingeben.“ Alois legt auf.

Er bemerkt erst jetzt, dass die Frau Müssigbrodt in der Tür zu seinem Büro steht.
„Sie haben Zahnschmerzen, das hört man an ihrem gereizten Ton. Gehen sie zum Zahnarzt, ich rufe bei der Hotline an und kläre das. So kommen sie mit ihrer Arbeit jedenfalls nicht vorwärts.“ Alois ist nahe an einer Explosion mit anschließendem Nervenzusammenbruch. Aber er beherrscht sich. Schließlich zeigt die Müssigbrodt so etwas wie Mitgefühl. Das hätte er ihr nie im Leben zugetraut. Dann erklärt er ihr, dass das mit dem Zahnarzt wohl heute nichts mehr wird und ob sie nicht noch eine Tablette für ihn hätte.

„Moment.“

Fünf Minuten sind es nicht, eher weniger. Da sagt die Müssigbrodt zu Alois:

„Sie sind ein echter Glückspilz, dass sie mich haben. Fahren sie gleich zu Dr. Teubert in der Schlossstraße. Der hat einen Termin für sie. Der ist wirklich gut. Ich bin mit ihm seit Jahren zufrieden. Und in der Zwischenzeit kommt einer von der IT und repariert ihren Rechner. Morgen können sie mit Volldampf und ohne Zahnschmerzen weiterarbeiten!“

„Oh, vielen Dank, liebe Frau Müssigbrodt!“. Ist sie bei diesen Worten etwa zusammengezuckt? Alois wundert sich über sich selbst. Dass ihm ein „Liebe Frau Müssigbrodt“ irgendwann einmal über die Lippen kommt, damit war wirklich nicht zu rechnen, seit siebeneinhalb Jahren nicht. Solange ist die Müssigbrodt Sekretärin bei seinem Chef. Dass er ihretwegen ein Glückspilz ist, dass lässt er gnädigerweise unkommentiert.

„Aber dieser Dr. Teubert, das ist doch der, der mich damals … Egal, da muss ich durch, selbst wenn der meinen Zahn rausrupft!“

* * *

Niemand ist zu Hause, als Alois endlich und von seinen Schmerzen erlöst heimkommt. Ihm schwant Schlimmes. Wo ist Angelika, wo sind die Kinder? Er schaut in den Kühlschrank und findet ein paar essbare Dinge. Viel ist es nicht, aber die nächste Stunde kommt er damit über die Runden. Nachdem er gegessen hat, geht er ins Wohnzimmer und legt sich zum Ausruhen aufs Sofa. Er ist so geschafft von diesem Tag, eigentlich von der Hektik des ganzen Wochenendes und des Montags, dass er nicht die Kraft hat, die Fernbedienung in die Hand zu nehmen. Eine Minute später schläft er, lautstark.

Kurz darauf, so kommt es Alois jedenfalls vor, tatsächlich hat er mehrere Stunden geschlafen, bemerkt er, dass Angelika im Raum ist.
„Wo kommst Du denn her?“, fragt er total verschlafen.
„Aus der Küche, ich habe die Frühstücksbrote für die Kinder geschmiert.“ Alois muss sich erst orientieren. Es ist schon deutlich nach zehn Uhr am Abend. Er scheint mit seiner Frau allein zu sein. Jedenfalls vermisst er das einnehmende Wesen seiner Schwägerin. Er vermisst es natürlich nicht. Er ist froh, es nicht zu spüren. Es dauert eine Weile, bis er fragt
„Und Elvira?“
„Die ist mit den Kindern zu Hause. Hat sich mit Walther wieder vertragen. Die haben es beide nicht ohneeinander ausgehalten.“ Genau in diesem Moment passiert das, was Alois über vier Tagen sich nicht einmal getraut hat zu hoffen. Ihm fallen Steine vom Herzen, so groß wie … Jedenfalls riesengroße Brocken. Mühsam, aber schnell erhebt er sich, nimmt seine Frau in den Arm und drückt sie ganz nah und fest an sich heran.

Genau genommen sind sie beide froh, dass dieses Chaos-Wochenende vorüber ist und dass sich die Ehe von Elvira wieder eingerenkt hat.

N.B.: Dominik Leitner veranstaltet ein Blogprojekt unter dem Titel *.txt. Alle 3 Wochen gibt er ein Wort vor, dass die Teilnehmer zu einem Text verarbeiten sollen. Das zehnte Wort ist „Glück“. Und dieses Werk ist mein Beitrag in diesem Projekt. Schließlich gehören Glück und Pech untrennbar zusammen.