Schlagwörter

, , ,

Nimmerklug und der Wunschzettel

Vor langer Zeit, als ich noch ein kleiner Junge war, bekam ich von meinen Großeltern zu Weihnachten zwei Bücher geschenkt. Ich habe mich riesig gefreut. Es waren wundervolle Kindergeschichten von einem Frechdachs namens Nimmerklug. Ich konnte nie genug davon hören. Auch meine frühen Leseübungen, ein paar Jahre später, erfolgten mit diesen beiden Büchern. Meine Großeltern hatten wieder einen echten Volltreffer gelandet: Ja, die Oma und der Opa! Sie sind die Besten! Die Titel dieser Kinderbücher lauten:

Nimmerklug in Sonnenstadt und

Nimmerklug im Knirpsenland.

Knirpsenland

Knirpsenland

Sonnenstadt

Sonnenstadt

(Verfasser: Nikolai Nossow, Der Kinderbuchverlag, Berlin). Die Knirpse, von denen in den Büchern berichtet wird, sind etwa so groß wie eine Einlegegurke. Sie wohnen in Sonnenstadt, direkt am Gurkenfluss. Im Sommer bauen sie Obst und Gemüse an, suchen Pilze und Früchte im Wald. Sie sind Handwerker, Künstler, Wissenschaftler und vieles andere. Das Leben ist manchmal beschwerlich, man braucht sich nur die Größenverhältnisse vor Augen zu führen. Natürlich reicht ein einziger Kürbis für alle Bewohner von Sonnenstadt etwa drei Jahre lang. Viel schlimmer ist aber die Plackerei bei der Ernte. Und stellt Euch einmal vor, wie gefährlich die Kirschernte ist. Wenn da eine kopfgroße Kirsche einen Knirps trifft … Noch brenzliger wird es bei der Apfelernte. Fallobst kommt wie schwere Bomben angesaust. Der Platz unterm Baum wird jedes Jahr weiträumig abgesperrt. Nur bei der Ernte nähern sich ein paar mutige Knirpseriche ganz vorsichtig solch einem Baum. Und sitzt ein Apfel am Zweig fest, müssen die Knirpse gar mit einer Säge hochklettern und den Stiel durchsägen. Fällt die Frucht endlich, heißt es: Gut festhalten. Der hochschnipsende Ast verwandelt die Knirpse womöglich in Flugknirpse. Das nächste Problem ist dann der Abtransport. Und die armdicken Maden … Darüber wird in dem Buch nicht berichtet. Vielleicht werden die geschlachtet und kommen als Sonntagsbraten, als Rollmops oder Roulade auf den Tisch.

Bekannte Knirpse in Sonnenstadt sind Immerklug, der Name sagt alles, Saftschleck, der Maler Farbenklecks, der Jäger Bums mit seinem Hund Bimmel, der Arzt Rizinus, der immer nur Rizinusöl zum Einnehmen verschreibt, Rennefix, die Mechaniker Schraubstift und Schraubschnell, der Dichter Blüte, der Musiker Geigenstrich, … Natürlich gibt es auch Mädchen im Knirpsenland. Pünktchen ist beispielsweise eine ganz nette Knirpseline. Dummerweise können die meisten Jungs die Mädchen nicht leiden, ziehen sie an der Haaren, stecken die Zunge heraus, nennen sie gar „Bangbüx“.

Der bekannteste Knirps aber ist Nimmerklug. Sein Kennzeichen ist der große Hut, einem Sombrero ähnlich. Zu den Schlauesten gehört er wahrlich nicht und außer seinem Freund Moppe, mit dem er dauernd Streit hat, sich häufig prügelt, will kaum jemand etwas mit ihn zu tun haben. Dabei ist Nimmerklug, genau genommen, ein ziemlich liebes Kerlchen, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Irgendwann hat der sich sogar mit der Knirpseline Pünktchen angefreundet – Sensation!

Der kleine, süße Bengel, der ich dazumal war, hat sich schnell in diesen Knirpserich verliebt. Lausbuben, wie Nimmerklug, üben auf Kinder eine ganz besondere Anziehungskraft aus. Heute mag ich die beiden Bücher immer noch sehr. Der große, kleine Junge liest gerne darin.

* * *

Es ist Dezember. Bald gibt es Schnee. Doch heute ist noch einmal herrliches Spätherbstwetter. Die Sonne scheint, sendet ihre Strahlen mit letzter Kraft hinunter zu den Knirpsen. Die genießen das sehr. Nimmerklug sitzt mit Pünktchen auf einer Bank hinter dem Winterjasmin. Sie lassen die Beine baumeln. Ein Gespräch will trotzdem irgendwie nicht zustande kommen. Nimmerklug hat schlechte Laune, weil ihn der Mechaniker Schraubfix nicht von der Brause aus dem Brauseauto trinken ließ.

„Wer den ganzen Tag nur faulenzt, …“ Den Rest bekam Nimmerklug nicht mit, denn er lief wütend von dannen. Das Brauseauto findet Nimmerklug einfach Klasse. Statt mit Benzin wird es mit roter oder grüner Fassbrause betrieben. Und direkt aus dem Tank kommt ein Schlauch, mit dem auch der Fahrer Brause ansaugen kann. Zwar ist damals sein Fahrversuch jämmerlich, mit einem schlimmen Unfall, gescheitert. Doch Brausetrinken ist ja auch auf einem Parkplatz oder in der Garage möglich.

Und nun hat Pünktchen gesagt, er könne den Mechanikern doch anbieten, das Brauseauto zu putzen. Dann bekäme er bestimmt einen großen Schluck von der süßen Limonade. Nimmerklug sieht natürlich ein, dass Autoputzen in dieser schmuddeligen Jahreszeit öfter nötig ist. Und Pünktchen hat ja auch mal wieder recht – typisch, sie ist eine Knirpseline! Doch so richtig gut findet er den Vorschlag nicht. Er überlegt.

„Soll ich mich mit Moppe vertragen? Dann kann ich ihn bitten, das Brauseauto auf Hochglanz zu wienern. Ich gebe ihm zur Belohnung einen kleinen Schluck ab. Den Rest Brause trinke ich selbst. Ich nenne mich Chef und Manager, so machen es die Menschen ja auch.“ Nimmerklug denkt hin, Nimmerklug denkt her und grübelt noch ein Weilchen. Doch zu einem endgültigen Resultat kommt er nicht. Alles erscheint ihm viel zu anstrengend.

Plötzlich nimmt das Gespräch mit Pünktchen, das ja bisher mehr ein Anschweigen ist, eine Wendung:
„Was hast du auf deinen Wunschzettel für Weihnachten geschrieben?“, fragt Pünktchen.
„Weihnachten? Das ist doch noch so lange hin!“
„Nein, wir haben schon Advent!“
„Wirklich? Dann muss ich mich beeilen. … Hm, mir fällt gar nichts ein. Was wünscht du dir denn vom Weihnachtsmann?“

Pünktchen hat ihren Wunschzettel längst geschrieben und in den großen, roten Briefkasten am Rathaus von Sonnenstadt eingesteckt. Sie wundert sich über Nimmerklug. Bestimmt ist er der letzte Bewohner von Sonnenstadt, der seinen Wunschzettel noch schreiben muss. Die Mädchen waren natürlich wie jedes Jahr die Ersten, die mit ihren Wunschzetteln fertig waren. Pünktchen hat jedoch auch etliche Knirpseriche gesehen, die mit einem Briefumschlag in der Hand und mit so wundervoll leuchtenden Augen zum Rathaus liefen.

„Ich wünsche mir vom Weihnachtsmann eine neue rote Schleife für meinen Pferdeschwanz. Und dann noch Buntstifte und einen Malblock“, berichtet Pünktchen ein wenig schüchtern und ergänzt, „Und falls darüber hinaus etwas möglich ist, hätte ich gerne auch ein Märchenbuch.“ Nimmerklug findet Pünktchens Wünsche nicht schlecht, allerdings viel zu mädchenmäßig. Für einen Mann, einen Knirpserich wie ihn, kommt das natürlich nicht infrage. Wenn man sich schon etwas wünschen darf, dann sollte es etwas Handfestes, etwas Großes sein. Er überlegt und hat schließlich eine Idee.
„Ich wünsche mir vom Weihnachtsmann ein Brauseauto, so eines, wie es bei Schraubfix und Schraubschnell in der Garage steht. Und dazu hätte ich gerne einen großen Anhänger mit einem Fass drauf. Da soll ganz viel rote Brause drin sein.“
„So riesige Wünsche kann der Weihnachtsmann doch gar nicht erfüllen“, entgegnet Pünktchen lachend.
„Doch, das kann er!“
„Warst du denn sooo lieb?“
„Immer! Jetzt schon eine halbe Stunde lang. Oder hast du gemerkt, dass ich einen Streit mit dir angefangen habe?“
„Nein, gestritten hast du wirklich nicht. Ob eine halbe Stunde Liebsein ausreicht, vor allem für solch einen großen Wunsch?“
„Das muss reichen. Hilfst Du mir beim Schreiben des Wunschzettels?“
„Ja, natürlich. Überlegt dir lieber noch ein paar kleine Wünsche, so dass der Weihnachtsmann die Auswahl hat.“ Pünktchen befürchtet, dass Nimmerklug am Weihnachtsabend leer ausgehen könne. Dann hat er garantiert eine ganz böse Laune und wird alle Mädchen ärgern, vielleicht gar an den Haaren ziehen. Sie ist doch so froh, dass Nimmerklug jetzt ein artiger Knirpserich ist, zeitweise könnte er für einige dieser Lümmel sogar ein Vorbild sein.

„Nein, wer etwas Großes will, muss sich Großes wünschen. Bestimmt sucht sich der Weihnachtsmann das Kleinste von der Liste aus. Der muss doch auch sparen. Und dann bekomme ich kein Brauseauto.“

Während Nimmerklug von seinem neuen, großartigen Brauseauto mit Brausefassanhänger schwärmt, schreibt Pünktchen den Wunschzettel für Nimmerklug. Sie gibt sich viel Mühe und malt sogar ein Bildchen darauf, einen buntgeschmückten Weihnachtsbaum mit großem Stern an der Spitze.

Unterschrift

Unterschrift

„Wenigstens unterschreiben könntest du ihn“, ermahnt Pünktchen den Freund. Mühsam setzt Nimmerklug seinen Namen in krakeligen Druckbuchstaben unter den Weihnachtswunschbrief. Zuerst ärgert er sich über solche Umstände. Doch dann fällt ihm ein, dass der Weihnachtsmann sonst nicht weiß, wem er dieses wundervolle Brauseauto liefern muss. Pünktchen leckt am Klebstoff des Umschlags, verschließt ihn und schreibt die Adresse vom Weihnachtsmann darauf. Wenigstens sagt Nimmerklug noch

„Danke, liebes Pünktchen!“ und rennt fort in Richtung des Rathausbriefkastens. Pünktchen wundert sich nur. Hoffentlich kommt der Brief auch ohne Briefmarke  beim Weihnachtsmann an. Nimmerklug war so schnell weg, dass Pünktchen ihn nicht an die Marke erinnern konnte. Hinterherrennen ist zwecklos, die Knirpseriche sind doch immer so flink. Und mit ihren neuen roten Stiefelchen kann sie sowieso nicht richtig rennen.

* * *

Wird Nimmerklugs Weihnachtswunsch in Erfüllung gehen? Das wissen wir heute natürlich noch nicht. Ich werde nach der Bescherung hier in meinem Blog und im ARS-Blog darüber berichten.

Der Artikel erscheint gleichzeitig im Weihnachtskalender der Autorengruppe ARS Autoren RheinMain Stammtisch.