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Natürlich ist Weihnachten auch auf Island ein Familien- und Lichterfest. Die Sonne geht im Dezember erst kurz vor Mittag auf und taucht bereits am frühen Nachmittag wieder ab. Hell wird es wirklich nicht. Die winterlichen Eskapaden von Petrus sind auch keine Wohlfühltherapie.

Brot aus Thermalquellen

Brot aus Thermalquellen

Deshalb hat die festliche Beleuchtung eine besonders große Bedeutung für das Weihnachtsfest auf dieser Insel kurz unter dem Polarkreis. Am Morgen des 24. Dezember wird der Toten gedacht. Die Gräber werden mit Kerzen oder elektrischen Kreuzen geschmückt. Es gibt auch Weihnachtsbäume, die man ähnlich wie bei uns verziert. Es sind meistens importierte Tannen. Bäume auf Island sind selten, oft zerzaust von Wind und Wetter.

Am 23.12. liegt über den Straßen der Städte, vor allem im Norden und Westen, ein penetranter Geruch nach Gammelrochen. Selbst hartgesottene Isländer rümpfen die Nase, wenn sie die Zutaten zum Festmenü auspacken und zubereiten. Es ist eine sehr beliebte Delikatesse.

Uns dreht sich der Magen um. Auf Island hat es Tradition. Am Vortag von Heiligabend wird „Kaest Skata“, fermentierter Rochen, gegessen. Ähnlich wie Hákerl, auch Gammelhai genannt, ist der Fisch giftig und ungenießbar. Er kann Harnsäure nicht über die Nieren ausscheiden, lagert sie im Fleisch an. Irgendwann wurde herausgefunden, dass man den Fisch essen kann, wenn man ihn verrotten lässt. Vier, besser acht Wochen oder noch länger dauert der Verwesungsprozess, der eigentlich eine Fermentierung ist. Der Gestank erinnert an überlaufendes Dixiklo.

Trockenfisch

Trockenfisch

Andere beliebte Gerichte sind Fischgrätenfrikassee: in saurer Molke zu dickem Brei aufgelöste Kabeljaugräten. Auch geschätzt: der lederharte Trockenfisch, der gerne als Snack angeboten wird oder sauer eingelegter Walspeck zum zweiten Frühstück.

Gammelhai mit Brot

Gammelhai mit Brot

Beliebt sind diese weißlichen, glitschigen Würfel von rohem, monatelang abgehangenem und stinkendem Eishai (Hákerl). Isländer futtern sie wie Gummibärchen oder Chips. Die Touristen werden damit angelockt. Es ist eine Mutprobe, davon zu kosten. Aus eigener Erfahrung muss ich sagen, die übertreiben mächtig. Es riecht etwas streng, wirklich. Es schmeckt fast nach nichts. Man überlebt das, ich habe das Zeug probiert und bin putzmunter. Ein wenig Brot dazu und, wer mag, ein Gläschen Brenevin, isländischen Schnaps.

Die Krönung ist allerdings der Gammelrochen.

In Zeiten von Nahrungsmittelknappheit war den Isländern jedes Mittel recht, Eiweiß essen zu können. Daher sind diese Traditionen nicht verwunderlich.

Der 23. Dezember ist dem Bischof Torlak gewidmet. Im 12. Jahrhundert wollte er die Isländer christianisieren. An einem 23.12. starb er. Im Jahr 1984 ernannte ihn Johannes Paul  II zum Schutzheiligen Islands. Heiliggesprochen wurde er nicht. Da fehlen angeblich die Wunder. Ist Island nicht Wunder genug? Gibt es größere Wunder? Bestimmt war nie ein Papst auf Island. Die katholische Gemeinde ist sehr klein, während knapp 80 % der Inselbewohner der Isländischen Staatskirche, einer evangelisch-lutherische Gemeinschaft angehören.

Tausendjähriges Eis

Tausendjähriges Eis

Nordlichter über Reykholt

Nordlichter über Reykholt

Island ist das Land der Wasserfälle, der herrlichen, weiten Landschaften, der Trolle, Nordlichter, des Geysirs, der Vulkane und Wikinger, Land des Lichts, der Dunkelheit, von Feuer, Wasser und Eis. Für seine Küche ist es nicht berühmt. Doch wer nach Island reist, wird schnell eines Besseren belehrt. Nirgends habe ich so leckeren Lammbraten gegessen! Und der Fisch …Ein Menü mit Fleisch vom Pferd, vom Islandpferd, ist eine Delikatesse! Und immer wieder Lamm!

Im Dezember wird in Öl gebackenes Weihnachtsgebäck „Laufabrauð“ bereitet. Beliebt sind auch Schweinelende, Lachs und Forelle. Am Heiligabend wird Milchreis gekocht. Darin versteckt man eine Mandel. Das Kind, welches sie findet, erhält ein zusätzliches Geschenk.

Für die Weihnachtsgeschenke sind auf Island die „Jólasveinar“ zuständig: Die 13 Söhne von Grýla.

Die Weihnachtstrolle erscheinen ab dem 12. Dezember: Jeden Tag ein anderer. Sie stecken den braven Kindern Geschenke in die Schuhe, die sie am Vorabend in die Fenster stellen. Findet ein Kind Kartoffeln oder Mohrrüben, ist das ein Zeichen, dass es böse war. 13 Tage lang geht das so. Vom 25. Dezember bis zum 06. Januar kehren die Jólasveinar zurück in ihre Höhle in den Bergen.

Der Heiligabend wird mit Kirchenglocken eingeläutet und man wünscht sich:

„Gleðileg Jól!“

Felsnadeln Reynisdrangar

Felsnadeln Reynisdrangar

Trolle sind auf Island allgegenwärtig. Es sind nicht nur die versteinerten Exemplare, die überall herumstehen, weil sie ein Sonnenstrahl traf. Um viele ranken sich wilde Sagen. Die Felsnadeln Reynisdrangar sind ein typisches Beispiel. Trolle waren so mit dem Fischfang beschäftigt, dass sie den Sonnenaufgang verpassten. Nun stehen sie samt Boot versteinert am Ufer des Atlantik.

Grýla ist eine hässliche, böse, alte Frau. Sie haust tief in einem Berg im isländischen Hochland. Ihre Lieblingsspeise sind Menschen. Wie üblich bei den Trollen, ist sie ziemlich faul. Manchmal bleiben ihre Kochtöpfe eine Ewigkeit kalt. Völlig ausgehungert entfacht sie nach dieser Fastenkur ein regelrechtes Höllenfeuer unter ihren Töpfen. Die Hitze steigt als Vulkanausbruch bis an die Erdoberfläche.

Eyjafjallajökull

Eyjafjallajökull

Wir erinnern uns noch gut an den Ausbruch des Eyjafjallajökull im April 2010. Und es ist kein Geheimnis, dass sich unterm Bárðarbunga etwas richtig Großes zusammenbraut. Die letztjährige Spalteneruption des Holuhraun, eines Nebenarms vom Bárðarbunga, war nur ein lascher Vorgeschmack.

Grýla ist zum dritten Mal verheiratet. Ihr jetziger Ehemann, Leppalúði, kommt mit ihr gut zurecht. Vor allem hält er die Klappe, was Grýla sehr gefällt. Zur Familie gehören die 65 Söhne Grýlas und die schwarze Katze Jólakötturin. Dreizehn Trollkinder stammen von Leppalúði. Gemeinsam mit der Katze fingen sie früher unartige Kinder, die Grýla dann kochte. Trolle können sich nur bei Dunkelheit gefahrlos bewegen. Bei Sonnenlicht erstarren sie augenblicklich zu Stein. Deshalb erscheinen Grýlas 13 Söhne kurz vor und nach der Wintersonnenwende. In dieser Zeit sind die Nächte besonders lang.

Die letzten 13 Tage vor Weihnachten steigt täglich ein Weihnachtstroll aus den Bergen zu den Menschen hinab. Am Heiligabend sind alle gleichzeitig präsent. Sie haben merkwürdige Namen, sehen sonderlich aus und spielen den Bewohnern ganz besondere Streiche:

  • Am 12. Dezember kommt Stekkjastaur (Pferchpfosten), ein dürrer, schlaksiger Kerl. Er hat es auf die Milch der Mutterschafe im Stall abgesehen.
  • Dann erscheint Giljagaur (Schluchtkobold). Er liebt den Schaum der Milch.
  • Einen Tag später steigt Stúfur (Knirps) herab. Er ist ein kleiner, zierlicher Troll und macht sich über die angebrannten Reste in den Pfannen her.
  • Dann trifft Þvörusleikir (Kochlöffellecker) ein. Vor ihm ist kein Kochlöffel sicher. Er schleckt sie alle mit Genuss ab.
  • Dagegen liebt Pottaskefill (Topfschaber) die Reste in den Kochtöpfen. Er erscheint am 16. Dezember.
  • Ab dem 17. Dezember stiehlt Eßnapflecker Askasleikir die Eßnäpfe der Menschen und leckt sie aus.
  • Die schöne Ruhe vor Weihnachten ist endgültig vorbei, wenn Hurðaskellir (Türzuschläger) aus den Bergen herabsteigt.
  • Skyrgámur (Quarkgierschlund) liebt den isländischen Magermilchquark (Skýr). Kein Fass, kein Becher mit der leckeren Milchspeise ist vor ihm sicher. Skyr wird jetzt auch in einigen Supermärkten in Deutschland angeboten.
  • Ab dem 20. Dezember sollten die geräucherten Würste gut bewacht werden. Bjúgnakrækir (Wurststibitzer) kommt und schaut in jeden Rauchfang.
  • Fenster dichtmachen heißt es sodann. Der Fensterglotzer (Gluggagægir) späht in die Wohnungen der Menschen. Und er liebt glitzernde und glänzende Dinge über alles. Er ist die Elster Islands.
  • Brot aus Thermalquellen

    Brot aus Thermalquellen

    Gáttaþefur (Türschlitzschnüffler) hat eine lange, empfindliche Nase. Frisches Brot, wer mag das nicht, ist sein Begehren. Und besonders das tagelang in den Thermalquellen gebackene malzige Brot ist ja soooo lecker. Butter, Hering und Ei oben drauf und fertig ist ein wahrer Genuss.

     

  • Auch vor dem Weihnachtsbraten schreckt einer der Weihnachtstrolle nicht zurück. Am 23. Dezember kommt Ketkrókur (Fleischkraller). Er krallt sich, wie sein Name verrät, nur zu gerne den fetten Braten aus der Kasserolle. Er ist ein kleiner, nein, er ist ein ganz großer Feinschmecker.
  • Am Heiligabend kommt schließlich Kertasníkir, der Kerzenschnorrer anmarschiert. Zu ihm muss wohl nichts gesagt werden. Man sollte nur gut achtgeben, sonst sitzt man im Dunkeln.

Es war die Aufgabe der 13 Weihnachtstrolle, böse Kinder zu Grýla zu verschleppen. Doch die Katze und die anderen Söhne Grýlas brachten die Kleinen heimlich zurück zu den Eltern. Seit langer Zeit hat Grýla kein Kind mehr verspeist. Ihre 13 Söhne sind heute bei den isländischen Sprösslingen sehr beliebt. Sie werden sehnsüchtig erwartet. Sie bringen Geschenke und ziehen sogar rote Gewänder über. Somit hat Island wirklich 13 Weihnachtsmänner!

Grýlas Söhne sind ihrem Vater sehr ähnlich. Deshalb schenken sie den Menschen Hübsches und legen nach Trollart große Steine in Gärten und auf Wiesen. Die Isländer finden das nicht so gut. So basteln sie heutzutage lieber Spielzeug für brave Kinder. Diese stellen immer noch Schuhe vor die Tür oder auf die Fensterbänke.

Eisberg

Eisberg

Am 25. Dezember geht Weihnachten langsam dem Ende entgegen. Der erste Weihnachtstroll, der gekommen ist, Stekkjastaur (Pferchpfosten) kehrt zurück auf seinen Berg. Bis zum 6. Januar folgen die Brüder. Solange geht auf Island die Weihnachtszeit!

Wenn nur diese Tradition mit dem Gammelrochen nicht wäre!

Gleðilegt Jol

Der Artikel erscheint gleichzeitig im Weihnachtskalender der Autorengruppe ARS Autoren RheinMain Stammtisch.

N.B.: Der Friedhof von Reykholt.
In diesem Ort lebte im 13. Jh. Snorri Sturluson, der große Isländische Gode und Literat (Sagas, Edda). Das Grab befindet sich neben seiner Kirche. In diesem Ort spürt man auch heute die ganz besondere Aura dieses Mannes. Wenn dann Nordlichter am Himmel wabern … Solche Momente sind unvergesslich!