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Der erste Teil dieser Geschichte erschien gestern in diesem Blog. Im Weihnachtsmannland findet jedes Jahr am 13. Dezember ein großer Kongress statt. Das ist nicht ganz unproblematisch. So geht die Geschichte weiter:

Jahrelang überlegten alle, weshalb dieses Treffen immer am 13. Dezember stattfindet. Erst im letzten Jahr lüftete Grýla, sie war erstmalig, allerdings nur via Skype, mit von der Partie, ein isländisches Geheimnis. Grýla ist ja eine etwas sonderbare Gestalt. Sie ist die Trollmutter der 13 isländischen Weihnachtstrolle. Man sagt ihr nach, sie fresse sogar unartige Kinder. Das stimmt nicht, zumindest ist kein einziger Fall aktenkundig. Ständig hat sie schlechte Laune, nörgelt an allem herum, ist eine furchtbar schlechte Köchin und wohnt in einer dreckigen, stinkigen und völlig unaufgeräumten Höhle. Sie ist ständig genervt. Das liegt am Geschnarche ihres Trollmannes Leppalúði. Das wissen alle und deshalb wurde sie bisher nie eingeladen. Doch nun ist bekannt geworden, dass vor etwa tausend, es können auch schon zwei- bis fünftausend Jahre sein, so genau erinnert sich niemand mehr daran, genau diese Grýla solch ein Treffen initiiert hatte. Der Weihnachtsmann hatte ihr nichts geschenkt, weil sie wieder mal, wie jedes Jahr seit der Entstehung des Universums, böse war. Deshalb hatte sie einfach via Weihnachtsinternet, das gab es damals schon, alle zu dieser Sitzung, die inzwischen „Weihnachtlicher Weltkongress der siebenundsiebzig benachbarten Paralleluniversen“ genannt wird, eingeladen. Genau in der Zeit, wenn der Weihnachtsmann und alle anderen so viel zu tun haben.

„Ein wenig zusätzlicher Stress bekommt denen bestimmt ganz gut!“, dachte sie sich. Den 13. Dezember wählte sie, weil sie 13 Söhne hat, die 13 isländischen Weihnachtstrolle. Allerdings sind Stekkjarstaur (Schafschreck), Giljagaur (Schaumschuft, Schluchtentölpel) und Stúfur (Kurzer, Knirps) bisher nie erschienen und ließen sich immer von ihren 10 Brüdern vertreten. Stekkjarstaur und Giljagaur sind schon voll in Aktion bei den isländischen Menschen und somit unabkömmlich, Stúfur hat seinen großen Auftritt am 14., da kann er am 13. nicht auch noch zu einem Weltkongress reisen. Über die isländischen Weihnachtstraditionen und diese 13 merkwürdigen Gestalten der Unterwelt wurde bereits am 4. Dezember berichtet.

Die restlichen 10 isländischen Weihnachtrolle kommen regelmäßig zu spät, immer erst nach Sonnenuntergang und reisen bereits früh wieder ab, weit vor Sonnenaufgang. Vorsicht ist die Mutter der Weihnachtstrolle, schließlich versteinern Trolle auf der Stelle, wenn sie auch nur ein klitzekleiner Sonnenstrahl trifft. Beispiele gibt es auf Island mehr als genug.

Der Osterhase ist der einzige, der ausgeruht zum Kongress anreist. Extra für den 13.12. hat er sich den Wecker gestellt und den großen Korb mit den restlichen bunten Ostereiern aus der Tiefkühltruhe gefüllt. Seine jährliche Rede kennt er auswendig, hat sie bei jedem früheren Kongress wacker aufgesagt. Nicht einmal Lampenfieber hat er. Nach dieser historischen Rede bekommt jeder ein Osterei. Es ist schließlich Weihnachtszeit, Zeit der Geschenke. Und zwischen Schokolade, Stollen und Spekulatius kann man durchaus mal etwas Eiweißhaltiges schnabulieren.

Die Teilnahme des Osterhasen ist höchst umstritten. Was hat der mit Weihnachten zu tun?

„Ohne Ostern gäbe es kein Weihnachten! Weihnachten kommt nach Ostern und fällt Ostern aus, gibt es logischerweise keine Weihnacht!“ Niemand traut sich, ihm zu widersprechen, ihn auszuladen. Schließlich haben alle irgendwie so einen Jieper auf dieses leckere Osterei. Einmal wagte einer ganz kleinlaut zu bemerken:

„Aber Ostern kommt doch nach Weihnachten!“ Der wurde ausgebuht und bekam drei Jahre lang kein Osterei beim Weihnachtskongress geschenkt. Jetzt folgt er reumütig wieder der großen Linie.

In diesem Jahr gibt es eine Neuigkeit. Wie ein Lauffeuer sprach sie sich herum. Grýla, Mutter der isländischen Weihnachtstrolle kommt persönlich. Das gab es noch nie. Man munkelt, sie hätte mit Väterchen Frost eine Liaison. Dass zwischen den beiden Gestalten der Kälte etwas läuft, ist plötzlich kein Geheimnis mehr. Andererseits gibt es zwischen den Beiden andauernd Knatsch. Väterchen Frost droht im Jahresabstand mit der Hexe Baba Jaga, die sich des „Falles“, wie er immer sagt, annehmen wird. Grýla kontert immer, dass die isländische Armee aus den legendären Kabeljaukriegen mit dem Vereinigten Königreich siegreich hervorgegangen wäre. Das eine gewaltige Kriegsschiff der Isländer, es ist eher ein kleines Polizeiboot, hat die Briten mächtig beeindruckt, hat deren Schiffen gar dicke Beulen beigebracht und die Netze britischer Fischdiebe in die Fluten des Atlantiks versenkt. Munition haben die Isländer genügend, musste in diesen Kriegen kein einziger Schuss auf den Feind abgegeben werden.

Nun befürchtet der Weihnachtsmann, dass er sich möglicherweise als Pufferzone zwischen die beiden verliebten Raufbolde setzen müsse. Dabei würde er gerne mal mit Nico Laus plaudern und versuchen, ihn für eine Kooperation zu gewinnen.

„Wir könnten unsere Jobs jährlich tauschen!“, ist seine Idee. Bisher hat Nico das immer als dumme Weihnachtsmannhirngespinste abgetan und mit dem Universalen Grundgesetz gedroht.

„Wenn wir beim Weltkongress eine Vierdrittelmehrheit zustande bringen, könnten wir dieses Gesetz einfach ändern … Weihnachten nur in Schaltjahren die auf Sieben enden, wäre auch eine Option.“

Die Zeit bis zum Weltkongress vergeht wie im Fluge. Drei Stunden vor Beginn kommt nicht nur ein Islandtief, auch der große Computer installiert mal wieder mehrere Dutzend Updates. Das kann dauern. Zwischendurch fährt er dreimal herunter. Und die Speisekarte und die Platzkarten und die Begrüßungsrede vom Weihnachtsmann müssen auch noch gedruckt werden.

„Muss denn alles auf dem letzten Drücker erledigt werden?“, schimpft der Weihnachtsmann. Ihm ist zumute, als würde sein Kopf platzen.

„Ob meine neue Thermounterwäsche den sibirisch-isländischen Kälteschüben standhalten wird?“, rätselt er seit Tagen. Sicherheitshalber wird er die zwei wollenen Leibchen seiner Tante Isolde darunterziehen. Dann kann nichts passieren. Auf Isolde war immer Verlass! Diese Leibchen sehen zwar etwas unmodern aus, aber die sieht ja niemand. Höchstens, wenn sie dann alle zusammen in die Sauna gehen.

„Nein! Nicht mit mir, nicht schon wieder.“ Letztes Jahr hat Joulupukki, dieser Finne, mit einer ganzen Birke auf ihn eingedroschen und gemeint, das wäre gesund. Vier Wochen lang konnte er nachts nicht auf dem Rücken schlafen. Seine Frau fand das gut, so konnte er wenigstens nicht schnarchen.

„Ob die mit dem Finnen ein Komplott geschmiedet hat?“, kommt dem Weihnachtsmann plötzlich in den Sinn.

Wie jedes Jahr, wie schon tausende Jahre zuvor, klappt die Organisation wie am Schnürchen. Nur dieser Schotte wollte sich um die Teilnahmegebühr drücken.

„Das ist mal wieder typisch. Erst kommt er zu spät, weil sein Fernbus im Stau stand. Ordentliche Rentiere kann oder will der sich nicht leisten und dann hält er dem Anmeldewichtel die Gebührenquittung vom letzten Jahr unter die Nase.“ Der Weihnachtsmann hatte dem Anmeldewichtel vorher noch die üblichen Verdächtigen genannt. Er hat schließlich jahrelange Erfahrungen.

Die Ankunft von Grýla war ein Schauspiel der Extraklasse. Wie sie sich herausgeputzt hatte! Knallrote Highheels, ein roter, weit offenstehender, im Wind flatternder Mantel, ein weit ausgeschnittener roter Pullover mit weißem Fellbesatz, eine knallenge, lila Lederhose und eine Frisur, bei der die Bezeichnung Frisur eher durch „Mopp“ ersetzt werden sollte. Väterchen Frost, dieser alte Lustmolch, erwartete sie schon im Foyer. Mit ausgebreiteten Armen, wehenden Mänteln rannten sie aufeinander zu, wollten sich herzen, wie zwei liebestolle Turteltäubchen, die sich zehn Minuten lang nicht gesehen hatten. Doch ihre Hakennasen verhakten sich dabei so, dass sie zusammenhingen. Da war nichts zu machen, da musste schweres Gerät ran. Die Feuerwehr kam schon nach sagenhaften zwei Stunden mit großem Tatü und Tata angebraust. Man hieb mit einem Vorschlaghammer genau auf die verhakten Nasen. Dabei stellte sich heraus, dass die beiden diese verhakte Situation gar nicht so übel fanden. Sie hatten die ganze Zeit geschnäbelt und gemeinsame Zungengymnastik getrieben. Die Feuerwehrgesellen mussten, obwohl sich die Beiden mächtig wehrten, zu einen zweiten Schlag ausholen. Väterchen Frost war mit seiner kalten linken Hand am Innenleben von Grýlas Pullover festgefroren. Für die Feuerwehr war dies eine Lehre. Im nächsten Jahr wird ein batteriegetriebener Heißluftföhn zu ihrer Ausrüstung gehören. Vielleicht hat sich bis dahin diese Liebesbeziehung erledigt. Väterchen Frost hat bekanntlich einen etwas wechselhaften Charakter. Und Nico Laus meint, schon einen prüfenden Blick des Russen in Richtung dieser mittelafrikanischen Weihnachtsschönheit bemerkt zu haben.

„Hoch lebe die internationale Freundschaft!“, skandierten die umstehenden Kongressteilnehmer, als die Rettungsaktion erfolgreich abgeschlossen war. Dabei schwenken sie enthusiastisch russische und isländische Winkelemente.

Dies war nicht der einzige Zwischenfall, den das Protokoll der Veranstaltung verzeichnet. Kriege sind nicht ausgebrochen, neue Allianzen wurden geschmiedet, insbesondere um die Abhängigkeit von Lufthansa und Bahn, nur für den Fall einer Rentiergrippen-Epidemie, zu reduzieren. Wenn die streiken, fällt Weihnachten womöglich aus. Das geht ja überhaupt nicht. Ein weihnachtlicher Streik der Kindergärtnerinnen wäre verkraftbar. Man einigt sich sogar auf Solidaritätsbekundungen, nur für den Fall des Streikfalls. Die Kindergärtnerinnen lehren die Kleinen doch immer so hübsche Gedichte und Liedchen!

Am späten Vormittag des 14. Dezember sind alle wieder abgereist. Weihnachtsmann geht längst seiner Arbeit nach, er muss die verlorene Zeit aufholen. Wie er das schaffen soll, ist ihm absolut schleierhaft. Doch irgendwie hat das ja bisher immer geklappt. Notfalls knüpft er die letzten Knoten um die Geschenke, wenn er schon mit dem Rentierschlitten in der Luft ist. Hoffentlich verirrt sich keine Lufthansamaschine in seinen Luftraum. Die fliegen immer permanent und mit schlappen 800 Klamotten auf der linken Spur. Und er, der Weihnachtsmann hat es eilig. Seine Rentiere schaffen locker die Schallgeschwindigkeit, wenn es sein muss, sogar doppelte Lichtgeschwindigkeit. Wenn da ein Blitzer steht, löst der erst aus, wenn er schon auf der Rücktour ist. Mit dem Nummernschild „24-12“ kann Flensburg sowieso nichts anfangen. Selbst Nachfragen bei der Bundesregierung sind zwecklos. Nur einmal bekam Wolfgang Th. ein Knöllchen nebst Flugverbot, weil er in einer 750er Flugzone angeblich mit 1,24-facher Lichtgeschwindigkeit unterwegs gewesen wäre. Diese Verwechslung kann nur am Bart gelegen haben.

„Aber meiner sieht schöner aus, um Lichtjahre schöner!“, ist sich der Weihnachtsmann sicher.

Der Weihnachtsmarkt-Kleptomane

Der Weihnachtsmarkt-Kleptomane

Weitere weihnachtliche Geschichten des Autors Rainer Franke finden Sie im Buch „Der Weihnachtsmarkt-Kleptomane“. Informationen gibt es hier.

Der Artikel erscheint gleichzeitig im Weihnachtskalender der Autorengruppe ARS Autoren RheinMain Stammtisch.