Schlagwörter

, , , ,

Deichbewohner

Deichbewohner

Pinker Bikini, pinke Badelatschen, pinke Sonnenbrille. So laufe ich los.

Ist pink überhaupt eine Farbe? Es ist eher ein Zustand: Verrücktheit gepaart mit zeitweiser Unzurechnungsfähigkeit. Die Folgen haben auch etwas Pinkes, obwohl sie ganz anders daherkommen.

Völlig unauffällig, hinter der pinken Sonnenbrille versteckt, mit einem pinken Basecap auf dem Kopf, läuft Zacharias den Weg auf dem Deich entlang. Links von ihm liegt die Ostsee. Sie brüllt, windgepeitscht. Die Luft schmeckt salzig, nicht unangenehm. Gnadenlos knallt die Sonne von oben herab. Hitze und Sturm, eine Mischung, die sich gleichzeitig angenehm und unbehaglich anfühlt. Der Weg gleicht einer unendlich langen Schlange aus Asphalt.

Amanda lässt ihren Zacharias mindestens zehn Schritte vorweggehen. Nein, mit diesem verrückten Kerl möchte sie sich nicht Hand in Hand sehen lassen. Vielleicht macht gerade irgendein übereifriger Urlauber ein Foto und postet es im Internet. Dann sieht es die ganze Welt und sie kann nichts dafür, kann sich weder wehren noch rechtfertigen. Außerdem hält sie mit Zacharias Tempo kaum mit, hofft, ihn auf diese Weise ein wenig zu bremsen. Der ist nicht zu bremsen. Er läuft, wie im Rausch.

Gegen den Seitenwind anlaufen, ist anstrengend. Ständig droht Amanda, von der Deichkrone geweht zu werden. Ihre Augen beginnen, zu tränen, die Mascara verläuft. Die Haare wedeln in alle Richtungen, Frisur kann man das nicht nennen.
„Ich sehe aus, wie ein betrunkener Windhund!“, denkt Amanda und hetzt Zacharias einfach nur hinterher.

„Wo rennt er nur hin?“ Er hat lediglich gesagt:
„Komm!“ Das ist mal wieder typisch für ihn.
„Da kann ich reden, wie ich will – der Kerl bringt genau ein Wort über die Lippen, ein einziges Wort – Männer!“ Zacharias läuft so schnell, dass Amanda kaum hinterher kommt.
„Der hat Hunger!“, steht für Amanda fest. Weshalb sollte er sonst so rennen?

Nach einer Stunde steuert Zacharias zielgerichtet auf einen Kiosk zu.
„Endlich am Ziel!“, jubiliert Amanda.
„Pause!“ Damit zerstört Zacharias alle Hoffnungen. Sie wird sich ein Eis und eine Limo zu kaufen, am besten mit Kirschgeschmack.
„Kirschgeschmack ist der Renner der Saison!“, hat ihre beste Freundin Katharina neulich gesagt. Katharina muss das wissen, die weiß immer alles. Außerdem ist sie die beste Freundin, eine von fünfen, mindestens.

Kaum hält Amanda ein Schokoeis in der Hand, Kirschgeschmack war hier nie im Angebot, geht die Jagd weiter.
„Renn doch nicht so! Ich habe Urlaub. Wenn du joggen möchtest, wetz, wohin du willst. Ich lege mich derweil in die Sonne!“

„Komm!“, schallt es von Zacharias zurück und prompt kleckert Amanda ihr Eis auf das neue Top. Sie ärgert sich. Schokoeis auf weißem Top steht ihr nicht. Das passt eher zu Zacharias, der bekleckert sich dauernd. Der Kerl scheint gut in Form zu sein. Amanda spürt nicht den Hauch eines Hechelns bei ihm. Das ist auch kein Wunder, schließlich rennt er dreimal wöchentlich zum Training: Kickboxen oder so etwas, wo man sich tellergroße blaue Flecken holt. Neulich hatte Zacharias auch mal einen, weil er beim Herumalbern nach dem Sport im Umkleideraum an die Türklinke knallte. Ein blauer Fleck, dessen Farbe Ladehemmungen hatte, der kaum zu sehen war, der durch eine gute Lupe betrachtet nicht einmal einen Zentimeter maß. Dafür hat Zacharias gejammert, als liege er auf der Schlachtbank. Ausgleich muss sein. Die Welt ist ungerecht, bei Amanda wäre der bestimmt einen Quadratmeter groß, würde sich dreimal um sie herumwickeln, leuchten wie ein Feuerwerk und sie verliert kein Wort. Es ist alles pure Gewohnheit.

Kaum sind sie weitergetrabt, die pappige Eistüte wird zu Futter für tausend gierige Möwen, erblickt Amanda eine Regenwolke am Himmel.
„Petrus, rette mich! Lass Regen von oben fallen, viel Regen, ein Gewitter am besten!“ Doch sie hat sich verrechnet. Die Wolke schämt sich so, dass sie sich spontan auflöst, dass die Sonne nun und für den Rest des Tages volle Kanne auf die Menschheit, zumindest hier am Ostseestrand, herunterknallt, sich nicht von so einem kleinen Sturm in halber Orkanstärke beeindrucken lässt.

Amanda ist sauer. Amanda hat Ferien. Sie wollte sich möglichst wenig bewegen, außer im Ostseewasser. Aber wenn sie mit diesem verrückten Kerl in Urlaub fährt, hat sie keine Chance, ihren Vorsatz in die Tat umzusetzen.
„Komm!“, hat er gesagt, trabt mit dem pinken Basecap auf seiner Birne voran. Amanda folgt in wohlberechnetem Sicherheitsabstand, achtet tunlich darauf, dass der Abstand nicht schmilzt.

„Sollte ich einfach stehenbleiben? Zacharias merkt das garantiert erst in zehn Kilometern, wenn überhaupt.“ Genau in diesem Moment dreht sich Zacharias um, schaut sie an, so als wolle er sagen:
„Hopp, hopp!“ Natürlich sagt Zacharias nichts. Er weiß, dass Amanda ihn auch ohne Worte versteht. Worte vergeudet man nicht!
„Und so etwas ist Freund, Lover, Liebhaber, …!“

Sturm am Meer

Sturm am Meer

Baden wäre angenehm. Bei diesem Wind ist das vielleicht doch nicht so gut. Da hinten am Rettungsturm ist die rote Fahne gehisst. Dreißig Grad im Schatten und Sturm, so etwas nennt sich Traumurlaub? Den sollte man zurückgeben, reklamieren, eine Million Euro Schadenersatz fordern. In Amerika hätte sie längst Klage eingereicht. Sie ist an der Ostsee …

Endlich gönnt sich Zacharias eine Pause. Ohne Ankündigung bleibt er stehen. Amanda ist in Gedanken, schimpft die ganze Zeit auf ihren Freund, rennt ihn beinahe um. Zacharias setzt sich auf eine Bank.
„Setz dich!“ Das sind schon zwei Worte, die Zacharias hintereinander, ohne zwischendurch Luft zu holen oder einzuschlafen, aufsagt.

Fünf Minuten Erholung gönnt er seiner Freundin, die befürchtet, dass er jeden Moment aufspringt und weiter rennt. Endlich ist sie zu Atem gekommen.
„Das ist meine Chance, jetzt oder nie!“, denkt Amanda, „Jetzt frage ich ihn.“ Zögerlich beginnt sie:
„Was meinst du? Sollten wir nicht mal wieder in ein Konzert gehen? Im Kurhaus spielt heute Abend die Band ‚Peter und Paul‘ oder so ähnlich. Ich weiß gar nicht, wann wir beide das letzte Mal zum Tanz waren.“
„Vor drei Wochen und vier Tagen!“, antwortet Zacharias ohne nachdenken zu müssen. Amanda ist irritiert, erinnert sich an ihren letzten Discobesuch, kann aber nicht sagen, wie lange das her ist: Drei oder sogar schon vier Wochen?
„Da wird es Zeit, dass wir mal wieder ausgehen.“
„Ja, …“

Amanda strahlt wie ein Honigkuchen, wie ein Blechkuchen mit ganz viel süßem Honig. Ohne dass Zacharias zu Ende sprechen kann, entgegnet sie:
„Lass uns umkehren, wir müssen uns vorher im Hotel noch zurechtmachen. So wie ich schwitze, kann ich nicht unter Menschen gehen.“ Amanda wittert Morgenluft.
„Ja.“, setzte Zacharias noch einmal an, „Ja, es wird mal wieder Zeit, Tanzen zu gehen. Diese beiden Nulpen spielen alle paar Tage im Kurhaus, haben wohl ein Abo abgeschlossen.“
„Nulpen?“ Amanda ist enttäuscht.

„Komm!“ Schon wieder dieses Wort. Es mutiert zu ihrem persönlichen „Unwort des Jahres“. Amanda ist wütend. Sie ist sauer, würde ihn am liebsten hier sitzen lassen. Abmurksen wäre ebenfalls eine Möglichkeit. Doch sie kann kein Blut sehen und dann ist er tot, ihr Freund, das geht natürlich nicht. Ihn aber hier sitzen lassen, alleine heimgehen, macht keinen Spaß. Und sitzenlassen funktioniert sowieso nicht, denn Zacharias ist ja gerade aufgestanden, richtet die pinke Brille, greift nach dem pinken Basecap und läuft los. Dabei wischt er sich mit einem pinken Taschentuch einen klitzekleinen Schweißtropfen von der Stirn. Schon ist er 50 Meter voraus. Fassungslos springt Amanda auf und rennt hinterher. Fast zehn Minuten benötigt sie, um den Abstand zwischen ihnen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

„Klapperstorch“ steht an einer Bude unterhalb des Deichs. Der „Klapperstorch“ ist ein vornehmes Restaurant, war früher mal eine Geburtsklinik. Der Geburtenrückgang veranlasste den Chefarzt, umzuschulen. Schwester Erna steht seitdem am Tresen, füllt die Gläser mit Bier oder Limonade. Im Kreißsaal sitzen jetzt die Gäste, schnabulieren Zwillingswürste, Drillinge mit Quark und zum Nachtisch die legendäre Nachg…, Waldmeisterpudding mit Kirschsoße. Zu trinken gibt es Fruchtwasser, wahlweise in den Geschmacksrichtungen Kirsch, Erdbeere und Waldmeister.

Amanda ist das egal, sie hat Hunger und wenn sie hungrig ist, zieht sie selbst die schlimmste Kaschemme magisch an.
„Warte Mal!“, ruft sie schnaufend und hofft, dass Zacharias stehen bleibt. Er geht weiter. Enttäuscht, ausgehungert, durstig und wütend folgt Amanda.

„Wie kann man mit solch verrückten, pinken Badelatschen so schnell laufen?“, wundert sich Amanda zum hundertsten Male. Im selben Moment fliegt Zacharias linker Latsch in hohem Bogen weg. Die Schnalle, die pinke Schnalle, hat der Belastung nicht standgehalten. Wütend lässt Zacharias den rechten Schlappen hinterherfliegen. Beide zieren nun die Landschaft, eine vertrocknete Hecke direkt neben dem Weg am Deich. Die Badelatschen sehen aus wie pinke Frühlingsblumen, selbst die Sohlen sind pink, dreckig pink.
„Wo ist der Kerl nur hineingetreten?“ wundert sich Amanda, während Zacharias barfuß weiterläuft, dabei einen geschickten Hüpfer über einen recht frischen Hundeschiss absolviert. Zum Glück, denn Amanda wäre garantiert hineingelatscht.

Amanda ist wütend auf diesen Kerl. Badengehen, wäre nicht schlecht, trotz Sturm. Amanda sehnt sich nach einer Abkühlung. Außerdem möchte sie der Welt, der Menschheit ihren neuen, ihren pinken Bikini vorführen. Wozu sonst hat sie ein halbes, nein, ein dreiviertel bis ganzes Vermögen in diese zwei Quadratmillimeter pinken Stoff mit Schnüren investiert. Beide Teile haben noch dazu so ein unglaublich geniales Verschlusssystem, eines das bestimmt patentiert ist. Einfach „Schnipps“ und der Verschluss ist zu. Man muss nur leicht draufdrücken. Das Öffnen scheint noch nicht patentwürdig zu sein. Da muss sie fummeln. Dafür ist Zacharias zuständig. Schließlich ist der Ingenieur und hat gewisse Interessen.

„Bleib endlich stehen!“, schreit Amanda diesem verrückten Kerl hinterher, „Ich habe Hunger!“
„Komm!“, antwortet Zacharias scheinbar emotionslos. Doch dann ergänzt er:
„In einer halben Stunde sind wir am ‚Hawaii!‘, da kannst du Pizza essen, so viel du schaffst. Ruf doch mal an und sag denen, die sollen den Pizzaofen vorheizen.“
„Oh, das waren zwanzig Worte, mindestens. Muss ich mich um ihn sorgen?“ Nein, sie sorgt sich um sich selbst, ihre Kondition, ihre Beine, die Füße, ihr …, ihr alles. Komischerweise zwickt die linke Pobacke, ausgerechnet die linke, nicht die rechte. Ist das normal? Noch eine halbe Stunde in solchem Tempo durch die Landschaft hetzen, dazu hat Amanda wenig Lust. Doch was bleibt ihr übrig? Dieser Gedanke geht ihr nicht mehr aus dem Kopf.

„Land-schaft-het-zen, Land-schaft-het-zen, …“

tönt es fortwährend durch ihr Gehirn, tönt es im Rhythmus ihrer Schritte.

 

N.B.: Das ist Teil 1 der Geschichte „Im Rausch“. Die Fortsetzung erscheint am 26. September hier im Blog.

Die Rohfassung dieses Textes entstand in einem Schreibrausch, bei einem Schreibworkshop. Ich, der einzige Mann in der Runde, hatte ausgerechnet diesen verrückten ersten Satz mit der pinken Sommer-Sonne-Urlaubs-Ausstattung gezogen. „Na prima!“, dachte ich, „Passt.“ Dann ging das Geschichtenschreiben los. Alle fünf Minuten wurde ein Wort ausgelost, das in die Texte eingebaut werden musste. Dies sind die gezogenen Worte:

Kirschgeschmack, Regen, Peter und Paul, Honig, Klapperstorch, Pizzaofen
(hier im Teil 1 der Geschichte verwurschtelt)

Regenbogen, Paris, das Meer, Mann mit Krücken
(Diese kommen dann im 2. Teil dran)

Wir haben beim Vorlesen der Texte viel gelacht. Zu Hause wurde der Text von mir abgetippt und noch ein wenig überarbeitet.

Und plötzlich merkte ich: Die Geschichte passt zu Dominik Leitners Schreibprojekt *.txt. Sein elftes Wort lautet: „Rausch“. Diese Geschichte entstand im Rausch, im Schreibrausch und Zacharias rennt wie im Rausch durch die Landschaft, Amanda tobt berauscht hinterher.