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Von Urmenschen, einem großen Wunder, einem lauten Schrei, Rechenstäben, Logarithmen, Lochkarten und peinlichen Statussymbolen, Marsmännchen und einem Roten Teppich

Teil 1: Schiebereien

Am Anfang war das Nichts. Dann kamen der Urknall, Sonne, Erde und Mond, Ein- und Mehrzeller, Fische, Pflanzen, Amphibien, Saurier, Säugetiere, Affen, Spinnen, Mücken und nach ganz langer Zeit der Urmensch. Dieser wanderte aus Afrika in die weite Welt, verlor irgendwo sein Ur und wurde zum modernen Menschen. Zwischendurch hat er Mammuts erschlagen, Faustkeile, runde Räder und selbst gemachtes Feuer erfunden. Er baute Dörfer, Burgen, Schlösser und Städte.

Eines schafft dieser Mensch wohl nie, sich mit seinesgleichen und anderen Wesen zu vertragen, sich gegenseitig zu achten, zu akzeptieren, zu teilen, zu helfen statt zu massakrieren.

Nochmals verging mächtig viel Zeit, bis endlich das Großartige geschah.

Mit lautem Schrei begrüßt ein kleiner Junge die Welt. Das kommt immer mal wieder vor, in diesem Fall ist ein besonders süßes Kerlchen gemeint. Dann ging es schnell. Die erste volle Windel, der erste Zahn, das erste Wort, der Kindergarten und schließlich die Schule, die erste Vier wegen seiner furchtbaren Schrift, … Das sind einige der wichtigen Stationen seines frühen Lebensweges. Er lernte, seine Finger zu zählen. Wenn die nicht reichten, nahm er Holzstäbchen zu Hilfe, später auf Papier gemalte Zahlen. Im Garten baute er sogar Kartoffeln, Stiefmütterchen und Petersilie an. Damit waren die Grundlagen zum langfristigen Überleben gelegt.

Rechenschieber

Rechenschieber

Im Mathematikunterricht war es eine große Erleichterung, als er lernte, mit einem Rechenstab umzugehen. Heute weiß kaum noch jemand, was ein Rechenschieber ist, geschweige denn, wie er funktioniert. Dieses Teil ist einer der Vorgänger unserer heutigen Computer, Taschenrechner, von Tabellenkalkulationen, CAD-Programmen und vielem anderen mehr. Nur, dass früher alles in einem einzigen, recht handlichen Teil vereint war und keinen Strom fraß. Noch dazu war dies ein Gerät ohne Tasten. Wobei dies heutzutage auch nichts Ungewöhnliches ist. Da sieht man mal, dass tastenlose Computer keine Erfindung unseres Jahrtausends sind. Solch ein Rechenstab war im einfachsten Fall aus Holz. Spätere Exemplare wurden aus Plastik oder Aluminium gefertigt. Sie haben nur um die zehn Mark, Premiummodelle bis zu fünfzig Märker gekostet. Die Steuerungseinheit, heute würde man Prozessor oder CPU dazu sagen, saß unmittelbar davor. Selbst solche Aufgaben, wie die Berechnung der Masse einer Stahlkugel mit 11,3 km Durchmesser (knapp 6 Mrd. Tonnen) war mit diesem genialen Apparat kein Problem. Natürlich nur, wenn die CPU nicht vom vorabendlichen Discobesuch vollgedröhnt war.

Nun sage niemand, nur weil hier an solche Schieber erinnert wird, dass der kleine Junge alt wie Ötzi sein müsse! Noch steht er, deutlich gewachsen, mitten im Berufsleben, leistet seinen bescheidenen Beitrag zum Bruttosozialprodukt unseres Landes. Einen Rechenschieber benutzt auch er längst nicht mehr. Aber zwei Exemplare davon hebt er auf. Vielleicht werden sie irgendwann einmal wertvoll oder es passiert ein längerer Stromausfall. Dann kann er immer noch ausrechnen, wie groß der Logarithmus einer beliebigen Zahl, der Kreisumfang seines Bauches oder wie schwer die erwähnte Murmel ist. Er ist immer für die wichtigen Dinge des Lebens gerüstet.

Taschenrechner - SIE.ESEL

Taschenrechner – SIE.ESEL

Nach dem Rechenschieber kam der Taschenrechner. Das war ein großer Fortschritt. Als der kleine Junge das erste Mal darauf herumklimpern durfte, war er stolz wie Oskar. Später beim Studium hatte ein Kommilitone sogar einen programmierbaren Taschenrechner. Der war bei Klausuren unglaublich praktisch. Die Diplomarbeit des kleinen, großen Jungen bestand in der Berechnung eines elektromagnetischen Feldes mit verteilten Parametern, nicht mit verteilten Kartoffeln oder Zuckerrüben. Eine Hochspannungsdurchführung an einem riesigen Trafo war durchgeknallt. Der angehende Ingenieur sollte herausfinden, ob die supernovaähnliche Selbstzerstörung des Teils bauartbedingt war. Sie war es. Dank vieler Lochkarten, mit denen er einen Großrechner fütterte, war die Vermutung belegbar. Dann kamen die ersten PC anmarschiert. Die CPUs hatten dazumal eine Nummer. „286“ stand drauf und sie waren sensationell. Der erste PC, den er zu Hause hatte, besaß eine Festplatte mit sagenhaften 20 MB Speicherplatz. Das war 1990 und er dachte, dass er die niemals voll bekommt. Dies war einer der größten Irrtümer in seinem Leben. Heute könnte er nicht einmal ein Einziges, selbstfotografiertes Bild darauf unterbringen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Dann gab es Laptops, Schlepptopps, Notebooks, Netbooks, Ultrabooks, Tablets, Smartphones, eBookReader, Digitalkameras, Handys, Smartphones, … Der technische Fortschritt nahm seinen rasanten Lauf. Was älter als 3 Tage ist, gilt als veraltet. Die Berge mit Elektroschrott wachsen ins Unermessliche. Was heute Statussymbol ist, das wird morgen zur Peinlichkeit. Das Internet wurde erfunden, die Welt kreuz und quer verkabelt. Viren und Würmer umrunden die Welt schneller als die Satelliten, E-Mails auch. Und was man mit diesen vielen technischen Wunderteilen so alles machen kann! Die oben genannte Volumen- und Masseberechnung ist allerdings schon eine echte Herausforderung. Bilder und Videos anschauen, zwitschern, Bücher und Zeitungen lesen, unbekannten Freunden mitteilen, dass man gerade auf dem Klo hockt, eine Wäscheklammer für das Näschen herbeisehnt und an einem Apfel knabbert, das alles geht wirklich famos! Das Geschirr muss man nicht mehr selbst abwaschen und Roboter verteilen den Staub ganz gleichmäßig auf dem Teppich. Die Marsmännchen rollen schon den roten Teppich aus, Besuch kündigt sich an.

Marsmänner

Marsmänner

Ist das nun das Ende des technischen Fortschritts? Ist das Ende wenigstens schon schwach, da ganz hinten am Horizont erkennbar? Kommt Moore mit seinem Gesetz irgendwann an unüberwindliche Grenzen? Immerhin gibt es selbstzerstörende Handyakkus. Die Technik scheint sich zur Wehr zu setzen.

All diese und weitere Fragen werden im nächsten Teil der Geschichte beantwortet.

Marsmann-Galerei: