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Onkel Alfred ist ein Sonderling. Alles weiß er besser, zu allem gibt er seinen Kommentar, oft ungefragt, dafür umso deutlicher. „Deutlich“ bedeutet meistens, er landet irgendwo ganz weit unten, tief unterhalb der Gürtellinie. Onkel Alfred ist reich, er schwimmt regelrecht in Geld. Niemand wagt es, ihn um Mäßigung zu bitten. Niemand? Sein Neffe Frieder nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt ihm in seiner kindlichen Naivität so manches Mal die Meinung. Komischerweise nimmt Onkel Alfred ihm, nur ihm, dies nicht übel. Ein paar Gene von Onkel Alfred scheinen in dem Jungen zu strecken. Zum Glück stammen die allermeisten Erbanlagen aus der mütterlichen Linie.

Es ist mal wieder soweit. Charlotte hatte kürzlich Geburtstag, einen runden. Das ist natürlich Anlass genug, eine große Familienrunde einzuberufen. Man einigt sich immer vorher, wer links und rechts neben Onkel Alfred an der Kaffeetafel sitzen muss. Charlotte wäre dran gewesen. Als Gastgeberin und Geburtstagskind besteht sie darauf, eine Schonfrist, wenigstens bis Weihnachten, zu bekommen. Die Frage ist, wer übernimmt anstelle von Charlotte diese ungeliebte Aufgabe, an der Seite von Onkel Alfred zu sitzen und dessen neunmalkluges Gequatsche über sich ergehen zu lassen.

Schließlich meldet sich Frieder. Alle sind zufrieden. Obwohl, Onkel Alfred und Frieder, das könnte … Geht das gut? Kann man das verantworten? Der Junge ist doch erst zwölf!

Wie froh ist die Familie, dass sie Kaffee und Kuchen ohne Zwischenfälle überstanden hatten. Na gut, die Tasse mit dem Goldrand, angeblich ausgehendes 16. Jahrhundert, ist zu Bruch gegangen. Nun besteht das Service noch aus acht Tassen, elf Untertassen, zehn Kuchentellern, einer an der Tülle geklebten Kaffeekanne, keinem Milchkännchen und einer Zuckerdose ohne Deckel. Das ist besser, als die Witzchen von Onkel Alfred.

Plötzlich ist Onkel Alfred weg. Das fällt zunächst niemandem auf. Wer vermisst schon Onkel Alfred? Früher, als seine Frau noch lebte, hätte es ein mächtiges Geschrei gegeben. Aber heute … Erst als Charlotte auffällt, dass auch Frieder fehlt, geht das Wundern, Fragen, Suchen, Vermuten und Spekulieren los.
„Hat Onkel Alfred unseren Frieder entführt?“ So schlimm wird es nicht gekommen sein, sind sie sich schließlich einig.

Onkel Alfred ist heilfroh, als ihn Frieder an der langweiligen Kaffeetafel fragt:
„Wollen wir ein wenig rausgehen?“ Obwohl seit Tagen dieses miesepetrige, depressiv machende Herbstwetter herrscht, machen sie sich auf den Weg. Niemand nimmt von ihrem Aufbruch Notiz, alle sind mit sich und ihrem familiären Geschwätz, das sie bereits hundertmal durchgehechelt haben, beschäftigt.

Frieder führt Onkel Alfred hinab zur großen Kirche. Dieser spätmittelalterliche Barockbau mit verstecktem Rokoko-Antlitz kommt in rotmelierten Herbstfarben daher, fragt nie nach Jahreszeiten, steht stoisch da, wie ein kilometergroßer Eisberg in der Antarktis. Sie umrunden die Kirche, bleiben, so als hätten sie sich abgesprochen, hinter dem Gotteshaus stehen. Der gewaltige Ahornbaum mit den mächtigen Ästen beeindruckt beide. Bewundernd schauen sie an ihm hoch.

„Mann, oh Mann“, staunt Frieder, „Der ist aber dick!“ Langsam gehen sie drumherum, am liebevoll gepflegten Grün des Denkmals des Unbekannten vom 10. November 1483 vorbei. Die Krone des Ahornbaums schützt sie vor dem Nieselregen, der unmerklich angefangen hat. Sie bleiben stehen.

„Schau mal die Tür“, sagt Frieder.
„Was ist damit?“
„Dort wohnt ein Gespenst.“
„Ach, da wohnt kein Gespenst!“, entgegnet Onkel Alfred besserwisserisch. Doch Frieder beharrt darauf. Hier ist es dunkel, unheimlich – hier muss einfach eine Spukgestalt wohnen. Drinnen in der Kirche ist es ebenfalls dunkel, kalt und gruselig, meint Frieder. Da fühlt sich ein Gespenst pudelwohl.
„Die lieben das so. Die kommen ja auch meistens erst tief in der dunklen Nacht zum Vorschein.“
„Nein, hier gibt es keine Gespenster!“, ereifert sich Onkel Alfred. Er ist etwas ungehalten. Der Bengel hat doch keine Ahnung. Gespenster in einer Kirche kann es nicht geben. Wütend macht er sich auf den Heimweg. Das gab es noch nie, seit seine Hiltrud tot ist, dass ihm jemand widerspricht. Mit Kirchen kennt er sich aus, hat schließlich vor vielen Jahren mal im Kirchenchor mitgesungen.

„Komm!“, sagt er und beschleunigt den Schritt. Frieder schaut gedankenversunken auf die Tür mit dem eisernen Riegel. Es scheint, als rede er mit dem Gespenst.

„Sei nicht traurig, der spinnt immer mal.“

Im selben Augenblick bekommt Frieder einen Schreck. Onkel Alfred ist auf dem nassen Laub ausgerutscht, liegt nun der Länge nach auf dem Boden und hält sich das Knie. Seine Gesichtszüge entgleisen ins Schmerzverzerrte. Mit Mühe versucht er, weder zu fluchen noch vor Schmerzen zu heulen. Schließlich ist der Junge bei ihm. Ein Mann heult nicht, meint Onkel Alfred.

„Ruf den Rettungsdienst an. Du hast doch dein Handy in der Hosentasche. Ich glaube, das Bein ist gebrochen.“ So ist es tatsächlich. Sie fahren Onkel Alfred ins Krankenhaus. Dort verpassen sie ihm einen dicken Verband aus Gips. Die geschundenen Knochen brauchen Ruhe. Den Jungen wollten sie nicht mitnehmen.
„Das ist ein Krankenwagen, kein Taxi. Geh nach Hause, du hast es nicht weit. Sag Bescheid, dass dein Onkel ein paar Tage im Krankenhaus bleiben wird.“ Also trabt Frieder heim, wo man bereits dabei ist, das Abendbrotbuffet vorzubereiten.

„Da bis du ja!“, freuen sich die Tanten und Onkel, die Omas und Opas und natürlich Mama und Papa.

Irgendjemand kommt auf die abwegige Idee, zu fragen, wo Onkel Alfred sei.
„Onkel Alfred hatte einen Zusammenstoß mit dem Gespenst. Und nun liegt er im Krankenhaus – sein Bein ist zerbrochen.“ Ausnahmsweise versprüht die Großfamilie so etwas wie Mitleid mit Onkel Alfred.

„Das Bein, oh Gott, das Bein!“, sagen sie und „Vielleicht biegen sie bei dieser Gelegenheit sein O-Bein gleich gerade.“
„Onkel Alfred hat X-Beine, das sieht doch jeder!“ Es entspinnt sich ein Streit. Schließlich beschließen sie, auf das Bein anzustoßen. Sie wissen nicht einmal, ob es das linke oder rechte Bein getroffen hat. Morgen muss ihn irgendjemand im Krankenhaus besuchen. Und ordentliche Krücken braucht er auch.

Am nächsten Morgen, noch bevor alle wach werden, steht Frieder auf, zieht sich warm an, schleicht sich aus dem Haus und rennt zur Kirche, dorthin, wo das Gespenst wohnt.
„Danke! Das hast du gut gemacht“, lobt Frieder das Gespenst, „Wer nicht an Gespenster glaubt, braucht eine Abreibung. Doch hätte ein dicker blauer Fleck nicht ausgereicht?“ In diesem Moment rauscht eine starke Windbö durch den großen Ahornbaum. Frieder meint, das Gespenst rede mit ihm. Nein, Frieder weiß, dass es ihm antwortet.
„Tschüss, liebes Gespenst, bis bald!“ Zufrieden geht Frieder nach Hause.