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An dem kleinen Himmel meiner Liebe

Wilde Gera in Erfurt

Wilde Gera in Erfurt

Kürzlich besuchte ich einen Buchladen, einen richtigen Buchladen, keinen an einen großen Fluss. Der nächstgelegene Wasserlauf ist schmal und recht zahm, trägt den Namen „wilde Gera“. Er wird von der bekannten Erfurter Krämerbrücke gequert. Früher war er unwetterbedingt tatsächlich zeitweise ziemlich unbändig. Ein umleitender Flutgraben zähmte ihn am Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Idee sollte in Südamerika Schule machen.

Das Erste, was ich in der Buchhandlung sah, waren mehrere esoterische Tische. Die dufteten eigenartig nach E512, E789 und einer Mischung aus Seife, Kerzenwachs und Erdbeermarmelade. Haben diese Tische eine Direktverbindung zur nächstgelegenen Raffinerie? Gesund riecht anders, etwa so wie auf dem Domplatz, werktags von sechs bis zwölf, wenn die Bauern der Umgebung ihren Markt abhalten. Der kleine Ingenieur in mir drängte zur Umkehr – ich blieb standhaft und lief weiter. Ich bin da tolerant, vor allem dann, wenn ich ein ganz spezielles Ziel habe.

Der nächste Tisch hing mächtig durch. Lag das an den Abermillionen Kilokalorien, die in den Unmengen verschiedener Kochbücher abgebildet wurden? Dreisternekoch Maik Knesebrüll hat daran den geringsten Anteil. Seine Portionen sind so klein, dass sie einer Doppeltdiät gleichkommen: eine für den Bauch, die zweite fürs Portemonnaie. Interessant, wer hier ein wenig schmökert. Marie-Luise sah eher so aus, als wäre sie Stammgast in der Dönerbude an der nächsten Ecke und David hätte ich in der Burgermanufaktur vermutet. So kann man sich irren. Ich sollte meine Menschenkenntnis trainieren und diese ollen Vorurteile über Bord werfen. In diesem Moment allerdings spürte ich einen Drag zum Weglaufen. Am liebsten hätte ich den benachbarten Backshop geentert und leergekauft. Die Geschmäcker sind eben verschieden.

Tisch Numero drei gehörte zur Abteilung „Gesunde Ernährung“. Die große Überschrift lautete „Vegane Kochbücher“. Sind Kochbücher pflanzlich? Ich kenne mich da nicht so aus. Aber wenn in dem Baum, aus welchem das Papier hergestellt wurde, ein Holzwurm kroch, einer der nur Holz gefuttert hatte? Der ist nun Matsch. Kühe fressen ja auch nur Gras und landen nicht auf den Tellern von Veganern. Ihre Knochen, die der Rindviecher, werden lediglich zu Hornspänen fürs Gartenbeet und Seife zur Gesichtspflege verarbeitet. Und die Borsten vom Fliegenwedel – ich möchte andere Verwendungen dieses Körperauswuchses nicht erwähnen – werden zu zarten Bürstchen für die Wimpern der holden Weiblichkeit gebunden. Aus der Schwarte wird ein süßes Handtäschlein passend zum sommerlichen Seidenkleid der Angebeteten gefertigt.

Schweife ich vom Thema ab? Nein, dieses süße, dieses allerliebste Hemdchen erinnert mich an mein Ziel, die Abteilung für Liebesgeschichten. Wenn ein Seidenkleidchen so luftig im Sommerwind flattert, denkt man unwillkürlich an die Liebe und fühlt sich zu den Amouren hingezogen. Doch dazu musste ich zwei Etagen hochsteigen.

Ich mag Liebesgeschichten, jedoch nur die schönen. Wenn sie nicht schön genug daherkommen, schreibe ich meine eigenen. Ich erinnere mich nicht mehr, welche Liebesabenteuer ich an jenem Tag anschaute.

* * *

Vor Jahrzehnten kam mir in einer thüringischen Buchhandlung zufällig ein Band mit Illustrationen von Max Schimmer (1895 – 1960) in die Hände. Es war Liebe auf den ersten Blick. Die Arbeiten von Max Schwimmer begeistern mich heute immer noch. Mit ganz wenigen Strichen, mit samtenen Tuschezügen gelang es ihm, wundervolle, liebliche Figuren zu malen. Seine Skizzen, Grafiken, Bilder sind Erotik pur. Allerdings setzte er die Federzüge oft so sparsam, dass die Sinnlichkeit erst im Kopf, beim Anschauen der Illustrationen und Lesen der Geschichten oder Gedichte entsteht. Genau das macht sie so interessant.

Bücherstapel

Bücherstapel

Inzwischen besitze ich eine kleine Sammlung von knapp 20 Büchern mit Illustrationen von Max Schwimmer. Hervorheben möchte ich diese drei:

  • „An dem kleinen Himmel meiner Liebe“
    Heiter-amouröse Dichtung.
    Mit farbigen Zeichnungen von Max Schwimmer;
    Verlag der Nationen, Berlin, 1979
  • „Ich denke dein“, Deutsche Liebesgedichte
    Verlag der Nationen, Berlin, 1987
  • Giovanni Sercambi: „Der Stapellauf“
    Mit Zeichnungen von Max Schwimmer;
    Eulenspiegel Verlag Berlin; 1980
paarweise

paarweise

Alleine das Durchblättern macht Spaß. Da ich selbst ein klein wenig male, werde ich etwas neidisch. Solch schöne Bilder möchte ich auch aufs Papier bringen können. Schon die Ideen dazu sind genial.

„Der Stapellauf“ ist geschrieben in der Art des italienischen „Dekameron“ von Giovanni Boccaccio, aber doch ganz anders, in einem eigenen, wundervollen Stil.

Lucca - Theaterplatz mit Garibaldi Denkmal

Lucca – Theaterplatz mit Garibaldi Denkmal

Giovanni Sercambi (1347 – 1424) stammt aus dem herrlichen toskanischen Städtchen Lucca. Gerne erinnere ich mich an die Stadtführerin. Sie ist klein, drahtig, italienisch-temperamentvoll und besessen von der Liebe zu ihrer Stadt. Und sie hatte recht! Dieses Städtchen ist einzigartig, wunderschön, hat ein Gesicht, trägt seine jahrhundertealte Patina mit Würde und Stolz. Und die Florentiner – für die hatte sie nur Häme übrig. Die sind ja so eingebildet, meinen gar, Florenz wäre die schönste Stadt. Wie kann man denn auf solch eine absurde Idee kommen? Die Geschmäcker sind verschieden, doch das erwähnte ich bereits.

Sercambi ist ein Vertreter der Dichtung der italienischen Frührenaissance. In seinen Werken beschreibt er eine selbstbestimmte, bewusste Gesellschaft. Er zeigt Freude am Leben, Genuss, Lust, Frivolität, Leidenschaft, Stärke und Schwäche, Dummheit und Prüderie, Heiterkeit und Lebensfreude …Die Geschichte spielt in Genua. Schwimmer begleitet mit seinen Zeichnungen mit leichten, transparenten Linien und zarten Farben die Szenen zeichnerisch. Die erste Ausgabe erschien gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Als Illustrator wird Jean Jacob genannt. Schwimmer hat als Nazigegner diesen Band illegal herausgebracht. Nach dem Tod fand man die originalen Druckstöcke, womit seine Urheberschaft, an der es eigentlich nie Zweifel gab, definitiv feststand. Wer anderes hätte solch wundervolle Illustrationen schaffen können?

Der Stapellauf mit Illustration von Max Schwimmer

Der Stapellauf mit Illustration von Max Schwimmer

Der reiche Messer Adorno Spinola ist betrübt. Sein Sohn Andriolo ist ein Taugenichts, Pflastertreter und Müßiggänger. Doch eines Tages besinnt der sich eines Besseren. Er möchte zur See fahren und bittet den Vater um 10.000 Gulden für den Bau eines Schiffs. Schiffe waren bereits damals ziemlich teuer. Messer Adorno Spinola ist erleichtert, wähnt den Spross auf dem rechten Weg und händigt ihm das Geld in Raten und der Annahme, er würde ein wundervolles Schiff zimmern lassen, aus. Doch Andriolo nimmt das Kapital und „investiert“ es in seine Liebe zu Madonna Chiara. Zuerst gibt er dieser 1.000 Gulden, damit er den Fuß küssen darf. Die wäscht diesen sogar oder ausnahmsweise mal. Genaugenommen lässt sie ihn von ihrer Magd feucht abtupfen. Dann bekommt sie 2.000 Gulden für den Kuss auf ihren Schenkel und hiernach 3.000 Gulden, sie auf den Mund zu küssen. Nach jedem Kuss, Madonna Chiara hatte ja extra Fuß und Schenkel gewaschen, schließlich den Mund gar lieblich geschminkt, ist er immer völlig sittsam heimgegangen. Das Geld war futsch und die Madonna drehte am Rad, wie man heute sagen würde. Andriolo ließ sich die restlichen 4.000 Gulden auszahlen und begehrte, von der Dame eine Nacht lang beherbergt zu werden. Aha, das dachten wir uns doch längst! Alles klar? Abwarten!

Schließlich wollte der Vater den Baufortschritt des Schiffs sehen und schlich dem Sohnemann hinterher. Väter können manchmal echt gemein sein! Der Sohn ging schnurstracks zum Haus seiner Angebeteten, um dort eine Nacht zu verbringen. Madonna Chiara, begehrte ihn inzwischen so sehr, dass sie zu allem bereit schien. Sie hoffte inständig, dass es nächtens zu einem Scharmützel kommen werde. Aber Andriolo war schlau …

Mehr verrate ich nicht. Höchstens noch den entscheidenden Satz des Vaters:

„Lass das Schiff von Stapel, Sohn! Jetzt ist’s Zeit!“

Es ist mir immer eine unendliche Freude, diese Geschichte Freunden und Bekannten vorzulesen. Wenn sie hinterher das Buch durchblättern, sind sie fasziniert, von den Bildern, die beim Vorlesen in ihrem Kopf entstanden und die nun durch die lieblichen Illustrationen neue Höhenflüge erfahren. Und quasi als Zugabe und Garnierung lese ich dann noch ein paar Liebesgedichte, wie beispielsweise dieses von Erich Mühsam (1878 – 1934):

An dem kleinen Himmel meiner Liebe

An dem kleinen Himmel meiner Liebe
Will – mich dünkt – ein neuer Stern erscheinen.
Werden nun die andern Sterne weinen
An dem kleinen Himmel meiner Liebe?

Freut euch, meine Sterne, leuchtet heller!
Strahlend steht am Himmel, unverrücklich,
Eures jeden Glanz und macht mich glücklich.
Freut euch, meine Sterne, leuchtet heller!

Kommt ein neuer Stern in eure Mitte,
Sollt ihr ihn das rechte Leuchten lehren.
Junge Glut wird euer Licht vermehren,
Kommt ein neuer Stern in eure Mitte.

An dem kleinen Himmel meiner Liebe
Ist ein Funkeln, Glitzern, Leuchten, Sprühen.
Denn ein neuer Stern beginnt zu glühen
An dem kleinen Himmel meiner Liebe.