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Kürzlich durfte ich mir ein Päckchen abholen. Der Paketshop ist nur drei Ecken weiter.

„Geht fix!“, dachte ich und trabte gleich nach Feierabend los.

„Oh großer Gott der Paketzusteller!“ Die Schlange wand sich um den großen Warenträger in der Mitte der Postfiliale, die normalerweise ein ganz gewöhnlicher Kiosk ist. Der Typ, dem ich die Tür ins Kreuz gedrückt hatte, wies mich freundlich auf das Ende des Schlangenreptils hin. Dort hinten, es war genau genommen ganz nah am Bedientisch, knäulte sich das Schwanzende etwas und ich fragte eine junge Frau:

„Sind sie die Letzte?“, erkundigte ich mich. Sie sah nicht aus, wie die letzte, die letzte Bratkartoffel in der Pfanne, eher wie eine Joggerin. Das ist höchstverdächtig. Ich bin eher der gemütliche Typ. Ja, sie war die Letzte in der Reihe.

Ich kenne den Laden. Der Besitzer bedient persönlich. In der Kneipe an der Ecke heißt es „Hier kocht der Chef noch selbst!“ In diesem Etablissement serviert der Chef die Päckchen. Er ist im Hauptberuf Wissenschaftler und erforscht den Zusammenhang zwischen Zeitlupe und Draufdreschen auf die Tastatur seines Computers. Jeden Moment muss man damit rechnen, dass dieses gute Teil in tausend Splitter zerbricht und ihm um die Ohren fliegt. Hoffentlich gibt es unter den wartenden Kunden keine Kollateralschäden. In den vielen Kriegen dieser Welt leiden ja auch immer die Unbeteiligten unter den Gelüsten der Mächtigen. Und er hat hier die Macht. Ganz langsam ging es vorwärts. Hilfsbereit hielt man den glücklich Lächelnden, welche die Warterei über- und ihr Paket erstanden hatten, die Tür auf. Kommende mussten sich darum selbst kümmern. Das kannte ich bereits.

Gelangweilt zückte ich mein Notizbuch und notierte mir ein paar Gedanken. Ein Autor hat immer ein Notizbuch einstecken. Dieser eine, dieser geniale Einfall kommt garantiert völlig unerwartet, unangemeldet und urplötzlich. Darauf muss man vorbereitet sein.

Nach mir wartete eine junge Mutti mit der etwa zweijährigen Tochter. Sie sprachen ausländisch miteinander, akzentfrei. Ich war ihr spontan wegen dieses Kindes dankbar. Es vertrieb mir die Zeit, indem es nacheinander alle Auslagen dieses Warenträgers in die Hand nahm, interessiert betrachtete, dreimal umdrehte und ganz pragmatisch, wohl weil es ihm ungenießbar erschien, fallen ließ. Für die Mutter ersetzte die Warterei in der Postfiliale den Besuch eines Fitnesscenters. Kniebeuge am laufenden Band sind bestimmt gesundheitsfördernd.

Neben der Bedienungsfachkraft stand ein Mann. Formatmäßig glich er dem Bediener, Größe XXXL. Er trug ein blaues Shirt mit der gelben Aufschrift „REWE“. Es ist hier ein privater Kiosk mit Postfiliale. Was sucht der mit diesem Shirt hier? Dieser Mann hat sich während der ganzen Zeit, es waren nun bestimmt schon zehn Minuten, kein einziges Mal bewegt. Nicht einmal geatmet hat er. Ich wurde langsam stutzig. Meine Vermutung war, dass es sich um eine Wachsfigur für das Gruselkabinett dieser bekannten Madam handelt. Wegen Unförmigkeit hat sie in kein Paket gepasst und muss nun unverpackt transportiert werden. Hoffentlich gibt es keine Beulen im Wachs! Ist das vielleicht der Wachsabdruck vom „Mitarbeiter des Jahres“ dieser Handelskette? Die denken sich ja immer neue Motivationsmöglichkeiten für ihre Beschäftigten aus.

Inzwischen hatte ich den Türbereich passiert und sah bereits den Kopf der Warteschlange. Lange kann es ja nun nicht mehr dauern, bis ich dran bin. Irrtum! Einer der Kunden wollte unbedingt noch Lotto spielen. Und dann kam der Kerl vom Paketdienst und holte mehrere Kisten ab. Da war für den Bediener Multitasking angesagt. Leider hat ihn das überfordert. Dummerweise erkannte er es schnell und rechnete noch einmal nach. Deshalb musste der Lottospieler seinen Einsatz doch noch begleichen. Immerhin 7,25 € waren es, die er fast gespart hätte. Das wäre glatt als Dreier durchgegangen. Ein Dreier vor der Auslosung – wo gibt es das sonst noch?

Das Kindlein entdeckte zwischenzeitlich das Bonbonregal auf der gegenüberliegenden Seite. Es wurde spannend, es gab Geschrei. Endlich kommt mal etwas Action in die Bude! Der Bediener bat die junge Mutti, etwas besser auf das Kind zu achten. Da hatte er sich mächtig verkalkuliert. Es gab kollektive Sympathiebekundungen für Kind und Mutti. Ich habe dabei wohlwollend gelächelt.

„Bewegen sie sich schneller, dann langweilt sich das Kind nicht so!“, war einer der harmlosen Hinweise, welche er bekam. Er war so klug, jetzt wenigstens die Klappe zu halten und weiter auf seine Tastatur zu kloppen. Es hörte sich an, als schriebe er einen Roman, einen Krimi mit vielen Feuergefechten zwischen rivalisierenden Poststellenbeamten. Zwischendurch schwang er seinen zum Feuerschwert mutierten Barcodescanner und piepste die Striche ein.

Endlich kam ich an die Reihe. Aus dem Augenwinkel sah ich eine klitzekleine Bewegung der Wachsmumie. War das echt oder nur Einbildung? Bei genauer Betrachtung sah ich, sie lebt, sie hat geatmet, wenigstens einmal. Das sind bestimmt diese neuen, hypermodernen, vollelektronischen Wachsfiguren mit direktem Draht zur Madam.

Ich hielt dem Postfilialfacharbeiter meine Post-ID-Karte hin. Das ist so ein Teil, mit dem man sich bei der Post ausweisen kann. Und man bekommt per SMS und E-Mail minutengenau mitgeteilt, wann die jeweilige Sendung ausgeliefert wurde. Er las meinen Namen, nahm die Karte sogar in die Hand, schaute interessiert drauf. Dann ging er an ein Regal und suchte. Er ging an das gegenüberliegende Regal und suchte weiter. Er dachte nach. Schließlich kam er um die Wachsfigur herum an den Bedientisch und sagte:

„Ist noch nicht da.“

„Ist seit 12:41 Uhr da!“, entgegnete ich.

„Woher wollen sie das wissen? Wenn ich sage, dass es noch nicht …“ Weiter kam er nicht.

„Ich weiß es. Steht im Server vom Paketdienst.“ Er war geplättet. Er rang nach Luft. Er wollte ganz tief Luft holen, aber die Wachsfigur wich keinen Millimeter zur Seite. Sie blinzelte mir zu. Ich habe es genau gesehen.

„Das muss ein Irrtum sein!“

„Wenn die Pakete hier abgegeben werden, wird die Lieferung dokumentiert. Was meinen Sie, warum immer so viele Barcodes da drauf kleben!“

„Sie sind ja superschlau!“

„Ich kenne mich aus. Arbeite für das Post-Qualitätsmanagement. Wir führen gerade Stichprobekontrollen bei den Poststationen durch. Lassen sie sich Zeit, sie haben schon genügend Minuspunkte gesammelt, da kommt es auf den letzten auch nicht drauf an.“ Ich deutete auf mein Notizheft und er begab sich fix auf erneute Suche. Lange 3,27 Sekunden musste ich warten. Dann legte er mein Paket auf den Tresen, scannte den Code ein, hackte auf seiner Tastatur herum, guckte blöd, hackte weiter. Die Farbe seines Gesichts glich dem Leuchten eines Laserschwerts aus diesem bekannten Treckerfilm. Schließlich hielt er mir einen Zettel hin, auf dem ich mit „Post-QM“ unterschrieb, natürlich total unleserlich. Es ist bei den Paketdiensten und Poststellen völlig wurscht, wie man unterschreibt. Hauptsache man krakelt irgendetwas hin. Er sah echt geschafft aus. Beinahe wäre er aus den Latschen gekippt, hätte vielleicht noch den Wachsheini zu Boden gerissen.

Sendungsinfos

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Ich war glücklich! Ich hielt mein Paket in der Hand, konnte endlich heimgehen. Freundlich hielt man mir die Tür auf. Zu Hause legte ich den Inhalt der Pappschachtel auf den Stapel der Weihnachtsgeschenke für meine Lieben. Abends habe ich die Päckchen noch hübsch verpackt.

Frohe Weihnachten!

 

N.B.: Es war natürlich keine Wachfigur, die dort stand. Es handelte sich pure Weihnachtsdeko, den stellvertretenden Filialleiter, eine unterbezahlte Aushilfskraft. Und als Post-QM-Fritze musste ich mich auch nicht ausgeben. Ich habe mir dies während der ellenlangen Warterei nur als Möglichkeit überlegt. Falls mein Päckchen nicht gefunden wird, wollte ich zuschlagen, gnadenlos. Ich besitze schließlich jahrelange und einschlägige Erfahrungen mit diesem Laden.