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Es ist jedes Jahr dasselbe. Los geht es im Sommer mit einer Großladung frischer Landluft, verpackt in weihnachtlich umhüllte Schokolade. Diese auf die Supermärkte und Discounter des Landes zu verteilen ist ein Leichtes. Doch dann geht es Schlag auf Schlag. Als nächstes kommen die ersten fünfhundert Container mit Pfeffernüssen. Kurz darauf treffen die Spekulatius ein, zuerst die Butterspekulatius, drei Tage später die Gewürzspekulanten und dann die mit Mandeln. Sackweise Marzipankartoffeln müssen auch noch in die Regale gestapelt werden.

Die Tannen für die Weihnachtmärkte werden nun inspiziert, gefällt, abtransportiert, aufgestellt, gerichtet und repariert sowie hübsch geschmückt. Das ist ein harter Job. Der Weihnachtsmann ist schließlich auch nicht mehr der Jüngste! Zum Glück gibt es die vielen fleißigen Weihnachtswichtel, welche ihm unermüdlich zur Seite stehen. Wegen der massenhaft sinnlos gefällten Bäume ist der Weihnachtsmann traurig – wiederverwendbare aus Pappmaschee erfüllen schließlich denselben Zweck. Deshalb sucht er meistens die lädierten Exemplare aus und hofft, dass die örtlichen Schreiner die Fehlstellen kaschieren.

Das Geschenkpapier vom letzten Jahr und die bunten Bänder müssen gebügelt, ordentlich gefaltet oder aufgerollt werden. Eigentlich ist hierfür eine Firma in China zuständig, aber der Logistikwichtel hat wieder gepennt, vergessen die Großfrachter zu ordern und nun müssen Sonderschichten gefahren werden. Nebenbei wird der Weihnachtsmarkt aufgebaut. In diesem Jahr gibt es noch mehr Glühweinbuden. Der Bedarf steigt fast ins Unendliche. Der Weihnachtsmann befürchtet Engpässe und lässt die Heizkessel sicherheitshalber ans Trinkwassernetz anschließen.

„Die merken gar nicht, wenn das Zeug noch weiter verdünnt wird!“

In der Weihnachtbäckerei ist mal wieder eine Portion Plätzchen verkohlt. Die geht im Sommer als Grillkohle über den Ladentisch. So kommt wenigstens ein bisschen Zaster in die Kasse. Ansonsten ist Weihnachten alles kostenlos, bei manchen Beschenkten gar umsonst.

Dreimal tief durchatmen und der erste Advent steht vor der Tür. Der wartet nicht, bis irgendjemand „Herein!“ ruft, der kommt einfach. Wehe es wurde vergessen, eine dicke Kerze anzubrennen. In allerletzter Minute wurden noch die Adventskalender gefüllt. Darauf hat der Weihnachtsmann in diesem Jahr ein besonders kritisches Auge. Letztes Jahr gab es eine Charge ohne die Nummer 11. Dafür stand dreimal die 27 drauf. Man vermutet Sabotage oder einen feindlichen Agenten aus irgendeinem Paralleluniversum. Komischerweise hatte da gerade der Spionageabwehrwichtel einen grippalen Infekt. Der war so schlimm, dass nur ein Update der Virenmedizin auf die neueste Version half. Das darf nicht noch einmal passieren. Jetzt gibt es einen zweiten Spionageabwehrwichtel, einen mit heimlichen Kontakten ins Team von Santa Claus, den von hinterm großen Teich.

Jetzt konzentrieren sich alle auf den großen Auftritt vom Nico Laus. Das ist ein Moment zum Durchatmen im Weihnachtsmannland. Die Zeit bis zum Heiligen Abend ist kurz und es ist noch so viel zu erledigen. Wenn doch wenigstens alle ihren Wunschzettel abgegeben hätten!

„Die Hälfte schickt ihre Wünsche erst am 24. und Zweidrittel vergessen ihn ganz. Und die aus der Regierung schicken gleich zwei oder drei meterlange Wunschzettel.“ Der Weihnachtsmann fragt sich, wie er den Regierungsparteien mehr Wähler schenken soll und der Opposition zusätzliche Sitze im Parlament. Vielleicht sind die mit einem Gutschein für Stühle aus diesem nordischen Möbelhaus zufrieden? Gute Ideen für die Minister sind selbst im Weihnachtsmannland rar. Und ein funktionierendes Gewehr kriegt die Kriegsministerin schon gar nicht, dafür ist der Weihnachtsmann nicht zuständig. Der hilft höchstens mit der Rute aus.

„Eigentlich müsste ich die Rute in der Regierung ordentlich tanzen lassen! Wenn die nur nicht so laut heulen würden! Das vertragen meine altersschwachen Nerven nicht mehr.“ So kommen alle ungeschoren, besser gesagt, unverhauen davon.

„Wir müssen wieder improvisieren und hinterher gibt es massenhaft unzufriedene Gesichter“, stöhnt der Weihnachtsmann, „Es ist jedes Jahr dasselbe!“

Doch was jetzt kommt, ist die Hölle. Jedes Jahr am 13. Dezember passiert es. Es bricht wie ein Unwetter über den Weihnachtsmann herein, ausgerechnet dann, wenn er am meisten zu tun hat. Niemand nimmt darauf Rücksicht. Allerdings: Genaugenommen freut sich Weihnachtsmann darauf. Würde es ausfallen, fehlte ihm etwas.

Immer am 13. Dezember treffen sie sich und alle kommen ins Weihnachtsmannland: der Osterhase, Santa Claus, Nico Laus, das Christkind, der heilige Bim und sein Bruder Bam und und und … wie sie auch alle heißen. Die ganze verfressene Rasselbande kommt zu Besuch und möchte bewirtet werden. Eine ganze Wichtelbrigade ist nur für diesen einen Tag abgestellt und kümmert sich seit Wochen um alle Vorbereitungen. Der Weihnachtsmann delegiert seit drei Jahren stets eine weitere Brigade zur Verstärkung des Organisationsteams sowie einen Spezialisten für die Synchronisation der Herzschrittmacher der älteren Besucher.

„Im nächsten Jahr machen wir das mit dieser genialen, allerdings höllisch teuren Projektmanagementsoftware der Firma Kleinweich oder Apfelkompott. Die endgültige Entscheidung trifft das Projektteam im Februar. Dann ist noch genug Zeit für die dreijährige Einführungs- und fünfjährige außerplanmäßige Verlängerungsphase. Um den Brandschutz bei dieser Software kümmert sich der Weihnachtsmann persönlich. Er lässt nichts anbrennen, höchstens mal die Spiegeleier. Allerdings ist sich der Weihnachtsmann nicht sicher, ob er genügend Rücklagen gebildet hat, um das Projekt zu finanzieren. Sie wirtschaften knapp am Limit. Möglicherweise gibt es künftig weder Urlaubs- noch Weihnachtgeld für die Wichtel. Die Tariferhöhung ist sowieso gestrichen. Prämien, was für Prämien? Hoffentlich findet der Gewerkschaftswichtel kein Gehör! Der schreit immer nur „Streik!“ Und das mitten in den Weihnachtsvorbereitungen.

Vor 2 Jahren fiel der 13. Dezember ausgerechnet auf einen Freitag, noch dazu auf einen „Freitag den Dreizehnten“. Der Weihnachtsmann ist zwar nicht abergläubisch, aber man kann ja nie wissen … Jedenfalls ist er seitdem immer vorsichtig, wenn der 13. Dezember vor der Tür steht. Für 2019 plant der Weihnachtsmann, den 13. Dezember auf den 14. zu legen, so ähnlich wie das immer mit der Sommerzeit gemacht wird.

„Sicher ist sicher!“, sagt er sich. Genau an diesem letzten „Freitag den Dreizehnten“ saß er den ganzen Abend neben Väterchen Frost am Festtisch. Väterchen Frost war direkt aus Hintersibirien angereist, wo er mit Wladi, dem sibirischen Eskimohäuptling die Eisheiligen besucht hatte. Die wohnen nämlich dort hinten und verpennen den ganzen Winter. Dabei saugen sie die sibirische Kälte regelrecht auf. Am 30. Februar, in Hintersibirien ist der Winter etwas länger, deshalb gibt es dort einen 30. und sogar einen 31. Februar, machen sie sich auf den langen Weg zu uns. So schnell wie Väterchen Frost sind sie ja nicht. Pünktlich Mitte Mai treffen sie dann bei uns ein. Zum Glück sind sie auf ihrem beschwerlichen Weg durch die polnische Hochebene etwas ins Schwitzen gekommen, so dass die ganz große Kälte mit minus vielen Grad ausfällt. Das ist jedes Jahr dasselbe, wir kennen das und wünschen diese wilden Burschen sonstwohin, am Besten in die hinterste Ecke von Sibirien.

Vor vier Wochen hat sich der Weihnachtsmann sicherheitshalber 3 Garnituren Thermounterwäsche beim örtlichen Discounter besorgt. Und via Internet bestellte er bei seinem Freund August in Alaska neue Handschuhe und eine original russisch-amerikanische Tschapka mit dicken Ohrenschützern. Vorsichtshalber wählte er das Teil drei Nummern größer, damit seine fünf Pudelmützen darunter auch noch Platz haben. August geht immer auf Jagd, ringt mit einem fetten Grizzlybären und zieht ihm das warme Fell über die kalten Ohren.

„Soll der gefälligst schneller flitzen, damit er nicht friert! Bei Schafen funktioniert das ja auch bestens“, ist die Devise des Jägers. So erzählt August das jedenfalls. Dass er den Bären zuvor mit seiner Flinte betäubt und die Reste hinterher zu Sülze und Knackwurst verarbeitet, verrät er allerdings nicht.

Der Weihnachtsmarkt-Kleptomane

Der Weihnachtsmarkt-Kleptomane

Die Fortsetzung dieser Geschichte erscheint morgen.

Weitere weihnachtliche Geschichten des Autors Rainer Franke finden Sie im Buch „Der Weihnachtsmarkt-Kleptomane“. Informationen finden Sie hier.

Der Artikel erscheint gleichzeitig im Weihnachtskalender der Autorengruppe ARS Autoren RheinMain Stammtisch.