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Von einem Elefanten, einem Clown, einer Elefantenwärterin, dem Finanzamt, Lieblingsschuhen, einem Stein, keinem Hund, Kopfweh, viel Gips, der Liebe, der Ode an einen Krankenbruder, einem dringenden Bedürfnis, einem Interview, drei Bulldozern, tiefen Dellen, einer neuen Liebe und einer Fusion

Teil 1 dieser Geschichte erschien am letzten Freitag, den 8. Juli.

Dann schaut Yoselin in diese unbekannten blauen Augen. Sie gehören zu Henry, dem Krankenpfleger der Unfallklinik. Mindestens drei Sekunden lang schauen sie sich an. Yoselin überlegt, ob das Liebe auf den ersten Blick ist, ob es die überhaupt gibt.

„Nein, mein Herz gehört Egon!“, steht für sie fest. Doch indem sie den Namen dieses grauen Gesellen denkt, versucht sie, aufzuspringen.

„Der braucht dringend Futter! Der hat Knast, wie eine siebenundsiebzigköpfige Raupe! Und die Nachmittagsvorst…“, denkt sie und spürt ungewohnte Gewichte an sich. Fragend schaut sie Henry an.
„Sie müssen ganz ruhig liegen. Machen sie sich keine Sorgen. Die Beule am Kopf ist genäht, die verheilt schnell. In zwei Wochen kann der Verband ab. Und der Gips …“

Als er das Wort „Gips“, sagt, wird Yoselin schummerig vor Augen. Henry holt ein feuchtes Tuch und betupft ihre Stirn, so gut er neben der Binde drankommt. Yoselin stellt sich ohnmächtig. So liebevoll hat sich seit dreizehn Jahren niemand um sie gekümmert. Ja, dreizehn Jahre lang. Das ist doch ihre Glückszahl! Egon ist eher wie eine Dampfwalze. Auf die Zuwendung von Freddy und Ben verzichtet sie gerne. Aber dieser Henry …

„Bestimmt gibt es Liebe nach der ersten Ohnmacht!“, beschließt Yoselin und öffnet ein Auge.
„Ein toller Mann!“, schießt ihr durch den Kopf, „Hoffentlich ändert sich das nicht, wenn die Gehirnerschütterung weg ist und ich wieder klar denken kann!“ Henry erklärt ihr, dass der Gips an Arm und Bein mindestens sechs Wochen dranbleibt. Fest steht, diese Stöckelschuhe taugen nicht als Lieblingsschuhe. Aus dem Augenwinkel sieht sie, was aus den verrückten Schuhen geworden ist. Der linke Pumps liegt ohne seinen steilen Absatz auf dem Nachttisch. Die eins fünfzig pro Höhenzentimeter waren eine Fehlinvestition.

Eine Woche lang muss Yoselin im Krankenhaus bleiben. Erst soll der Kopf, wenigstens innerlich, wieder heilen. Yoselin beschließt, dass die diesjährige Zirkussaison früher zu Ende geht. Sie ruft Freddy an, bespricht mit ihm das Nötige. Beinahe hätte sie vergessen, das Allerwichtigste zu erwähnen. Freddy darf nicht vergessen, Egon zu füttern. Er soll auf Ben aufpassen. Der rupft, brät und frisst sonst alle Hühner gleichzeitig.

Yoselin braucht Ruhe. Sie merkt, dass ihr Kopf von innen drückt. Sie nimmt sich vor, nur noch an Henry zu denken. Das tut ihr gut. Henry hat in dieser Woche Frühdienst. Sie freut sich, jeden Morgen von ihm das Frühstück gebracht zu bekommen. Die Gedanken an die Schwestern von der Spätschicht oder vom Nachtdienst schiebt sie beiseite. Sie weiß nicht, wie sie diese Zeiten überbrücken soll.

Da meldet sich etwas, was sich wie ein Druck anfühlt. Jetzt, genau in dem Moment, in dem sie so angenehm an Henry denkt. Es ist ein Drängen, von dem Yoselin weiß, dass es in den nächsten Minuten stärker wird, dass es in absehbarer Zeit irgendwohin gelassen werden muss. Ihr bleiben bis zur Katastrophe erfahrungsgemäß keine zwanzig Minuten. Die will sie auf jeden Fall abwenden! Sie versucht, sich zu erheben. Es geht nicht. Doch bei dieser Anstrengung merkt sie vorübergehend den Druck nicht. Wenigstens entdeckt sie den roten Klingelknopf neben dem Bett. Mutig drückt sie drauf. Auch das fühlt sich wie eine kleine Erleichterung an. Es dauert keine zehn Minuten und Henry tritt wieder ins Zimmer.

„Hilf mir bitte hoch! Ich muss mal.“ Yoselin wundert sich, dass sie mit Henry schon per Du ist. Er ist ihr eben mächtig sympathisch. Doch, was nun kommt, stellt eine harte Probe für dieses kleine Pflänzchen, ihre aufkeimende Liebe dar.

„Warte einen Moment …“
Die Utensilien mit denen Henry gleich darauf hantiert, die nun folgenden Ereignisse streicht Yoselin aus ihrem Gedächtnis. Nein, damit hatte sie nicht gerechnet, sie fühlt sich überrumpelt und erlöst. Daran möchte sie sich nie wieder erinnern. Selbst die Tatsache, dass sich Henry dabei so liebevoll und hilfsbereit um sie bemüht, ist gestrichen, gelöscht, ausradiert, weg für immer und ewig. Auch dieses wundervolle Gefühl, das sich in ihrem Innern wie die Explosion einer Supernova ausbreitet, das einen Moment totaler Entspannung bringt, das die Anspannung sämtlicher Muskeln in Bruchteilen des Bruchteils einer Sekunde wegbläst, diese wunderschöne Erlösung, dieser fast erotische Höhepunkt unmittelbar vor dem Ausbruch der Katastrophe, die Befreiung von allen Drücken und Überdrücken … selbst dieses fantastische Gefühl verschwindet im Papierkorb ihrer Gedanken wie alle Materie in einem schwarzen Loch am Rand des Universums.

Nur eines wird sie Henry bis an ihr Lebensende in Dankbarkeit nicht vergessen.
„Moment! Bleiben sie draußen!“, ruft er in einer Lautstärke, die Yoselin ihm niemals zugetraut hätte, die das Plätschern so übertönt, als wäre es nur das laue Sabbern einer fast verreckten Stubenfliege.

Paul Erwin Knattmann, Reporter in der Lokalredaktion des Tageblatts, bittet Yoselin um ein Interview. Nicht der Unfall der Zirkusdirektorin soll auf die Titelseite. Nein, Egon ist mal wieder unterwegs und durch nichts zu bewegen, in sein zu Hause zurückzukehren. Drei Bulldozer des örtlichen Winterdienstes hatten ihn eingekeilt. Inzwischen hat die Gemeindeverwaltung noch ein funktionierendes Gerät, eines mit tiefen Dellen. Man hofft auf einen milden Winter.

„Und wo ist Egon nun?“, erkundigt sich Yoselin sorgenvoll.
„Ach, der hat es sich in der Scheune vom Bauern Krawuttke gemütlich gemacht und vernascht einen Heuballen nach dem anderen.“ Yoselin ist erleichtert. Wenigstens muss der Kleine nicht hungern.
„Krawuttke lässt fragen, ob sie eine Haftpflichtversicherung für Elefanten haben. Sonst würde er den Zoo anrufen, damit die das Tier abholen.“

Yoselin fällt in ihre zweite Ohnmacht. Erst Henry gelingt es, sie wiederzubeleben. Sie scheint gealtert zu sein. Tränen stehen in ihren Augen. Dann fasst sie einen Entschluss und mit ihrer gesunden linken Hand nach dem Telefon.

Der Zirkus „Plumps“ hat neulich angefragt, ob sie fusionieren wollen. Yoselin entgegnete, so etwas machen nur Großkonzerne, die gerne pleitegehen möchten. Doch das war wohl eine Fehleinschätzung.

„Bernhard, der Chef von ‚Plumps‘, wird Egon und die ganze Bande retten, da bin ich mir sicher“, denkt Yoselin. Insgeheim beschließt sie, dass ein Krankenbruder doch keine so gute Partie für sie ist. Bernhard sieht, so im Großen und Ganzen und bei genauer Betrachtung, wirklich ansehnlich aus. Bauchmäßig passt er gut zu Egon. Die Zwei werden sich mögen, steht für Yoselin fest. Und seine Schafdressur ist einsame Spitze. Einen echten Zauberer hat „Plumps“ auch im Programm. Und …

„Geritzt!“, sagt Yoselin zu sich, so wie es Freddy immer formuliert. Jetzt kann sie in aller Ruhe gesund werden, nicht ohne die Pflege von Bruder Henry zu genießen.