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Lecker Espresso

Lecker Espresso

Jede Medaille hat zwei Seiten. Kaffeeklatsch mit der Freundin muss mal sein und der Partner hat endlich mal Zeit für sich.

„Wohin willst du?“, fragt Benjamin seine Anastasia.
„Ach, … Mal sehen …“, druckst sie herum, rennt noch einmal aufs Klo, schnappt sich Handy, Schlüssel, Jacke und ist weg.

„Schon wieder zurück? Ging aber fix!“, wundert sich Benjamin.
„Schirm vergessen!“, entgegnet Anastasia kurz angebunden und knallt im selben Augenblick die Tür hinter sich zu.

„Sturmfrei!“, frohlockt Benjamin, obwohl er gerade heute Abend mit seiner Anna andere Pläne hegte. Jetzt setzt er notgedrungen neue Prioritäten, schaltet die Flimmerkiste ein. Das Nachmittagsprogramm:
„Oh Gott!“, stöhnt Benjamin, als er die ersten zwanzig Sender durchgezappt hat.

* * *

Derweil rennt Anastasia los. Sie ist mit ihrer besten Freundin verabredet. Sie hat mindestens drei beste Freundinnen, heute ist Susi aktuell, heute ist Susi die „number one“. Sie treffen sich im „Jasmin“, einem legendären Café am Stadtrand. Der Kuchen schmeckt dort so lecker. Anastasia hat hierfür extra drei Tage lang gefastet, auf das Abendbrot verzichtet, mittags nur Salat gefuttert. Sie fühlt ihre Ohren wachsen. Hasenohren unter den blonden Locken:
„Wie sieht denn das aus!“
Die Sonne scheint, ein Gewitter ist möglich. Anastasia überlegt, ob sie auf der Terrasse hinterm Café unterm Sonnenschirm sitzen können.

„Die Wolke da oben links erinnert mich an Benjamin. Nein, seine Ohren sehen anders aus, stehen längst nicht so ab, sind viel kleiner. Und die Nase, die Kopfform, … aber sonst! Total Benjamin! Ich bin wirklich nie unbeobachtet!“

Susi wartet bereits. Susi ist immer die erste und ruft an, sobald jemand nur eine Minute zu spät dran ist. Susi ist die personifizierte Pünktlichkeit.
„Nimm dir ein Beispiel an dieser Susanne!“, schimpft Benjamin so oft. Ein Latte macchiato, schon fast ausgetrunken, steht vor ihr. Sie wartet also bereits eine Weile, war zu früh hier, doch auch Anastasia ist so leidlich pünktlich. Sie ist stolz auf sich, ohne ernste Ermahnung von Susi davonzukommen. Susi hat einen Tisch auf der Terrasse geentert, wenigstens zwei Plätze. Sie verteidigte den reservierten Stuhl für Anastasia heldenhaft.

„Da bist du ja!“, ein leichter Vorwurf schwingt mit. Anastasia überhört ihn großzügig. Das ist ihre Spezialität, zum Leidwesen vor allem von Benjamin.
„Oh Mann, oh Frau! Mein Magen knurrt, als wären drei Bären drin.
„Durscht!“, entgegnet Susi, obwohl sie gerade ihr Glas lehrt, „Ich schwitze, wie eine mexikanische Bergziege mitten in der Sahara bei Sandsturm!“ Die Beiden haben sich sehr lange nicht gesehen, mindestens ganze drei Tage. Da gibt es viel zu erzählen. Anastasia hat extra ihre neuen Schuhe angezogen. Susi kontert mit ihrem Handy. Die pinke Hülle hat Robert, ihr neuer Freund, gebastelt. Leider stört das Teil den Empfang, er hat wohl zu viele Metallfäden eingebaut, vermutet Susi.
„Gestern hat es nicht einmal geläutet, als meine Mutter anrief!“, beschwert sie sich.

An ihrem Tisch sitzt noch ein Paar. Er ist wohl um die Fünfzig, dürr wie ein schmaler Besenstiel, ein schmaler Besenstiel, wohlgemerkt. Sie ist schlappe eins neunzig, mindestens und vom Typ „schlanker Fünftonner“, volle Ladung. Die beiden turteln ununterbrochen und unübersehbar. Susi flüstert der Freundin ins Ohr:
„Marilyn Monroe und Elis Presley!“
„Huch“, entgegnet Anastasia. Das Pärchen sieht zwar ganz andersaus. Doch irgendwie haben sie etwas von den beiden Stars. Ja, die Tolle von ihr erinnert an Elvis in seinen besten Jahren und seine Lockenpracht … Man muss sich nur die kahle Stelle am Nordpol wegdenken und auf blond umschalten. Marilyn wäre neidisch, ein bisschen wenigstens.

Sanfte Musik kommt aus den Lautsprechern, nicht störend, eher eine angenehme Untermalung für die Gespräche.

„Hör mal“, sagt Susi plötzlich zwischen zwei Happen von ihrem Tortenstück, „Geil, dieses Lied!“
„Tom Hanks“, kontert Anastasia.
„Tom Hanks, du spinnst. Der ist doch Schauspieler.“
„Der Sänger sieht genauso geil aus, wie Hanks.“
„Der und geil, nein. Der ist viel zu alt für uns.“
„Meine Mutter …“
„Okay, verstehe. Die Herrschaften brauchen auch ihre Hingucker. Was sagt dein Vater dazu?“
„Der kennt den gar nicht. Und wenn zufällig doch, dann wäre der ihm egal.“ Die Beiden bestellen noch Apfelkuchen und Schokotorte, Kaffee dazu. Susi hat wirklich einen Bärenhunger. Anastasia will die verlorenen hundertfünfundvierzig Gramm über den Tag retten. Aber ein Stück Schokotorte muss einfach sein, an solch einem schönen Tag!

„Wir machen wohl Kaffeeklatsch. So alt sind wir doch längst nicht!“
„Na und! Das muss einfach ab und zu mal sein. Wenn die Kerle mal nicht an Bord sind, dann nutzen wir das gnadenlos aus!“ Die Sonnenterrasse ist direkt hinter dem Haus. Schicke Häusergiebel bieten Sichtschutz an zwei Seiten. Die Inhaberin bringt Marilyn, also dem Besenstiel, diesem schlanken, der die Kalorien nicht zählen muss, einen riesigen Salatteller. Elvis, der Fünftonner, also die kugelförmige Dame, schaut neidisch, hofft profitieren zu können. Paprikastreifen, Sauerkraut, Kopfsalat garniert mit marinierten Putenschenkeln und lockigen Möhrenstreifen, abgerundet mit Sauermilch-Chili-Soße – „Tiroler Almgemetzel“ heißt das Menü. Anastasia verdreht die Augen, sie ist froh, friedliebende Schokotorte spachteln zu können.
„Knobi, riechst du das?“, flüstert sie ihrer Freundin ins Ohr, „Viel Knobi, das riecht bis zum Mond!“
„Hoffentlich gibt er Elvis auch etwas ab, sonst wird das mit den Beiden heute abend nichts mehr!“

Am Nachbartisch kreischt ein Kind. Es hat seinen Saft auf den Streuselkuchen gekippt, versehentlich. Wenigstens ist das Glas heil geblieben. Nun soll es den Matsch futtern, weigert sich strikt und mit vehementem Gebrüll. Alle Gäste drehen sich genervt um, blicken die Mutter, es könnte auch die Großmutter sein, vorwurfsvoll an. Sie gibt gegen diese moralisierende Übermacht resignierend auf, lässt dem Kind den Willen schiebt den Matschkuchenteller an die Seite des Tischs. Nun fordert der Spross ein neues Stück Kuchen und noch ein Glas Saft.

Auf der Straße heult die Feuerwehr vorbei, vielleicht ist es auch ein Notarztwagen. Die Sirene hört man ungedämpft bis hierher, durch die Räume des Cafés hindurch. Bei dieser Hitze stehen alle Türen sperrangelweit offen.

Oben fliegt gerade eine A380 im Landeanflug auf Frankfurt Airport.
„Stürzt die ab?“, fragt Anastasia, „Die ist so tief!“
„Da sitzt bestimmt Tom am Lenkrad, der hat doch neulich von Boeing auf Airbus umgeschult.“
„Tom?“, fragt Anastasia.
„Tom, ja Tom, dieser Lackaffe!“
„Alle Mann in Deckung, Tom springt vom Einer!“

„Kann der schwimmen? Über den haben wir doch immer nur gelästert. Weißt du noch, wie wir ihn mal im Schwimmbad getroffen haben?“ Es dauert bestimmt fünf Minuten, bis sich die Zwei beruhigt haben. Die Erinnerung an Tom, Tom den Bruchpiloten, den Bruchpiloten im Schwimmbad und nun ist der Pilot! Es ist einfach zu schön.

* * *

Benjamin liegt derweil auf der Couch. Der Fernseher läuft, Ben schläft lautstark. Die Decke, die er sich drüber legte, diese Decke mit den Lila Punkten, die Anna so liebt, ist längst hinunter auf den Teppich gerutscht. Langsam wird es etwas kühl und Benjamin wird wach.

„Anna ist bestimmt mit ihrer besten Freundin unterwegs. Mit welcher? Egal, die sind alle gleich langweilig. Sie machen sicher Kaffeeklatsch, schnattern um die Wette oder sie sind zum Shoppen – Schuhe kaufen, typisch Frauen.“ Sämtliche Klischees kommen gleichzeitig hoch. Ist Benjamin sauer? Jedenfalls ist er gefrustet, weil Anastasia ohne rechtzeitige Ankündigung weggegangen ist, ohne ihn. Und er wollte heute doch unbedingt mit ihr … Schließlich kennen sie sich auf den Tag genau schon ein ganzes Jahr.
„Hat sie das vergessen?“

Benjamins bester Kumpel ist zur Kur: Bandscheibenvorfall, frisch operiert. Nun soll er Rückenmuskeln trainieren und abspecken, damit die restlichen Bandscheiben noch zwanzig Jahre lang halten.
„Der arme Kerl!“, bemitleidet ihn Benjamin. Auch er müsste mal auf seine Linie achten. Anastasia macht in letzter Zeit immer solche fiesen Bemerkungen.
„Mein Dickerchen!“, sagt sie, „Das ist doch die Höhe!“

Im Fernsehen läuft Werbung. Benjamin will umschalten, doch es kommt ein unbekannter Spot, Werbung für das neueste Handy:

Zwei Freundinnen ärgern sich über ihre alten Mobiltelefone. Sie wollen neue. Da nimmt die eine das Handy der anderen und wirft es ins Klo.
„Spinnst du!“
„Dein Handy ist ins Klo gefallen! Das ist doch prima, du bekommst ein neues!“
„Wer soll das bezahlen?“
„Deine Hausratsversicherung zahlt, musst es nur heraussuchen und denen präsentieren!“
„Da fasse ich doch nicht hinein!“
„Tu es, dann bekommst du ein neues Handy!“

Das Wunschgerät wird groß eingeblendet. Wie die Dame ihr Handy angelt, zeigt man nicht. Dann tritt sie strahlend mit ihrem neuen Teil aus der Filiale heraus und natürlich ist nebenan gleich ein riesiger Schuhladen.

Ben überlegt, verzweifelt schier.
„Wer ist die Blonde. Das ist … eine Schauspielerin, eine aus Amerika, doch welche?“ Er kommt nicht auf den Namen. Hoffentlich kommt der Streifen noch einmal, wenn Anastasia dabei ist. Die weiß das garantiert, die kennt sie alle!
„Nein!“, fällt Benjamin ein, „Sie kennt nur die Schauspieler, die Hübschen, die mit Waschbrettbauch.“ Die Welt ist so ungerecht. Genau in diesem Moment geht ihm wieder dieser gemeine Spruch von Anastasia durch den Kopf:
„Mein Dickerchen!“, wie Anastasia ihn in letzter Zeit so oft nennt. Benjamin sagt immer nur „Anna“, „Anastasia“, wenn es offiziell ist und „Annalein“, wenn er sich mal über sie ärgert. Dann erntet er einen bösen Blick, einen der durchs Fleisch geht, gnadenlos wie der Spieß durch die Roulade. Deshalb denkt er öfter „Annalein“, als er es sagt.

Endlich kommen die Nachrichten. Das Leid dieser Welt lenkt Benjamin von seinen Gedanken ab. Doch der Wetterbericht … Eine einzige Katastrophe, dieses Wetter. Hoffentlich hat Anastasia einen Schirm mit.
„Schirm?“, denkt Benjamin, „Ja, …, doch, wegen des Regenschirms ist sie ja noch einmal angerannt gekommen.“ Wenigstens wird diese Klimakatastrophe von einer netten Wetterfee angesagt, eine wie Mary Poppins, die Mary aller Tiefdruckgebiete, aller Tornados und Schneestürme. So schlimm kommt es glücklicherweise nicht. Der Winter beginnt erst in wenigen Monaten. Doch wenn man den Fröschen, die sich so zeitig verpuppt haben, glaubt, wird es ein strenger Winter. Benjamin zieht sich die Decke, die mit den Lila Punkten bis unter die Nase. Kurz darauf schläft er, schläft wieder lautstark. Die örtliche Holzverarbeitungsindustrie sollte ihn engagieren.

* * *

Irgendetwas stört Benjamin. Ist es das Fernsehprogramm? Da scheint gerade ein Wecker zu klingeln. Der hört einfach nicht auf. Benjamin angelt die Fernbedienung. Zufrieden denkt er:
„Aus! Schluss! Endlich Ruhe, Ende mit diesem Gejaule!“ Doch er hat sich geirrt. Das Klingeln geht weiter.

„Anastasia klingelt!“, fällt Benjamin mit einem Schlag ein. Er ist hellwach.
„Kann sie nicht leiser klingeln?“ Gemütlich schleicht er zur Tür, öffnet diese und wird von Anastasia fast umgerannt. Mit den Worten:
„Mensch, bist du lahmarschig!“, verschwindet sie auf der Toilette.

„Das ist ja mal wieder eine nette Begrüßung!“

 

N.B.: Der Text entstand in einem „Schreibrausch“, einem Treffen von Autoren. Alle 5 Minuten wurde ein Zettel mit einem oder mehreren Wörtern gezogen. In Windeseile mussten die nun irgendwie in den Text eingebaut werden. Die Bleistiftspitzen glühten und brannten die Buchstaben regelrecht ins Papier. Ein Wunder, dass es keinen Muskelkater in der rechten Hand gab.

Diese zehn Zettel kamen zum Vorschein:

Kaffeeklatsch
Die Wolke da oben linke erinnert mich an Benjamin
Marilyn Monroe und Elvis Presley – Huch
Tom Hanks
Kopfsalat
Alle Mann in Deckung, Tom springt vom Einer
Lila Punkte
Dein Handy ist ins Klo gefallen
Eine Schauspielerin
Mary Poppins