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Hin und wieder fahre auch ich mit der Straßenbahn. Viel lieber nehme ich die U-Bahn, aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden, die Tram zu nehmen.

Neulich fuhr ich mal mit der Bahn, nicht mit der Straßenbahn, zumindest nicht am Anfang meiner Tour, sondern mit der Eisenbahn.

Zum Bahnhof bin ich gelaufen. Das schaffe ich noch. Der Fahrkartenautomat lässt sich widerstandslos bändigen. Es dauert noch es ein Weilchen, bis der Zug kommt. Das ist kein Zug der DB, sondern der einer anderen Firma, so eine regionale Bimmelschnellbahn.

Ich wartet also ganz friedlich. Die Abfahrtszeit ist noch nicht erreicht, sodass es keinen Grund zur Aufregung gibt. Ich bin gerne immer etwas früher da. Zuspätkommen hasse ich. Genau dann, wenn ich in hundert Jahren einmal zu spät erscheine, fährt der Zug, entgegen der planmäßigen Verspätung, pünktlich.

Der Bahnsteig ist zugig, schließlich warte ich auf einen Zug. Das passt also. Ich stelle mich so, dass ich voraussichtlich in die hintere Zughälfte einsteigen kann. Nun warte ich geduldig, schaue in Minutenabstand auf die Bahnhofsuhr. Die geht heute besonders langsam. Bestimmt ist es ihr zu zugig. Weshalb bin ich so ungeduldig?

Neben mir ist der Bereich für die Raucher. Er ist mit einer weißen Linie und einem Rauchersymbol markiert. Das ist wie der Pissbereich im Schwimmbad. Der ist allerdings nicht markiert. Ich halte den Sicherheitsabstand ein. Fünf Meter müssten reichen, es ist zugig.

Sich auffällig unauffällig umschauend schleicht sich ein Mädel, schätzungsweise Azubine, in diesen Bereich. Sie zieht einen großen Rollkoffer hinter sich her. Ein Rad ist wohl verklemmt. Vielleicht hat sie einen abgerissenen Schnürsenkel oder eine Drachenschnur aufgedröselt? Bei diesen Wind hält es keinen Drachen, selbst die modernsten und schnittigsten Lenkdrachen am Himmel. Der Wind zerrt so, dass jede Schnur reißt. Selbst Schnürsenkel haben Probleme, ich kenne das. Im Raucherbereich zündet sich eine Zigarette an und versteckt diese erst in ihrer Hand, dann hinterm Rücken. Sie fühlt sich unwohl, so als wäre sie im verbotenen Bereich des Schwimmbads. Man sieht die Folgen ihres verwerflichen Handelns als wabernde Wolke aufsteigen, nach Nordost ziehen. Alle schauen zu ihr hin, alle wissen, was sie tut. Alle verabscheuen Luft- und Wasserverschmutzungen. Sie fühlt sich beobachtet, ertappt. Kurz darauf verlässt sie diesen Bereich und postiert sich im Abschnitt D an der gegenüberliegenden Bahnsteigseite. Sie scheint es auf den avisierten Zug in den Norden, abgesehen zu haben. Der müsste auch gleich eintreffen, fährt planmäßig eine Minute vor meinem ab. So ungerecht ist die Welt. Sie steht nun in sicherem Abstand zur Raucherzone. Vorher tritt sie die Kippe auserhalb des Raucherbereichs auf den Betonplatten aus. Es ist, als pupse sie noch einmal hinter der Grenze vom Pissbereich.

Mein Zug kommt genau in dem Moment, als auf dem Nachbargleis die Ansage der vierzigminütigen Verspätung des ICE nach Hamburg durchgesagt wird. „Aus technischen Gründen …“, erklärt die Stimme vom Ansageautomaten. Da wird das Mädel bestimmt noch mehrmals die verbotene Zone aufsuchen müssen. Bei diesem Mistwetter neigen Manche zu Blasenschwäche. Wie viele Kilogramm Kohlendioxid wird sie in die Luft blasen? Im Moment wäre sie wenigstens nicht alleine. Zwei Herren mittleren Alters, je zwei Zentner Lebendgewicht, solche Möchtegernmanager, in offenem Trenchcoat, mit Gel in den Haaren, mit Anzug und schiefsitzender Krawatte stehen dort. In der einen Hand halten sie ihre Zigarette, in der anderen ein Handy. Sicher checken sie ihre Mails. Dabei scheinen sie sich auch noch gut zu unterhalten. Jetzt macht einer gar ein Selfi. Der Beweis seines Tuns im verbotenen Bereich mit Foto und Koordinaten – Igittigitt! Der Fall ist klar. Wir sind auf das Urteil gespannt.

Nachdem ich mir im Zug einen Platz gesucht habe, sehe ich die Raucherin draußen direkt vor meinem Zugfenster stehen. Sie wirkt nervös, rückt dauernd ihre Handtasche zurecht. Der Riemen rutscht penetrant von der Schulter. Die scheint aber auch eine Menge Kram mit sich herumzuschleppen! Ihr Rucksack scheint halb leer. Dafür enthält der Rollkoffer wohl Wackersteine. Jetzt schlendert sie in Richtung dieses Raucherbereichs. Und: Sie lässt ihren Rollkoffer einfach so stehen. Hoffentlich … Upps! Sie bleibt an einer Bank stehen und klaubt eine Banane aus ihrem Rucksack. Das ist alles höchstverdächtig. Jetzt geht sie weiter, tritt direkt auf die Trennlinie des bösen Areals. Darf man hier überhaupt eine Südfrucht essen? Wirft sie die Schale in den großen Aschenbecher? Diese weltbewegenden Fragen können nicht beantwortet werden, denn mein Zug tut, was man von Zügen erwartet. Die Hamburgzugdurchsage kann ich nicht mehr verstehen. Während der Fahrt checke ich laufend meine Tagesschau-App. Eine Bombe ist wohl nicht hochgegangen.

Wer spricht überhaupt diese vielen unterschiedlichen Ansagen aufs Band? Vor jeder Haltestelle wurde sogar gesagt, auf welcher Seite auszusteigen wäre. Früher mussten die Reisenden das selbst herausfinden. Landete der Erste auf dem Nachbargleis, war es die falsche Seite. Sogar einen Werbeblock gab es bei den Ansagen, fast wie bei RTL2, nur ohne Nackte. Die Weinkirmes eines Ortes wurde angepriesen mit der Empfehlung den Busshuttle zu nutzen.

Abends nach der Rückfahrt mit der Bahn entscheide ich mich, für die letzten Kilometer bis nach Hause die Straßenbahn zu nehmen, meine Sechszehn. Es ist spät und auf der Friedensbrücke wird es sehr zugig sein. Genau wie ich denken Hunderttausende. Kein Wunder, drei ICE kamen fast zeitgleich mit meiner Bimmelbahn an. Die S- und U-Bahnen, die Regionalexpresse und Bummelzüge, alle kamen sie gleichzeitig.

Die Schlange am Automaten ist erstaunlich kurz. Ich bin Kopf, Bauch und Schwanz zugleich. Wahrscheinlich bin ich der Einzige auf der Welt, der keine Monatskarte hat.

Es ist tatsächlich sehr zugig auf der Friedensbrücke. Einen Kleinwagen hat es vielleicht zehn Minuten zuvor gegen eine Straßenbahn gedrückt. Wie das passieren kann, ist mir schleierhaft. Die Straßenbahn hat extra Spuren. Nun gibt es Stau für Autos und Straßenbahnen. Kann so eine Straßenbahn solch einen Kleinwagen nicht einfach wegschubsen? Es war, wie ich später feststellte, so eine Art Mini, ein Wagen für Ölsardinen, magersüchtige Models, ein Ü-Ei-Auto, ein gelbes obendrein. Das kann man doch nicht ernst nehmen! Trotzdem ist die Polizei gekommen, erstaunlich schnell.

Nach zwanzig Minuten öffnet meine Straßenbahn die Türen, während der Fahrer eine längere Fahrtunterbrechung ankündigt. Draußen ist es wie in der Disco. Gelbe und blaue Blinkerlichter kämpften um die Weltherrschaft. Ich wusste bisher nicht, dass es so viele Polizeiautos und Krankenwagen in dieser Stadt gibt. Zwei Abschleppwagen für den Mini sind auch schon zur Stelle. Vielleicht lädt einer die gelbe Beule der Straßenbahn auf. Zu Fuß wäre ich jetzt wahrscheinlich längst zu Hause angekommen. Wenigstens kann ich von der zugigen Friedensbrücke den spätabendlichen Blick auf die Hochhäuser der Stadt genießen. Wutentbrannt weigere ich mich in Richtung der gestauten Straßenbahnen zu schauen. Ich lasse mich doch nicht ärgern, von so einer doofen Straßenbahn schon gar nicht und von einer Sechzehn sowieso nicht. Allerdings weiß ich jetzt nicht, ob es eine Sechzehn war, die mit dem gelben Auto kollidierte. Einer Sechzehn hätte ich das jedenfalls zugetraut.

Nein, Freunde werden wir nicht, die Straßenbahn und ich.