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Der Gigant

Der Gigant

Ich war einmal ein kleiner Junge. Auch wenn das lange her ist und fast unvorstellbar klingt: es stimmt. Ich war sogar ein ganz lieber, niedlicher kleiner Junge – wirklich, meistens, manchmal. Das hat sich mit den Jahrzehnten verwachsen. Nur eines blieb. Ich habe mich immer für die Naturwissenschaften interessiert.

Ich war vielleicht zwölf Jahre alt. Da bekam ich das Buch „Der Gigant von Syrakus“ geschenkt. Für einen Zwölfjährigen ist das ein dickes Buch. Die Großeltern wussten genau, was ihr Enkel braucht. Selten habe ich ein Buch so verschlungen. Und das achtbändige „Meiers Neues Lexikon“ meiner Eltern stand griffbereit auf dem Schreibtisch in meinem Kinderzimmer. Es wurde dringend benötigt. Dauernd musste ich etwas nachschauen. Und Mama und Papa bekamen Löcher in den Bauch gefragt. Internet, Google, Wikipedia, … waren zu dieser Zeit längst nicht dran, erfunden zu werden.

Jeden Nachmittag, wenn ich nicht gerade raus ging, um mit den Freunden zu spielen, lag ich bäuchlings auf dem Teppich und las in dem Buch. Ich erinnere mich noch genau, dass dieser Teppich lange Fransen hatte, die ich immer kämmen musste – so etwas Doofes! Und am Rand ging eine eingewebte Straße drum herum. Das war sehr praktisch, denn da fuhren meine Autos immer entlang. Doch jetzt musste ich lesen.

Wer war dieser Gigant? Er war einer der ganz, ganz Großen der Menschheit. Das merkte ich schon auf den ersten Seiten des Buches. Auch wenn er über 2000 Jahre tot ist, versprüht er eine wahnsinnige Aura. Die lag nun in einem brandenburgischen Kinderzimmer wie eine Patina auf allen Flächen, schwängerte die Luft, wirkte wie ein starker Magnet zwischen Buch und dem Jungen, wirkt auch heute noch.

Wer war dieser Gigant? Er rannte nackig durch die Stadt und rief:
„Heureka! Ich hab’s gefunden!“ Was hatte er? Einen ziemlichen Knall? Nein, er hatte beim Einstieg in seine Badewanne ein Naturgesetz entdeckt: den Auftrieb fester Körper in Flüssigkeiten. Man hat dieses Prinzip nach ihm benannt. Vor Freude sprang er aus der Wanne und lief schreiend die Straßen entlang. Ob es stimmt oder eine Legende ist, weiß man nicht. Nun konnte er ausrechnen, wieviel Gold der Schmied in der Königskrone durch billiges Silber ersetzt hatte. Er hatte sich dann für das Leben des betrügerischen Schmieds beim König eingesetzt.

Schade, ich saß doch auch so gerne in der Badewanne und spielte mit meinen Enten, Schiffen und Fischen des Kinderbadeschaums von BaDuSan. Und das BaDuSan-Lied konnte ich natürlich auch singen. Hätte die Badewanne dieses Mannes aus Syrakus ein Leck gehabt, wäre ich vielleicht der Entdecker dieses Naturgesetzes geworden.

Die Zahl Pi hat er auch recht genau bestimmt, für seine Zeit sensationell genau. Er beschäftigte sich mit vielen Fragen der Mathematik und Physik, entdeckte das Hebelgesetz, baute Parabolspiegel, Flaschenzüge, Katapulte, Seilzüge und vieles mehr. Eine heute noch ganz wichtige Erfindung ist die nach ihm benannte Schraube. Jeder Fleischwolf enthält eine davon.

Dieser Mann berechnete die Zahl der Sandkörner, die man braucht, um das ganze Universum mit Sand zu füllen. Das Universum war damals in der Vorstellung viel kleiner als wir es heute sehen. Man nahm an, es wäre Kugel der Größe unseres Sonnensystems. Der Mann stellte fest, dass 10 hoch 64 Sandkörner da hinein passen würden. Wahnsinn, wo bekommt man so viel Sand her? Da reichen nicht einmal die Sahara und der Ostseestrand!

„Störe meine Kreise nicht!“, sollen seine letzten Worte gewesen sein. Ein Söldner streckte ihn nieder. Einer der Armee des römischen Feldherrn M. Claudius Marcellus. Die hatte Syrakus drei Jahre lang belagert und Dank der Erfindungen dieses Mannes lange Zeit vergeblich versucht die Stadt einzunehmen. Er malte gerade Kreise in den Sand und sann nach neuen Rechenformeln. Der Mörder dachte verängstigt, er rufe die Götter an.

Archimedes von Syrakus (287 – 212 v. Chr.) kennt man noch weit über 2000 Jahre nach seinem Tod. Mathematische und physikalische Gesetze und Prinzipien, sogar ein Mondkrater tragen seinen Namen. Es gibt nicht viele, denen das vergönnt ist. In der Gegenwart kenne ich niemanden, der dafür infrage käme.

 

István Száva: Der Gigant von Syrakus. Roman. Prisma, Leipzig 1960