Schlagwörter

, , ,

Hin und wieder fahre auch ich mit der Straßenbahn. Viel lieber nehme ich die U-Bahn, aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden, die Tram zu nehmen.

Ich hatte auf rasant steigende Kurse spekuliert. Wenn die Fahrpreise demnächst drei- bis vierstellig sind, wollte ich professionell Schwarzfahren, das eingesparte Geld auf die hohe Kante legen und Zinsen scheffeln. Lange sah es gut aus. Die Tendenz stimmte. Noch ein paar Wochen, dann hätte ich zugeschlagen, erbarmungslos.

Seit gestern ist alles anders. Das gesamte, mühsam aufgebaute Vertrauen ist futsch. Die Kurse – welche Kurse – sind im Keller, plötzlich und völlig unerwartet. Ein Erdbeben – Stärke 17 auf der nach oben offenen Richterskala – ist nichts dagegen. Mein großer Traum, endlich reich zu werden, ist geplatzt – Peng, aus, vorbei. Dabei bin ich wirklich mal an der Reihe, die Millionen abzufassen. Die Illusion ist zerronnen, wie Vanillepudding in der Sahara oder auf der Sonne oder in dem großen schwarzen Loch mitten in der Milchstraße.

Der Reihe nach:

Wie so oft setzte ich mich gestern in die Sechzehn, in meine Sechzehn, meine Straßenbahn, die mich zum Malkurs bringen sollte. Malen ist meine vierte Leidenschaft, die Vierte mit einigem Abstand zur Dritten. Die Dritte ist mit Pastellkreiden über den Zeichenkarton zu kratzen und diese samtige Staubigkeit zu genießen. Aquarell, na ja, das Aquarellmalen muss noch etwas kämpfen, um Anschluss und mein Gefallen zu finden.

Ich sitze also in meiner Sechzehn. Sie ist planmäßig gekommen, planmäßig nach rechts über die Friedensbrücke abgebogen. Das sind beides bekanntlich keine Selbstverständlichkeiten. Da hätte ich sofort stutzig werden müssen! Genauso planmäßig kam die Vollbremsung an der Kreuzung vor dem Hauptbahnhof. Erfahrene Mitfahrer halten sich in diesem Moment gut fest oder verkrallen sich im Bezug des Sitzes. Alle anderen klemmen als Sardine an der Tür zur Fahrerkabine und kuscheln miteinander.

Dann passierte es, gleich nach der folgenden Haltestelle.

„Guten Abend! Die Fahrausweise bitte!“ Schon bei diesem scheinbar freundlichen, befehlsmäßig artikulierten Wort „bitte!“ stürzten die Kurse in sich zusammen, wie lascher Eischnee in der Rührschüssel.

Artig zeigte ich mein Billett. War es ein zufriedenes oder enttäuschtes Strahlen, das in den Augen des Kontrolleurs funkelte. Enttäuschend vielleicht, weil er in mir ehrlicher Haut keinen Betrüger erwischt hatte? Ein Krachen war zu vernehmen. Nein, die Straßenbahn war nicht aus den Schienen gesprungen. Es waren die Kurse, welche unten auf der Straße entlang schrammten. Die Bahn fuhr gerade mit Volldampf in Richtung Platz der Republik.

Eine Welt brach in mir zusammen. Es war bisher nur ein Experiment, der letzte Test vor dem Start meiner großen Kampagne. Letzte Woche hatte ich die 60 €-Schallmauer durchbrochen. Ich wollte testen, ob ich oft genug unkontrolliert durchkomme und ob Schwarzfahren finanziell attraktiv ist. Wäre ich erst bei der 24. Fahrt kontrolliert worden, dann hätte ich 23 Mal den Fahrpreis sparen können. Der Gewinn von 3,25 € wäre Mein gewesen (23 x 2,75 € – 60 €). Eine Dividende von 3,25 €, das sind knapp 5,5 % in 13 Wochen. Wochenweise wäre sie gestiegen. Eine perfekte Geldanlage. Bei einer Bank muss man sich ja glücklich schätzen, keine Strafzinsen zahlen zu müssen. Diese Kontrolleure haben alles zunichtegemacht. Hatten die überhaupt einen Fahrschein? Die hätten doch jedem ehrlichen Fahrgast 60 € reichen müssen!

Mein Malkurs war einigermaßen erfolgreich. Dieses niederschmetternde Ereignis auf der Hinfahrt hat mich natürlich völlig deprimiert. Da habe ich wochenlang eine Strichliste geführt und nun? Es war alles umsonst. Vor Wut habe ich gemalt wie van Gogh und Picasso und der Bundesfinanzminister in einer Person. Das Ergebnis kann sich unter diesen Bedingungen sehen lassen. Hätte ich das im Vollbesitz meiner Kräfte gepinselt, es trüge den Titel „Schrott“ zu Recht. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich totaler Aquarellanfänger bin. Obwohl: Der Kurs geht schon seit 8 Wochen, da erwartet man doch, endlich als Nachwuchstalent entdeckt worden zu sein. Wo bleiben die Talentscouts vom MOMA? Um alles muss man sich heutzutage selbst kümmern!

Jetzt kam die Rückfahrt, ich wagte nicht, dran zu denken. Zuerst stand die Ampel auf Rot. Das machen Ampeln immer. Als die Autos durch waren, bin ich rüber geflitzt. Ich hatte den Verdacht, die Straßenbahn, meine Sechzehn, könne jeden Augenblick ankommen. Der Verdacht bestätigte sich umgehend. Doch ich bin ein cleveres Kerlchen. Das muss mal gesagt werden! Ich hatte mein Fahrgeld abgezählt bereits in der linken Hand, enterte den Automaten, hackte mit den Fingern der rechten Hand so geschickt auf der Anzeige herum, dass der richtige Fahrpreis angezeigt wurde, füllte den gierigen Schlund des Monsters mit meinen Münzen, angelte das verkackte 5 Cent-Stück aus dem Ausgabefach um es erneut zu verfüttern, wartete auf meinen Fahrschein, entnahm ihn dem Ausgabefach, drehte mich blitzschnell um und sah, wie meine Sechszehn abfuhr.

„Arschloch!“, rief ich ihr nach, meinte nicht die Sechszehn, sondern ihren Fahrer. Ich meinte es ehrlich. Ich bin ja bekanntlich eine ganz ehrliche Haut, ein bekloppter Fahrgast, der stets eine Fahrkarte erwirbt. Das ist ein Fehler, das war mir nun klar.

Zehn Minuten warten, ist meine Spezialität. Das kann ich, das habe ich von der Pike auf gelernt. Die Sechszehn ist der perfekte Lehrmeister.

Die nächste Sechszehn kommt auf die Minute pünktlich. Erleichtert und zuversichtlich steige ich ein, setze mich auf einen der vielen freien Plätze. Das ist höchstverdächtig: Pünktlichkeit und eine fastleere Straßenbahn. Doch ich merkte es nicht. Der Tag hatte mich total fertiggemacht.

„Guten Abend! Die Fahrausweise bitte!“

„Das kann doch nicht wahr sein! Ich bin heute schon einmal kontrolliert worden.“ Ich überlege, ob ich den Kontrolleur darauf hinweisen sollte. Vielleicht ist es ja derselbe, der mich vor gut zweieinhalb Stunden schon einmal belästigte. Ich verzichte großzügig darauf und zeige meine Fahrkarte. Diese verdammte Ehrlichkeit hat sich gelohnt! Wäre ich jetzt beim Schwarzfahren erwischt worden, hätte eine Einnahme von 2,75 € Kosten in Höhe von 60 € gegenübergestanden. Ein absolut indiskutables Verlustgeschäft. Jeden Vorstandsvorsitzenden hätten sie geschasst, umgehend und nur mit ganz kleiner Millionenabfindung. Andererseits: Hätte das Arschloch sechzehn Sekunden mit der Abfahrt gewartet, wäre es jetzt kein Arschloch und finanziell stände ich genauso da. Einzige Lösung, ich hätte sofort und ohne Fahrschein einsteigen sollen. Es gäbe kein Arschloch, ich hätte 2,75 € gespart und die Kontrolleure hätten einen Fahrgast weniger kontrollieren müssen. Das wäre ein famoses Geschäft für alle Beteiligten gewesen.

Die Kurse? Die Kurse sind weiter gefallen. Es hörte sich wie die Explosion eines Vulkans, vielleicht die des isländischen Bárðarbunga, an. Die Kurse durchschlugen gerade die Erdkruste und fielen direkt bis Australien durch. Hätte ich Aktien von dieser verrückten Sechzehn, ich wäre der Verlierer des Jahrtausends, wäre auf der Stelle pleite. So beschränkt sich mein Verlust auf zweimal 2,75 €. Dafür konnte ich mit der Straßenbahn fahren, hatte sogar Sitzplätze. Allein die Personalkosten der Straßenbahn betrugen bei diesen beiden Fahrten ein Vielfaches: der Fahrer und die vier Kontrolleure. Da sieht man mal wieder, dass die öffentlichen Verkehrsbetriebe überhaupt keine Ahnung vom Wirtschaften haben. Erstaunlich, dass die nicht längst bankrott sind. Da muss mal ein Unternehmensberater ran. Es gibt Einsparpotenzial! Allerdings, wenn der auch den Fahrer schasst, selbst wenn es ein Arschloch ist, …

Nein, Freunde werden wir nicht, die Straßenbahn und ich.