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Auf nichts ist wirklich Verlass!

Hin und wieder fahre auch ich mit der Straßenbahn. Viel lieber nehme ich die U-Bahn, aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden, in die Tram zu steigen.

In dieser Woche musste ich mal wieder mit der Straßenbahn fahren.
„Das kann ja heiter werden!“, dachte ich und ging sicherheitshalber zehn Minuten früher los. Es hätte mir gleich verdächtig vorkommen müssen, als der Fahrkartenautomat alle meine Münzen auf Anhieb annahm, ohne Meckern Fahrkarte und Wechselgeld ausspuckte.

Die Bahn kam pünktlich, hatte nur zwei Minuten Verspätung. Das zählt nicht, nicht bei einer Straßenbahn. Bestimmt ist die kaputt, sicher klemmt der Verspätungsautomat. Oder die Software ist manipuliert. Oder der Strom hat heute Überdruck. Das kann ja mal vorkommen! Oder sie musste zwischendurch vor einem Fahrgast mit quietschendem Rollator, der im letzten Moment angeflitzt kam, fliehen.

Zu meiner Überraschung bog die Bahn gleich nach rechts über die Friedensbrücke ab. Das erschien mir wie die Friedenspfeife bei den Indianern. Alles wird gut – höchstverdächtig!

Die Abgaswerte einiger Fahrgäste lagen deutlich über der Norm. Meine Sitznachbarin, am Hauptbahnhof war sie zugestiegen, stank mächtig nach Knoblauch. Das ist in meiner Nähe, im Umkreis von 100 Metern, total unzulässig. Knoblauch ist etwas, was ich überhaupt nicht mag. Doch ich hatte Glück, großes, riesengroßes Glück. Die Dame war so übergewichtig, dass sie mich einklemmte, wie ein Schraubstock die Schraube und den Stock. Ich war nicht einmal in der Lage, mich zu beschweren. Worüber sollte ich mich beschweren. Da meine Atmung in diesem eingeklemmten Zustand so flach war, dass kein einziges Molekül vom Knoblauchgestank in mich eindringen konnte, bestand kein Grund zur Klage. Ich hatte nur zwei klitzekleine Probleme. Fleisch ist seit Kurzem höchst ungesund. Siebzig Gramm pro Tag sind erlaubt. Ich befürchtete, die Dame könnte diese Grenze ein kleinwenig überschritten haben. Und würde ich es schaffen, mich an meiner Haltestelle aus dem Würgegriff dieses Fleischberges zu befreien? Letzteres gelang auf wunderbare Weise. So als ob sie meine Gedanken lesen könne, stand sie fünfzig Meter vor meiner Station auf und stieg mit mir zusammen aus. Sicherheitshalber nahm ich eine andere Tür. Sie blieb nicht stecken, wie ich befürchtet hatte. Ach ja, das Einsteigen hatte ja auch schon funktioniert. Endlich konnte ich wieder atmen.

Zwei Stunden später, ich wolle wieder heimfahren, geschah das nächste Wunder. Auch der Fahrkartenautomat an dieser Haltestelle funktionierte einwandfrei. Irgendetwas scheint an dem Teil kaputt zu sein. Oder fallen jetzt, nachdem der Automat mein Geld geschluckt hat, alle Züge bis Betriebsschluss aus? Ja, das könnte die Erklärung sein.

Es grenzt an ein Wunder. Ich glaube es bis heute nicht. Meine Sechzehn kam auf die Minute genau knapp zwei Minuten zu spät, war also überpünktlich.

Doch jetzt machte ich einen großen Fehler. Ich setzte mich auf den Fensterplatz eines freien Doppelsitzes. Andere freie Plätze, Stehplätze nicht gerechnet, gab es nicht.

Ein Herr, mit offenem Mantel, Tschapka, wie er in Sibirien üblich ist, mit frei schwingenden Schlappohren, mehreren überquellenden Plastiktüten aller Discounter der Stadt in den Händen näherte sich mir, meinem zweiten Platz. Jetzt sah ich auch, dass eine Flasche aus der Manteltasche herauslugte. Die große Frage war
„Ist es Wodka, Korn oder Knoblauchlikör?“ Ich befürchtete, dass er mich gleich nach einem Euro fragen würde. Ich hätte ihm einen Zehneuroschein für ein Stück Seife und eine Großpackung Vollwaschmittel für seine Kleidung gegeben. Das Unglück ging an mir vorbei. Bestimmt sah ich ihm nicht genügend vertrauenswürdig aus. Vielleicht habe ich etwas grimmig geschaut, was der Abendstunde und diesem wahnsinnigen Straßenbahnstress geschuldet war. Trotzdem atmete ich erleichtert auf und beschloss, dass mir dieser Typ sogar ein wenig sympathisch ist.

Inzwischen hatten wir die „Bockenheimer Warte“ passiert. Hier waren Horden sich laut unterhaltender Studenten eingestiegen. Mein Nebensitz war immer noch frei. Diese zierliche junge Frau, die könnte sich doch, für die ist hier genügend Platz, …

Ein junger Mann, dürr, wie eine Spaghetti, nur wesentlich länger und mit Rucksack auf dem Rücken, setzte sich zu mir. Na gut, das ist zu verkraften, selbst in Anbetracht der Tatsache, dass heute noch irgendeine, völlig überraschende, total gemeine Katastrophe mit dieser Straßenbahn passieren wird. Die hat bisher so viele Pluspunkte bei mir gesammelt, bestimmt holt die zum ganz großen Gegenschlag aus. Ich wusste nur noch nicht, was die plant.

Einen Moment lang überlegte ich, wie man diese Krankheit nennt, bei der die Betroffenen alles Gegessene rausko… Bei Models soll die sehr beliebt sein. Ich kam nicht drauf, obwohl diese Spaghetti in einem besorgniserregenden Zustand war. Alles an ihr war dürr, die Beine schlackerten sogar in dieser engen Jeans, ihre Handgelenke, mehr sah man unter der Jacke nicht, glichen den knochigen Enden von Spaghetti, die Finger waren besonders dünne Spaghetti. Der Rand der Fingernägel … Ihr Hals erinnerte an den einer Spaghettigiraffe. Alles sah aus, wie trockene, manchmal etwas verbogene, ungekochte Spaghetti. Nichts Schlaffes war an ihr zu entdecken. Hoffentlich brechen keine Überstände ab. Spaghetti sind recht spröde. Ich hatte Mitleid. Wenigstens fiel mir die Notrufnummer ein, für den Fall, dass es Bruch gibt.

Auf den nächsten hundertfünfzig Metern Straßenbahnfahrt wurde mir klar, dass die Katastrophe in Form dieser Spaghetti längst in vollem Gange war. Zwei Frauen, ja zwei Frauen und das war das eigentliche Problem, bemühten sich um den Kerl. Abwechselnd sprachen sie von links und vorn auf ihn ein. Er schien völlig irritiert. Wird er brechen? Worum es ging, bekam ich nicht mit. Die Spaghetti und ihre Liebhaberinnen, die optisch einem netten Anschein machten, unterhielten sich auf Spaghettisch, einer Sprache, welche zur Sprachfamilie des Nuddelischen gezählt wird. Soweit ist das völlig unverdächtig. Das Problem – für mich – war, dass sich diese Spaghetti ständig von der einen Nudel zur anderen drehte. Dabei rammte der Kerl mir seinen Rucksack, in dessen äußerer Tasche eine halb volle Flasche mit gelber Limonade steckte, in die Seite. Als ich der gelben Limonade gewahr wurde, dachte ich sofort an die Spaghetti, ihren überstehenden Teil früh am Morgen. Ich rang entsetzt nach Luft. Meine bösen Blicke ignorierte er. Eine lässige Handbewegung meinerseits, mit der ich seine am Rucksack und damit an ihm befestigte Limonadenflasche von mir wegschob, konterte er seinerseits mit einem bösen Blick.

Bevor sich diese Schlacht in ein Gemetzel böser Blicke auswuchs, erreichte die Straßenbahn den Hauptbahnhof. Die Spaghetti war durstig, nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Vorsichtshalber dachte ich fünf Sekunden lang an nichts, an reinweg gar nichts. In diesem Moment ging das. Es war wie Glück im Unglück. Das Turteln endete abrupt. Die Spaghetti stieg aus, suchte wohl andere Opfer und Nudeln. Denn eine der beiden Nudeln saß nun neben mir, sich mit der anderen unterhaltend. Plötzlich sprachen sie Deutsch und ich bemerkte, dass die neben mir hockende Nudel eine annähernd ketchupfarbige Jacke trug. Das ist bestimmt die neueste Pariser Mode direkt aus Italien. Jetzt weiß ich auch, weshalb die Spaghetti von den Nudeln so beeindruckt war oder weshalb die Nudeln so auf die Spaghetti standen.

Ohne weitere Vorkommnisse erreichte die Bahn den Otto-Hahn-Platz und ich war kurz vor meinem Ziel. Alles in allem gab es heute keine Vorkommnisse besonderer Art. Ich hatte mich schon Stunden zuvor seelisch und moralisch darauf eingerichtet und war nun total enttäuscht.

Es war alles umsonst, alles! Wenn das so weitergeht, …

Zu Hause setzte ich gleich einen Topf Wasser an. Spaghetti und Ketchup mit Parmesan, danach lechzte ich plötzlich. Damit die Spaghetti nicht auf dumme Gedanken kommen, ich hatte ja gerade einschlägige Erfahrungen durchgemacht, zerbrach ich sie mittig. Das haben die nun davon! Wenigstens passen sie jetzt in meinen Kochtopf. Eine gekochte Nudel ist flexibel, kann nicht brechen und ist leicht verdaulich, genau das Richtige nach einem harten Tag.

Nein, Freunde werden wir nicht, die Straßenbahn und ich.

 

N.B.: Ich versichere an Eides statt, dass die beiden erwähnten Fahrkartenautomaten einwandfrei funktionierten, dass die beiden Bahnen im Rahmen der gemachten Angaben pünktlich waren, dass Volumen bzw. Länge der von mir näher beschriebenen Sitznachbarn der Realität entsprachen. Keine Gewähr übernehme ich für die Funktion der Automaten zu anderer Zeit und an anderen Stationen sowie für die Abfahrtszeiten anderer Straßenbahnen. Darüber hinaus möchte ich auf das Mooresches Gesetz verweisen, nach dem sich die Verspätungen und Beförderungsentgelte aller öffentlichen Verkehrsmittel im Schnitt alle achtzehn Monate verdoppeln.