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Von einem Elefanten, einem Clown, einer Elefantenwärterin, dem Finanzamt, Lieblingsschuhen, einem Stein, keinem Hund, Kopfweh, viel Gips, der Liebe, der Ode an einen Krankenbruder, einem dringenden Bedürfnis, einem Interview, drei Bulldozern, tiefen Dellen, einer neuen Liebe und einer Fusion

 „So ein Zirkus!“, schimpft Yoselin. Es ist ihre eigene Schuld, nun dieser Krankenschwester, einem echten Krankenbruder, in die blauen Augen zu schauen.

Egon ist ausgebrochen. Das ist nicht besonders schlimm, denn Egon ist ein zahmer, ein lieber Elefant. Egon ist ein Elefantenbulle. Doch er kennt den gewissen Unterschied einfach nicht. Egon war Einzelkind, ist Einzelgänger, der einzige Dickhäuter im „Zirkus Egon“. Einen zweiten Elefanten kann sich die Zirkusfamilie nicht leisten. Der würde alles und vor allem die Hormone und Gedanken von Egon total durcheinanderbringen.

Früher hieß der Zirkus nach seiner Chefin „Zirkus Yoselin“. Aber seitdem Egon immer mal auf Tour geht, das Gras auf der Nachbarwiese probiert und es dadurch regelmäßig auf die Titelseiten der Lokalpresse schafft, nennt sich der Zirkus wie sein prominentester Angestellter. Nach jedem Titelbild kommen die Mitarbeiterinnen vom Ordnungsamt und fordern, dass Egon an die Kette, besser noch an zwei bis vier Fußfesseln gelegt wird. Aber Elefantenwärterin Yoselin schafft es, die Damen davon zu überzeugen, dass Egon völlig ungefährlich ist. Spätestens, wenn sie gemeinsam auf dem Tier sitzend durchs nächste Dorf reiten, heißt es nur noch:
„Sie passen doch auf, dass der Kleine nicht wieder ausbüxt?“

Egon ist die Attraktion der Zirkusarena. Egon muss nicht trainieren. Yoselin führt ihn von einer Nummer zur nächsten. Er versteht die Chefin ohne Worte. Nur diesen Ben, den Clown, kann er nicht verknusen. Den schnappt er am Schlafittchen und lässt ihn über dem Publikum, manchmal sind es sogar mehr als zehn Kinder, an seinen Hosenträgern baumeln. Yoselin muss ihren Kameraden regelmäßig dreimal ermahnen, Ben herunter zu lassen. Die Besucher denken, das gehöre zur Nummer. Aber die Beiden, Egon und Ben, gehen sich normalerweise aus dem Weg. Unter Bens Pflege würde der Dicke verhungern. Das stört Egon nicht, er findet jeden Ausgang, jede Wiese, auch Nachbars Garten.

Genauso war es gestern Abend. Yoselin fuhr in die nahe Stadt, einige Dinge auf dem Finanzamt zu erledigen. Am liebsten würde sie Egon mit auf das Amt nehmen und ihn im Büro von Fräulein Schmieder ein paar Kunststücke vorführen lassen. Diese Dame, ausgerechnet dieses rothaarige Monster mit Dutt, bearbeitet den Buchstaben „Z“ – Z, wie „Zirkus Egon“. Und immer wieder, so als wäre sie etwas vergesslich, fragt die Dame, weshalb ihr Zelttheater keine Hundesteuer abführt. Ein Zirkus ohne einen einzigen Hund, das will ihr nicht in Finanzbeamtinnenkopf.
„Was meinen Sie, was so ein Elefant frisst! Sieben Hühner, ein Hängebauchschwein und einen Clown haben wir obendrein! Bei den heutigen Besucherzahlen können wir uns weder Hundesteuer noch Leckerli für solch ein Vieh leisten.“ Yoselin regt sich mächtig auf. Wenn sie mit ihrer Aufregung erst einmal so richtig im Fluss ist, hört sie so schnell nicht auf. Sie klagt dieser dürren Finanzbeamtin, deren Kleid farblich dem Zirkuszelt in keiner Weise nachsteht, ihr Leid wegen der hohen Kosten für die Reparatur des Zirkustraktors. Natürlich erwähnt sie nicht, dass dessen TÜV seit mehreren Jahren überfällig ist. Eine neue Auspuffanlage, neue Lichter, eine Öldichtung für den Motor sowie Bremsbeläge für die Hinterräder kann sich der Zirkus nicht leisten. An die Kosten für die abgefahrenen Schlappen mag sie schon gar nicht denken. Wenn der Acker zu glitschig ist, wickelt sie die Ketten, mit denen normalerweise Elefanten angebunden werden, wie Schneeketten um die Räder. Sie redet und redet und hofft inständig, dass dieser Zicke das Thema „Eis am Stiel“ und „Luftballons“, nicht einfällt. Mit der Überweisung der Mehrwertsteuer ist sie lange im Verzug. Heute geht es noch einmal gut. Yoselin fällt ein Stein, es ist eher ein Felsen, vom Herzen, als sie die Tür vom Büro dieser Kanaille von außen schließt.

Yoselin ist aufgebracht. Solch ein Vorstellungsgespräch beim Finanzamt hinterlässt Spuren in ihrem Innern. Ihr Herz pocht im Dreivierteltakt und ihr fällt ein, dass sie eine Musik für Egons neue Nummer benötigt.
„Etwas mit Pauken und Trompeten!“, soll es sein. Ein Stück, das der schieren Größe von Egon angemessen ist. Eines, welches die Besucher vergessen lässt, dass es in diesem Zirkus keine Raubtiernummer gibt, dass nach Egon der Hühnerwalzer mit Freddy, ihrem verwitweten Schwippschwager, auf dem Programm steht.

Auf dem Weg zum Musikladen kommt Yoselin am Schuhgeschäft vorbei. Natürlich kommt sie nicht vorbei, sie geht hinein. In dieser Beziehung ist sie eine typische Frau. Aber das ist schon fast alles. Sie tritt zielgerichtet auf das Regal mit den Frauenschuhen in Größe 43 zu, ergreift das dritte Paar von links. Das nimmt sie immer. Drei ist ihre Lieblingszahl. Normalerweise ist sieben ihre Glückszahl, denn sieben Zirkushühner überbrücken gerade die jährliche Flaute zwischen der letzten Herbstvorstellung und Weihnachten. Doch Yoselin lässt auch andere Zahlen als Glücksbringer durchgehen. Vor etlichen Jahren hatte sie mal drei Zicklein, die sich als ausgesprochen ungeeignet für den Zirkus erwiesen. Deren Karriere in der Zirkusküchenpfanne bleibt ewig in ihrem Gedächtnis hängen. Allerdings war nicht ihr zartes Fleisch der Grund, sondern die Tatsache, dass Freddy das erste Pfannenzicklein total versalzen hatte. Ben fraß das Zweite in einem Anfall von Heißhunger kaltblütig weg. Das Dritte lief einfach davon, als es von Freddy massakriert werden sollte.

Jedenfalls hat Yoselin dieses Paar Schuhe anprobiert, für halbwegs tragbar gehalten und spontan gekauft. Die Spontanität wurde durch den Rabatt gefördert, denn üblicherweise trägt Yoselin keine Highheels. Sie mag Gummistiefel für den Stall oder Glitzergaloschen für die Vorstellung. Wenn allerdings pro Höhenzentimeter nur eins fünfzig an Kosten anfallen, ist der Fall „geritzt“, wie Freddy sagen würde. Yoselin beschließt, dass diese Schuhe ihre Lieblingsschuhe werden. Allerdings hat sie eine so komische Vorahnung. Liegt das daran, dass das Profil der alten Treter, die nun im Papierkorb vor dem Schuhgeschäft ihren Frieden finden werden, viel besser zum Profil des Treckers vom Zirkus passt?

„Ich behalte sie gleich an!“, sagt Yoselin zur Verkäuferin. Das stellt sich als ein großer Fehler heraus. Sie ist noch keine zehn Schritte außerhalb des Schuhgeschäfts gelaufen, da spürt sie ein Steinchen im linken Pumps. Staksend sucht sie Halt an irgendetwas. Hier ist nichts. Und prompt legt sie sich der Länge nach auf das Pflaster.
„Knacks!“, macht es in ihrem linken Fuß.
„Knacks!“, macht es fast zeitgleich im rechten Handgelenk. Sie wollte den Sturz geschickt abfedern.
„Boing!“, tönt es im Kopf, der ungefedert aufschlägt.

 

Weiter mit Teil 2 dieser Geschichte geht es am kommenden Sonntag.