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In der Wohnung über mir wird die halbe Nacht hindurch gefeiert. Doch nun scheine ich das Martyrium endlich überstanden zu haben. Die Gäste machen sich auf den Weg. Oder geht es weiter?

Erst einmal kommt ein Auto und hält mit laufendem Motor direkt vor dem Haus. Dann passiert nichts. Plötzlich höre ich Stimmen und das Knallen einer Autotür. Einer der Gäste hatte wohl ein Taxi geordert. Das ist vernünftig, besser als selbst hinter dem Steuer zu sitzen. Es ist bestimmt viel Alkohol geflossen. Mit jaulendem Motor rast das Auto davon. Taxis fahren immer zu schnell, außer unmittelbar vor einem Blitzer. Die kennen jeden Blitzer persönlich! Ich wohne mitten in einer 30er-Zone und zwanzig Meter vor der nächsten Kreuzung, an der die Bremsen quietschen. Bestimmt biegt der nach links ab, obwohl Rechtsabbiegen vorgeschrieben ist. Taxifahrer kennen kaum Verkehrsregeln.

So, jetzt kann ich schlafen. Gleich geht es los. Volle Pulle schlafen!

Auch das noch! Ich höre zwei junge Damen kichern. Sie scheinen ihre Fahrräder, die sie am Zaun vor dem Haus angeschlossen hatten, fahrbereit zu machen. Dabei plappern sie ununterbrochen. Langsam gewöhne ich mich an ihren Tonfall. Sie lästern über einen der Jungs, der bei der Party mit dabei war. Wenn angetrunkene Frauen über junge Männer lästern, ist das der Stoff, aus dem die Schnulzen im Vorabendprogramm der Fernsehsender gemacht werden! Da bin ich mir sicher. Der Beweis lief gerade erst in meinem Fernseher und hatte mich von diesen furchtbaren Drums abgelenkt. Männer sind da einfacher gestrickt. Die erwähnen nur die wundervollen Ohren und den süßen Arsch der einen oder anderen Dame und sind sich spontan einig, wissen Bescheid. Männer kennen sich aus!

Wenn Frauen lästern, geht es um fiktive Dinge, um Dinge die sie nicht zu Gesicht bekommen haben, die sie in ihre Vorstellung spiegeln. Gerne hätten sie diese in Augenschein genommen. Aber er hat sich leider nicht ausgezogen. Es war keine Swingerparty. Zu gerne hätten sie einen lüsternen Blick geworfen oder mal vorgefühlt. Ja, „vorgefühlt“, hat die eine gesagt! Maik, so heißt dieser Adonis, muss ein unglaublich beeindruckendes Schwänzchen haben. Und bestimmt mächtig wohlklingende Glocken. War dies das Treffen vom Kirchenchor, das da über meinem Quartier stattfand? So hatte es sich wirklich nicht angehört. Ich traue mich nicht einmal, in Gedanken zu denken, was diese Damen, ich bleibe mal bei der Bezeichnung „Damen“, sagten. Bei einem Computer würde der Virenscanner Amoklaufen, so viele Viren, Würmer und anderes Ungetier fände er. Etwa so stelle ich mir eine Pornoseite vor. Mein Weltbild stürzt gerade ein. Von Frauen hätte ich das wirklich nicht erwartet. Die tun doch immer so manierlich! Mir ist plötzlich etwas ängstlich zumute.

Die beiden Ladys diskutieren den „Fall Maik“ sehr ausführlich. Sein Job bei der Bank beeindruckt sie enorm. Der steigert seinen Wert in Höhen, die nicht einmal der Commerzbanktower erreicht. Wenn Maik wüsste, was hier gesprochen wird.

Hoffentlich hört die alte Dame aus dem dritten Stock nicht mit. Die hat sicher einen leichten Schlaf und wird schnell wach. Ich mache mir Sorgen um diese Dame. Neulich hat sie mir zwanzig Minuten lang erklärt, wie furchtbar dieses Kinderquieken ist, das nachmittags aus dem Garten des Nachbarhauses kommt. Ich bin sie einfach nicht losgeworden, wollte nicht unhöflich sein. Schließlich habe ich eine gute Erziehung genossen! Soll ich jetzt vorsichtshalber den Notruf wählen und eine Herzattacke melden?

Es gibt ein Problem. Die eine, ich nenne sie mal Isolde, sie hat sich mir ja nicht einmal vorgestellt, meinte:
„Hoffentlich verquatscht du dich mal nicht bei deinem Timo! Wenn der mitbekommt, wie du auf Maiki stehst, flippt der aus!“

„Für Maiki würde ich Timo glatt vergessen!“

„Okay, dann nehme ich den Timo.“

„Vergiss es! Timo wäre wirklich nicht der Richtige für dich, der ist viel zu anspruchsvoll. Dann ist da ja noch dein WG-Kumpel?“

„Du meinst Fred?“, fragt Isolde, „Der ist längst Historie. Wie meinst du das mit ‚zu anspruchsvoll‘?“

„Nur so.“ Jetzt wissen wir Bescheid. Auf diesem Niveau geht die Unterhaltung weiter. Ein Ergebnis ist nicht abzusehen. Zwischendurch stellen sie abwechselnd fest, dass sie zu viel getrunken haben. Isolde wäre der Alkohol in den Kopf gestiegen und bei der anderen drückt er auf halber Höhe.

„Nein, ein öffentliches Klo ist hier nicht. Klingelt doch eine Etage höher. Vielleicht schläft mein Obermieter noch nicht so tief“, denke ich schlaftrunken.

Maik scheint eine interessante Person zu sein. Ich möchte ihn auch mal kennenlernen. Vielleicht kann ich mir bei ihm ja noch etwas abgucken. Und einen Schmiss bei den Frauen hat der! Das ist wirklich unglaublich! Leider war er auch nur ein Gast der Geburtstagsfeier. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn kennenlerne, ist gering. Jedenfalls weiß ich nun, welche Bewandtnis diese Fete hatte. Es wurde ein Geburtstag gefeiert, ein fünfundzwanzigster. Als ich Fünfundzwanzig war, damals im letzten Jahrtausend, …

Endlich sind die beiden mit dem Lästern am Ende angekommen. Jetzt scheinen es beide eilig zu haben. Isolde erwähnt den Liebigpark. Dort stehen Bäume, sind Gebüsche, dort könnte man mal … Macht eine Dame so etwas?

„Der ist nachts abgeschlossen“, fällt mir mitleidsvoll ein. Ich hoffe, dass sie sich nun auf den Heimweg machen. Zwei Fragen sind allerdings und ganz offensichtlich noch ungeklärt. Erstens die Frage, welche der beiden Damen den Maik für sich beanspruchen darf. Sie scheinen beide scharf auf diesen Kerl zu sein. Ihren derzeitigen Lover würden sie ohne ein Wimpernzucken abservieren. Zum Teilen, eine vormittags, die andere nachmittags oder tageweise oder immer neu auslosen, scheint keine der Beiden bereit zu sein. Zum Glück ist dieser Streit nicht eskaliert. Wenn die sich vor meiner Bude gekloppt hätten! Hätte ich schlichtend, so wie ich bin, eingreifen müssen? Das hätte für Irritationen gesorgt. Die Dame aus dem dritten Stock wäre vor Schreck gestorben. Oder wäre die Polizei dafür zuständig? Und zweitens ist völlig offen, was Maik zu diesen Alternativen sagt. Schließlich soll da noch eine gewisse Anna-Lena im Spiel sein. Oder die Chris? So genau wissen es die beiden Fahrradladys nicht. Ich schätze, einer der Proseccos war zu viel und hat ihre Auffassungsgabe vernebelt.

„Fahrt doch endlich los!“, denke ich. Die Unterhaltung war zwar interessant, vor allem, weil ich mich als Mann mal in die weibliche, wenn auch vernebelte, Seele hineinversetzen konnte. Aber nun möchte ich endlich schlafen!

„Scheiße!“, schallt durch die Nacht. Und noch einmal „Scheiße!“. „Scheiße!“ hallt nachts besonders schön. Ich glaube, die eine der Beiden ist plötzlich nüchtern. Ist sie in Hundescheiße getreten? Hier laufen am Tage öfter mal Leute mit Hund entlang. Fast jeden Tag treffe ich eine gewichtige Dame mit einem überfetteten Bernardina, in dessen Hinterlassenschaften ich wirklich nicht hinein treten möchte. Das ist immer eine Zweikilo-Portion. Aber die Dame nimmt die warme Scheiße gekonnt mit einer Plastiktüte auf. Was macht die damit? Vielleicht düngt sie ihren Vorgarten, damit die Schneeglöckchen im Frühjahr besonders schön blühen. Dieser Klops von Hund und seine Scheiße können also nicht der Grund der entsetzten Ausrufe sein.

„Mein Vorderreifen ist platt! Hast du eine Luftpumpe?“ Nein eine Luftpumpe ist nicht verfügbar. Sie schauen zum Fenster ihres Gastgebers hoch und stellen fest, dass der inzwischen auch zu schlafen scheint. Dann bemerkt die Zweite, dass das Ventil fehlt, geklaut wurde. Da nützt eine Luftpumpe sowieso nichts! Sie entschließen sich, gemeinsam nach Hause zu laufen, die Fahrräder zu schieben. Ich höre „Lindenbaum“. Wenn die bis zum Stadtteil Eschersheim müssen, dann haben sie echt noch einen schönen Weg, quer durch die Stadt, vor sich. Da gibt es bestimmt ein paar dunkle Ecken. Ich meine wegen des Druckabbaus. Inzwischen ist es kurz vor zwei Uhr. Die Beiden sind wirklich mutig! Warum lassen sie nicht einfach die Räder stehen, buchen ein Taxi und kommen morgen mit Ventil und Luftpumpe wieder. Sicherheitshalber bringen sie vier Ventile mit. Man weiß ja nicht, wie sich diese Nacht weiter entwickelt. Nein, das kommt ihnen nicht in den Sinn und ich fühle mich auch nicht in der Lage, ihnen diesen Tipp zu geben.

Vielleicht kämen sie noch auf die dusselige Idee, dass ich sie heimfahren könnte. Ich bin schließlich nüchtern, habe nur einen Liter Kräutertee und diesem vermaledeiten Schluck Leitungswasser getrunken! Mein Auto schläft in der Tiefgarage. Ob es wirklich schon schläft? In diesem Zustand, sowohl innerlich als auch äußerlich, in dem ich mich nach meinem Unfall und der Wasserung befinde, bin ich zu nichts mehr in der Lage!

Endlich Ruhe! Sie sind losgelaufen. Ich bin ja so aufgedreht. Es war bisher eine spannende Nacht. Soll ich jetzt wirklich schlafen?

Morgenfrüh, nein heute früh, Dienstagfrüh! Oh je, ausgerechnet Dienstag! Da kommt die Müllabfuhr. Hier kommen die schon um sechs Uhr morgens und fahren rückwärts in die Straße rein. Dieses Drama habe ich bereits vor längerer Zeit beschrieben! Das ist noch schlimmer, als zwei verliebte Fahrradladys nach Mitternacht!