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Frankfurt am Main

Frankfurt am Main

Ohne Werbung geht heute nichts mehr. Täglich ärgern wir uns über die Flut von bunten Werbeflyern, hübschen Briefen und lustlos gestalteten Werbezeitungen.

Ab und zu fischt man allerdings wahre Schätzchen aus dem Briefkasten. Kürzlich schrieb mir eine Immobilienfirma, eine mit echtem „von“ im Namen. Das klingt gut, das hört sich seriös an. Die haben bestimmt mächtig viel Ahnung von Immobilien.

Diese Firma bietet mir eine kostenlose Bewertung meiner Immobilie an. Das lese ich gerne. Sicher möchten sie das Haus alsbald kaufen. Es ist groß, ein Apartmenthaus in bester Frankfurter Lage. Schlappe fünf Minuten läuft man bis zum Main, kann dort wunderbar relaxen. Mehrere Supermärkte sind fußläufig zu erreichen. Fünf Straßenbahnlinien verbinden meinen Stadtteil mit alle Ecken der Stadt. Wenn das nicht reicht, nimmt man die U-Bahn. S-Bahnen verkehren hier ebenfalls. Zum Hauptbahnhof ist es nicht weit und die Autobahn ist nah. In zwanzig Minuten ist man am Flughafen, sitzt kurz darauf im Flieger in die weite Welt. Ach ja, Kindergarten, Grundschule und Gymnasium sind gleich um die Ecke. Kirchen verschiedener Art gibt es auch. Das allerwichtigste im 21. Jahrhundert ist die Tiefgarage. Alleine die ist etliche Mille wert, die abgestellten Wagen nicht eingerechnet. Ein supertolles Filetstück deutscher Architektur ist das also. Na gut, dieser quadratischer Betonklotz ist rein optisch betrachtet keine Zierde der Stadt. Der Fahrstuhl hat auch bessere Zeiten gesehen. Ich gehe die Stufen lieber zu Fuß, seit ich merkte, dass jemandem die Fahrt nicht bekommen war. Doch dieser Bau fällt im Frankfurter Umfeld kaum auf. Eine graue Maus sozusagen, eine echte Perle dieser Stadt.

Skyline FrankfurtWenn der Immobilienhai mir ein gutes Angebot macht, bin ich bald Multimillionär. Ich verspreche hoch und heilig, nie wieder auf den Werbemüll in meinem Briefkasten zu schimpfen, ihn pflicht- und ordnungsbewusst der Recyclingindustrie zuzuführen.

Drei Fragen bereiten mir im Moment noch Kopfzerbrechen. Passen so große Zahlen auf einen Kontoauszug? Sollte ich bei meiner Bank vorsichtshalber ein größeres Exemplar bestellen, vielleicht im Format DIN A3? Was sagt mein Chef, wenn ich nackig auf seinem Schreibtisch tanze? Nein, das kann ich wirklich nicht machen. Das Teil ist modern und lawede. Und meine lieben Kolleginnen schauen zu, machen womöglich Witzchen nicht nur über meinen Bauchansatz. Oder sie posten ein Handyfoto in die weite Welt. Außerdem möchte ich ihm diesen Wahnsinnsanblick nicht zumuten, selbst als Multimillionär. Ich bin ein guter Mensch, spüre dann bestimmt Mitleid, wenn ich an meinen armen Chef denke. Ich werde ihn zu einem kleinen Imbiss in die Kantine einladen und mir dabei mit dem Kontoauszug frische Luft ins Gesicht fächeln. Noch mehr Sorgen mache ich mir um meinen Vermieter. Wenn der plötzlich merkt, dass ihm das Haus nicht mehr gehört, ist er vielleicht ein wenig angesäuert. Sollte ich ihn vorsichtshalber bei irgendeiner Selbsthilfegruppe anmelden? Vielleicht hat der Immobilienhai mit dem „von“ im Namen für solche Fälle auch einen Masterplan?

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Skyline Frankfurt abendsHeute nachmittag, ich schleppe mich gerade von der Arbeit heim, stehen drei Mitbewohner vor der Briefkastenanlage und quatschen miteinander. Mindestens zwei von ihnen halten solch einen Werbebrief in der Hand. Der ist nicht zu übersehen: bunt, elegant und voluminös – war bestimmt nicht billig. Ich weiß nicht, worüber die diskutieren. Die haben irgend so ein sonderbares Strahlen im Gesicht. Träumen die vom Lebensabend auf Teneriffa? Ich muss mich jetzt sputen. Sonst machen die Drei den Deal mit der Immobilienfirma, bevor ich aus der Knete gekommen bin. Hoffentlich drücken sie den Preis nicht zu sehr nach unten. Ich weiß nicht, wie viel Spielraum ich da noch habe.

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten.