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Kürzlich, an einem Samstag, besuchte ich den Flohmarkt am Frankfurter Museumsufer. Flöhe brachte ich nicht mit nach Hause.

Stellenweise roch es nach Dachboden eines hundertfünfzigjährigen Hauses in der Provinz, der allertiefsten Provinz, wo die Neuzeit noch nicht hingefunden hat. Mehrmals kreuzte meine Nase den Gestank einer rauchenden Pfeife. Ich bin bekennender Nichtraucher. Knoblauch scheint unter Flohmarktbesuchern auch beliebt zu sein. Ich war eine Ausnahme dieser Regel.

Das am häufigsten verwendete Wort war:

„Kostet?“

Platz zwei belegt

„Funktioniert!“

Eine Steigerung davon ist:

„Letzte Woche gekauft. Hat gesagt, ‚funktioniert‘“.

„Elf Euro, letztes!“, bedeutet, dass sein erstes Angebot sein letztes ist. „Elf“ deutet auf Verhandlungsspielraum hin. Wer mag schon das Kramen nach Wechselgeld. Ein Zehneuroschein ist doch recht praktisch. Schließlich ging das Teil für neun Euro über den Tisch. Es war nur ein virtueller Tisch, denn der ganze Ramsch lag auf einer Decke, die offensichtlich letztmalig im Jahr 99 v. Chr. gewaschen worden war.

Ein Besucher des Flohmarkts interessierte sich für silbermetallene Buchstützen. Sie als Kitsch zu bezeichnen, wäre noch ein großes Lob. Die Flugzeuge, welche diese Stützen zierten, waren vermutlich aus den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts. Sie schienen es ihm angetan zu haben. Nun, über Geschmack sollte man nicht streiten, besonders wenn man unter starker Kitsch-Allergie leidet.

„Dreizehn Euro pro Stück“, rief der Verkäufer, ein geniales Geschäft witternd. Damit es sich dieser Kerl, den er an der Angel hatte, nicht anders überlegt, ergänzt er noch, „Hab es letze Woche in Mannheim bei einem Möbelladen gesehen. 139 Euro wollten die dafür!“ Wenn das wirklich so wäre, macht der Verkäufer irgendetwas falsch.

Es kam noch besser. An einem Stand wurden Taschenmesser angeboten. Der Verkäufer sagte zu einem interessierten Kunden:

„Hat mich drei Euro gekostet. Sie bekommen es für zwei, da mache ich kaum noch Gewinn!“

Es begann, zu regnen. Erst nur ganz leicht. Es war mehr ein Tröpfeln. „Mückenpisse“ nenne ich das immer. Langsam entwickelten sich die Mücken zu, na sagen wir mal, zu inkontinenten Wasserflöhen. Es lohnte nicht, einen Regenschirm aufzuspannen. Ich hatte sowieso keinen eingesteckt. Manche Händler deckten die Auslagen mit Planen ab. Andere hatten sowieso schon ein Stoffdach über dem Stand. Wieder andere ignorierten dieses Pinkeln. Vielleicht spekulierten sie darauf, dass der Regen den Dreck von den Waren abwaschen würde. Das Regenwasser, es wurde langsam stärker, regelrecht unangenehm, konnte meines Erachtens nach den angebotenen Motherboards, Computermonitoren und Notebooks nichts mehr anhaben. „Funktioniert“ bezog sich sicher nur auf den genialen Deal des Händlers, wenn er einen Kunden findet. Ja, Interessenten gab es tatsächlich. Einer ließ sich ein nasses Notebook zeigen. Der Schriftzug dieser japanischen Firma, versprach hochpreisige Qualität zu einem Flohmarktpreis. Als er es aufklappte, hatte er zwei Teile in der Hand. Besser gesagt, in jeder Hand ein Teil, nur ein dürres Kabel verband Bildschirm und Hauptteil. „Der Bildschirm geht bestimmt noch.“

Ein Händler bot irgendwelche alten Ölschinken an. Die lagen direkt auf dem ungepflasterten Weg, nur von einer alten Prawda gegen Fußkälte geschützt. Die fragenden Kundenblicke konterte er mit der Bemerkung:

„Farben wasserfest!“

Die Stände mit Kleidungsstücken und Schuhen waren dicht umlagert. Ein Wintermantel für 3 Euro, hochmodern vor nur siebenundsiebzig Jahren, bestimmt demnächst wieder topmodern, schließlich kommt jede noch so verrückte Mode irgendwann wieder, ist ein echtes Schnäppchen. Da stört auch nicht, wenn er bereits mehrere Vorbesitzer hatte. Mehrere Knöpfe fehlten – Ersatz gab es zwei Stände weiter links – und seit mehreren Jahren wartet er auf eine Reinigung. Die ist zwei Ecken weiter. An einem Stand mit Pullovern und Jacken drängte sich eine Gruppe von Flüchtlingen. Wenn man in südlichen Ländern zu Hause ist, kann in unseren Breiten eine zusätzliche wärmende Schicht nicht schaden. Und preiswert ist es hier auch noch.

Ich habe mir auch etwas geleistet. Mein Lieblingshaarshampoo gab es zum halben Preis, wie er üblich ist. Ja, noch brauche ich Haarwaschmittel – ein Stapel Staubtücher liegt auch schon bereit, noch weit hinten im Schrank – unübersehbar.

Dann sah ich einen vergoldeten Kaffeelöffel. So einen suche ich schon lange. Drei Euro wollte der Kerl von mir, drei Euro und der Löffel ist nur vergoldet: zu teuer. Fast drei Stunden habe ich mit ihm verhandelt. Zwischendurch sah ich mir die anderen Stände an. Aber dann, dann wollte er nur noch zweifünfzig. In diesem Moment hat er den Löffel abgegeben.

Zu Hause habe ich den Löffel gereinigt. Die Goldschicht erwies sich dicker als erwartet. Sie bestand aus den üblichen Ablagerungen, wie sie sich durch Zeit und Gebrauch auf Silber festsetzen. Gegen mich hatten sie keine Chance. Trotzdem: Ein solcher Silberlöffel für Zweifünfzig ist immer noch ein guter Deal. Hoffentlich muss der Händler nicht Bankrott anmelden. Das täte mir irgendwie leid, obwohl der mich um die Goldschicht betrogen hat. Allerdings hatte er dieses Edelmetal mit keiner Silbe erwähnt. Nur „Drei“, „Drei“, „Nein, drei!“, „Zweifünfzig, letzte! Weil du es bist!“ und „Danke“ hatte er gesagt, genauso brummig, wie ich.

Auf dem Flohmarkt gab es Fressbuden. Original Thüringer Würste, Waffeln und Crêpes, … Die Thüringer sahen nicht aus, als kämen sie aus Thüringen. Ich denke, sie erblickten in der örtlichen Wurstfabrik einer kleinen Gemeinde südlich von Bukarest, direkt neben der Pferdefarm, das Licht der Welt. Ich kann mich auch irren. Der Geruch kam mir etwas sonderbar, vielleicht mit historischer Nuance, vor.

Der Flohmarktbesuch war ein Erlebnis. Selbst der langsam einsetzende Regen konnte dem Spaß keinen Abbruch tun.

 

Essen – Trinken – Genießen - 03

Essen – Trinken – Genießen – 03

N.B.: Den nicht vergoldeten Silberlöffel benötige ich für Fotos wie das Nebenstehende.