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In jedem Laden gibt es jemanden, der besonders wichtig ist. Ich meine nicht den Chef. Sogar der ist manchmal wichtig. Ich meine auch nicht die Damen, meistens mit Migrationshintergrund, welche die Klos putzen. Die sind ganz außergewöhnlich wichtig. Deshalb bekommen die so wenig Geld für ihre Arbeit. Ohne die würde der Laden bald dicht machen müssen, weil alle mit Ekelblasen und verzerrtem Gesicht im Bett liegen würden.

Ich meine die richtig Wichtigen. Das sind die, welche niemand wirklich braucht. Die sind nur wichtig, weil sie denken, dass sie wichtig sind. Sie haben von nichts, reinweg von gar nichts, irgendeine Ahnung. Kein Mensch hilft ihnen freiwillig. Andauernd kommen sie heulend angerannt und benötigen Hilfe, Unterstützung bei Selbstverständlichkeiten. So manche Wand tut sich dann auf. Sie tun immer so, als wenn ohne sie die Welt, mindestens dieser Laden, untergeht. Auf andere schimpfen, dass sie keine Ahnung, mal etwas falschgemacht hätten, beherrschen sie perfekt. In der Gerüchteküche sind sie zu Hause. Ihre Spezialität ist Jammern, wie viel sie gerade zu tun hätten. Der Schreibtisch quillt über. Ordnungssinn empfinden sie als ein Zeichen von Schwäche. Die Anderen, die Unwichtigen, müssen warten oder sie bekommen eine wichtige Arbeit aufgebrummt. „Sonst werde ich mal mit dem Chef sprechen! So darf es doch nicht weitergehen!“ Dem ist das egal – wenn er klug ist. Hauptsache das Geschäft läuft. Er weiß, dass es genügend Leute gibt, die den Laden am Laufen halten, ohne die es wirklich nicht geht. Aber er kann ja nicht jeden durchschauen. Oder ist dies sogar ein schlaues Kalkül, eine moderne Managementstrategie?

Die Spezies der Wichtigen will und will einfach nicht aussterben. Sie sind meist kinderlos, zum Glück. Trotzdem vermehren sie sich wie die Drosophila. Im Gegensatz zu den Fruchtfliegen werden sie nicht als Lebendfutter für Fische, Reptilien oder Amphibien in Zoos verwendet. Wäre das eine Lösung? Im alten Rom hat man so etwas mit den Gladiatoren versucht, ist später aber wieder davon abgekommen. Ist ein ganz wichtiger Mensch weg, kommen garantiert zwei nach, die noch wichtiger sind. Die müssen sich natürlich erst in ihrer Wichtigkeit profilieren. Das macht es dann noch schlimmer. Im Idealfall streiten die sich untereinander, wer wichtiger ist.

Jeder kennt solche wichtigen Menschen. Man geht ihnen aus dem Weg. Das Kantinenessen schmeckt besonders schlecht, wenn die mit am Tisch sitzen. Meistens labern sie über Börsenkurse, große Autos, die Segeljacht, den Südafrikaurlaub oder Arbeitsstress, die Dummheit anderer und ihre vermeintlichen Heldentaten. Irgendein ganz dringender Termin lässt uns plötzlich aufspringen. Gerne verzichten wir auf diese Unterhaltung beim Essen, entsorgen die restliche Portion im Schweinekübel. Schnell Abstand gewinnen!

Irgendetwas wollte Herr Wichtig von mir? Was war das bloß? Ach, egal, der kann warten. Ich habe ja noch ein paar andere Dinge, die nicht so wichtig sind, zu erledigen. Seine Wünsche müssen erst gut abhängen. Das Salamiprinzip kommt hier zur Anwendung. Salami muss ordentlich reifen. Frühestens in drei Tagen beginne ich, zu überlegen, wann ich mal gnädig sein könnte. Ein schönes Gefühl ist es, wenn er in der Warteschleife zappelnd eine Runde nach der anderen dreht. Ein klingelndes Telefon muss man ja nicht beachten. Und E-Mails kommen manchmal gar nicht erst an.

Früher war das geozentrische Weltbild verbreitet. Als Galileo die von Kopernikus entwickelte heliozentrische Weltsicht verbreiten wollte, landete er beinahe auf dem Scheiterhaufen. Was passiert mit verschärften Egozentrikern?

Das Leben könnte so schön sein, wenn wir es uns nicht gegenseitig schwer machen würden.

Auch in der Politik sind solche Leute wohlbekannt. Zuerst erklären Sie den aktuellen Skandal für beendet. Das ist einfach, das bekommen sogar derartige Typen hin. Wehe, der Skandal hält sich nicht daran! Dann sind die echt sauer. Als Nächstes kriechen sie durch dunkle hinterrücks liegende Ein-, besser gesagt Ausgänge. Vorne grinsen sie furchtbar stolz, wissend und wichtig heraus. Da will sie erst recht niemand sehen. Schnell singen sie noch ein Loblied oder zwei. Die Chefs freut das. Dann wird die Karriere gecheckt und Peilung nach Höherem aufgenommen. Die eigene Ehre ist an den Darmwänden kleben geblieben. Von diesem hohen Ausblick erkennen sie noch wichtigere Positionen. Beliebt sind Transportunternehmen. Gastransport und der Bahnverkehr sind bekannte Beispiele. Auch Bau- und Stromkonzerne warten auf Wichtigtuer. Hauptsache, die kennen die anderen Wichtigen. Da sind sie unter sich. Der Schaden, bis auf das viele Geld, dass ihnen hinten reingepudert wird, hält sich in Grenzen oder auch nicht.

Doch irgendwann will sogar der glitschigste Konzern solch einen Wichtigtuer entsorgen. Da sagt der nichts mehr. An ihm kann das nicht liegen! Er hat alles im Griff, vor allem seine Vorteile. Und dann wird erst einmal abgetaucht. Eine Abfindung muss man in Ruhe genießen. Und Gras wächst bekanntlich schnell.