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Blumentopf - Aquarell

Blumentopf – Aquarell

Hin und wieder fahre auch ich mit der Straßenbahn. Viel lieber nehme ich die U-Bahn, aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden, in die Tram zu steigen.

Gerstern war ich wieder einmal unterwegs: Mit meiner Sechzehn, die nach rechts über die Friedensbrücke abbiegt. Weil ich die Bahn auf keinen Fall verpassen wollte, rannte ich rechtzeitig los, sah da vorn gerade noch die vorhergehende Sechszehn nach rechts abbiegen. Schnell kam ich an der Haltestelle an, zog mein Billett: 2,75 € – ein Preis, nah am Wucher.

Dann kam sie, die Zwölf – nicht meine Sechszehn. Was will die denn? Die hat doch hier überhaupt nichts zu suchen! Hat der Fahrer sich verfahren, standen drei Dutzend Weichen falsch? Sind die zu hart, die Weichen? Das war eine Geisterbahn, kein Zweifel. Sie fuhr los, bog nach links ab, na meinetwegen.

Keine Minute später stand schon wieder eine Zwölf an meiner Haltestelle: Noch ein Falschfahrer. Bestimmt kam die wegen des Herdentriebs, fuhr einfach der anderen Zwölf hinterher. So viele Geisterfahrer an einem Tag, das ist Rekord!

Meine Sechszehn müsste jetzt gleich kommen. Da hinten am Otto-Hahn-Platz ist sie schon zu sehen. Hoffentlich ist es keine Fünfzehn, ich brauche die Sechszehn. Ich passe gut auf, dass ich nicht in eine Falsche einsteige. Ich habe da einschlägige Erfahrungen mit mir machen müssen. Es ist meine … Nein, es ist eine Elf! Wollen die mich ärgern, testen oder …? Ich weiß es nicht. Wenigstens biegt die nach rechts ab. Das ist ein Anfang. Die Zeit rückt vor.

Meine Sechszehn hätte vor drei Minuten abfahren müssen. Aber die ist noch nicht einmal angekommen. Und bevor die nicht angekommen ist, darf die auch nicht abfahren. Ich bestehe auf einer ordnungsgemäßen Reihenfolge. Das ist mein Recht und wir leben in einem Rechtsstaat, glaube ich, habe ich mal gehört, reden uns die Politiker gebetsmühlenartig ein.

Endlich, da kommt sie. Sie ist dort hinten deutlich zu erkennen, meine grüne Sechszehn! Aber hier sind alle Straßenbahnen grün. Ich muss aufpassen, die tarnen sich. Für diese 2,75 € hätten sie ja wirklich mal einen Schaffner, der Bescheid sagt, engagieren können.

Es ist endlich meine Sechszehn, steht vorn und seitlich gut lesbar dran. Ich steige ein, suche einen Platz, setze mich. Sie fährt los, biegt nach rechts ab. Alles paletti.

Ich zerre mein Smartphone aus der Tasche und checke die Nachrichten mit der Tagesschau-App. Man möchte ja wissen, was so los ist in der Welt. Es ist das Übliche: Mord und Totschlag, Krieg und Katastrophen, das Flüchtlingsproblem, … Das Wort „Vernunft“ wird nicht vermeldet. Ich wechsele die App. Auch SPON liefert nur den üblichen Horror.

Am Hauptbahnhof steigen viele Leute ein. Dann … Dann passiert erst einmal nichts. Als schon mehr als genug „Nichts“ passiert ist, meldet sich der Fahrer:
„Wegen eines Rückstaus verzögert sich die Weiterfahrt.“ Man braucht Fantasie, um das zu verstehen. Es liegt nicht an den Sprachkenntnissen oder dem hessischen Gebabbel. Es ist die moderne Straßenbahntechnik, die jeden zweiten Buchstaben halb verschluckt und den Rest total verzerrt. Ein Rückstau auf den Straßenbahnschienen! Haben die hier überhaupt so viele Straßenbahnen, dass die sich hier stauen können?

Wir warten. Wir warten weiter. Wir warten immer noch. Wir sind die Helden des Wartens! Dann geht es hundert Meter weiter. Wir warten schon wieder. So lernt man die Stadt wenigsten ohne Stress kennen, zumindest links und rechts der Strecke. Ich sitze rechts, also konzentriere ich mich mehr auf die rechte Seite von Frankfurt.

„Angekommen!“, jubiliere ich irgendwann. Zwischendurch sind Massen von Menschen eingestiegen. Innen scheint die Bahn größer als außen sein. Man glaubt nicht, wie viele hier reinpassen. Ich muss mächtig drängeln, als ich aussteigen will. Niemand nimmt das übel, eine junge Frau steigt sogar aus, macht mir Platz. „Danke!“

Es wird knapp, ich renne. Mein Aquarell-Malkurs hat noch nicht begonnen. Ich bin nicht der Einzige, der Anreiseschwierigkeiten hatte.

Die Aquarellmalerei und ich sind noch keine richtigen Freunde, höchstens Kollegen. Aquarell ist ziemlich matschig:
„Malen mit gefärbtem Wasser“, nennt der Kursleiter das. Bisher hatte ich meistens Pastellkreiden in der Hand. Die sind eher staubig. Doch so ganz langsam entwickelt sich da etwas, zwischen der Aquarellmalerei und mir. Ich werde das beobachten. Wenigstens sieht man auf dem heutigen Bild nicht, dass es eine Plastikblume ist, die ich gemalt habe. Die vhs kann sich keine echten Blumen leisten. Egal!

Die Rückfahrt, gut zwei Stunden später, ist nicht einer Erwähnung wert. So muss es sein.

Nein, Freunde werden wir nicht, die Straßenbahn und ich.