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Heute findet in Frankfurt-Fechenheim das 5. Fechenheimer Literaturfestival statt. Mit 2 Lesungen beteilige ich mich daran:

15:00 – 15:45 Uhr im Eiscafé Venezia und
17:15 – 18:00 Uhr im Café Jasmin

Ich trage jeweils einen Auszug eines Textes aus meinem Buch „Tanz der Puppen“ und ein Stück eines bisher unveröffentlichten Textes vor.

Bei der ersten Lesung um 15:00 Uhr im Eiscafé Venezia lese ich aus der Geschichte „Honeymoon“. Sie spielt im Jahr 2126. Die Protagonisten Josephina und Roger heiraten und wollen 2 Tage darauf zu ihrer interstellaren Hochzeitsreise aufbrechen. Während ich die Erlebnisse der Beiden während ihrer Reise beim Literasturfestival vorlese, präsentiere ich hier den ersten Teil der Geschichte: die Hochzeit.

Honeymoon (Teil 1)

Beinahe hätte Josephina vergessen, diese zwei zauberhaften Buchstaben, dieses kleine Wörtchen zu sagen. Roger stößt sie sanft an und Josephina haucht ihr „Ja!“. Während sich der Pfarrer in der Kirche warm redet, sind Josephinas Gedanken längst auf dem Flug ihres Lebens. Die eindringenden Sonnenstrahlen schimmern durch die bunten Kirchenfenster in hunderten Farben und lassen die Fantasie Galoppsprünge machen. Diese Reise wird genau das Abenteuer, welches sich Josephina, solange sie denken kann, gewünscht hat. Roger denkt pragmatischer.
„Bali, Teneriffa, Spanien sind für eine Hochzeitsreise auch nicht schlecht. Für das Geld, was wir ausgeben, hätte wir zehnmal dorthin fliegen können – erster Klasse.“

Ein schicker, weißer Benz aus dem Jahr 2019 bringt das Paar nach Hause. Josephina hat darauf bestanden. Sie mag den Kontrast dieser urzeitlichen Hochzeitskutsche zu dem bevorstehenden Abenteuer des Jahres 2126.

Was musste Roger alles unternehmen, um alleine das Benzin für die drei Kilometer lange Autofahrt zu bekommen. Die Anträge und Ablehnungen, Einsprüche und schließlich die Genehmigung füllen riesige Fächer in der LunaCloud. Nun endlich sitzen sie in diesem furchtbar stinkenden, laut knatternden Gefährt. Ihre Aktivitäts- und Gesundheitsscanner piepsen ununterbrochen. Die Luftverunreinigung, die Lautstärke, die Anspannung, … All das lässt die Vitalparameter in ungeahnte Höhen schnellen. Ein normales Transportmittel hätte sie längst in die nächste Notfallambulanz eingeliefert. Josephina und Roger genießen den Tag, trotz der Aufregungen. Sie sind glücklich.

„Wurden die Straßen extra für uns gesperrt?“, fragt Josephina in einer Mischung aus Begeisterung und Entsetzen.
„Ja, man hat die Menschen für drei Tage evakuiert. Nur der Fahrer und wir beide dürfen uns in diesem Gebiet aufhalten.“ Roger verrät nicht, dass trotz des herrlichen Sommerwetters in einer Stunde eine außerplanmäßige Regenwolke hierher geleitet wird. Der kräftige Regen, fast ein Wolkenbruch, wird als erster Spülgang Luft und Straße reinigen. Das Wasser wird aufbereitet und in einem tiefen Stollen entsorgt.
„Können wir uns das überhaupt leisten? Und die Hochzeitsreise …“
„Na ja, deine Eltern haben für ihr Haus eine Hypothek aufgenommen. Zum Glück ahnt die Bank nicht einmal, wozu dieses Geld verwendet wird. Sonst würden wir unsere Flitterwochen in der Karibik verleben.“
„Och, wie dröge. Das machen doch alle. Denk mal an Deine Schwester. Die war mit ihrem Schatz letztes Jahr auch dort.“
„Sie sind glücklich zurückgekehrt.“
„Na und! Das ist ja das Mindeste, was man von einem Pauschalurlaub erwarten kann. Aber Roger, sag mal, das ist ja furchtbar teuer, wenn die Eltern eine Hypothek aufnehmen mussten!“
„Das reicht nicht einmal. Meine Familie hat fast ihr gesamtes Gespartes draufgelegt. Und meine Schwester hat auch etwas zugeschossen.“
„Das müssen wir zurückzahlen!“
„Woher sollen wir das viele Geld nehmen?“
„Wir verdienen beide gut!“

Roger schweigt. Er möchte diesen Glücksmoment ihrer Hochzeit nicht mit profanen und unangenehmen Dingen stören. Doch schließlich erwidert er zaghaft, „So einfach ist das nicht.“ Auf den fragenden Blick seiner Frau entgegnet er, „Die Krankenkasse vervierfacht unsere Beiträge. Wir hätten ein erhöhtes Krankheitsrisikos. Sie wird die Kosten einer Reihe Erkrankungen nicht übernehmen: Atemwege, Herz, Haut und etliches andere.“ Die genaue Liste schlummert in Rogers Cloud. Er schaffte es nicht, sie bis zum Ende vorlesen zu lassen. „Schau mal! Wie schön die Sonne strahlt. Das macht sie extra für dich.“
„Für uns!“, wispert Josephina.

Die zwanzig Minuten lange Fahrt kommt dem Paar wie eine Ewigkeit vor. So langsam sind sie bisher nie vorangekommen. Es ist ein unvergessliches Erlebnis. Golden wiegt das Getreide im Wind, die Stadt kommt näher. Der silberne Kommunikationballon hoch oben im Himmel über dem alten Schloss dreht gemächlich seine Runden und grüßt von weitem. Noch nie hat Josephina bei einer Fahrt in dieser Ruhe und Intensität die Landschaft anschauen können. Erst heute bemerkt sie die Ruinen der großen Windräder aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Sie hatte den Erzählungen ihrer Großeltern nie richtig Glauben geschenkt. Zu irrsinnig kamen ihr tausende Windkraftanlagen mitten in der Landschaft und die unendlich langen, über die Felder schwingenden Stromtrassen vor. Es ist ein unglaubliches Glück, meint sie, im 22. Jahrhundert geboren worden zu sein.

Roger interessiert sich für die vorsintflutliche Technik in diesem Gefährt. Vor allem, wundert er sich, dass der Chauffeur dauernd irgendwelche Knöpfe und Pedale drückt und an solch einem komischen Rad dreht. Kein einziges Wort sagt er zum Fahrzeug und trotzdem fährt es. Allerdings,
„Fahren kann man das ja kaum nennen!“, steht für Roger fest. Und wieso müssen sie den Sitz mit so einem furchtbar aussehenden, schwarzen Riemen an sich befestigen? Roger hat mal einen Film über Fallschirmspringer des letzten Jahrhunderts gesehen und vermutet, dass unter der Sitzfläche ein Fallschirm versteckt ist – sicherheitshalber. In Gedanken bedauert er die Menschen der Urzeit, aus der diese Kiste stammt.

Josephina bemerkt die riesigen, staubsaugerähnlichen Aggregate, die vor und hinter ihrem geschmückten Hochzeitsauto schweben.
„Die Luft, die durch unser Auto verseucht wird, muss sofort aufgesaugt und gereinigt werden“, erklärt Roger, „Den Rest erledigen dann die Wolke und leistungsstarke Reinigungsroboter.“
„An was du so alles gedacht hast, Liebling!“
„Sonst hätten sie das niemals genehmigt! Genieße den Tag! Jetzt feiern wir unsere Hochzeit und übermorgen geht es los!“

Den letzten Teil des Weges müssen sie allerdings zu Fuß gehen. Für die Stadt war grundsätzlich keine Ausnahmegenehmigung zu bekommen. Sie benötigen für die Strecke noch über eine halbe Stunde. Josephina lässt es sich nicht nehmen, trotz ihrer Stöckelschuhe, den Weg zu laufen. Sie möchte diesen Tag genießen, selbst mit dicken Blasen an der Ferse. Der Balancesensor des linken Schuhs hat die Autofahrt nicht unbeschadet überstanden. Sowohl der Gyrosensor als auch die Kommunikationseinheit mit der Koordinatenermittlung sind ausgefallen. So stolpert sie den knappen Kilometer der Wegstrecke vor sich hin und Roger bemüht sich, sie zu stützen. Die Gäste ihrer Feier warten geduldig und winken ihnen von weitem zu. Diese Strapazen hat außer dem Hochzeitspaar niemand auf sich genommen.