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Am 24. September fand in Frankfurt-Fechenheim das 5. Fechenheimer Literaturfestival statt. Ich war mit 2 Lesungen beteiligt.

Neben dem Auszug eines Textes aus meinem Buch „Tanz der Puppen“ las ich ein Stück eines bisher unveröffentlichten Textes.

Bei der ersten Lesung präsentierte ich die Geschichte „Honeymoon“. Sie spielt in 110 Jahren. Die Protagonisten Josephina und Roger heiraten und wollen 2 Tage darauf zu ihrer interstellaren Hochzeitsreise aufbrechen. Während ich die Erlebnisse der Beiden auf ihrer Reise beim Festival vorlas, präsentierte ich am selben Tag hier im Blog den ersten Teil der Geschichte: die Hochzeit.

Der dritte Teil der Geschichte, der jetzt folgt, erzählt die Erlebnisse des Paares auf dem Heimflug und die Rückkehr zur Erde.

Die Geschichte spielt im Jahr 2126. Das ist das Jahr, in dem der Komet „109P/Swift-Tuttle“ nach 133 Jahren endlich mal wieder dem Zentrum unseres Sonnensystems mahe kommt. Wir sollten diesen Termin vormerken. Der Komet kommt im Jahr 2126 tatsächlich hier ganz in der Nähe vorbei. Dann erst wieder 2259.

Honeymoon (Teil 3)

Der Komet 109P/Swift-Tuttle

Fünf Tage fast unbeweglich im engen Raumanzug verharren, nichts als einen Monitor zu sehen, zwischendurch mit seltsamen Speisen und Getränken aus einem Schlauch versorgt zu werden, ist eine Strapaze. Jedes Zeitgefühl verfliegt, weicht einer hilflosen Ohnmacht. Wie aus heiterem Himmel kommt eine Ansage. Das Raumschiff bereitet sich auf das Rendezvous mit dem Kometen 109P/Swift-Tuttle vor. In ein paar Stunden wird es soweit sein. Josephina glaubt, einen Funken Stolz aus der Computerstimme heraus zu hören.

Die Monitore zeigen das Bild vom All. Es ist schwarz, nur wenige Pixel flackern hell. Das sind Sterne, viele tausend Lichtjahre entfernt.

„Da ist wieder das Nichts. Ich hasse das Nichts!“
„Josephina, das Weltall ist riesengroß. Die paar Sonnen, Planeten und anderen Himmelskörper sind darin weniger als diese Stecknadel im Heuhaufen. Überleg mal, wir sind hier etwa dreimal soweit von unserer Sonne entfernt, wie die Erde. Dazwischen war nichts, nur Weltraum.“
„Und jetzt saust ausgerechnet hier ein Komet entlang. So ein Zufall!“
„Ja, das ist ein Zufall. Nein, Quatsch, das ist kein Zufall. Der Komet kommt hier alle 133 Jahre vorbei.“
„So oft? Kann der uns treffen? Können wir zerschmettert werden? Oder zieht der uns sogar an, sodass wir immer und ewig mit ihm durch dieses Nichts fliegen und lebenslänglich unsere aufbereitete Pisse trinken müssen?“
„Nein, das kann nicht passieren. Du brauchst keine Angst zu haben. Der Komet saust knapp an uns vorbei.“
„Knapp?“
„Ich habe gelesen, dass wir ihm auf weniger als hundert Kilometer nahe kommen.“
„Das ist wirklich knapp. Da merken wir ja regelrecht den Fahrtwind von dieser Knolle! Hoffentlich bläst er uns nicht zurück zu unserem Staubkorn im All.“ Roger spürt die Ironie in Josephinas Worten. Er antwortet nicht.
„Wenn du schweigst, ist das Weltall total leer. Das Nichts ist noch mehr nichts. Schau, das Nichts ist schwarz“, fasst Josephina zusammen.
„Kann etwas, was schwarz ist, ein Nichts sein?“, fragt Roger fast philosophisch.
„Es ist eben das absolute Nichts. Das kann das!“

Die Computerstimme zählt einen Countdown. Mächtige Scheinwerfer des Raumschiffs erfassen ein graues Etwas. Langsam wird es größer. Sie erkennen auf den Bildschirmen erste Strukturen. Nach wenigen Minuten füllt das Bild des Kometen den gesamten Monitor aus. Sie kommen bis auf 79,4 km an den Himmelskörper heran. Dann entfernt er sich in Richtung der Sonne. Er ist viel schneller als das Raumschiff. Josephina hat kaum verstanden, was die Computerstimme erklärt hat. Sie hat nicht richtig zugehört, es hat sie nicht interessiert. Doch sie hat es sich nicht anmerken lassen. Roger schaute die ganze Zeit gebannt auf den Monitor. Er schien glücklich zu sein. Sogar eine Träne stand in einem Auge. Das Einzige, was Josephina behalten hat, sind der Durchmesser des Kometen von etwa 30 km und seine Geschwindigkeit. In Sonnennähe erreicht er mehr als 150.000 km/h. Das erscheint ihr wirklich wahnsinnig schnell. Aber immerhin muss er in den 133 Jahren, die er bis zur nächsten Wiederkehr benötigt, auch über 150 mal weiter von der Sonne weg sein, als die Erde. Josephina ist tatsächlich beeindruckt.

Die Computerstimme verabschiedet die Passagiere in den Tiefschlaf. Der Rückflug beginnt. Josephina hat das Gefühl, dass sie kaum eine Sekunde geschlafen hat, als sie diese Frauenstimme wieder begrüßt.

„Roger, schau mal, der Mond! Er sieht aber komisch aus.“
„Nein, Schatz, das ist die Erde. Wir sind gerade auf dem Mond gelandet.“

Wieder daheim

Wenige Tage später werden Josephina und Roger von ihren Verwandten und Freunden zu Hause begrüßt. Alle sind furchtbar neugierig zu erfahren, was die Beiden erlebt haben. Die Bilder von der Reise, welche die Crew des Raumschiffs auf die Erde übertrug, waren unheimlich beeindruckend.

„Fantastisch, wie Deine Hochzeitsfrisur auf dem Asteroiden im Wind geweht hat!“, bemerkt Josephinas Schwester. Sogar diesen hässlichen Raumanzug hat man automatisch wegretuschiert. Allerdings schmückt Rogers Gesicht nun ein Schnauzer. Sicher wurden die Fotos für die Retusche vertauscht.
„Es hätte schlimmer kommen können. Stellt euch vor, ich würde auf den Bildern einen Pferdeschwanz haben!“
„Oder die Glatze von dem furchtbaren Dicken!“, ergänzt Josephina.

„Du siehst blass aus, Kind!“, flüstert Josephinas Mutter.
„Ich würde so gerne mal an der Ostsee Urlaub machen, so wie früher, als ich noch ein kleines Mädchen war. Einfach im Sand spielen, eine Burg bauen und zwischendurch immer wieder ins Wasser rennen, mich von den Wellen umhauen lassen. Aber nicht einmal das können wir uns in den nächsten fünfzig Jahren leisten.“ Josephina schmiegt sich weinend an Roger.

Endlich schließen sie die Tür zu ihrer kleinen Wohnung am Stadtrand auf. Noch während die Fenster wieder durchsichtig werden und die Sonnenstrahlen ins Zimmer lassen, fällt Josephina schluchzend in den Sessel.
„Jetzt sind wir fast vierzehn Monate miteinander verheiratet. Es war die längste Hochzeitsreise, die es gibt! Eine Reise ins absolute Nichts! Über ein Jahr, unser erstes Ehejahr, ohne Sex! Da hätten sie einen Schlauch mehr anklemmen und uns regelmäßig wecken müssen!“, fasst Josephina die Erlebnisse zusammen. Dann blickt sie Roger fordernd in die Augen.

„Küss mich endlich mal!“