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Pinker Bikini, pinke Badelatschen, pinke Sonnenbrille. So laufe ich los.

Ist Pink überhaupt eine Farbe? Es ist eher ein Zustand: Verrücktheit gepaart mit zeitweiser Unzurechnungsfähigkeit. Die Folgen haben auch etwas Pinkes, obwohl sie ganz anders daherkommen.

So begann der erste Teil dieser Geschichte. Und jetzt geht es weiter:

Teil 2

Deichweg

Deichweg

Amanda muss hinterher, kann diesen Kerl nicht alleine lassen, der scheint in irgendeinem ganz schlimmen Rausch zu sein.
„Mist, verdammter!“, denkt sie zur Abwechslung. Die Strippen ihres Bikinis, des Oberteils, sind aufgegangen. Dieser verdammte Verschluss ist purer Fusch. Hätte sie das geahnt, würde sie jetzt nicht dieses pinke Teil tragen. Es geht ihr sowieso aufs Gemüt, dass Zacharias als Antwort auf ihre Frage, wie ihm der neue Bikini gefällt, in den nächsten Ramschladen rannte und sich ein Dutzend pinke Klamotten gekauft hat. Die haben zusammen nicht einmal halb soviel gekostet, wie dieser pinke Bikini mit dem verrückten Schloss. Sie stellt sich vor, wie es am Strand wäre, wenn dieser Verschluss einfach so aufgeht. Das Teil wäre womöglich weit fortgeflogen. Wie soll man zwei Quadratmillimeter pinken Stoff mit Strippen und kaputtem Verschluss finden, vor allem wenn alle Kerle gierig gaffen.
„Nein, das stelle ich mir lieber nicht vor!“, beschließt sie. Eine Ahnung breitet sich in ihrem Gehirn aus. Das Unterteil, knappe drei Komma fünf Quadratmillimeter groß, pink und mit derselben Sorte Sicherheitsverschluss … Weiter denkt sie nicht, sicherheitshalber.

Jetzt baumelt das Teil, das Oberteil vom Bikini, von ihrem pinken Bikini, unter ihrem T-Shirt, das zum Glück unter dem Bund ihres heißen, also wettergerechten, Höschens klemmt. Amanda ist wütend, wütend auf Zacharias, der inzwischen seinen Vorsprung deutlich ausgebaut hat, wütend auf die Hersteller solcher Schundverschlüsse, wütend auf pinke Bikinis im Allgemeinen und überhaupt.

„Er sah wirklich schrecklich aus, dieser pinke Sichtschutz unter meinem weißen Top mit dem Regenbogen auf dem Bauch. Es schien total durch.“ Mit geschickten Fingern fädelt sie das Teil unter ihrem Top hervor und verstaut es in der linken Hosentasche. Jetzt scheint etwas anderes unter dem Top durch. Aber bei diesem Affenzahn, mit dem sie unterwegs ist, hat niemand die Chance, Details wahrzunehmen. Sie rennt ein Stück, um den Anschluss an Zacharias wiederzugewinnen.

Weiter geht es. Der Kerl hat vielleicht eine Ausdauer. Und weshalb heißt der eigentlich „Zacharias“, wer hat ihm diesen verrückten Namen gegeben. Das Verrückteste ist ja, dass der auf diesen Namen auch noch stolz ist. Amanda findet ihren Namen auch nicht besonders toll. Der klingt irgendwie alt und ausländisch. Aber „Zacharias“? Der klingt nur verrückt! Und nur weil er Zacharias heißt, ist er ihr aufgefallen, hat sie sich in ihn verknallt, ganz langsam in null Komma nichts, sagen wir mal, in einer halben zehntel Millisekunde.
„Wow! Ist der süß!“ stand schlagartig fest, als sie den Kerl mit diesem verrückten Namen sah. Und der behauptet jetzt natürlich, er hätte sich in sie verguckt, weil sie solch einen süßen Namen hat. Der ist überhaupt nicht süß!

Steinmann am Meer

Steinmann am Meer

„Männer haben eben keine Ahnung!“

„Wie lange sind wir jetzt schon unterwegs?“, überlegt Amanda, „Bestimmt über zwei Stunden. Oder sind es schon drei? Wenn diese verdammte Pizzabude nicht gleich kommt, trete ich in den Streik, wie dazumal die Piloten, Lokführer oder die Post. Sie erinnert sich, dass der Brief an ihre Freundin in Paris sieben Wochen lang unterwegs war. Bestimmt musste der wegen des Pilotenstreiks nach Paris getragen werden und dann fand er den Briefkasten nicht, weil der Postbote mehr Lohn haben wollte. Der Geburtstagsbrief wäre fast als Glückwunsch für das nächstjährige Fest der Freundin durchgegangen.

Es ist gut, so etwas zu denken. Wenigstens erfüllen die Streiks noch einen guten Zweck, denn solche Gedanken lenken von den Qualen dieses Marathonlaufs ab. Oder ist es ein Doppel- oder gar Dreifachmarathonlauf? Es kommt ihr vor, wie ein unendlich langer Marsch, wie damals bei den Chinesen, aber die hatten ein anderes Ziel. Die wollten einen kommunistischen Heldenmythos schaffen. Niemand wird sich an Amandas Heldentaten erinnern, niemand nimmt sie wahr, nicht einmal Zacharias!

Zacharias bleibt stehen.
„Das hat etwas zu bedeuten!“, steht für Amanda fest. Sie sieht, dass an seinem linken großen Onkel Blut ist. Hat er sich gestoßen, ist er in eine Scherbe getreten? Er hat es wohl noch gar nicht bemerkt. Oder spielt er den Helden?
„Das ist mal wieder typisch für ihn!“ Stattdessen kramt er in seiner Hosentasche und reicht seiner Freundin einen in bunte Folie eingepackten Schokoladenkeks. Die Verpackung ist zerdrückt, der Inhalt hat sich bestimmt verflüssigt. Schokolade bei dreißig Grad, in der Hosentasche eines Verrückten, eines Marathonläufers kennt bestimmt nur einen Aggregatzustand: flüssig. Oder ist die Schokolade bereits verdampft? Doch man nimmt, was kommt, besonders in solch einer Situation. Es könnte ja der letzte Happen sein, den sie bekommt, die Henkersmahlzeit sozusagen.
„Ja, Zacharias hat so etwas von einem Scharfrichter.“ Sein Blick ist beim Laufen immer scharf auf das Ziel gerichtet. Welches Ziel überhaupt. Vielleicht kommt es nicht ganz so schlimm, vielleicht muss sie nun doch nicht verhungern, vielleicht erreicht sie dank dieses Happens wenigstens das Ziel, notfalls auf allen Vieren kriechend. Sie hatte schon befürchtet, als ausgelaugte Mumie hier am Meer zu enden. Zacharias marschiert längst weiter.

„Ist denn dieser Weg auf dem Deich niemals zu Ende? Oder geht der ringsherum um die ganze Ostsee? Und dann kommt Runde zwei!“

„Oh Gott! Wir müssen ja wieder zurück in unser Hotel!“, schallt es in diesem Moment durch Amandas Kopf und sie wird prompt langsamer. Augenblicklich werden die Schritte kleiner, verlässt sie ihr Lebensmut. Motivation? Totale Nullnummer.

Ostseeschwäne

Ostseeschwäne

„Möchtest du hier warten, bis ich zurück bin?“
„Gemeiner Kerl!“, schreit Amanda. Es ist ein Schrei der Hoffnungslosigkeit.
„Bis dann! Bin in zwei Stunden wieder hier.“
„Zwei Stunden?“
„Zwei Pizzen futtern, das dauert. Und ein Fläschlein Wein dazu …“
„Zwei Pizzen? Verfressener Kerl!“
„Na, eine für mich und eine für dich!“
„Du spinnst wohl! Wag dir ja nicht, dich an meiner Pizza zu vergreifen!“ Schlagartig werden Amandas Schritte schneller. Trotzdem bleibt immer ein Abstand zu Zacharias.

Das Wort „Taxi“, schwingt sich auf einmal durch ihren Kopf,
„Geniale Idee! Darauf kommt so ein Kerl natürlich nie.“ Sie beschließt, diesen Gedanken für sich zu behalten.
„Ich fahre einfach mit einem Taxi heim, gemütlich an ihm vorüber, winke gönnerhaft und lege mich dann im Hotel in die Badewanne. Mist! Unser Zimmer hat nur eine Dusche. Dann lege ich mich eben ins Bett. Der braucht bestimmt vier Stunden, bis er zurück ist. Der Mann kommt dann auf Krücken gehumpelt, wenn nicht gar auf Knien angekrochen.“ Amanda freut sich hämisch und hält locker mit ihm Schritt.

Endlich sitzen sie in der Pizzeria. Amanda fällt ganz plötzlich ein, etwas Wichtiges, etwas Unaufschiebbares erledigen zu müssen. Selbst der Hunger muss in die zweite Reihe zurücktreten. Dann endlich bestellt sie die sehnsüchtig erwartete Pizza.

Zacharias lehnt sich in seinem Korbsessel zurück. In seinem Gesicht steht so ein komisches Strahlen. Amanda ist irgendwie irritiert. Er schaut ihr nicht ins Gesicht, er schaut …
„Mist, der pinke Bikini, der schlummert in der Hosentasche. Na gut, Zacharias darf gucken. Aber die anderen Leute hier …“ Amanda schaut sich um. Sie sitzen strategisch betrachtet günstig, günstig für die vielen Pizzafresser hier auf dieser Terrasse. Spontan beschließt Amanda, die Sicherheitsverschlussindustrie zu hassen. Knoten in den Bikinistrippen sind jedenfalls wesentlich zuverlässiger als neumodische Patentverschlüsse.

„Was passiert jetzt? Dieser Kerl ist wirklich verrückt. Musste ich mich ausgerechnet in den verlieben! Jetzt ist es zu spät.“ Zacharias zerrt so ein komisches Ding aus seiner Hose. Er schaut es zufrieden an, streicht mehrmals drüber. Nein! Was der Leser jetzt denkt, ist es nicht. Zacharias drückt auf einen Knopf auf der Vorderseite.
„14.498“, sagt er zufrieden, „14.498 Schritte sind wir gegangen. Ich wusste, dass ich die zehntausender Schallgrenze heute knacke.“ Zufrieden schiebt er den Schrittzähler wieder in die Hosentasche.

Amanda ist sprachlos. „Vierzehntausend-wieviel Schritte sind wir getrabt?“, denkt sie überwältigt.
„Und deine verdammten vierzehntausend Schritte müssen wir wieder zurücklaufen?“, keift sie Zacharias an.
„Hast du eine bessere Idee?“
„Nein. Du?“
„Es gibt drei Möglichkeiten.“
„Sag!“

„Erstens, wir laufen durch den Wald zurück. Den Weg, den wir vorgestern geradelt sind. Der ist wenigstens schattig.“
„Der ist noch weiter.“
„Vier Kilometer, schätzungsweise.“
„Zweitens?“

„Zweitens können wir denselben Weg, den wir gekommen sind, zurücklaufen.“
„Entfällt. Drittens?“

„Schau mal da drüben auf der anderen Seite des Weges!“
„Da ist nur eine Bu… eine Bushaltestelle! Okay, ich schaffe zwei Pizzen! Du darfst mich zur Belohnung einladen. Schließlich hast du die zwanzigtausender, fast die dreißigtausender Marke geschafft.“
„Übertreib nicht, es waren nur etwas mehr als vierzehntausend Schritte!“
„Bei mir waren es achtzehntausend siebenhundert. Ich bin ja elf Zentimeter kleiner als du. Deine Schritte kannst du ruhig dazuzählen. Dann kommst du irgendwo bei dreizigtausend an.“

Amanda verschlingt ihre beiden Pizzen wie im Rausch.

„Hilf mir mal, das letzte Stück schaffe ich nicht mehr.“

* * *

„Komm!“, sagt Amanda. Sie befürchtet, dass sie den Bus verpassen könnten. Lieber sitzt sie noch eine Stunde im Wartehäuschen, als zurückrennen zu müssen.

 

N.B.: Die Rohfassung dieses Textes entstand in einem Schreibrausch, bei einem Schreibworkshop. Ich, der einzige Mann in der Runde, hatte ausgerechnet diesen verrückten ersten Satz mit der pinken Sommer-Sonne-Urlaubs-Ausstattung gezogen. „Na prima!“, dachte ich, „Passt.“ Dann ging das Geschichtenschreiben los. Alle fünf Minuten wurde ein Wort gezogen, das in die Geschichte eingebaut werden musste. Dies sind die gezogenen Worte:

Kirschgeschmack, Regen, Peter und Paul, Honig, Klapperstorch, Pizzaofen, Regenbogen, Paris, das Meer, Mann mit Krücken

Wir haben beim Vorlesen der Texte viel gelacht. Zu Hause habe ich den Text abgetippt und noch ein wenig überarbeitet.